Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Bitte nicht reanimieren

von Lacerta
GeschichteDrama, Horror / P18 / Gen
21.01.2021
21.01.2021
1
3.274
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
21.01.2021 3.274
 
Es war kühl in der Leichenhalle; die Luft roch schwach nach Formalin und Desinfektionsmittel. Umbral stand neben dem breiten Seziertisch aus Edelstahl, sein Handy ans Ohr gepresst, und wippte rhythmisch auf seinen Fußballen hin und her. Der Pathologe hatte den Schleier vorgezogen, sich auf die andere Seite geflüchtet, und war damit allein in dem Krankenhaus, abgesehen von seinen Schützlingen. Doch um die musste er sich im Moment keine Gedanken machen: sie lagen in ihren gut gekühlten Schubfächern und warteten geduldig auf die Dinge, die noch kommen würden. Umbral summte leise eine namenlose Melodie und ließ die Fingerspitzen über die glatte Haut seines Lieblings gleiten, der neben ihm auf dem Tisch lag.
Immer noch tutete sein Handy sinnlos vor sich hin. Er lächelte unwillkürlich. „Vielleicht ist die Verbindung ja genauso tot wie der Rest von euch, hm?“
Kaum hatte er den Satz beendet, wurde auf der anderen Seite abgenommen.


Das Klingeln ihres Handys war schrill und zerriss mühelos die dünne Watteschicht, die der Schlaf um ihr Hirn gewoben hatte. Leise stöhnend streckte Lucy den Arm aus und griff nach dem Gerät, das auf dem glatten Holz ihres Nachttisches gerade einen Wutanfall auszuleben schien.
„Was ist?“, fragte sie, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten.
Nicholas, der neben ihr lag, hatte sich wie immer an ihren Rücken geschmiegt, die knotigen Knie in ihre Kniekehlen geschoben und einen Arm locker über ihre Taille gelegt. Es war erst sieben Uhr abends, aber nach einer unfreiwilligen Nachtschicht waren sie beide so erschöpft gewesen, dass sie sich schon um fünf hingelegt hatten. Natürlich wurden sie ausgerechnet dann angerufen.
„Störe ich?“, fragte eine tonlose Stimme am anderen Ende der Leitung.
Lucy setzte sich gähnend auf. Nicholas´ regte sich schwach neben ihr, die Augen fest zusammen gekniffen, so als wolle er sich gegen das wachwerden wehren. „Nicht wirklich. Was gibt’s, Umbral, du alter Leichenschänder?“
„Du musst gerade reden“, gab Umbral amüsiert zurück. „Genau deswegen rufe ich übrigens an. Ich hab jemanden für euch.“
„Frisch?“, fragte Lucy und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Obwohl sie fast eine Stunde unter der Dusche verbracht hatte, hatte sie immer noch das Gefühl, dass ihr Friedhofsdreck und Knochensplitter unter den Nägeln klebten.
„So frisch, er war noch nicht mal kalt, als ich ihn auf den Tisch bekam. War Staatsmündel, keine Angehörigen, keine engen Freunde, nichts. Also keine Scherereien für euch. Könnt ihn direkt mitnehmen.“
Das weckte tatsächlich Lucys Interesse. „Klingt nach ziemlichem Jackpot“, sagte sie. „Und dann willst du ihn nicht für dich selbst?“
„Zu viel zu tun.“ Umbral klang bedauernd. „Im Gegensatz zu anderen habe ich tatsächlich noch sowas wie einen richtigen Job, und es wäre schade ihn umkommen zu lassen. Also, noch einmal.“
Lucy nahm Umbrals Stichelei und seinen schalen Witz mit einem Augenrollen hin. „Ist gut. Wir kommen. So in ein, zwei Stunden sind wir bei dir, je nachdem wie schnell ich Nick aus dem Bett geworfen bekomme.“
„Ich glaube, wenn du ihn wirfst, dann kommt er höchstens schnell in einem Krankenwagen her.“
„Jaja, du weißt was ich meine. Hast du noch Schicht?“
„Ich werde auf euch warten“, sagte Umbral, was zwar nicht direkt ihre Frage beantwortete, aber gut genug war. Sie verabschiedete sich und legte auf. Als sie zur Seite sah, begegnete sie Nicholas´ dunkelgrauen Augen.
