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The Great Adale

GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Dr. John Watson Molly Hooper Sherlock Holmes
19.01.2021
08.04.2021
20
44.240
9
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41 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
19.01.2021 2.068
 
Anmerkung: Diese Geschichte ist auf Wunsch einer Leserin entstanden. Es wird delikat - vielleicht bekommt ihr sogar die Möglichkeit mitzuwirken... ;) Der Anfang ist vom Stil her an die Sherlock Holmes Chronicles - Hörspiele angelehnt, das bleibt aber nicht so. Es war mehr ein Experiment für mich selbst. Aber lasst uns starten!

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Es war ein warmer Sommermorgen Anfang Juli. Ich stieg die Treppe der Baker Street hinunter und betrat das Wohnzimmer. Sherlock saß in seinem Sessel, die Hände zu einem spitzen Dach gefalten und tippte sich gedankenverloren gegen das Kinn. Ich wusste, dass ich mir ein Guten Morgen ersparen konnte. Er hätte mich ohnehin nicht gehört.

Ich ging ins Badezimmer, um mich für den Tag frisch zu machen, aber an Sherlocks Haltung hatte sich auch dann nichts geändert, als ich wieder zurückkam. Er hatte auf sein Jackett verzichtet, aber selbst sein langärmeliges Hemd und die Stoffhose bis zum Knöchel erschienen mir für die vorherrschenden Temperaturen viel zu warm. Ich selbst trug nur eine Shorts und sonst nichts. Über meiner Sessellehne hing noch ein frisches T-Shirt, das ich mir im Falle eines unerwarteten Besuchs schnell überziehen konnte. Es den ganzen Tag über zu tragen, erschien mir undenkbar.

Noch wehte eine frische Morgenbrise durch die Wohnung und sagte mir, dass Mrs. Hudson bereits hier gewesen war. Sherlock hätte sich mit solch trivialen Dingen wie Lüften nicht beschäftigt - erst recht nicht in seinem jetzigen Zustand. Es musste etwas vorgefallen sein. So hatte ich ihn seit Wochen nicht mehr erlebt.

Das Knurren meines Magens ließ mich zu dem kleinen Tisch neben meinem Sessel blicken. Darauf stand eine Tasse Tee und zwei mit Marmelade bestrichene Toasts. Ich lächelte und sandte ein stilles Dankeschön in die untere Etage. Dann setzte ich mich.

„Beeilen Sie sich“, sagte Sherlock, immer noch starr vor sich hin blickend. Ich hatte nicht erwartet, dass er überhaupt Notiz von mir nehmen, geschweige denn mich ansprechen würde. Ohne etwas zu sagen, starrte ich fragend in sein Gesicht.

„Ein Klient. In elf Minuten“, erklärte er und schien nun wieder völlig in seine Gedanken abzutauchen. Ich biss schnell in mein Toast und nippte an dem viel zu heißen Tee. Das Shirt würde ich mir erst überziehen, wenn es an der Tür läutete.

***

Ein adrett gekleideter Herr mittleren Alters und mit einer Frisur wie Matt Bomer betrat in ähnlich gerader und gefestigter Haltung wie Sherlock Holmes höchstpersönlich unser Wohnzimmer, nachdem ich gerade meinen letzten Schluck Tee hinuntergeschluckt hatte. Das Gefühl, zwischen solch eitlen Männern völlig underdressed zu sein, hatte sich mit jedem weiteren Zusammentreffen der Holmes Brüder in meiner Gegenwart ein Stück mehr verflüchtigt. Ich ließ mich von äußeren Erscheinungen nicht mehr beeindrucken. Ebenso wenig von wichtig klingenden Positionen.

„Mr. Holmes, vielen Dank, dass Sie mich empfangen. Ich bin...“

„Christian Adale“, schnitt Sherlock ihm unhöflicherweise das Wort ab, war aber immerhin darum bemüht, zu lächeln. Für einen kurzen Moment stand der Mann etwas unbeholfen im Zimmer und warf mir einen unsicheren Blick zu.

