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EISKALTE HOFFNUNG - Karnevalsmaske

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
22.01.2021
10.03.2021
19
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08.02.2021 3.353
 
Adriane blieb zunächst regungslos stehen. Erst nach wenigen Minuten, erschloss sich ihr der Ernst der Lage. Die Erkenntnis traf sie mit voller Wucht. Tot. Ein so kleines Wort und doch entfaltete es eine so zerstörerische Wirkung.
»Oh mein Gott!« Sie zitterte. Stärker als zuvor. Schlug die Hände vors Gesicht.
»Nina …« Ihre Stimme versagte.
Sie fühlte einen Stich. Es war, als hätte der Arzt ihr sein Skalpell mitten ins Herz gerammt.
Nicht Nina, nein.
Nicht sie.
Das konnte nicht sein!
Nicht die kleine Nina.
Adriane hatte ihr Patenkind von der ersten Woche an aufwachsen sehen. Lukas hatte ihr eines Tages im Frühling davon erzählt, dass er und Sabrina noch ein Baby bekommen würden. Adriane, die zu dieser Zeit selbst versucht hatte, schwanger zu werden, hatte sich zuerst kaum für die beiden freuen können. Sabrina schien immer alles so leicht zu fallen. Alle Dinge, von denen Adriane träumte, fielen Lukas‘ Frau in den Schoß.
Ihre eigenen Versuche waren ohne Erfolg geblieben und Marc hatte schon vorgeschlagen, dass sie es auch auf eine andere Weise probieren könnten. Adriane, die von künstlicher Befruchtung jedoch überhaupt nichts hielt, hatte sich dagegen entschieden. Damals war sie noch nicht einmal dreißig gewesen und hatte das Gefühl gehabt, ihr bliebe noch alle Zeit der Welt, um sich ihren eigenen Kinderwunsch zu erfüllen. Und auf einmal hatte Lukas sie gebeten, die Patin seiner Tochter zu werden.
Was ihr erst wie die bittersüße Ironie des Schicksals vorgekommen war, hatte sich, als es so weit war und die Kleine geboren wurde, als richtiger Glücksfall entpuppt. Adriane hatte fast mehr Zeit im Hause Poder verbracht als daheim. Jedes Mal, wenn sie Nina in den Armen gehalten hatte, war sie der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt gewesen.
Ganz anders Sabrina, die eine lange Zeit mit Wochenbettdepressionen zu kämpfen hatte und nach der Geburt ihres zweiten Kindes nur langsam wieder auf die Beine kam. Adriane hatte Mitleid mit ihr gehabt und versucht, Sabrina, so gut es eben ging, im Haushalt und mit den beiden Kindern zu unterstützen. Adriane hatte nicht gewollt, dass Lukas‘ Frau ihre Unterstützung falsch auffasste, sondern durch ihre Hilfe schneller wieder gesund wurde.
Lukas jedoch hatte seiner neugeborenen Tochter seine ganze Aufmerksamkeit geschenkt und Sabrina war immer mehr ins Hintertreffen geraten. Damals hatte Ninas und Jonas‘ Mutter sich verändert. Hatte angefangen, Dinge zu sehen, die nicht mit der Realität übereinstimmten. Hatte sich eingebildet, Dinge zu hören, hatte begonnen, wahre Verschwörungstheorien zu entwickeln. War blind vor Neid auf Adriane gewesen, obwohl deren Affäre mit Sabrinas Mann damals noch nicht einmal begonnen hatte.
Dass Adriane während dieser schweren Zeit viele Tage und Nächte bei Lukas verbracht hatte, schien Sabrina an sich gar nicht so sehr zu stören, anfangs schien sie Adriane wirklich dankbar gewesen zu sein.
Allerdings war Ninas Mutter mit jeder Woche, die verging, ohne dass es ihr besser zu gehen schien, noch eifersüchtiger auf Adrianes Bindung zu ihrer eigenen Tochter geworden.
Adriane dachte an die ersten Wochen und Monate zurück und daran, wie schnell Nina damals gewachsen war. Wie sie das allererste Mal nach ihrem Finger gegriffen hatte. Es schien ihr, als wäre es gestern gewesen.
