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Ein Phantom, mein Hund und ich

GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P18 / Het
Erik - das Phantom der Oper OC (Own Character)
20.01.2021
10.04.2021
41
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„Entschuldigen Sie, aber könnten Sie vielleicht Ihren Hund von dem Sitz entfernen?“

Ja so hatte sie sich das eigentlich nicht vorgestellt. Dank der Deutschen Bahn war ihre Reise schon zu spät gestartet und der Zug, wie zu erwarten, gnadenlos überfüllt. Nicht die besten Bedingungen um mit 2 Koffern, einem Rucksack, einem Jutebeutel und einer Handtasche plus jeder Menge Gebamsel mit faltbaren Wasser- und Futternäpfen und Spielzeug in einem Langstreckenzug zu sitzen. Nicht zu vergessen der 1,25m große sabbernde Galgo Mischling, der alleine bei dem Gedanken an mehr als 3 Menschen auf einem Fleck zu Zittern begann.

Charleston, der ursprünglich mal Charlie genannt wurde, wohnte seit zehn Monaten bei ihr und Alex. Ursprünglich wollten sie sich eine Katze zulegen, bis dieses haarige Kalb als Anzeige in ihrem Newsfeed auftauchte. Gut platziert zwischen der Statusmeldung der Verlobung einer ehemaligen Schulkameradin und einem Video über die angeblich neusten Upcycling Hacks für Plastikflaschen. Sie hatte sich sofort in seine treuen braunen Augen verliebt. Wer hätte ahnen können, dass Alex tatsächlich bereit dazu war ihre gemeinsam geplante Katze für einen 60kg schweren ehemaligen Straßenhund aus einer spanischen Tötungsstation einzutauschen?

Clara jedenfalls hatte nicht damit gerechnet, denn sonst hätte sie sich vor einem Jahr nicht für das Sommerpraktikum in Paris beworben. Andererseits, wer hätte ahnen können, dass ausgerechnet sie auch noch dafür angenommen werden würde? Es war also vielmehr eine Verkettung unglücklicher Umstände, die sie nun zwischen ihrem üppigen Handgepäck und Charleston in einen Zug ohne Klimaanlage quetschte, in dem kaum Platz zum Schreiben ihrer vorerst letzten Hausarbeit war. Genervt schaute sie von ihrem Laptop hoch, auf die unverschämte Frau, die mit nichts weiter als einer Handtasche unterwegs zu sein schien und in ihrer anderen Hand einen Fächer mit Blümchenmuster schwenkte.

Claras Blick wanderte zu Charleston, dessen Pfoten umständlich auf der kleinen Sitzfläche tänzelten. Was sollte sie mit dem Tier tun? Es bei 90° in die Waschmaschine stecken, damit es einlaufen würde? Die nächste Frage, die ihr durch den Kopf schoss, war ob sich die Frau tatsächlich auf den durch die verschwitzten Hundehaare verklebten Sitz setzen wollte?

„Entschuldigung. Sehen Sie das Reserviert-Zeichen oben in der Anzeige?“, fragte Clara ein wenig verdutzt. Die Frau sah nicht einmal hin, sondern schaute weiterhin Clara in die Augen: „Das ist doch Ihr Hund, oder? Würden Sie ihn also bitte von dem freien Sitz entfernen?“ Die Stimme der Dame wurde etwas energischer, doch noch nicht energisch genug um Clara wirklich zu schocken. Sie hatte ihre Kindheit auf Ausgrabungsstätten in den Wüsten dieser Welt verbracht ihr Vater konnte dort durchaus energisch mit seinen Mitarbeitern umgehen, wenn ein tausend Jahre altes Artefakt drohte beschädigt zu werden.