„Ich bin Dr. Watson, nehmen Sie doch bitte Platz“, beeilte ich mich zu sagen und deutete auf den Klientenstuhl, den Sherlock kurz vor seinem Erscheinen bereitgestellt hatte. Der Name Christian Adale sagte mir etwas, ohne dass ich es näher beziffern konnte. Ich hatte über die Jahre gelernt, mir meine Unwissenheit nicht sofort anmerken zu lassen, wobei ich keinen Zweifel daran hegte, dass Sherlock sofort wusste, ob ich im Bilde war oder nicht.

„Ich... ich weiß. Sie schreiben doch diese Blogartikel über Ihre Fälle“, sagte er und wirkte ein wenig besorgt. Selbst ich erkannte, dass er ein Mann von Stand war. Sein Anzug war maßgeschneidert, die Schuhe aus echtem Leder. Es lugte sogar eine kleine Kette aus seiner Brusttasche. Eine Taschenuhr? Trug man die noch im 21. Jahrhundert?

„Richtig“, bestätigte ich knapp. Er schaute mich abschätzend an.

„Nun, ich fürchte diese Angelegenheit ist...“

„Sie können sich auf Dr. Watsons Diskretion genauso verlassen wie auf meine. Es wird nicht ein Wort veröffentlicht, bevor der Fall nicht gelöst ist und wir davon ausgehen können, dass Ihnen kein Schaden entsteht“, erklärte Sherlock und durchdrang diesen Christian Adale mit seinem festen Blick. Erst jetzt fiel mir auf, dass zwischen Sherlocks Oberschenkel und der Armlehne eine Zeitung klemmte. Offenbar kannte er den Herren aus der Presse.

Unser Besucher wirkte immer noch beunruhigt, nickte jedoch zögerlich.

„Und nun erzählen Sie, weswegen Sie sich um Ihre Reputation sorgen“, setzte Sherlock nach und wirkte ein wenig genervt. Ich hatte keine Ahnung, wie er auf diese Vermutung gekommen war, aber ich wusste schließlich auch nicht, wie er von dem Besuch unseres Klienten erfahren und welche Informationen er bereits gesammelt hatte. Zu meinem Erstaunen wirkte Adale jedoch ähnlich überrascht.

„Meine Reputation?“

„Natürlich Ihre Reputation. Sehen Sie sich doch an. So gebügelt wie Sie geht doch keiner aus dem Haus, der um sein Leben fürchtet. Sie wirken höchstens etwas blass um die Nase, aber nicht ernsthaft erschüttert. Darüber hinaus sind Sie in gewissen Kreisen überaus bekannt und scheinen daher Ihre Schritte mit Bedacht zu wählen. Wäre Ihnen etwas Entsetzliches passiert, hätten Sie mich sofort aufgesucht und mir nicht erst eine Nachricht zukommen lassen. Ihre erste Sorge galt darüber hinaus diesem lächerlichen Blog - Entschuldigen Sie, John - als der, sich endlich mitteilen zu können. Es geht vermutlich gar nicht direkt um Sie, aber Sie sind höchstwahrscheinlich in irgendeiner Form betroffen. Daher meine Vermutung, dass es sich - gerade bei Ihrem Rang - um Ihr Ansehen handelt, das Sie hierher geführt hat. Die Frage ist nur, warum das für mich von Interesse sein sollte... “, sprudelte es plötzlich aus Sherlock hervor. Ich verdrehte innerlich die Augen und lächelte freundlich nach außen. Der große Mr. Holmes ließ nie eine Gelegenheit aus, seinen brillanten Verstand zur Schau zu stellen. Und seine soziale Inkompetenz.

Christian Adale schwieg für einen kurzen Moment. Seine Augenbrauen waren nach oben gezogen und verrieten Verwunderung – wenn nicht sogar Empörung – aber immerhin starrte er uns nicht mit dümmlich offenstehenden Mund an. Er strich sich nervös über die Oberschenkel und räusperte sich schließlich.

„Nun ja... Sie haben in gewisser Weise recht“, begann er und ich erwartete bereits, dass Sherlock sich einen spitzen Kommentar nicht würde verkneifen können, aber dieses Mal irrte ich mich. Er schwieg.