Das Baby hatte ihren eigenen Mutterinstinkt geweckt, wie Lukas einst bemerkt hatte. Die Vermutung ihres besten Freundes war ein Treffer ins Schwarze gewesen. Adriane hatte das kleine Mädchen vergöttert, als wäre Nina ihr eigenes Kind gewesen. Und das musste Sabrina bemerkt haben. Sie musste eine regelrechte Panik davor gehabt haben, dass ihr eigenes Baby eine tiefere Bindung zu einer anderen Person aufbaute, als zu ihr selbst, der leiblichen Mutter. Bestimmt war ihre Abneigung Adriane gegenüber aus der Befürchtung entstanden, Nina könnte eine andere Bezugsperson finden, weil sie, Sabrina, zu schwach war, um sich um die Bedürfnisse ihres Säuglings zu kümmern.
Bitter dachte Adriane an die traurigen blauen Äuglein zurück, mit denen Nina sie angesehen hatte, wann immer sie sich von ihr verabschiedet hatte und nach Hause gegangen war.
Die ersten Wochen war sie fast täglich bei ihrem Patenkind gewesen. Oft hatte sie auch freiwillig im Gästezimmer übernachtet, um Lukas in den ersten Nächten beizustehen. Mit Sabrinas Hilfe war nicht zu rechnen gewesen. Ihre ehemalige Freundin war damals in ein tiefes dunkles Loch gefallen. Und Adriane war sich inzwischen sicher, dass sie während dieser Zeit begonnen hatte, sich von Marc zu distanzieren. Mehr als vier Jahre war es her, dass die ersten Veränderungen eingetreten waren.
Damals hatte sie das nicht erkennen wollen.
All die unglücklichen Verkettungen verbanden sich erst jetzt zu einem Ganzen. In den letzten eineinhalb Jahren hatte Adriane auf Sabrinas Geheiß kaum noch Zeit mit Lukas‘ Familie verbracht. Stattdessen hatten sie sich immer öfter außerhalb ihrer Wohnungen getroffen, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Das letzte Mal hatte Adriane die Tochter ihres besten Freundes zu Beginn des Jahres gesehen, vor über einem Monat.
Und jetzt war Nina einfach so gestorben.
Ein verdammter Autounfall hatte sie ihr junges Leben gekostet. Nie wieder würde Adriane Nina auf den Arm nehmen, mit ihr auf den Spielplatz gehen oder ihrem Patenkind bei einem ihrer Wochenendbesuche Gutenachtgeschichten vorlesen können. Jetzt war es zu spät dafür.
Jetzt war sie tot.
Sie war tot.
Tot.
Das Echo des Wortes hallte in Adrianes Kopf nach.
Ihr wurde schwindelig. Sie schloss die Augen und stützte sich, um nicht umzukippen, an der Wand ab. Das alles nahm sie mehr mit, als sie sich eingestehen wollte. Kurz bevor ihr schwarz vor Augen wurde und sich die gesamte Erdoberfläche um sie herum zu drehen begann, spürte sie noch die Hand des Arztes auf ihrer Schulter.
»… sind ja kreidebleich! … geht … nicht gut … kann … für Sie?« Die Stimme des Arztes rauschte in ihren Ohren. Sie verstand kaum ein Wort von dem, was er von sich gab.
Einige Zeit später hatte sie sich äußerlich wieder gefasst. Innerlich verharrte sie jedoch noch immer in ihrer Schockstarre. Sie fragte nicht nach, wie es um Sabrina gestanden hatte, als sie gestern eingeliefert worden war. Als sie erfahren hatte, dass Nina nicht mehr zu retten gewesen war, hatte es sich angefühlt wie der nächste Schlag direkt in die Magengrube. Der nächste Schock nach Sabrinas zweitem operativem Eingriff und nach Jonas, der allem Anschein nach auf der anderen Seite des Unfallfahrzeugs gesessen und deswegen so gut wie keine körperlichen Schäden davongetragen hatte. Der Arzt, mit dem sie sprach, war einer der Notärzte gewesen, die den Jungen schon an der Unfallstelle betreut hatten. Jetzt saß er neben Adriane auf der Sitzgruppe im Gang und lehnte sich besorgt in ihre Richtung. Erkundigte sich, ob es ihr jetzt besser ginge und ob sie nicht vielleicht doch einen Schluck Wasser trinken wolle. Er strahlte etwas Beruhigendes aus. Adriane war froh, dass er sich um Jonas gekümmert hatte. Sie mochte den Jungen. Er wirkte sehr aufgeweckt, war an so vielen Dingen interessiert, war zuvorkommend und freundlich, auch wenn man merkte, dass er allmählich in die Pubertät kam. Es wunderte sie jedoch, dass Lukas, der seine Kinder sonst über alles stellte, nicht bei ihm war. Ohne auf die Fragen zu reagieren, stand sie auf und sah sich auf dem Flur um.