„Wer war das?“, fragte er und setzte sich ebenfalls auf.
„Umbral, vom St. Gabriels. Meinte er hat ne frische Leiche für uns, wenn wir wollen.“
Nicholas streckte sich genüsslich, bis seine Schultern hörbar knackten. „Natürlich wollen wir. Ein Glück hab ich heute Nacht den Arbeitsraum sauber gemacht.“ Der Schatten unter seiner Haut glitt unter dem Kragen seines T-Shirts hervor, huschte seinen Hals hinauf und verweilte einen Moment auf seiner Wange, bevor er die übliche Position in seinem Nacken einnahm.
Lucys eigener Schatten wand sich normalerweise wie ein amorphes Armband um ihr linkes Handgelenk und streckte nur ab und an seine dunklen Spinnenbeinchen in Richtung ihrer Finger aus. Gerade konnte sie ihn dort jedoch nicht entdecken; die plötzliche Störung hatte ihn wahrscheinlich ebenfalls aufgescheucht.
Sie stand auf, während sich Nicholas in seinen Rollstuhl manövrierte, routiniert und vorsichtig zugleich. Im Haus benutzte er normalerweise Krücken, aber direkt nach dem Aufwachen und auf dem Weg nach draußen, war es so einfach praktischer. „Drew wird sich schwarz ärgern, dass er gerade dieses Wochenende nicht da ist. Er wollte schon ewig mal von Anfang bis Ende  bei einer frischen Leiche dabei sein.“
Lucy, die sich gerade ein schwarzes Top übergestreift hatte, befreite ihr dunkelrot gefärbtes Haar aus ihrem Pferdeschwanz und schüttelte es glatt. „Sein Pech. Aber wenn du willst, können wir die Leiche ja auch auf Eis legen und warten, bis Drew hier wieder aufkreuzt.“
Nicholas dachte darüber nach und schüttelte dann den Kopf. „Nee, lass mal. Wir hatten schon ewig kein richtig frisches Frischfleisch mehr, das lasse ich mir nicht entgehen.“
„Keine Ruhe für die Ruhelosen, was?“, neckte sie.
Er grinste schief. „Wieso auch, sie haben mich ja schließlich auch nie in Ruhe gelassen.“


St. Gabriels war ein großer, flacher Sandsteinbau, dessen hunderte Fenster in der herbstlichen Dunkelheit leuchteten und es wie ein gestrandetes Kreuzfahrtschiff aussehen ließen. Lucy stellte ihren Van (nicht schwarz wie ein Leichenwagen, sondern unauffällig schmutzig-weiß, wie tausende Lieferwagen überall im Land) auf dem Personalparkplatz ab. Die Schichtablösung war erst vor einer Stunde gewesen, und so würde wahrscheinlich niemandem der überzählige Wagen auffallen. Wenn alles so lief wie sie wollten, dann würden sie ohnehin nicht lange hier bleiben.
Nicholas rieb gedankenverloren über den weißen Ring der Narbe an seinem Hals, während Lucy ihn durch einen Nebeneingang in das Krankenhaus schob. Sie brauchten nicht am Empfang nachzufragen und auch keinen Blick auf den Lageplan des Gebäudes zu werfen; es war nicht das erste Mal, dass sie der Leichenhalle einen Besuch abstatteten.
Um diese Uhrzeit war es auf den Gängen des Krankenhauses noch geschäftig genug, dass sie nicht unbedingt auffielen, aber Lucy sah in ihrem schwarzen Seidentop und dem fließenden Spitzenjäckchen in derselben Farbe nicht gerade wie eine Schwester aus, selbst wenn sich Nicholas vielleicht als Patient durchmogeln konnte.
Die Leichenhalle befand sich im Keller, aber nicht alle Fahrstühle fuhren auch dorthin, besonders nicht die, die für Patienten und Besucher leicht zu erreichen waren. Wahrscheinlich wollte man damit verhindern, dass jemand versehentlich dort unten landete, wo sich neben der Pathologie praktisch nur noch Lagerräume und Laboratorien befanden. All die schrägen Blicke, die ihnen zugeworfen wurde, fielen Nicholas schließlich auf die Nerven, und er bedeutete Lucy stehen zu bleiben.