„Ich veranstalte in regelmäßigen Abständen Partys für die High Society in meiner Villa auf der Hampstead Lane in Highgate. Diese Partys sind mittlerweile sehr beliebt, weil mir der Ruf vorauseilt, seriös und diskret zu sein. Die Gäste sind alles namhafte Leute, die es sich weder leisten wollen noch leisten können, wegen Alkoholexzessen und Ähnlichem in der Presse zu landen. Die Besucherzahlen sind auf den Veranstaltungen streng begrenzt, ich beschäftige überdurchschnittlich viel Personal, das dazu angehalten ist, die Kontrolle über die Geschehnisse zu behalten. Wir wissen genau, welche Drinks wir jemandem wie oft ausschenken, mit wem sich die Gäste unterhalten, ja wir gestatten sogar streng limitierten Drogenkonsum mit von unserem Haus bereitgestellten und einwandfreien Substanzen. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass mir meine Kontakte in diesen Kreisen schon den einen oder anderen Stein aus dem Weg geräumt haben...“, führte er nun aus und ich konnte mich dunkel daran erinnern, dass ich vor einiger Zeit tatsächlich einen Artikel in der Zeitung über diesen Adale gelesen, ihm aber keinerlei Bedeutung beigemessen hatte. Warum er nicht zur Polizei gegangen war, war damit hinlänglich erklärt. Nicht jedoch, was ihn zu uns geführt hatte.

„Was ist geschehen?“, hakte ich nach, als der Mann eine kurze Pause einlegte. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber ich hatte den Eindruck, dass Sherlock allmählich ungeduldig wurde. Er wartete immer noch auf Informationen, die für ihn von Relevanz, von Interesse sein könnten.

„Es verschwinden Frauen“, sagte Adale knapp und presste die Lippen aufeinander. Sherlock veränderte zum ersten Mal seine Körperhaltung und beugte sich nach vorn. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen.

„Beim ersten Mal hielt ich es für einen unglücklichen Umstand, als mir zugetragen wurde, dass eine Dame nach der Party nicht mehr aufgetaucht wäre. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es etwas mit meinem Hause zu tun haben könnte. Wusste der Teufel, wo sie war. Ich habe ein gutes Sicherheitssystem, das jeglichen unbefugten Zutritt sofort entlarvt hätte. Mir wurde auch nichts von einem Gewaltdelikt berichtet und eine Leiche gab es ebenfalls nicht. Die Villa wurde gründlich durchsucht – ohne Ergebnis. Sie musste nach der Veranstaltung verschwunden sein. Auf dem Heimweg vielleicht, ich kann es nicht sagen“, erklärte er.

„Können Sie mit Sicherheit sagen, dass die besagte Dame die Party verlassen hat?“, fragte Holmes nach.

„W-was?“

„Gibt es Gästelisten? Überwachungskameras?“

„Ja. Ja, schon. Mit den Gästelisten wird jedoch nur die Anwesenheit überprüft. Es ist die Eintrittskarte sozusagen. Wann welcher Gast das Establishment verlässt, wird nicht festgehalten. Überwachungskameras sind natürlich vorhanden, aber sie sind nur an den von uns als notwendig erachteten Stellen im Außengelände befestigt und zeichnen nicht jede Minute auf“, antwortete er etwas verunsichert. Seine Aussage, er verfüge über ein gutes Sicherheitssystem, wagte ich nach diesen Worten zu bezweifeln, aber ich sah davon ab, in das Gespräch einzugreifen. Als Arzt lernt man, selbst die unglaubwürdigsten Geschichten zunächst einmal hinzunehmen. Solange die Symptome und die Diagnose stimmten, war die Anamnese nur noch halb so wichtig.

„Das dachte ich mir. Fahren Sie fort“, sagte Holmes ungerührt.

Der Klient räusperte sich erneut, bevor er wieder die Stimme erhob.