»Vielleicht finden sie Ihren Schwager in unserem Kapellenraum. Dort finden die Angehörigen immer etwas Ruhe«, schien der Arzt mühelos ihre Gedanken erraten zu können. Er erhob sich ebenfalls und reichte ihr die Hand.
Nachdem sie sich für die Informationen bedankt und sich von Dr. Hinder verabschiedet hatte, machte sie sich umgehend auf den Weg zur besagten hausinternen Kapelle. Diesen Raum zu finden war nicht weiter schwer, da zahlreiche schwer zu übersehende Schilder ihr den Weg dorthin zeigten.
Leise öffnete sie die schwere, dunkle Holzpforte, die dem Raum etwas Würdevolles gab, und huschte hinein. Ein kaum vernehmbares Knacken und die Tür war ins Schloss gefallen. Es war düster, nur drei Kerzen brannten auf dem Altar. In der zweiten Reihe saß jemand. Die Vorhänge waren zugezogen. Sie erkannte Lukas dennoch, aber sie traute sich nicht, seine Totenwache zu stören, also suchte sie sich drei Bänke weiter hinten einen Platz. Als sie sich setzte, hörte sie ihre Stiefel gegen das Brett schlagen.
Lukas musste es bemerkt haben, denn sofort blickte er sich erschrocken um. Seine Augen suchten die Reihen ab. Ein, zwei Mal sah er über sie hinweg. Seine Miene verriet seine Trauer über den unsäglichen Verlust, den er erlitten hatte.
Es zerriss Adriane das Herz, ihn so zu sehen.
Dann erkannte er sie. Und seine Augen leuchteten auf. Er richtete sich auf, ging zu Adriane, zog sie von der Bank hoch und drückte sie an sich.
Sie fühlte, wie sein Körper bebte, hörte sein stummes Weinen und streichelte tröstend über seinen Rücken. Nach einer halben Ewigkeit löste sie sich von ihm und hielt ihn, die Hände noch auf seinen Schultern ruhend, ein Stück weit von sich entfernt.
Sie wischte ihm eine verirrte Strähne aus der Stirn. Sein Atem war viel zu hastig. Er schien ebenfalls unter Schock zu stehen. Gemeinsam ließen sie sich auf der Bank neben dem Eingang nieder.
Lukas sah sie nachdenklich an, dann flüsterte er ihr kaum hörbar zu: »Adriane … Sabrina musste zum zweiten Mal notoperiert werden. Es ist nicht … die Ärzte sind sich nicht sicher, ob sie … ob sie …« Lukas verstummte. Nachdem er sich einen Augenblick gesammelt hatte, fuhr er fort: »Und Nina … Meine Kleine, sie ist … Nina ist … sie ist … tot.«
Sie legte eine Hand auf seine Schulter und kämpfte verzweifelt gegen das Wasser in ihren eigenen Augen an. »Ich weiß. Der Arzt, der gestern bei Jonas war, hat mir über alles Auskunft gegeben. Ich weiß, ... ich selbst …« Sie verstummte, als er ihre Hand nahm.
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass du da bist. Ich hab drei Mal versucht, dich zu erreichen, bis mir eingefallen ist, dass du dein Handy ja nicht mehr hast. Aber jetzt bist du hier, Gott sei Dank. Alleine wäre ich durchgedreht! Stell dir das vor … Nina! Unsere kleine Nina!« Schon stiegen ihm die Tränen in die Augen. Er wischte sie nicht weg.
»Es ist schrecklich. Ich weiß, Lukas, ich weiß.« Während sie mit Mühe und Not ein paar aufsteigende salzige Tropfen unterdrückte, ließ sie Lukas sich an ihrer Schulter ausweinen. Sein warmer Atem verfing sich in ihrem Nacken.