„Zeit für den Schleier?“, fragte sie leise.
„Ja“, bestätigte er, und sie hielt unwillkürlich die Luft an. Nicholas schnippte mit den Fingern.
Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter.
Das Knacken, mit dem die allgemeine Realität zerriss und die andere Seite einströmen ließ, war kein Geräusch, das sie mit den Ohren hören konnten; stattdessen schien es von der Krone ihrer Schädeldecken wider zu hallen. Eine Krankenschwester, die gerade an ihnen vorbeigegangen war, verblasste und flackerte noch einen Moment wie ein Hitzeflimmern auf Asphalt, bevor sie endgültig verschwand. Der allgemeine Trubel eines Krankenhauses verstummte um sie herum.
Das einzige, was Lucy noch hören konnte, war ihr eigener schneller Atem. Nicholas rieb sich wieder über die Narbe an seinem Hals. Sein Schatten huschte eifrig seinen blassen Unterarm hinauf und hinunter, nur um sich schließlich auf seiner linken Wange zu sammeln, wo er dunkel wie ein Bluterguss unter der Haut schimmerte.
„Damit wäre das auch geklärt“, sagte Lucy kurz angebunden und schob Nicholas weiter den Gang entlang.
Die Türen einiger Zimmer standen noch offen; sie warfen flüchtige Blicke nach links und rechts, doch die Betten waren alle leer. Erst am Ende des Flurs, als sie die Fahrstühle schon fast erreicht hatten, hörten sie das leise Piepsen von Maschinen und das Rascheln von Stoff. Lucy öffnete die Tür, die bisher nur angelehnt gewesen war, und steckte den Kopf in das Zimmer.
Es war ein Zweibettzimmer: das Linke war so leer wie alle anderen Betten auf dieser Station, doch im Rechten lag ein älterer Mann, dessen blassblaue Augen sich jetzt auf die junge Frau richteten.
Er öffnete den Mund, schien etwas sagen zu wollen, aber es kam kein Laut über seine Lippen. Lucy stieß die Tür jetzt vollständig auf und verschränkte unentschlossen die Arme vor der Brust.
„Was meinst du?“, sagte sie leise zu Nicholas. Der zuckte nur mit den Achseln.
„Wenn du willst, dann mach es, aber wir brauchen keine zweite Leiche heute“, sagte er, so leise, dass der Mann sie nicht hören konnte. „Umbral kann noch zwei Minuten warten.“
Das entschied es. Lucy ging zu dem Bett hinüber. Die Absätze ihrer Stiefel klackten laut auf dem Linoleum.
Der Mann sah zu ihr auf, während neben ihm der Herzmonitor leise piepte und die Beatmungsmaschine rauschte. Dieses Mal waren seine Worte hörbar, wenn auch heiser und pfeifend.
Seine Augen waren überraschend klar und wach. Nicholas hatte ihr von diesem Phänomen erzählt, der „Finalen Klarheit“; in den letzten Momenten, bevor es zu Ende ging, kamen Menschen manchmal noch einmal zu sich, wie eine Glühbirne, die ein letztes Mal hell aufleuchtete, bevor sie durchbrannte.
„Bist du… Bist du ein Engel?“
„Vielleicht“, antwortete Lucy vage. Sie beugte sich über das Bett und tastete auf der Rückseite der Beatmungsmaschine nach dem leuchtend roten Kippschalter. Der Mann hatte die Hand nach ihr ausgestreckt, und seine Finger streiften sacht ihren bloßen Unterarm. Seine Haut war kühl und trocken.
Lucy zuckte unwillkürlich zurück. Fremde Bilder füllten mit einem Mal ihren Kopf; vor ihrem inneren Auge sah sie das lächelnde Gesicht einer brünetten Frau, hörte ihr Lachen, schmeckte etwas vage Süßes auf ihrer Zunge. Hastig kniff sie die Lider zusammen und biss sich auf die Unterlippe, so heftig, dass sie Blut schmeckte. Das heiße, salzige Aroma und der Schmerz verscheuchten die Phantome, die durch ihr Bewusstsein spuckten, und sie legte den Schalter um.
Der Mann holte noch zwei Mal selbst Luft, keuchend und angestrengt, und war dann still. Die Linie des Herzmonitors wurde flach, und ein durchdringender Alarm schrillte durch das Krankenzimmer.