„Nein“, Claras Stimme blieb ruhig: „Von Erfurt bis Mannheim sind diese Sitze reserviert. Danach können Sie gerne bis München hier sitzen aber für die nächsten 3 Stunden wird das nichts. Es tut mir leid.“ „Aber dort sitzt ihr Hund!“, schrie die Dame eine Tonlage höher als gewöhnlich auf, sodass Charleston sich fast eigenständig unter seinem Sitz verkrochen hätte. Im letzten Moment konnte Clara in die Leine greifen und verhindern, dass ihr Begleiter freiwillig seinen Platz aufgab. Sie blieb ruhig, setzte ein Lächeln auf so gut es ging, wenn man versucht sich das Ende des Satzes zu merken an dem man gerade schrieb, und entgegnete: „Ich weiß. Er hat ein Ticket und für seinen Sitzplatz bezahlt. Er wird nicht auf Ihrem Schoß sitzen oder unter Ihren Füßen.“

Empört zog die Dame mit ihrem Fächer ihrer Wege. Sie war nicht die letzte, der Clara heute beibringen musste, dass es schier unmöglich war das zottelige Riesenbaby in einer Handtasche zu verstecken.

Die ursprünglich geplanten 19 Minuten Umstiegszeit in Mannheim waren aufgrund der Zugverspätung zu 1 Minute und 36 Sekunden geworden. Schier unmöglich wenn man Gepäck und Grabungsausrüstung für vier Monate und einen Hund von der Größe eines kleinen Pferdes dabei hatte. In solchen Momente dachte Clara, eine Katze wäre nun besser gewesen. Der Zug nach Karlsruhe war natürlich nicht mehr zu erreichen und damit verabschiedeten sich auch all ihre schönen Sitzplatzreservierungen an den Tischen, an denen sie hätte arbeiten können.

„Ich habe den Zug verpasst“, gab sie resigniert zu, während sie mit ihrem ganzen Zeug am Gleis saß, das Handy am Ohr in der Hoffnung Alex hätte einen rettenden Masterplan für ihre Misere. Vielleicht den Firmenjet seines Vaters, oder einen Chauffeur der gerade nichts zu tun hatte? Obwohl sich auch diese beiden Alternativen mit Charleston als Herausforderungen gestalten könnten.

„Welchen Zug genau?“, fragte am anderen Ende der Leitung Cassy, Alex Sekretärin. Es hätte Clara klar sein müssen, dass sie Alex um die Zeit nicht im Büro erreichen konnte. Dennoch ein Versuch war es wert. „Den zweiten. Verbindung Mannheim Karlsruhe. Sehr ärgerlich, da es doch so eine kurze Strecke wäre. Ist Alex irgendwie zu sprechen“, fragte sie schließlich. „Alexander Chubert befindet sich leider zurzeit in einer Besprechung. Ich könnte Sie ja zu ihm durchstellen und um eine Unterbrechung bitten aber ich fürchte das ginge nur in einem wirklichen Notfall“, antwortete Sekretärin Cassy routiniert, wie sie alle nervigen Kunden abwimmeln konnte, sodass man sich klein und unbedeutend vorkam.  

„Ok wenn das so ist lasse ich mich kurz vor einen Zug schubsen und rufe dann nochmal an“, Clara wusste, dass man darüber keine Scherze machen sollte, doch nur um die panische Stille am anderen Ende der Leitung zu hören, war es das wert. „Das war bloß ein Scherz“, sagte sie deshalb nach ein paar Sekunden: „Ich bin ein großes Mädchen, ich schaffe es schon ganz alleine zu spät an meinem ersten Arbeitstag anzukommen während oben bei Ihnen auf dem Dach ein vollgetankter Jet steht.“ „Der Jet steht nicht auf dem Dach, dort steht der Hubschrauber und beide sind nur für Firmenzwecke vorgesehen“, ratterte Cassy herunter. „Und die Verlobte des Sohnes des Chefs damit zu ihrem Praktikumsjob zu fliegen ist keine Firmensache“, beendete Clara die Ausführungen der Sekretärin. „Ich fürchte nein, so ist es“, Cassy klang aufrichtig entschuldigend. „War es ein Firmenzweck als Alex mich mit dem Hubschrauber zu unserem dritten Date abgeholt hat?“, fragte Clara noch schnell, doch da hatte Cassy bereits aufgelegt.