Für ihn musste es ein Weltuntergang sein, von jetzt auf gleich, von einem Tag auf den anderen, seine kleine Tochter zu verlieren, und nun hier auf die Ergebnisse der Operation seiner Frau warten zu müssen. Sabrina war noch nicht über den Berg, das verriet Adriane ihr Bauchgefühl. Und Lukas saß hier und konnte nichts tun, außer abzuwarten. Wie schrecklich musste das sein?
So traurig sie über den Tod ihres Patenkindes Nina war, so froh und erleichtert war sie darüber, dass Jonas lebte. »Warst du schon bei Jonas?«, fragte sie Lukas, um ihn abzulenken.
»Ich durfte vorhin kurz zu ihm, aber er hat noch geschlafen, als ich hier ankam. Genau wie gestern. Die Ärzte müssen ihm ein starkes Beruhigungsmittel gegeben haben, er hat bestimmt fünfzehn Stunden am Stück durchgeschlafen.«
Erschüttert sah sie ihn an. »Aber ihm ist doch nichts passiert … dieser Dr. Hinder meinte, er sei unbeschadet davongekommen, weil er bei diesem tragischen Unfall auf der guten Seite des Autos gesessen hat.«
Lukas‘ Augen verfinsterten sich.
Im nächsten Moment verwünschte sie sich für ihre Wortwahl. »Oh nein, das tut mir leid, das wollte ich nicht«, flüsterte Adriane. Sie hatte ihn nicht an den Unfall erinnern wollen. Sie hatte vorgehabt, zu ihm zu fahren, um ihn zu unterstützen und ihm nach diesem schweren Schicksalsschlag zur Seite zu stehen. Und hier war sie nun, unfähig, Lukas Halt zu geben. Unfähig, ihn zu trösten, nicht in der Lage, zu helfen.
Adriane fühlte sich wie im falschen Film. Sie sollte nicht hier sein. Die Dunkelheit in diesem Raum erdrückte sie. Keine Sekunde länger hielt sie diese Finsternis aus. Sie stand auf und lief zur Tür.
Lukas, der sich nun ebenfalls erhob, schwankte zuerst, doch schließlich holte er sie ein. Etwas wie Hoffnung oder Zuversicht schimmerte in seinem Blick. Er blockierte die Tür und hinderte sie daran, in den Eingangsbereich des Krankenhauses zu gelangen. »Bitte, lass uns noch einen Augenblick hier bleiben.«
Lukas ließ sie nicht aus den Augen, während sie zum Altar ging, um zwei weitere Kerzen anzuzünden. Eine für die Tote und eine für Sabrina, um deren Leben die Ärzte im Moment noch kämpften. Ihre Schritte waren schwer, sie war nicht fähig, sich mit der gewohnten Sicherheit und Leichtigkeit zu bewegen. Sie fühlte sich nicht wohl in diesem Raum.
In diesem Gebäude.
In dieser Stadt.
In ihrer Haut.
Auf dieser Welt.
Als sie zu Lukas zurückkehrte, ließ sie den Tränen, die ihr Gesicht hinab zu kullern begannen, freien Lauf. Sie weinte um Nina. Um ihr Patenkind, das früher wie eine Tochter für sie gewesen war, und um Sabrina, die sie angeklagt hatte, ihr ihre Tochter weggenommen zu haben. Und jetzt war es zu spät. Sie weinte um Nina und all die verpassten Chancen. Weinte deswegen, weil die Kleine ihre Augen nie mehr aufschlagen würde, weil sie niemals all die wunderbaren Dinge erleben würde, die das Leben für sie bereitgehalten hätte. Sie wollte die Tränen, die ihr still die Wangen hinuntertropften, vor Lukas verstecken, doch er bemerkte sie und nahm Adriane in die Arme.
»Ist ja gut, komm, wir gehen nach draußen. Du brauchst jetzt frische Luft und ich halte es in dieser Dunkelheit auch nicht länger aus.« Den Arm um sie gelegt, öffnete er das schwere Holzportal. Die plötzliche Helligkeit blendete sie.
Der Flur war lichtdurchflutet. Bunte Aquarelle hingen an den Wänden und grüne Pflanzen und Gewächse dekorierten die Gänge des Krankenhauses. Das war ihr zuvor gar nicht aufgefallen. Die kunstvoll arrangierte Inneneinrichtung stellte einen enormen Gegensatz zum äußeren Erscheinungsbild der Klinik dar.
