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EISKALTE HOFFNUNG - Karnevalsmaske

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
22.01.2021
10.03.2021
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22.02.2021 1.941
 
Was war mit seinem Sohn los? Warum dachte er, so etwas tun zu müssen? Oder dachte er sich gar nichts dabei? Hatte er das früher schon einmal getan? Und wenn ja, wusste Sabrina davon? Warum hatte sie es ihm nie erzählt? Was hatte er falsch gemacht? Und was hatte Sabrina getan? Lukas hatte tausend Fragen im Kopf, als er aufgebracht, entsetzt, verwirrt, wütend, traurig und enttäuscht zugleich aus Jonas‘ Zimmer rannte. Der Junge wollte seine Ruhe? Gut, die konnte er haben, dann würde Lukas eben wieder gehen.
Während er den leeren Gang des Krankenhauses entlang lief, erkannte Lukas plötzlich, wie mutterseelenallein er war. Es war nicht der Lauf der Zeit, der ihm seine Lieben nahm, es waren die Widrigkeiten des Lebens selbst.
Sein Sohn hatte Lukas befohlen, wegzugehen.
Seine Frau lag im Sterben und wurde gerade ein weiteres Mal notoperiert.
Seine kleine Tochter war tot.
Lukas‘ Welt war von einem auf den anderen Tag zusammengebrochen. Von heute auf morgen war nichts mehr wie zuvor. Natürlich kam Lukas nicht umhin, nach dem Warum zu fragen.
Selbstverständlich musste es einen Grund geben. Wenn nicht gar einen Verantwortlichen, einen Schuldigen. Was, wenn er es war? Was, wenn Jonas Recht hatte? Was, wenn es stimmte? Die letzten Worte, mit denen sein Sohn ihn eben vor die Tür gesetzt hatte, schwirrten Lukas im Kopf herum.
»Warum, denkst du, hat Mama das getan?«
Was hatte Sabrina getan und warum? Warum war sie ihm nachgefahren? Das hatte Lukas sich auch nicht erklären können. Sabrina hatte ihm nicht Bescheid gegeben, allerdings war das nicht unüblich für seine Frau. Sie traf Entscheidungen gerne selbst und fragte nur im äußersten Notfall nach seiner Meinung. Vor allem, wenn es um ihre Wochenendunternehmungen ging. Eigentlich hatte er gedacht, dass ihr spontan die Idee gekommen war, zum Ferienanfang mit den Kindern ihre Eltern, die in der Nähe von Würzburg wohnten, zu besuchen. Was hatte Jonas gemeint? Hatte sie ihm nachspioniert? War ihr etwas aufgefallen? Schöpfte seine Frau inzwischen Verdacht? Adriane und er waren stets diskret gewesen, Sabrina konnte nichts von ihrer Affäre mitbekommen haben. Aber was war, wenn sie durch Zufall die Buchung für die Übernachtungen entdeckt hatte? Hatte seine Frau etwa vorgehabt, die Kinder bei ihren Eltern abzuladen und am Abend auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen? Was sollte Sabrina getan haben? Lukas konnte seine eigenen Überlegungen und die seltsamen Wege, die sie mittlerweile eingeschlagen hatten, kaum noch nachvollziehen. Während er weiter unschlüssig in der Gegend herumstand, beschloss er, die Nachricht anzuhören, die seit gestern Mittag in seinem Handy aufblinkte.
Eine unterdrückte Nummer hatte gestern vergeblich versucht, ihn anzurufen. Seit der Rettungsdienst ihn gestern Nachmittag kontaktiert hatte, um ihn über die schrecklichen Ereignisse zu informieren, war er nicht dazugekommen, die hinterlassene Mitteilung aufzurufen. Jetzt klickte er die Mailbox an.
[S i e   h a b e n   e i n e   n e u e   N a c h r i c h t !]

Lukas verdrehte die Augen. Das sah er selbst. Der AB spulte die Nachricht ab und im nächsten Atemzug zweifelte Lukas daran, seinen Ohren Glauben schenken zu können.
Darauf war er nicht gefasst gewesen. Ihre Stimme traf ihn wie ein Orkan. Obwohl ihr himmlisches Säuseln wie eine sanfte Sommerbrise klang, tobte die Intensität, mit der sich ihre Worte in sein Gedächtnis einbrannten, wie ein Blizzard über ihn hinweg. Diese Worte trafen ihn völlig unvorbereitet, ließen ihn zerschmettert und zerstört am Boden zurück, nur um ihm mit dem nächsten Satz jeglichen Halt unter den Füßen wegzuziehen. Jedes einzelne ihrer Worte drang bis in sein Herz. Und jedes einzelne Wort hämmerte unter seiner Brust weiter. Von dort aus jagten die Buchstaben durch seine Lungen, sogen sich mit Sauerstoff voll und wanderten weiter in seine Arterien, um dort sein Blut und somit seinen ganzen Körper zum Pulsieren zu bringen.
So musste es sich anfühlen, wenn man den Verstand verlor, dachte er und presste die Augenlider zusammen. Die flötenden Töne ihrer Stimme hallten in seinem Kopf wider. Sein Herz begann, im Rhythmus ihrer Worte zu schlagen. Sein Blut fing an, im Einklang mit ihrer Sprechgeschwindigkeit durch seinen Körper zu fließen. Und während all das passierte, stand Lukas stocksteif da, das Handy mit beiden Händen an sein Ohr haltend. Während sein Körper mit dieser Konfrontation zu kämpfen hatte, lauschte er andächtig ihrer liebevollen Verabschiedung. Um ein Haar kamen ihm die Tränen, während die Bedeutung ihrer Äußerung langsam sein Bewusstsein erreichte.