Lucy richtete sich auf, schüttelte sich, dass ihre Haare um ihr Gesicht flogen, und atmete tief durch.
Nicholas, der das Ganze von der Tür aus beobachtet hatte, legte fragend den Kopf schief. „Schlimme Bilder?“
„Nicht schlimm“, sagte sie und packte einmal mehr die Griffe seines Rollstuhls. „Aber… Unangenehm. Ich hasse das, Leuten in den Kopf schauen zu müssen in diesen letzten Sekunden. Ich dachte immer, das Leben zieht dem Sterbenden selbst vor den Augen vorbei, nicht mir. Ich bin nur unbeteiligter Zeuge.“
„Du hättest auch einfach weitergehen können“, merkte Nicholas an. Die Fahrstuhltüren öffneten sich vor ihnen. „Es ist nicht unsere Aufgabe, es zu Ende zu bringen. Das der Schleier für Sterbende durchlässig ist, ist manchmal praktisch, aber es verpflichtet dich zu nichts.“ Seine Stimme war sanft, tröstlich.
Langsam sank der Fahrstuhl nach unten. Lucy leckte sich über ihre malträtierte Unterlippe.
„Ich weiß, ich weiß.“ Sie blieben still, bis ein leises Klingeln ankündigte, dass sie ihr Ziel erreicht hatten.
„Er hat mich gefragt, ob ich ein Engel wäre“, sagte Lucy, während sie bereits den breiten Flur hinunter zur Leichenhalle gingen
Nicholas pfiff zwischen den Zähnen hervor. „Das ist glaube ich eine Premiere. Kommt nicht oft vor, dass Nekromanten ausgerechnet mit Engeln verwechselt werden.“
„Wäre ich ein Engel“, sagte Lucy und streckte einen Arm aus, um die zweigeteilte Schwingtür zur Pathologie aufzustoßen, damit sich Nicholas nicht unnötig die Knie lädierte. „Dann würde ich wahrscheinlich einen ziemlich miesen Job machen. Ich hab schließlich noch nie jemanden wirklich auf die andere Seite vom Tor gebracht… Wir schubsen sie quasi nur die Klippe runter. Also, metaphorisch gesehen.“
Nicholas zuckte mit den Schultern. „Das wird mir zu philosophisch, Lou. Aber falls du meine Meinung dazu hören willst…“ Er drehte sich um und lächelte sie schief an. „Ich finde, du machst deinen Job großartig.“
Sie erwiderte sein Lächeln, jetzt mit etwas leichterem Herzen.


Umbral lehnte an der Edelstahlfront der leise summenden Kühlfächer, ein abgegriffenes Taschenbuch vor dem Gesicht. Als er sie hereinkommen hörte, ließ er es sinken und musterte sie über den Rand des Einbands hinweg, als würde er sie gerade zum ersten Mal sehen.
Der Pathologe war ein großer, magerer Mann mit dunklem Haar, in dessen Spitzen noch die Reste einer lange vergangenen Blondierung zu sehen waren. Hinter seiner randlosen Brille waren seine Augen so hell und klar, dass der schwarze Punkt der Pupille beinahe unangenehm in ihnen auffiel. Unter seinem offenen, weißen Kittel trug er Jeans und ein schwarzes Hemd. Nun legte er sein Buch auf einem nahen Regal ab und kam ihnen entgegen.
„Tut mir Leid, dass ich euch noch so spät hier her geordert habe, aber die Gelegenheit hatte sich spontan ergeben.“
Lucy winkte ab. „Ist schon okay. Das Krankenhaus ist wenigstens gut zu erreichen. Erinnerst du dich an dieses Bestattungsunternehmen in Georgia, das mit der steilen Betontreppe?“ Letzteres richtete sich nicht an den Pathologen, sondern an ihren Partner, der unwillkürlich das Gesicht verzog.
„Das werde ich glaube ich nie vergessen. Achtundzwanzig Stufen, und zwölf davon bin ich runtergefallen. Wunder, dass ich mir dabei nicht noch den letzten Rest von meinem Rückgrat gebrochen habe. Also, wo ist dieses Frischfleisch, das so toll sein soll?“, fragte er Umbral.