Die nächsten Stunden verbrachte Clara mit dem Laptop auf ihren Knien während sie auf dem größeren der beiden Koffer saß, 60 kg warmen Hundes auf ihren Füßen schlafend, eingerahmt von dem Rest der Taschen in einem eigentlich freizuhaltenden Gang von einem Zug. Als der Schaffner ihre Fahrkarte abstempelte war er nicht begeistert gewesen. Als 10 Minuten später ihr Laptop Akku leer war, war sie nicht begeistert. Am liebsten wäre sie wieder zurück gefahren, zu Alex und der kleinen neuen Wohnung mit der Dachterrasse und den guten Anbindungen. Sie war von dort aus in 45 Minuten an der Uni und trotzdem lag die Wohnung so weit draußen, dass sie nur um zwei Ecken gehen musste um entweder mit dem Hund in der Natur zu sein, oder beim nächsten Supermarkt. Ihr Leben lief derzeit einfach perfekt.

Alex hatte sie nach drei wunderschönen Beziehungsjahren während der Vorstellung in einer Oper gefragt ob sie ihn heiraten wollte. Das komplette Ensemble und die Musiker waren eingeweiht und spielten dazu ein Medley der Filmmusik aus Pearl Harbour, was so gar nicht zum Rest des musikalischen Abends passte. Auch beruflich lief es bei ihnen beiden gut. Sie hatte nach langem Hin und Her in der Denkmalpflege endlich etwas gefunden, dass ihr Freude bereitete und womit sie wenigstens im Ansatz in die Fußstapfen ihres Archäologen-Vaters treten konnte. Alex würde die Nachfolge in der Firma von seinem Vater antreten können. Das Zusammenleben mit ihm war ein Traum, nicht nur dank der Annehmlichkeiten die man durch seine wohlhabende Familie geboten bekam.

Es war nicht sein Geld gewesen, weshalb Clara sich in ihn verliebt hatte, sondern sein strahlendes Lachen, seine Aufmerksamkeit, gute Manieren und natürlich wie gut sie zusammen harmonierten. Als sie sich kennenlernten waren sie sich beide einig gewesen, dass es nur eine flüchtige Bettgeschichte sein sollte und fast vier Jahre später war die Leidenschaft noch nicht verloschen. Auch wenn Charleston sein Möglichstes dafür tat ihnen jegliche Optionen der Zweisamkeit zu rauben.

Zugegeben in den letzten Monaten war es in ihrer Beziehung immer mal wieder angespannt gewesen. Sie beide gingen in ihrer täglichen Arbeit voll auf. Alex hatte zunehmend mehr Verpflichtungen im Büro und Clara hatte diesbezüglich durch das Studium mehr Freiheiten und demnach mehr Zeit für die Erziehung ihres Charlestons. Als dann die Zusage aus Paris kam war sie vom ersten Moment an begeistert gewesen. Zugegeben, nicht für jeden wird ein Traum wahr wenn es darum geht den kompletten Sommer und den Beginn des Herbstes unter der Erdoberfläche zu verbringen und dabei alte Tunnel, Gänge und Schädel der Pariser Katakomben freizulegen. Für Clara jedoch war es die Chance vor ihrem Abschluss noch ein letztes Mal praktische Erfahrungen zu sammeln bevor sie sich ohne den Welpenschutz eines Studentenjobs in die große weite Welt aufmachte.

Alex sah das erstaunlich anders: „Und Charleston bringst du zurück ins Tierheim? Ich kann ihn hier nämlich nicht behalten.“ „Du hast einen Bürojob in noch dazu einem sehr schönen großen Büro in dem bestimmt auch noch Platz für ein geschmackvolles Hundekissen ist. Charleston ist inzwischen schon ganz pflegeleicht, er will nur immer überall dort sein wo er einen von uns sehen kann und einmal am Tag ordentlich rennen. Wie soll ich das auf einer Ausgrabung leisten?“ für sie war die Sache ziemlich klar. Dummerweise für Alex auch: „In unserer Firmer sind Hunde verboten. Das hat mit der Hygiene zu tun.“ „Ihr bietet Finanzberatungen an und stellt keine Lebensmittel her“, wandte Clara ein, doch stieß sie auf taube Ohren. „Es ist nun mal einfach so. Charlie ist dein Hund und du findest schon eine Lösung. Du findest doch immer einen Weg, meine kleine Pfadfinderin“, er lächelte so verschmitzt wenn es sie so nannte.