„Die Frau ist bisher nicht wieder aufgetaucht. Es gibt keine Spur von ihr. Und letzten Samstag ist es wieder passiert. Eine der Damen muss nach – oder für so unwahrscheinlich ich es auch halten mag - während der Party verschwunden sein. Wir haben wieder jeden einzelnen Grashalm umgedreht mit wieder dem gleichen Ergebnis. Diese Vorkommnisse könnten mir das Genick brechen – und das meine ich nicht nur im Hinblick meines Ansehens. Ich könnte mich vor Gericht verantworten müssen. Ich könnte mir Feinde machen. Ich könnte...“

„Wann ist die nächste Veranstaltung?“, fragte Sherlock und unterbrach damit die aufkeimende Verzweiflung des Klienten, auf dessen Stirn sich die ersten Schweißperlen abzeichneten. Ich bezweifelte, dass es an den steigenden Temperaturen lag.

„Um keine Unruhe zu schüren oder ungewollte Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, lasse ich die Partys weiterhin regulär stattfinden. Das ist jetzt in den Sommermonaten jeden Samstag.“

„Dann werden wir das nächste Mal daran teilnehmen“, erklärte Sherlock kurzentschlossen.

„Aber die Gästeliste ist bereits...“, setzte der Herr zum Protest an.

„Die ist mir egal. Sie werden Mittel und Wege finden, um uns einzuschleusen. Sie sind der Hausherr. Aber seien Sie versichert, dass wir uns den Umständen entsprechend anpassen und selbstverständlich nicht zu erkennen sein werden“, sagte Sherlock in einer Art und Weise, die deutlich machte, dass das Gespräch für ihn damit zunächst beendet war. Christian Adale sah ein wenig überrumpelt aus, doch dann erhob er sich schließlich und sagte:

„Danke für Ihre Hilfe, Mr. Holmes. Ich werde Sie großzügig für Ihre Arbeit entlohnen.“

Ich nickte ihm freundlich zu, als Sherlock keine Anstalten machte, etwas auf diese Aussage zu erwidern. Er schien bereits wieder in den Weiten seines Gedächtnispalastes umherzuwandern. Ich erhob mich ebenfalls und geleitete den Besucher zur Tür.

„Ich brauche noch die Namen der Verschwundenen“, sagte Sherlock doch noch, als Adale gerade über die Schwelle treten und sich entfernen wollte.

„Selbstverständlich“, murmelte er, nickte zum Abschied und stieg die Treppen hinunter. Als ich die Tür hinter mir schloss, sah ich Sherlock sein Handy in der Hand halten.

„Mycroft? Ich brauche bis Freitag eine maßgeschneiderte Hose mit passendem Hemd und Weste für Dr. John Watson. Etwas Gehobeneres. Luxuriöses. Du kennst schließlich seinen Kleidungsstil.“

Ich kämpfte den Drang nieder, Sherlock für seine herablassende und bloßstellende Art eine reinzuhauen und begnügte mich damit, ihm einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. Ohne einen Abschiedsgruß und ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, legte er wieder auf.

„Mycroft? Ist er jetzt etwa meine Kammerzofe?“, fragte ich schließlich als ich mein benutztes Geschirr in die Küche brachte und entrang dem Detektiven damit sogar ein Lächeln. Was ihm noch mehr Vergnügen bereitete, als mich bloßzustellen, war definitiv der Gedanke, seinen Bruder in irgendeiner Form zu degradieren.

„Nein. Aber Anthea ist seine“, erwiderte er und schob das Telefon wieder in seine Hosentasche.

„Ah. Und die kommt nachher hierher und nimmt meine Maße, oder wie stellen Sie sich das vor?“

„Machen Sie sich nicht lächerlich, John. Mycroft hat Sie gesehen. Mehrfach. Er kennt Ihre Maße, auch wenn Ihnen der Gedanke missfällt“, konterte er ungerührt. Ich fühlte mich wie so oft vorgeführt und gefoppt, aber widerstand dem Drang einen perplexen Gesichtsausdruck anzunehmen. Solcherlei Situationen sollten mich nicht mehr allzu sehr wundern.

Zugegeben, es war schwer, mit einem Holmes unter einem Dach zu leben und ständig seinen Groll hinunterzuschlucken. Aber dieses Leben war auch unheimlich spannend.
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