Der deutete nur auf den Seziertisch. Unter einem dünnen, weißen Laken zeichnete sich ein schmaler, menschlicher Umriss ab.
Nicholas rollte neugierig näher; auf dem sauberen Fliesenboden knirschten die Räder leise. Lucy stellte sich ihm gegenüber auf die andere Seite des Tisches, während Umbral seinen Platz am Kopf einnahm.
Feierlich griff der Pathologe nach den Ecken des Lakens und hob es so langsam und beinahe andächtig, als würde sich der Vorhang bei einer Theatervorstellung öffnen.
Lucy zog ihre Augenbrauen bis fast zu ihrem Haaransatz. „Wow“, hauchte sie schließlich. „Du hast uns wirklich nicht zu viel versprochen.“
Umbral lächelte so zufrieden wie ein Kater, der nicht nur den ganzen Sahnekrug ausgeschleckt sondern auch noch den Kanarienvogel erwischt hatte. „Habe ich euch denn je enttäuscht?“
Er bekam keine Antwort auf seine Frage. Lucy zog das Laken nun vollständig herunter und warf es achtlos auf den Boden. „Er ist so schön“, sagte sie leise. „Kaum zu glauben, dass er tot ist…“
Nicholas, der aus seiner sitzenden Position kaum etwas sehen konnte, packte den Rand des Seziertisches und stemmte sich mit einem Ruck auf die Platte. Seine nur von Draht und Gebeten zusammengehaltene Hüfte knirschte unheilvoll, aber er achtete nicht darauf. Der Tisch war breit und die Leiche so schlank, dass er ohne Probleme neben ihr auf dem blanken Edelstahl knien konnte.
Der Tote war jung, wahrscheinlich kaum zwanzig, und sah so friedlich aus, als würde er wirklich nur schlafen, so als wäre es ein bloßes Versehen, dass er auf dem Seziertisch der Pathologie gelandet war.
Sein Haar war lackschwarz und schulterlang, so unregelmäßig geschnitten, als hätte er es mit einer stumpfen Schere selbst gemacht. Seine Lippen waren noch rosig und leicht geöffnet, die Augenlider unter der dünnen Haut bläulich marmoriert.
„Wie hieß er?“, fragte Nicholas.
„Aron Miller“, antwortete Umbral. „Wartet einen Moment, ich hole schnell sein Krankenblatt aus meinem Büro…“ Während er in das angrenzende Zimmer huschte, ließ Nicholas prüfend seinen Blick über den toten Körper schweifen. Was auch immer er für ein Leben gelebt hatte, es hatte zumindest keine Spuren hinterlassen; keine Wunden, keine Narben, nicht einmal Sommersprossen oder Muttermale waren bei ihm zu erkennen, er hatte eine Haut wie Milch.
„Woran ist er gestorben?“, fragte Lucy Umbral, der gerade mit einem Klemmbrett in der Hand wieder in die Leichenhalle getreten war.
„Lungenentzündung. Er hatte chronische Leukämie, die lange nicht erkannt worden war, und sein Immunsystem war völlig am Boden. Es ging schnell“, antwortete der Pathologe.
„Hm.“ Lucy runzelte die Stirn. Auch wenn die Leiche äußerlich in perfektem Zustand war, so war ihr eine Verletzung als Todesursache allemal lieber als eine Krankheit. Gebrochene Knochen und zerrissene Muskeln ließen sich leichter in Ordnung bringen als all die Schäden, die eine lange, zehrende Krankheit hinterlassen konnte.
Sie sah Aron an. Andererseits… Hatten sie wirklich einen Grund, jetzt noch wählerisch zu sein? Es war schließlich nicht so, als hätten sie momentan irgendwelche anderen dringenden Projekte. Ein bisschen Zeit in diesen Jungen zu investieren wäre wahrscheinlich kein allzu großes Opfer.
In der Zwischenzeit hatte Nicholas nach der Hand der Leiche gegriffen; zu seiner Überraschung ließen sich alle Finger problemlos bewegen. „Du hast gesagt er wäre frisch… Von wie frisch genau reden wir?“
Umbral zog das Krankenblatt und seine eigene Armbanduhr zu Rate. „Hm… Er müsste jetzt nicht ganz sechs Stunden tot sein.“
„…Verstehe. Lou, hilf mir mal.“
Lucy nickte und packte die Schultern der Leiche, hob sie so vorsichtig ein Stück vom Tisch an.