Sie war nie Pfadfinderin gewesen und verlief sich am Tag etwa drei Mal. Neulich musste sie ihm erst die Koordinaten ihres GPS im Handy senden, damit er sie und Charleston aus dem Wald leiten konnte, in dem sie jeden Tag spazieren gehen. Wie der Hund die Zeit in Paris wegstecken würde, wusste sie noch nicht, auch nicht wie sie ihm in der Zeit gerecht werden sollte, aber ihr würde schon etwas einfallen. Zur Not musste halt ein Wunder geschehen…

Das Wunder geschah jedenfalls nicht, um sie vor ihrer Unpünktlichkeit zu bewahren. Nachdem sie sich einmal beim Umsteigen und noch ein weiteres Mal innerhalb Paris verlaufen hatte, kam sie genau 3 Stunden zu spät beim ihrem Praktikumsplatz an. Im Gepäck immer noch die vielen Taschen und den Hund. „Pas des chiens dans la palais s'il vous plaît, Madame”, ermahnte sie ein gut duftender Herr hinterm Empfang, während Clara noch hektisch durch die Tür gepoltert kam. Fast hätte Clara ihn überhört als ihr bewusst wurde in welchem Gebäude sie gerade über den glatten Marmorboden rutschte. Zugegeben, Vorbereitung auf ihre Jobs war nie eine ihrer Stärken gewesen. Auch Charleston bewegte sich ungelenk auf dem kalten ungewohnten Fußboden. Vor Schreck entfielen ihr sämtliche französische Vokabeln.

„Pas des chiens“, wiederholte der Mann seine Bitte keine Hunde ins Gebäude zu lassen. „Pardon Monsieur. Ecke Rue Auber und Rue Scribe? Ist das hier? Der Taxifahrer hat mich hier heraus gelassen“, versuchte Clara ihren Anhang so gut es ging zu ignorieren. „Ah. Ausländerin. Es wird wohl hier sein, wenn Sie hier angekommen sind“, der Mann schien wenig von ihr begeistert und musterte misstrauisch den Hund. „Aber das hier ist die Opera Garnier“, entfiel es Clara immer noch mit einem gewissen Unglauben in der Stimme. „Mais oui Mademoiselle, et pas des chiens“, inzwischen war es keine höfliche Bitte mehr.

Clara stellte auf Durchzug: „Es tut mir sehr leid. Mein Name ist Clara, Clara Dohme. Ich bin hier für das Praktikum während der Ausgrabungen innerhalb der Katakomben. Ich hatte keine Ahnung, dass wir von der Oper aus herein kommen würden.“ „Tun Sie auch nicht. Sie würden nur Dreck herein bringen. Der Treffpunkt für die Einarbeitung war hier und zwar vor drei Stunden, Mademoiselle“, ein Hauch eines Vorwurfes wehte in der Stimme des Mannes mit. Sein braunes Haar streng zurück gekämmt ging von seinem Anzug ein Duft von teurem Eau de Toilette aus. Clara biss sich auf die Unterlippe: „Wissen Sie ich habe den ein oder anderen Zug verpasst. Deswegen ist mein Hund auch noch bei mir und nicht bei“ „Ich will es nicht wissen. Der Eingang zu den Grabungen erfolgt über die Metro. Das nächste Mal seien Sie besser pünktlich“, fuhr der Mann ihr über den Mund.

Hinter Clara hatte sich inzwischen eine Schlange mit Touristen gebildet. Clara nicht weiter beachtend wandte er sich ihnen zu und kassierte den Eintritt für die Besichtigung des punkvollen Gebäudes.

