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Auf die kreative Bahn geraten

von kreamigo
GeschichteHumor / P12 / Gen
21.01.2021
21.01.2021
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Mit Pinsel in der einen und Schleifpapier in der anderen Hand saß ich da. Vor mir ein altes Regal, das ich mit Skimaske, Taschenlampe und Schweißperlen auf der Stirn aus dem Keller meiner Eltern entwendete.  "Du bist der Picasso der Neuzeit, ein ganz Großer", dachte ich. "Make the Regal great again", war mein Motto. Inspiriert von Youtube wollte ich dieses miefende Möbelstück, das seine besten Jahre gleichzeitig mit Reiner Calmund hatte, wieder richtig aufmöbeln. Spoiler: Sah am Ende scheiße aus.

Meine Enttäuschung hielt sich in Grenzen. Wer ohne Erwartungen an eine Sache rangeht, der kann nur gewinnen. Dieser Lifehack ist übrigens patentiert. Doch weiter zur Handlung: Nun saß ich da. Eingesaut mit Kreidefarbe und ein hässliches Regal in der Wohnung. "Skimaske auf und zurückbringen?", fragte ich mich. Würde wohl auffallen. Wie aus dem Nichts fingen meine Finger an zu zittern, mir wurde kalt, meine Deckenleuchte strahlte gefühlt wie eine Lastwagenscheinwerfer auf mich. Dramatische Szenen. Mein Kopf wurde klarer, meine Gedanken frei, dann die Eingabe: "Was zur Hölle mache ich eigentlich da?" Nie im Leben hatte ich mich handwerklich betätigt. Ich war damals der Schüler, der nach jedem zweiten Werkunterricht zum Schularzt musste. Gut, es war eine Ärztin die so aussah, dass ich ohne zu zögern ein Poster von ihr in mein Zimmer geklebt hätte. Direkt neben das von Mario Basler.

Ich hatte immer noch keine Antwort auf meine Frage. "Thomas, wieso streichst du Möbelstücke, wenn du nicht einmal einen Nagel in die Wand schlagen kannst ohne, dass später der Verbandkasten geplündert wird, wie der Keller deiner Eltern?" Diesmal bebte das Parkett, für kurze Zeit sah ich den Wendler vor mir. Soetwas nennt man wohl Nahtoderfahrung. Doch dann hatte ich die Erleuchtung, ich fand die alles erklärende Antwort: Lockdown. Genauer: Dritter verdammter Lockdown.

Kennt ihr das, wenn dieses sozial anerkannte, permanente, kollektive Nichtstun, euch zu Sachen treibt, die ihr vorher nie gemacht hättet? Corona, die Zeit der Kreativen, der Dichter und Denker - und offensichtlich Regalstreicher. Doch das war nicht das einzige. Ich machte Yoga. YOOOOGA. Vor ein paar Monaten stand ich noch grölend am Fußballplatz mit einem Bier in der rechten einer Zigarette in der linken Hand und griff auf meine kreativen Zellen nur zurück, um mir eine Beleidigung für den Schiedsrichter auszudenken. Jetzt suchte ich also mein inneres Ich. Spoiler: Ich habs nicht gefunden. Stattdessen Rückenschmerzen.

Nun ja. Läuft bei mir. Mehr oder weniger. Ich musste mich besinnen. Durchatmen. "Du bist auf die kreative Bahn geraten, schau, dass du schön wieder die Ausfahrt findest", dachte ich. "Zurück zum saufenden Fußball Assi" ergab keine zufriedenstellenden Treffer auf Youtube. Schade. Denn wo sollte das alles noch hinführen? Was kommt als Nächstes, Thomas? Veröffentlichst du vielleicht noch halblustige Texte im Internet? Nun ja...
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