     
[E s   t u t   m i r   l e i d !   I c h   l i e b e   d i c h ,   L u k a s ! ]


Fasziniert horchte er dem Echo seines eigenen Namens. Es versetzte ihm einen Stich, sie seinen Namen aussprechen zu hören. Es tut mir leid, dachte er und eine tiefe Traurigkeit ergriff von ihm Besitz.
Ich liebe dich, Lukas!
Dieser Satz wollte einfach nicht aus seinem Kopf verschwinden.
»Ich liebe dich auch, Sabi«, flüsterte er und seine Lippen bewegten sich stumm.
Die Nachricht war zu Ende.
Die plötzliche Stille nach ihren Worten fegte wie ein heftiger Windstoß durch die leere Steppe seines Geistes. Da war nichts mehr, woran er sich klammern konnte. Alles war weg. Lukas konnte nicht mehr denken. Das Handy rutschte ihm aus der Hand. Mit einem scheppernden Geräusch fiel es auf den Boden. Doch Lukas hörte es nicht. Nur ihre Worte waren in seinem Kopf. Sonst war dort kein Platz mehr. Für nichts und niemanden. Er wollte den letzten Klang ihrer Sätze, deren Echo er noch immer in seinem Ohr hatte, voll und ganz auskosten, konnte es nicht ertragen, sie abebben zu spüren.
Irgendwann war auch die letzte Welle von Sabrinas Nachricht verhallt. In diesem Moment wusste er es. Es war das letzte Mal gewesen, dass er ihrer Stimme gelauscht hatte. Und plötzlich begriff er.
Ja, plötzlich ergab alles, was sie gesagt hatte, einen Sinn. Deswegen war Sabrina gestern auf der A7 gewesen. Er konnte es nicht glauben. Hätte er sie doch nur zurückgerufen. Hätte er doch nur ein letztes Mal mit ihr reden können. Jetzt war es zu spät. Jetzt gab es nichts mehr, das er hätte tun können.
Sein Sohn hatte es schon davor gespürt, dass seine Mutter nicht über den Berg kommen würde. Sie hatte es nicht geschafft.
Und da fühlte Lukas es.
Sabrina war tot.
Er konnte sich nicht erklären, woher er diese plötzliche Gewissheit nahm, sie war einfach da. Aus dem Nichts hatte sie sich über sein Bewusstsein gelegt und jetzt konnte er an nichts anderes mehr denken. Sabrina musste soeben unter den Händen der Ärzte gestorben sein. Er wusste nicht, ob das, was er fühlte, der Wahrheit entsprach, doch er glaubte fest daran, dass diese seltsame Verbindung zu Sabrina zumindest für eine Millisekunde bestanden hatte. In dem Atemzug, in dem er ihre Stimme ein letztes Mal vernommen hatte, musste das letzte Fünkchen Leben aus ihrem Körper gewichen sein. Inständig betete er, dass es nicht so sein mochte, wie er es sich einbildete. Er wollte nicht, dass die Nachricht auf seinem Anrufbeantworter das letzte war, das er von seiner Frau gehört haben würde. Lukas machte sich schreckliche Vorwürfe. Nicht nur seine Hände zitterten, als er sich nach dem Mobiltelefon bückte, es aufhob und versuchte, die Nachricht ein weiteres Mal abzuspielen. Er tippte unbeholfen mit seinen unruhigen Fingern auf dem Display herum. Mit einem Mal erschien ein Pop-Up:

[D i e s e   N a c h r i c h t   l ö s c h e n ?]