Da sie so nicht weiter kam, entschloss Clara sich dazu das Gepäck und den Hund in ihre Bleibe zu bringen. Jetzt war sie eh schon zu spät.

Mit der Metro der Linie 8 würde sie eh jeden Tag fahren müssen, soweit war ihre Vorbereitung immerhin gegangen. Ihr künftiger Schwiegervater hatte vor kurzem eine Wohnung in der Nähe der Station Montgallet gekauft und war so großzügig Clara für die Zeit ihres Praktikums dort wohnen zu lassen. Ihr sollte das natürlich sehr recht sein. Die Metro war verhältnismäßig leer, als sie die 8 Stationen bis Montgallet fuhr.

Die Wohnung befand sich in einem Ehrfurcht einflößenden Altbau in der dritten Etage der Rue Jaucourt 12, ganz in der Nähe vom Place de la Nation.  Das sah dem alten Chubert ähnlich. Verlegen, weil sie sich nicht vorstellen konnte in diese Gegend zu passen, kramte Clara in einer ihrer Taschen den Schlüssel zur Wohnung heraus. Die 500 Meter von der Haltestelle Montgallet bis zu ihrer neuen Unterkunft waren nicht annähernd der Auslauf, den Charleston gebraucht und verdient hätte. Sie fragte sich, ob sie noch Zeit hätte mit ihm einmal die Umgebung zu erkunden und nach einem geeigneten eingezäunten Hundeplatz Ausschau zu halten, auf dem der schnelle Jagdhund sich auspowern konnte.

Als Clara eintrat stellte sie mit großer Zufriedenheit fest, dass die Wohnung etwas größer wirkte als auf den Bildern die sie bisher gesehen hatte. Immerhin das würde Charleston zugutekommen. Ein sehr kurzer Flur mit Garderobe führte zu dem praktisch quadratisch geschnittenen Schlafzimmer, mit Doppelbett, Kleiderschrank und Zugang zu einem kleinen Bad mit Dusche. Das Wohnzimmer war länglich geschnitten und hatte eine offene Küche in der man zwar keine große Gesellschaft bewirten konnte, doch für sich und den Hund und vielleicht ein oder zweimal Alex wenn er zu Besuch war, würde es wunderbar ausreichend sein.

Der Stil der Einrichtung entsprach ganz und gar Richard Chubert. Als Charleston mit Anlauf auf das Boxspringbett hechtete versanken seine Pfoten in dem weichen Untergrund, sodass er unkoordiniert hin und her wackelte, bis er sein Gleichgewicht wieder fand. Dort würde er es sich also schnell bequem machen und den ganzen Tag wehmütig zur Eingangstür starren können. Der Großteil der Möbel war weiß und hochglänzend, was die Wohnung zwar größer wirken ließ, jedoch kam der Charme des Altbaus durch die Möbel kaum hervor. Wenn die Möbel nicht weiß waren, waren sie schwarz, so wie die kleine Theke, die Küchenbereich vom Wohnzimmer trennte und mit zwei Barhockern als Esstisch dienen sollte. Schwere schwarze Vorhänge hingen an Gardinenstangen ansonsten sorgten einzig Claras Taschen für Farbakzente in der Wohnung. Die freundlicherweise bereits besorgten Handtücher und das Bettzeug waren grau.

Clara ließ sich auf das weiße Ledersofa sinken und kramte in einem Seitenfach ihres größten Koffers. Für den Notfall hatte sie dort eine Mappe eingesteckt, mit ausgedruckter Korrespondenz zum Praktikum. Jetzt war so ein Notfall und sie brauchte dringend die Telefonnummer des Menschen der für sie zuständig war.

Verbissen grunzte sie, als sie die Nummer nicht fand. Der Blick wanderte zu ihrer Armbanduhr, das Handy in der einen und ihre Zettelwirtschaft in der anderen Hand. Sie überschlug kurz die Zeit. Viereinhalb Stunden Verspätung stellte sie mit Entsetzen fest. Drei Stunden waren schon schlimm genug, viereinhalb war ein halber Arbeitstag. „Fuck, fuck, fuck, fuck“, fluchte sie still vor sich hin. Dort stand nirgends eine Telefonnummer. Sie schloss die Augen und atmete einmal tief durch um ihre Hände vom Zittern zu befreien. Ihr Kopf schmerzte, weil sie seit dem Morgen nichts getrunken hatte. Sie wollte verhindern im Zug das Klo aufsuchen zu müssen, nicht nur wegen der Angst vor dem Sauberkeitszustand dieser Toiletten, sondern vor allem weil sie Charleston nicht in einem vollen Zugabteil alleine lassen konnte. Clara setze ihre Wasserflasche an den Mund und trank sie in zwei Zügen. Nun war ihr zwar schlecht, doch es war dennoch nötig gewesen.

Erneut blätterte sie durch ihre Unterlagen. Wenn sie nun keine Nummer fand musste sie eine Mail schreiben. „Das hätte ich tun sollen, als ich meinen ersten Zug verpasst hatte. Fuckverdammtescheiße!“, fuhr sie sich selbst an. Auf der letzten Seite fand sie schließlich eine Telefonnummer von Monsieur Gérard Jocou. Ihre Finger zitterten als sie die Nummer in ihr Handy eingab, sie kontrollierte sie lieber zweimal, bevor sie auf den grünen Hörer drückte.

Das Handy mit der Schulter an ihr rechtes Ohr gepresst taperte sie durch die Wohnung und kramte in einem anderen Koffer, in dem sie ihre Kleidung und Gerätschaften für die Grabung hatte. Helm, Wanderschuhe und ein Mundschutz kullerten ihr bereits entgegen, als sich die Stimme der Mailbox bei ihr meldete. „Scheiße!“ Rasch suchte sie ein altes Shirt, Trekkinghose und Regenjacke heraus. Sie war immerhin darauf eingestellt, in feuchtem und kühlem Terrain arbeiten zu können, ohne auf dem Weg dorthin einem Hitzschlag zu erliegen. Nachdem sie sich umgezogen hatte versuchte sie es erneut mit dem Telefon, doch leider wieder ohne Erfolg. Schnell tippte sie eine Mail und betete einfach, dass die Autokorrektur nicht zu viel unsinniges Zeug damit fabrizieren würde.

Anschließend entleerte sie den kompletten Inhalt ihres Rucksacks auf dem Wohnzimmerteppich und packte nur noch das ein, was sie jetzt benötigen könnte. Bis zur Oper waren es genau 6 Kilometer, eine Strecke, die sie wenn sie wollte mit Charleston würde joggen können, auch mit dem extra Gewicht auf dem Rücken. Dann wäre der Hund halt direkt da und ihn mit ihr wieder wegzuschicken würde nur noch mehr Zeit kosten. Plus Charleston würde heute immerhin ein Minimum an gutem Auslauf bekommen. Dagegen sprach jedoch, dass er nicht gerade ein ausdauernder Dauerläufer war, sondern mehr ein Sprinter und sie mit ihm im Schlepptau einen noch schlechteren Eindruck machen, als Ohnehin schon. Eine Zwickmühle. Und sie würde sich auf dem Weg wahrscheinlich zweimal verlaufen was die Strecke unnötig verlängert und dann komplett verschwitz und außer Atem dort ankommen. So oder so war es nicht gut.

Also drehte sie mit ihm nur eine kleine Runde um den Block, verlief sich nur einmal und fand keine geeignete Stelle wo sie ihn von der Leine lassen konnte. Unausgeglichen brachte sie ihn zurück in die Wohnung und machte sich dann selbst auf den Weg zurück zur Oper.

Auf dem Weg erreichte sie noch viermal die Mailbox von Monsieur Jocou den Herren selbst jedoch nicht. Als sie Station Opéra aus der Metro stieg, schaute sie sich genau um. Nirgends konnte sie Anzeichen für eine Grabung finden. Keine Absperrungen vor offenen Türen, keine mit Helmen bekleideten Köpfe mit Menschen die aus Plastikbechern oder Sportflaschen tranken. Sie trat heraus ins Licht auf den Platz vor der Oper. Er summte nur so vor Menschen und dem Pariser Stadtverkehr. Ihre Uhr zeigte inzwischen fast 6 Uhr, der Feierabendverkehr war im vollen Gange. Darüber erhob sich das opulente Palais Garnier, Paris Tempel der Musik und exzellenten Balletts, weltberühmt durch Andrew Lloyd Webbers Musical „Das Phantom der Oper“ und an prunkvollen Innenräumen fast nur vom Schloss Versailles zu übertreffen.

Sah man es von dieser Seite, war es der wohl wundervollste unwirkliche Anblick in Paris. Umgeben von einer schier unüberwindlichen mehrspurigen Straße und eingeengt von ebenfalls mehrstöckigen Altbauten in denen sich mehrere Einkaufsläden und das Grand Hotel befanden hatte das Gebäude kaum Luft zum Atmen und nur die auf dem Dach platzierten antik anmutenden Goldskulpturen stachen im Licht der Sonne von den umliegenden Gebäuden hervor. Von der Seite jedoch hatte die Oper noch weniger Schick und zeigte sich fast zurückhaltend schüchtern zwischen Paris üblicher Pracht an weißem Sandstein.

Clara dachte kurz nach, zückte ihr Handy und checkte die üblichen Metrostationen in der Nähe. Chaussée d’Antin war nur ein paar Meter die Straße hoch, die rechts an der Oper vorbei führte. Dort versuchte sie es als nächstes. Als Baustelle getarnt fand sie schließlich ein weißes Zelt in der Nähe, das ihr vielversprechend vorkam. Ein rundgesichtiger Mann mittleren Alters saß dort an einem sicher verpackten Outdoorlaptop. Bingo, dachte sich Clara und trat umgehend ein: „Monsieur Jocou?“

Der rundgesichtige Mann sah auf, seine runden Brillengläser ließen ihn wie eine Stubenfliege aussehen. „Oui Madame?“, er schien verwirrt und musterte sie sorgfältig als sie sich gerade vorstellen wollte fuhr er ihr barsch über den Mund: „Mademoiselle Dohme, wie ich annehme. Halten Sie die Einladung zu einem Koordinierungstreffen um 11 Uhr morgens für zu früh angesetzt oder obligatorisch.“ Es war nicht als Frage gemeint, das konnte Clara trotz seines Akzents deutlich heraushören. „Monsieur, es tut mir aufrichtig leid. Ich habe aufgrund von Zugverspätungen mehrere Anschlusszüge verpasst auf meinem Weg nach Paris. Pardon Monsieur, es kommt bestimmt nie wieder vor!“, Clara bemühte sich ruhig zu sprechen, doch zitterte ihre Stimme. Sie wusste, ihr Verhalten war unentschuldbar.

Gérard Jocou schien ein resoluter Mann zu sein, der anständige Arbeit erwartete. „Ich hatte von einer Deutschen Praktikantin etwas mehr Weitsicht erwartet. Zum Beispiel, dass sie ihre Anreise auf den Tag vor ihrem ersten Arbeitstag legt“, trotz seiner ausgesprochen guten Sprachkenntnisse, konnte Clara nicht umhin den Hauch Rassismus zu vernehmen, der zwischen Deutschen und Franzosen ja schon fast zur Kultur geworden war. Sie beschloss ihn auf seinen Humor zu testen und entgegnete: „Ich hatte von den Deutschen Zügen Pünktlichkeit erwartet.“ Er teilte ihren Humor nicht: „Sie sollten Ihr Land besser kennen Mademoiselle. Les trains allemands sind niemals pünktlich.“ Er wandte sich wieder seinem Laptop zu und las laut vor: „P.S. Ivh abe eine grollen und und würde in gern mitbringen. Bitte – Mademoiselle ich fürtchte ich habe keine Ahnung, was Sie mir damit sagen wollen.“ Sie verfluchte die Autokorrektur.
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