Der Rücken des jungen Mannes war so makellos wie der Rest seines Körpers; es gab keine Spur von den roten und purpurnen Leichenflecken, die das absackende Blut unwillkürlich hätte erzeugen müssen.
Zugegeben war es kühl in der Pathologie, und er war noch nicht lange tot, aber das überhaupt keine Flecken da waren, war Nicholas nicht ganz geheuer.
Behutsam legte Lucy Aron zurück auf die Tischplatte und stemmte die Hände in die Hüften.
„Ist er einer von uns…?“, fragte sie halblaut.
Es wäre nicht das erste Mal das ein Nekromant versuchte, seinem eigenen Tod im Vorhinein bereits ein Schnippchen zu schlagen. Sie hatte die Geschichten gehört; Nekromanten, die kurz vor ihrem Tod heiliges Quecksilber und andere Konservierungslösungen geschluckt hatten, so als ob allein das reichen würde.
Das Einzige, dass das normalerweise brachte, waren ein umso schnelleres Sterben und manchmal überraschend gut erhaltene Mumien, die man Wochen später in ihren geheimen Kellerlöchern finden konnte.
Umbral breitete die Arme aus. „Seht ihr irgendwo die Narbe vom Biss? Oder seinen Schatten?“
Die beiden Nekromanten untersuchten die Leiche noch einmal, dieses Mal gründlicher. Auch wenn der Pathologe die Frage nur rhetorisch gemeint hatte, wollten sie kein Risiko in der Hinsicht eingehen.
Als sie seinen Unterarm herumdrehte, bemerkte Lucy etwas Interessantes. „Er ist tätowiert.“
Nicholas beugte sich vor, um es besser erkennen zu können. „Selbst gemacht? Zirkel und Kugelschreiber?“
„Scheint professionell zu sein… Aber schön ist was anderes.“ Die meisten Nekromanten waren tätowiert; falls jemand den dunklen Fleck ihres Schattens unter der Haut wabern sah, war es einfacher, es als ein aus dem Augenwinkel gesehenes Tattoo zu erklären. Nicholas und Lucy hatten beide komplizierte schwarze Muster, die sich um ihre Oberarme und den Rücken wanden; Arons Tätowierung war dagegen etwas anders.
Über die weiße Haut zog sich, in noch recht frisch aussehender roter Tinte, ein einzelner Satz:
„Bitte nicht reanimieren.“
„Was soll das heißen?“, fragte sie Umbral.
Der hob gleichmütig die Schultern. „Das machen manche Patienten, wenn sie befürchten, dass es zu Ende geht. Sie hängen sich ein Medaillon um, haben ein Armband oder eben ein Tattoo auf dem steht, dass man sie nicht wiederbeleben oder beatmen soll. Eben für den Fall, dass sie bewusstlos oder hirntot sind und es dem Arzt nicht selbst sagen können.“
„Gibt’s dafür nicht Patientenverfügungen?“, fragte Nicholas.
„Weil Sanitäter oder Notärzte auch erstmal durch sämtliche Papiere ihrer Patienten wühlen, wenn es um Leben oder Tod geht“, entgegnete Umbral. In seine sonst so tonlose Stimme hatte sich ein gewisser ätzender Sarkasmus geschlichen, und Nicholas konnte spüren, wie seine Ohren rot wurden. Er fühlte sich zurechtgewiesen wie ein Schuljunge. Bemüht den letzten Rest seiner Würde zu retten, räusperte er sich.
„Also… Ich denke, wir nehmen ihn mit. Oder was meinst du, Lou?“
„Klar.“ Nachdenklich strich Lucy Aron eine Strähne aus der Stirn, so sacht, als könne er es immer noch spüren. „Ich bin gespannt, wie er so ist, wenn wir ihn zurückholen.“
„Sehr gut.“ Der Pathologe klatschte in die Hände. „Dann wäre das auch geklärt. Erzählt mir dann, wie es lief, ja? Ich packe ihn euch noch schön ein, und dann muss ich euch leider schon rauswerfen, ihr versteht…“ Mit einer Handbewegung wies er auf die Kühlfächer hinter sich. „Meine anderen Lieblinge warten bereits auf mich.“
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast