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Ein Phantom, mein Hund und ich

GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P16 / Het
Erik - das Phantom der Oper OC (Own Character)
20.01.2021
04.03.2021
16
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23.02.2021 2.899
 
Gedankenverloren schritt Clara die Kleiderständer des dunklen Ladens ab. May hatte mal bei Promond gejobbt und Clara sie dort immer gern besucht um die schicken französischen Sachen anzuprobieren und dann nicht zu kaufen. Sie konnte nicht umhin zu bemerken, dass diese Läden immer nach einem schweren Parfum rochen und einem das Gefühl von gedankenschweren Spaziergängen an der Seine und lasziv gelangweilten Aufenthalten in kleinen Cafés gaben.

Erik folgte ihr, sich immer prüfend nach anderen Ladenbesuchen umsehend. Ihm war nicht entgangen, dass jeder Laden immer etwas leerer wurde, wenn er ihn betrat. Die ungläubigen Blicke, was er in Begleitung dieser Frau machte, sollte er inzwischen gewöhnt sein, doch in diesem Laden war es noch schlimmer. Da er zusätzlich der einzige Mann im Laden war, fühlte er sich noch mehr wie ein Aussätziger. Doch nachdem er Mademoiselle überredet hatte hineinzugehen, würde er sie nun nicht wieder darum bitten die Laden zu verlassen. Soviel war er ihr inzwischen mindestens schuldig. Und  alleine sein letzter Funke Stolz verbat es ihm.

Als sie wenige Anstalten machte irgendeine der Sachen anzuprobieren, wollte er schon aufatmen bis ihr Blick mit einem überraschten „Hhmm“ auf einen Stoff fiel und sie das dazu passende Kleidungsstück näher zu betrachten begann. Er musste die Augen verdrehen. Nun hatte sie also doch noch etwas gefunden.

Der Stoff hatte eine dunkle Grundfarbe bedeckt mit einem feingliedrigen Muster aus roten Kreisen, an einigen Stellen war er außerdem durchzogen von aufgedruckten golden schimmernden Federn. Erik musste zugeben, dieser Stoff war wirklich schön. Als sie jedoch erkannte, dass es ein Kleid war, wollte sie es bereits wieder zurückhängen. Schweren Herzens, musste Erik intervenieren: „Kleider stehen Ihnen ausgesprochen gut, Mademoiselle. Sie sollten es also anprobieren.“

Als sie ihn daraufhin nur entgeistert ansah, wiederholte er die Worte, die sie ihm früher am Tag an den Kopf geworfen hatte und deutete auf die Umkleidekabinen: „Eigentlich ist es so gedacht, dass Sie die Sachen anziehen um zu sehen wie sie Ihnen gefallen und wie sie passen.“  

Über ihr Gesicht huschte ein scheues Lächeln: „Meinst du wirklich?" Er nickte. Innerlich sträubte Clara sich zwar dagegen noch mehr Geld auszugeben, doch was sollte sie schon tun? Nun hatte sie es gesehen und ihre Neugier war geweckt. Und so viel wie sie heute bereits ausgegeben hatte, was würden da weitere 45 Euro noch für einen Unterschied machen? Es war umgerechnet auch nur ein Tag ihres Hundes bei Louis. Sie verschwand in der Umkleide, in der Hoffnung, dass das Kleid sowieso nicht passen würde. Doch leider saß es wie angegossen.

Als sie aus der Umkleide trat, sog Erik die Luft zwischen den Zähnen ein. Der Saum des Kleides war kurz und ging ihr nur bis auf die Mitte der Oberschenkel. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn es etwas länger gewesen wäre, aber wann bekam er schon seinen Willen? Und immerhin, ihre Beine waren ja nicht unansehnlich. Ein schmaler Gürtel taillierte das luftig wehende Kleid mit den transparenten langen Ärmeln aus Chiffon und Volants.

Clara betrachtete sich im Spiegel und stellte fest, dass ihr gefiel was sie sah. Es war nicht verführerisch weit ausgeschnitten oder besonders gewagt in irgendeiner Hinsicht, aber ihr gefielen der Stoff auf der Haut und der Anblick umso besser. Das war sie, so wie sie sich fühlte sich aber noch nie gesehen hatte. Erik trat hinter sie und sagte verlegen: "Es steht Ihnen gut."

Sie seufzte: „Aber ich kann es mir nicht kaufen. Ich habe genug Kleidung … das ist einfach zu viel.“ Erik winkte ab: „Aber sie wollen es doch haben? Soll ich einmal die Verkäufer ablenken und sie lassen es in einer Tüte verschwinden?“ Clara schluckte kurz mit großen Augen. Eriks Sinn für Recht und Unrecht waren etwas fehlerhaft eingestellt. Sie winkte ab: „Nicht nötig. Außerdem ist die Ware elektronisch gesichert. Ich werde einfach schauen, ob das Modell demnächst einmal heruntergesetzt wird oder warte einfach bis das Geld vom Praktikum da ist und ich wieder etwas flüssiger bin.“ Und mit diesen Worten warf sie ihrem Spiegelbild einen letzten wehleidigen Blick zu und verschwand wieder in der Kabine um in ihre eigene Kleidung zurückzukehren.

Sie war gerade dabei ihre Schuhe zuzubinden, als ihr Handy klingelte und den Laden lautstark mit dem kitschigen Geträller von  „I will always love you“ von Whitney Houston beschallte. Sie stolperte aus der Kabine, ihr Handy aus der Tasche kramend und bedeutete Erik, dass sie für das Telefonat nach draußen gehen würde. Der Klingelton verriet ihr bereits, dass Alex sie anrief, und dabei konnte sie Eriks Stimme im Hintergrund nicht gebrauchen.

Dieser blieb etwas perplex und verwirrt im Laden zurück. Das kurze angespielte Lied aus Mademoiselle Dohmes Handy-Handbild hätte er gern weiter gehört, denn die Frauenstimme war gut ausgebildet und um sich über den Stil eine Meinung bilden zu können, hätte er gern noch den Rest des Liedes gehört. Doch augenscheinlich war dies kein Moment in dem Mademoiselle ihm Musik vorspielen wollte, also was tat er nun? Sein Blick fiel auf das Innere der Umkleide, in der noch das Kleid fein säuberlich auf seinem Bügel hing und nur darauf wartete in die Welt hinaus getragen zu werden. Ein Jammer, dass Mademoiselle Dohme sich so gegen Kleider sträubte. Erik empfand es als sehr ungerecht, dass sie zwar ihm neue Sachen aufzwängte, doch sie selbst fast alles für sich ablehnte. Noch dazu obwohl sie dieses Stück hier wirklich zu mögen schien.

Erik betrachtete das weiße Metallding, was durch den Stoff gestoßen war. Sein Gefühl sagte ihm, dass dies diese elektronische Sicherung war, von der Mademoiselle Dohme gesprochen hatte. In den anderen Läden hatte er an der Kasse schon beobachten können, wie dort diese Gegenstände entfernt wurden. Ob er das auch so hinbekommen würde? Seine Finger waren immerhin stark, diese Fähigkeit sollte er nutzen. Als keiner hinsah, versteckte er sich in der Umkleide, ignorierte durch stoisches auf den Boden starren die Spiegel, und fingerte an der Sicherung herum.  

„Bist du gerade unterwegs?“, fragte Alex, als er hörte wie sie außer Atem aus dem Laden keuchte. „Ich bin ein wenig shoppen… du verstehst schon, Paris, die Stadt der Mode und so“, antwortete sie und versuchte durch Alex schallendes Lachen am anderen Ende der Leitung nicht gekränkt zu sein. „Du und Mode?“, fragte er ungläubig und amüsiert losprustend: „Oh man, ich wünschte da wäre ich bei, wenn du endlich die Fashionwelt entdeckst! Hast du schon etwas Nettes gekauft?“ „Ein Kleid. Nichts Besonderes…“, da fiel Alex ihr bereits ins Wort: „Nichts Besonderes? Ich würde mal sagen, jedes Kleid, das du freiwillig in deinen Besitz aufnimmst ist etwas Besonderes. Ich meine, sei mir nicht böse, aber die einzigen Kleider in deinem Schrank musste ich dir kaufen, damit du mich auf Firmenfeiern begleiten kannst.“ „Na ja, ich dachte ich probiere es vielleicht mal aus, ab und zu so etwas zu tragen“, meinte Clara kleinlaut. Alex tat ja fast so, als wenn sie nur Jogging- und Trekkinghosen tragen würde. Sie hatte durchaus einige sexy enge Jeans und Hotpants und Overalls zu bieten.

„Warst du schon in den ganzen charmanten Boutiquen? Hat es dir die französische Lebensweise also doch so schnell angetan?“, Alex klang zufrieden und amüsiert gleichermaßen. Clara schüttelte den Kopf: „Solche Läden kann ich mir nicht leisten, Schatz. Ich muss doch immerhin dauernd für Charlestons Hundesitter zahlen können. Das Leben hier ist kostspielig und viel Geld kommt bei dem Praktikum ja auch nicht gerade rum.“ Sie wollte nicht verzweifelt klingen, doch musste sie Alex begreiflich machen, dass sie beide nach wie vor noch in unterschiedlichen Verhältnissen lebten. „Ach das ist doch Bullshit“, fluchte dieser geknickt: „Ist es weil ich dich nicht für den Hund unterstütze? Komm ich weiß, dass wir da nicht alles fifty-fifty auseinander rechnen, aber ich habe nun mal das Gefühl, dass er wirklich mehr dein Hund ist, statt meiner oder unserer. Aber bitte, da ich ja nicht will, dass meine Braut sich in ihren Wünschen beschränken muss … ich überweise dir morgen früh was. Dann kannst du dich heute schick neu einkleiden und das Tier muss nicht leiden, ok?“

Sie wollte etwas dagegen sagen, es ablehnen, doch sie konnte nicht. Es führte ja nichts daran vorbei, sie brauchte das Geld und Alex hatte einiges davon. Den Puffer wieder etwas auffüllen zu können, wäre gut. Also sagte sie nur: „Ich liebe dich, das weißt du. Du musst das nicht tun. Ich brauche keine neue Garderobe … Und was steht bei dir heute noch an?“ Noch während sie es fragte, konnte sie hören, wie Alex Anweisungen an seinen Caddie gab. Sie hätte es sich denken könne, dass er an so einem Tag mit seinem Vater auf dem Golfplatz war. „Nicht viel“, meinte Alex nur: „Wir haben noch ein paar Löcher vor uns. Wahrscheinlich bleibe ich zum Essen bei meinen Eltern, dann am Abend vielleicht mit ein paar Freunden in die Stadt. Je nachdem was bei denen so ansteht, da werde ich nachher mal herum telefonieren. Alles ganz zwanglos. Kennst du ja.“

Ja das kannte sie nur zu gut. Und sie hasste diese Art der Tage. Tage die bis obenhin voll waren mit gesellschaftlicher Interaktion und der damit einhergehenden Beurteilung. Tage die nie einen vorgefertigten Plan hatten, sondern sich aus einer spontanen Verabredung eine nächste spontane Eingebung bildete und man von „angesagtem“ Ereignis zu „angesagtem“ Ereignis streifte. Bis man irgendwann volltrunken die Reisleine ziehen musste und ein Taxi nach Hause nahm während man versuchte nicht in die Handtasche zu kotzen. Ja, sie kannte solche Tage. Und irgendwie war sie froh, dass sie seit Charleston eine Ausrede hatte, an ihnen nicht mehr teilnehmen zu müssen.  

„Ich wünsche dir viel Spaß! Grüß bitte deine Eltern ganz lieb von mir“, wünschte sie dennoch. Es war obligatorisch, denn die Skepsis seiner Eltern ihr gegenüber beruhte auf Gegenseitigkeit. Aber man wollte ja dennoch höflich zueinander bleiben, auch wenn es ihr nichts ausmachen würde, wenn beide plötzlich tot umfallen würden. Dann würde es ihr nur um Alex leidtun. „Das mache ich“, versprach Alex, ebenso wissend wie sie, dass es seinen Eltern egal sein würde. „Und Schatz … Ich liebe dich sehr und vermisse dich hier“, beteuerte sie noch, bevor er es erwiderte und dann auflegte.

Erik stand bereits seit einiger Zeit mit etwas Abstand hinter ihr und beobachtete sie. Er prägte sich die Veränderung in ihrer Körpersprache ein. Er hörte, wie sie durch ihr Gerät mit Alex Chubert sprach und bemerkte wie sich ihre Haltung von einer starken selbstbewussten, wenn auch etwas tollpatschigen Frau, hin zu einem zurückhaltenden Niemand veränderte, einer Person die reagierte, statt agierte. Und ihm gefiel nicht, was er sah. Es passte nicht zu ihr, doch am meisten schmerzte ihn, dass es ihn an eine andere Frau erinnerte. Den ganzen Tag, hatte er vergessen warum er sich diese Form der Exponiertheit antat. Er hatte vergessen, dass es sie einst gab. Er hatte nicht mehr an Christine gedacht. Doch ihre Körpersprache nun in dieser Frau gespiegelt zu sehen, versetzte ihm einen schlimmeren Stich als er sich selbst eingestehen wollte.    

Sie drehte sich um, erblickte ihn und begann verlegen zu strahlen: „Du bist schon hier draußen?“ Er nickte: „Da drinnen wird man als alleine herumstehender Mann nur komisch angeschaut“, erklärte er. Sie kam auf ihn zu: „Weißt du was, ich denke ich werde das Kleid doch kaufen.“ Sie wollte wieder hineingehend, doch mit einem festeren Griff als beabsichtigt, hielt Erik sie am Arm fest: „Keine gute Idee.“ Erklärend hielt er ihr eine seiner Tüten hin und ließ sie einen kurzen Blick hineinwerfen.

Ihr Gesicht versteinerte sich in mitten ihrer Bewegung und nur die Augen weiteten sich unmerklich. Er konnte bemerken, wie sich kleine rote Flecken auf ihrem Hals bildeten und sie nach einigen Sekunden des Luft Anhaltens langsam durch den Mund ausatmete: „Nicht dein Ernst, oder?“

„Oh keine Sorge, ich hab die Sicherung vorher entfernt“, meinte Erik ruhig und schob sie gemächlich vom Ladeneingang weg. Falls eine der Verkäuferinnen doch etwas bemerkt haben sollte, müsste sie schnell einige Meter zwischen sich und das Geschäft bringen.

„Erik, warum glaubst du, dass es in Ordnung ist in jedem Laden etwas mitgehen zu lassen?“, fauchte Clara. Sie bemühte sich ruhig zu bleiben, die Beherrschung zu wahren und Erik so ein Gefühl von „Ich-bin-nicht-sauer,-ich-will-es-nur-verstehen“ zu geben. Er zuckte wie unbeteiligt die Schultern. Noch immer hielt er sie am Arm umklammert, sodass sie sich sicher war, dass sich dort bald neue blaue Flecke bilden würden. Die an ihrem Hals hatte sie in mühevoller Arbeit überschminkt. Es hatte ihr noch gefehlt, dass man sie für ein Opfer häuslicher Gewalt hielt, oder ihr SM Vorlieben im Schlafzimmer nachsagen konnte.

„Sie wollten dieses Kleid haben, aber Sie wollten es nicht kaufen, also habe ich das einzig Richtige getan und es unbemerkt eingesteckt“, erklärte er schließlich in verführerisch sanfter Stimme nah an ihrem Ohr, augenscheinlich sehr zufrieden mit sich selbst. Seine Definition von Richtig schien von Claras meilenweit entfernt. „Es ist nicht nur dieses Kleid“, beschwerte sich Clara weiter: „In fast jedem Laden muss ich die Taschen kontrollieren bevor wir hinausgehen, weil du scheinbar wahllos alles einsteckst, wo deine Finger ran kommen. Ich würde einfach nur gerne wissen wieso!“ Und es dir abgewöhnen, fügte sie in Gedanken hinzu, denn so viel war sicher, dass würde ihn früher oder später in Schwierigkeiten bringen.

Erik schnaufte ermüdet: „Taschendiebe spielen gern Geige oder Piano. Es hält die Finger flink und beweglich und hilft bei der Arbeit … nun … bei Erik ist es umgekehrt. Erik muss dafür sorgen, dass seine Finger wieder ihre alte Stärke erlangen, bevor er sich daran machen kann erneut zu spielen und zu komponieren.“ Jetzt war es an Clara ermüdend zu schnaufen.

Während sie weiter schweigsam und beide wütend und unverstanden die Straße hinabschritten, checkte Clara auf ihrem Handy die nächsten Metroverbindungen zum Place de la Nation von wo aus Charleston von Louis abholen konnte. Sie hatte Hunger und war frustriert. Und hatte total vergessen, dass sie Erik versprochen hatte für den Rückweg ein Taxi zu bestellen. Eigentlich wollte sie nur noch nach Hause. Sie wusste genau, Erik hatte es freundlich gemeint ihr Kleid zu stehlen. Doch wie sollte sie nun damit umgehen? Sie war immer stolz gewesen in ihrem Leben noch nichts gestohlen zu haben, nicht mal im Supermarkt von den Erdbeeren zu probieren, wohingegen Erik wenig Wert auf den Besitz anderer legte. Die nächste Metrostation auf ihren Weg kam erst wieder am Louvre. Also mussten sie noch etwas weiter laufen.

Als sie das Handy gerade erst wieder gesperrt hatte, pinkte ein kurzer Nachrichtenton auf. May hatte ihr Abendessen beendet und nun scheinbar Langeweile. Vom anderen Ende der Welt aus, schickte sie Clara den Screenshot eines Hochzeitskleides, dessen Saumenden in Farbe getränkt wurden. Dazu fragte sie: „Wäre das nicht etwas für dich?“ Clara musste schmunzeln. May war die perfekte Wahl als Brautjungfer gewesen und mehr im Planungsfieber als sie selbst.

Neugierig hatte Erik auf das Bild geschaut. „Hübsch ungewöhnlich“, kommentierte er, auch wenn er sich sicher war, dass Mademoiselle Dohme auf seine Meinung verzichten konnte. Doch das Schweigen zwischen ihnen war noch schlimmer, als wenn sie ihn wieder anschreien würde.  „Haben Sie sich schon für ein Brautkleid entschieden?“, fragte er weiter und bemühte sich beiläufig zu klingen. Heiraten war nie ein Thema gewesen, welches ihn besonders erheitert hatte. Zu viele schmerzhafte Erinnerungen an Ablehnung und seine Einsamkeit in der Welt. Aber wenn Mademoiselle diesen Chubert tatsächlich zum Mann nehmen wollte, würde er ihr nicht im Weg stehen. Sie war schon viel zu alt für eine erste Ehe, also wurde es natürlich langsam Zeit für sie. Er wünschte ihr Glück, sie würde es brauchen.

Erstaunt schüttelte Clara den Kopf. Nie hätte sie gedacht, dass Erik mit einem solchen Gesprächsthema beginnen würde. „Nein, ich wollte bis nach dem Praktikum warten, damit ich es mit meiner Freundin anprobieren und aussuchen kann. Alex versucht mich auch noch zu überreden, dass ich es mit meiner Mutter aussuchen gehen soll, aber mal sehen ob ich das mache“, erklärte sie, dankbar dass er sie von den Gedanken über seine flinken klebrigen Finger ablenkte. Jetzt dachte sie immerhin an das zerrüttete Verhältnis zu ihrer Familie. Er räusperte sich: „Das klingt als wäre Ihnen dies nicht recht.“ Sie schüttelte den Kopf: „Es soll meine Hochzeit sein. Meine und Alex, und bisher lassen wir uns schon von viel zu vielen Parteien in die Planung reinreden. Für Alex ist es da schwerer Nein zu sagen. Er hat gewisse Verpflichtungen gegenüber seiner Familie.“

Erik war stehen geblieben. Die Idee, welche ihm gerade kam, war verrückt. Er selbst würde es hassen, regelrecht bereuen. Es wäre einer seiner schlimmsten Albträume, aber gerade spielte sein Hirn scheinbar verrückt. Womöglich eine Nebenwirkung von den 122 Jahren Todesschlaf. Doch vielleicht könnte er mit seinem Geistesblitz Mademoiselle Dohme doch noch einen schönen Tag bescheren. Außerdem kam es ihm vor, wie ein Wink des Schicksals, dass er auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Brautmodengeschäft erblickte, für das Mademoiselle Dohme scheinbar blind war.

„Nun ich bin zwar kein Experte auf dem Gebiet“, begann er: „Doch ich finde, Sie sollte das Kleid für sich selbst aussuchen. Es ist Ihr Kleid, Sie sind die Braut … also“ er deutete auf das Geschäft gegenüber und Clara entfuhr ein erschrockenes Lachen, als sie das Schaufenster von Pronuptia erblickte. „Willst du da etwas jetzt rein?“, fragte sie mit schriller Stimme, weshalb Erik kurz das Gesicht verziehen musste. Er hatte es nicht kommen sehen, dass sie in ihrer plötzlichen Verunsicherung eine so hohe Frequenz anschlagen würde. Seine empfindlichen Ohren klingelten kurz. Erneut reichte er ihr den Arm: „Warum sollten Sie nicht hineinschauen wollen? Ich bin nur Begleitung.“
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