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EISKALTE HOFFNUNG - Karnevalsmaske

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
22.01.2021
10.03.2021
19
68.808
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22.02.2021 1.153
 
Endlich. Jonas‘ Augen ließen die seltsamen Gebilde, die diese düsteren Wolken am grauen Himmel geformt hatten, los und wanderten zur Tür hinüber, die soeben hinter Adriane ins Schloss gefallen war.
Endlich war sie weg.
Jonas schüttelte sich, sobald er sicher war, dass sie ihn weder hören, noch sehen konnte. Der andere Besucher hatte auf dem Holzhocker neben seinem Bett Platz genommen. Er wollte den Mann, der ihm nun gegenüber saß, nicht mit „Papa“ ansprechen, also stellte er seine Frage gleich: »Wo ist Nina? Wo ist …?« Noch bevor er den letzten Satz beendet hatte, kehrte ein Teil seiner Erinnerungen zurück und Jonas‘ Verdacht, dass nicht nur seine jüngere Schwester, sondern auch Mama tot war, erhärtete sich. Ein seltsamer Typ, offensichtlich ein Psychologe oder irgendein Arzt, war vorher in sein Zimmer gekommen und hatte versucht, ihm so schonend wie möglich den Tod seiner Schwester beizubringen.
Der Inhalt dieser Nachricht war erst später zu ihm durchgedrungen. Zuerst hatte er nur eine bodenlose Leere gefühlt, dann war sein Kopf schwer geworden, die Augen waren ihm zugefallen und er war in einen nicht enden wollenden traumlosen Schlaf gesunken. Zumindest konnte Jonas sich an keinen Traum erinnern. Gestern aber, direkt nach dem Unfall, hatte er etwas Schreckliches geträumt. Und es war ihm unrealistisch real vorgekommen.

Adriane war vor ihrem Haus aus ihrem Jeep ausgestiegen und hatte ein großes Jagdgewehr aus dem Auto gehievt. An der Tür angekommen, hatte sie geklingelt und Jonas, der allein mit Mama daheim gewesen war, hatte sich nicht getraut, ihr zu öffnen, obwohl Mama ihn darum gebeten hatte. Daraufhin hatte sie das Gewehr nachgeladen, auf das Türschloss gezielt und abgedrückt. Den Knall hatte Jonas schon gehört, bevor das Blei das Metall getroffen hatte. Durch das laute Geräusch aufgeschreckt lief Mama aus dem Haus. Jonas schrie wie am Spieß. Auf einmal ertönte ein zweiter Schuss. Einem Blick aus dem Fenster und Jonas hatte erfasst, dass Mama plötzlich reglos auf dem Gartenweg lag. Um sie herum eine große Blutlache. Als Letztes hatte Jonas beobachtet, wie Adriane in den Wagen gestiegen und weggefahren war, danach war alles um ihn herum schwarz geworden.

Dieser Traum hatte Jonas den ganzen Tag verfolgt. In einer nicht enden wollenden Dauerschleife sah er das Bild von der besten Freundin seines Vaters mit dem Jagdgewehr in der Hand vor sich. Darum war er froh, dass sie nun aus dem Krankenzimmer gegangen war, damit er und sein Vater sich endlich alleine unterhalten konnten. Unter der Beobachtung ihrer wachsamen Adleraugen hatte er kaum Luft gekriegt. Ihre bloße Anwesenheit hatte ihn nervös gemacht. Sein Herz raste noch immer. »Du, zieht Adriane jetzt bei uns ein oder so?«, fragte er verunsichert.
Sein Vater lachte trocken. »Jonas, Junge, wie kommst du denn jetzt darauf?« Ja, dachte Jonas, das war eine gute Frage. Dennoch dachte er, dass sein Vater derjenige war, der darauf am ehesten eine Antwort wusste. Konnte er denn selbst nicht sehen, wie offensichtlich er sich ständig verhielt?
»Weil sie sofort hier aufgetaucht ist, als Mama gestorben ist und an deiner Seite war. Und weil du sie magst. Denkst du, Mama wusste das nicht?« Jonas machte eine lange Pause und beobachtete seinen Vater aus dem Augenwinkel, wie er sich am Hinterkopf kratze.
»Mama wusste genau, dass du sie mehr magst als uns. Und deswegen hat Mama …« Tränen traten in seine Augen. Mist. Dabei wollte er doch nicht weinen. »Indianer kennen keinen Schmerz«, brummte er trotzig und schluckte seinen Kummer hinunter. Und trotzdem war da dieses Engegefühl, tief in seiner Brust, und es kratze hartnäckig wie ein böser Husten in seiner Lunge. Jonas atmete tief durch und wartete ab.
Nach kurzem Schweigen antwortete sein Vater und die alarmierte Tonlage seiner Stimme erschreckte Jonas mehr als das, was er von sich gab. »Jonas, Mama ist doch gar nicht gestorben. Wieso soll Adriane deine Mama denn ersetzen? Was redest du denn da? Sie ist doch ein total anderer Mensch. Außerdem ist Mama mit ihr befreundet, das weißt du doch«, erwiderte sein Vater heiser.
»War, meinst du?« Jonas lachte laut und merkte selbst, dass es seltsam hysterisch klang.
Mama war tot. Wusste sein Vater das noch nicht?
Oder war er so blind und taub, dass er es nicht merkte?

* * *

Lukas fuhr Jonas über seinen Wuschelkopf. »Adriane versteht dich. Und sie versteht mich und sie versteht unsere Trauer und war da, um mich zu trösten, als ich sehr traurig und geschockt war, weil ich von eurem Unfall erfahren habe. Adriane will uns beiden nur helfen, Jonas. Dir auch. Sie …«
»Ich hab Angst vor ihr ...«, unterbrach Jonas ihn, »... sie hat Mama umgebracht, weil sie …«
Jetzt war Lukas es, der seinem Sohn das Wort abschnitt: »Jetzt pass mal gut auf! Sie hat niemanden umgebracht. Mama lebt. Und mit Ninas Tod hat sie auch nichts zu tun. Was fällt dir überhaupt ein, sowas zu behaupten? « Er schnappte nach Luft. »Sie würde niemals irgendjemanden umbringen, wie kommst du denn darauf? Außerdem hat sie nichts mit dem Unfall zu tun. Wie ich ist sie aus allen Wolken gefallen, als sie erfahren hat, dass deine Schwester nicht überlebt hat. « Er merkte, wie er sich immer mehr in Rage redete, also legte er eine Pause ein.
Sein Sohn nutzte diesen Moment, um erneut vehement zu betonen, dass Sabrina nicht mehr leben würde.
Da reichte es Lukas. Wenn es so wäre, hätten die Ärzte ihn doch wohl zu allererst informiert. Er zählte innerlich bis zehn und atmete langsam ein und aus. Als er das Wort an seinen Sohn richtete, klang er zu seiner grenzenlosen Erleichterung sehr sachlich, nüchtern und beherrscht. »Merk dir das: Adriane hat nichts mit Ninas Tod zu tun. Sie nicht. Es war ein Unfall. Und für Unfälle kann niemand etwas.«
Jonas sah ihn kühl an und schüttelte verständnislos den Kopf. »Das denkst du.« Der Ausdruck, der sich wie ein schwarzer Schatten auf das Gesicht seines Sohnes legte, ließ Lukas erschaudern.
Der Junge knetete die Finger, dann legte er die rechte Hand auf seinen Unterarm.
Lukas beobachtete angespannt, wie Jonas‘ Finger behutsam über sein Handgelenk strichen. Plötzlich passierte es blitzschnell. Eine einzige rasche Bewegung und sein Sohn fuhr sich mit den abgekauten Nägeln über die Haut.
Lukas hörte das Abschürfen der obersten Hautschicht deutlich. Das Geräusch bereitete ihm beinahe körperliche Schmerzen. Rote Striemen blieben auf Jonas‘ Unterarm zurück. Lukas traute seinen Augen nicht, als im nächsten Moment einige rote Tropfen auf den oberflächlichen Wunden erschienen. »Jonas, was …«, stammelte Lukas entsetzt.
»Warum, denkst du,«, deutete der Junge an. Seine Stimme war kalt und sein Blick nach unten gerichtet. »Hat Mama das getan?« Er leckte das Blut ab und kehrte seinem Vater den Rücken zu.
»Was getan?« Lukas wollte nach seinem Sohn greifen, ihn durchrütteln und ihn zur Vernunft bringen, doch er bekam Jonas nicht zu fassen.
Der Junge zog sich die Decke über den Kopf. »Und jetzt lass mich allein, ich will schlafen!«
Lukas Herz pochte wild in seiner Brust, als er schwankend aufstand. Das konnte sein Sohn gerade nicht getan haben. Das durfte nicht wahr sein.
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