Adriane begleitete Lukas durch unzählige Abteile und Treppen, bis sie das Zimmer, in dem Jonas lag, endlich erreichten. Lukas klopfte an und drückte, als von drinnen kein Geräusch kam, die Klinke hinunter. Sie betraten nacheinander den kleinen Raum.
Jonas saß auf seinem Bett und starrte aus dem Fenster in die grauen Wolken. Er war alleine. Sein Gesichtsausdruck war ebenso unbewegt und ausdruckslos wie sein Blick.
Adriane trat ans Fenster und öffnete es.
Lukas setzte sich neben seinen Sohn und nannte ihn mehrmals beim Namen. »Jonas? Jonas! Jonas …« Erst sprach er leise und zögerlich, dann lauter und eine Spur befehlender, aber Jonas reagierte nicht.
»Shhhh, Lukas, nicht«, unterbrach sie ihn und legte die Hand auf seinen Arm. So konnte er doch nicht mit diesem offensichtlich traumatisierten Kind reden. Sie spürte Lukas Unmut.
Sichtlich aufgebracht stand ihr bester Freund auf und trat ans Fenster.
Lass mich das mal machen, dachte Adriane und ging neben Jonas‘ Krankenbett in die Hocke. Sie war sich sicher, dass der Junge mit ihr reden würde. Sie legte ihre Hand neben ihm auf die Bettdecke. Sah, wie seine Atmung sich veränderte und sein Brustkorb sich nun schneller auf und ab bewegte. Als wäre er auf einmal schrecklich aufgeregt.
Noch immer starrte er stur in die andere Richtung, doch sie wusste, dass er sie bemerkt hatte. »Hallo, Jonas« Sie lauschte dem Ton ihrer Stimme. Sie klang besonnen und nicht über die Maße laut, fast zu leise. Sie war sich nicht sicher, ob Jonas sie gehört hatte. »Kennst du mich noch? Ich bin’s, Adriane. Aber du darfst mich Adi nennen. Darf ich mich neben dich setzen, Jonas?«
Der Junge senkte den Blick. Noch immer weigerte er sich, sie oder seinen Vater anzusehen. Eine Ewigkeit verstrich, ehe er kaum merklich nickte.
Adriane stand langsam auf. Ihre Knie zitterten. Sie holte tief Luft. Der erste Schritt war geschafft.
Gerade, als sie sich neben ihn auf die Matratze setzen wollte, rutschte er ein Stück von ihr weg.
Adriane zuckte unweigerlich zusammen. »Erschreck mich doch nicht so, Junge«, entfuhr es ihr so leise, dass es keiner im Raum mitbekommen hatte. Sie versuchte, ihre Unsicherheit zu verbergen und redete weiter mit dem Elfjährigen. »Hast du gut geschlafen?«
Vorsichtig, als wüsste er nicht, wie schnell er seinen Kopf bewegen durfte, ohne sich zu verletzen, nickte er. Langsam schien er Vertrauen zu fassen.
»Ich kann mir denken, dass du dich gewundert hast, wo dein Papa abgeblieben ist, als du aufgewacht bist …«
Plötzlich fuhr Jonas herum. Er starrte Adriane direkt an.
Von jetzt auf gleich verstummte sie.
Sah ihm in die kalten braunen Augen, die plötzlich entflammten.
Sah sich in seinen Augen brennen. Seine Regenbogenhaut, die zuvor einen leicht stumpfen Schimmer erkennen lassen hatte, klärte sich so plötzlich wie der Himmel nach einem Regenschauer.
Nur mühsam schaffte Adriane es, seiner Musterung standzuhalten. Es herrschte absolute Stille. Bis auf das Ticken der Wanduhr. Und die gleichmäßigen Atemzüge des Jungen, der noch immer genauso dasaß, wie er es getan hatte, als sie ins Zimmer gekommen waren. Nur, dass er sie jetzt direkt ansah. Dieser Blick ließ ihr nicht nur das Blut in den Adern gefrieren, sondern rief ihr auch einige unliebsame Erinnerungen an Sabrina ins Gedächtnis. Wie oft hatte sie Adriane auf dieselbe Weise angefunkelt?
Ihr lief ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter. Sie hatte keine Ahnung, woher der Hass und die Verachtung kamen, die in diesem Blick des Jungen lagen.
Adriane brach den Blickkontakt ab. Hilflos sah sie zu Lukas. Er hatte den Stimmungswechsel seines Sohnes nicht bemerkt. In Zeitlupe distanzierte sie sich von Jonas.
Sie wusste nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. Sie, die sonst diejenige war, die selbst die sogenannten Problemschüler im Griff hatte, wusste keinen Rat. Sie, die zum vierten Mal zur Vertrauenslehrerin des Internats gewählt worden war und der man diesen magischen Draht zu ihren Schülern nachsagte, versagte bei dem Versuch, den Sohn ihres besten Freundes aus seiner Lethargie herauszuholen. Aus dem Schock, dessen Ursache nichts anderes als dieses schreckliche Trauma sein konnte. Herbeigeführt durch den Verlust seiner Schwester. Und Adriane schaffe es nicht einmal ansatzweise, zu Jonas durchzudringen.
Dass sie so ohnmächtig war, machte sie wütend. Aber noch mehr wunderte sie, dass Jonas nach dem, was er in den vergangenen vierundzwanzig Stunden erlebt hatte, so misstrauisch auf die Erwachsenen reagierte. Hätte er nicht eigentlich mit Verlustängsten kämpfen müssen? Seinen Vater auf Schritt und Tritt verfolgen? Sie konnte nicht verstehen, was wohl der Grund dafür sein mochte, dass er so mit ihr, so mit seinem Vater umging. Dass er Lukas eiskalt ignorierte.
Dieser schüttelte nur den Kopf. »Es hat keinen Zweck, Adriane! Lass ihn.«
Irritiert runzelte sie die Stirn. Dieses Verhalte n passte so ganz und gar nicht zu ihrem besten Freund. Adriane zwang sich, ihren Kommentar herunterzuschlucken.
»Schock hin, Schock her«, murmelte er an Jonas gerichtet. Seine Geduld schien verbraucht zu sein. »Entweder du redest mit uns …« Er hatte wohl nicht die Absicht, Verständnis für seinen Sohn zu zeigen. »... oder du kannst weiter alleine hier rumsitzen und den grauen Wolken zusehen.« Mit diesen Worten reichte Jonas‘ Vater Adriane die Hand und zog sie mit einer einzigen Raschen Bewegung von der Bettkante hoch.
Entgeistert starrte der Junge seinen Vater an.
Lukas wischte sich nevös mit der Hand übers Gesicht.
Adriane war nicht länger dazu in der Lage, das Zittern zu unterdrücken, das sie befallen hatte, seit sie diesen seltsamen Ausdruck in den Augen seines Sohnes gesehen hatte.
Lukas wollte den Arm um sie legen und sie an sich drücken, doch Adriane wehrte seine Berührung ab. Jonas sollte es an ihrer Stelle sein, den Lukas in den Arm nahm. Nicht sie, sondern Jonas sollte sich auf diese unvergleichliche Weise sicher und geborgen fühlen. Jetzt, vor den Augen des Jungen, fühlte sich Lukas‘ Zuwendung vollkommen falsch an.
Sie schuf etwas Distanz zwischen sich und dem Mann, von dem sie nicht mehr wusste, ob sie ihn ihren besten Freund, Geliebten oder Kollegen nennen sollte. Wusste Jonas von ihnen? Sie und sein Papa. Sie bemerkte selbst, wie verräterisch ihre Mimik sein musste, wenn sie zu Lukas hinüber sah. Dann wurde ihr klar, dass Jonas jetzt einen Moment nur mit seinem Vater unter vier Augen brauchte. In Zeitlupe bewegte sie sich auf die Tür zu. Sie vermutete, dass der Junge deswegen so reserviert war, weil sie sich mit ihm und Lukas im selben Raum aufhielt. Es wäre besser, wenn sie sich nach der längeren Fahrt etwas zu trinken holte, während Vater und Sohn in Ruhe miteinander sprechen konnten. »Ihr zwei braucht jetzt einen Augenblick allein. Du findest mich irgendwo, wo es Espresso gibt.«, meinte sie nur und ging, ohne Lukas‘ Antwort abzuwarten, auf den Flur hinaus.
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