»Um Gottes willen! Nein!« Lukas wagte kaum, sich zu rühren. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. Schnell wollte er das Telefon ausschalten, doch in seiner Hektik kam er, bevor sich das Display schwarz färbte, auf Bestätigen. Das nächste Pop-up ließ nicht lange auf sich warten.
[Nachricht gelöscht!]
GELÖSCHT.
Er hatte soeben Sabrinas letzte Worte an ihn gelöscht. Weggeworfen. Ausradiert. Er fühlte sich, als hätte er grade ein schreckliches Verbrechen begangen. Fast kam es ihm so vor, als hätte er mit dieser Nachricht Sabrinas komplettes Leben ausgelöscht. Vollkommen aufgelöst sah er sich um.
War hier denn niemand, den er fragen konnte, wie es wirklich um Sabrina stand? War hier denn keine Menschenseele in diesem riesigen Krankenhaus? War er denn ganz allein? Er fragte sich, wo Adriane steckte. War sie in die Cafeteria gegangen, um ihren morgendlichen Espresso einzunehmen, nachdem sie vor über einer halben Stunde ebenso überstürzt Jonas‘ Zimmer verlassen hatte war wie er eben?
Er wollte sich gerade auf die Suche nach seiner koffeinliebenden Kollegin begeben, da kam ein Mann im weißen Kittel auf ihn zu.
Der Arzt blieb stehen und sprach ihn an: »Guten Tag, sind Sie Herr Poder?«
Lukas ergriff die ihm dargebotene Hand. »Der bin ich. Haben sie Neuigkeiten, was meine Frau betrifft?«
Der Mann neigte den Kopf. »Ja, deswegen wollte ich zu Ihnen. Es gibt gute Nachrichten!« Er klopfte Lukas aufmunternd auf die Schulter. »Nun schauen sie nicht so wie vom Donner gerührt! Die Operation ist erfolgreich verlaufen. Ihre Frau lebt und hat das Schlimmste überstanden! Wir haben sie gerade in den Aufwachraum gebracht.«
Lukas fiel nicht nur die Kinnlade herunter, sondern auch ein Stein vom Herzen. Er hatte doch gewusst, dass Sabrina noch lebte! Nun war ihm zum Lachen zumute, als er daran dachte, wie er beinahe den Worten seines Sohnes geglaubt hatte, als der ihm allen Ernstes weismachen wollte, dass Sabrina tot wäre.
Aber sie lebte! Ihm fehlten die Worte. Vor lauter Erleichterung umarmte er den Arzt.
»Kommen Sie, ich bringe Sie zu ihr und erkläre Ihnen, worauf sie die nächsten Tage achten müssen«, bot dieser ihm daraufhin an.
Worauf warten wir dann noch, dachte Lukas und folgte dem Mann in Richtung Treppenhaus.

*** (Fleurie – „Hurricane“) ***


Sabrina hörte, wie die Tür quietschte. Mühsam versuchte sie, die Augen zu öffnen. Sie war so erschöpft, doch sie wollte endlich wissen, wo sie sich befand. Obwohl jede Zelle ihres Körpers brannte, spürte sie den Schmerz erst nur dumpf. Doch mit jedem ihrer flachen Atemzüge wurde er deutlicher. Die Narkose ließ langsam nach und ihr Körper fiel aus den weichen Wolken des Sedativums zurück auf die harte Erde der Realität. Wo war sie?
Zitternd riss sie die Lider auf.
Ein helles Licht.
Noch in weiter Ferne.
Mit jeder Sekunde kam es näher.
Es war nicht wirklich Licht, vielmehr war es ein großes Nichts. So hell, so allumfassend, dass es alles in seiner Nähe mit seinem absoluten Weiß verschluckte.
Und das Nichts kam näher und näher und näher und näher.
Und wurde heller und heller und heller.
Und blendete sie stärker und stärker.
Sie sehnte sich danach, zurück in die Dunkelheit abzutauchen. In der Finsternis unter geschlossenen Augenlidern gab es keine Schmerzen. Und keine gleißende Helligkeit.
Mit einem Mal wurde das Weiß wärmer. Ihr Körper begann zu beben. Mühsam schnappte sie nach Luft. Alles Blut wich aus ihren Händen und Füßen.
Ihr wurde kalt, so entsetzlich kalt, so eiskalt.
Ihre Gliedmaßen zitterten immer heftiger. Schwarze Flecken erschienen in diesem Weiß, schwarze düstere Punkte, die hin und wieder in allen Farben des Regenbogens aufblinkten. Sie spürte ihre Finger und Zehen kaum mehr, als auch ihre Ohren zu kribbeln begannen.
Plötzlich bekam sie mit, wie die Tür aufgeschlagen wurde. Vernahm dutzende von Füßen, die auf dem Boden herumtrampelten. Menschenstimmen, die hysterisch um sie herumtänzelten. Aufgeregtes Rufen, dessen Bedeutung sie nicht verstand. Als sprächen die Leute um sie herum eine fremde Sprache.
Dann, auf einmal, hörte sie nichts mehr. Die Kälte breitete sich immer weiter aus, kroch ihre Beine hinauf und ihre Arme entlang. Bis in ihren Kopf. Das Denken fiel ihr immer schwerer. Ihr Herzschlag wurde schwächer und schwächer. Ihr Bauch fühlte sich ganz warm an, beinahe glühend heiß. Irgendetwas stimmte nicht.
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