Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Auge um Auge, Zahn um Zahn

KurzgeschichteHorror / P18 / Gen
19.01.2021
19.01.2021
1
1.037
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
19.01.2021 1.037
 
Unter dem Schatten tropischer Baumdächer wühlt eine Gruppe Schimpansen mit ihren Armen an Lianen hängend in einem Tümpel Unmengen Wasser auf. Weiße Zähne und Spritzer glänzen in der Nachmittagssonne. Etwas abseits dessen sitzt ein schwarz behaarter Artgenosse, der versucht den Boden aufzulockern. Er benutzt dafür einen dicken Stock, wie einen Spaten und senkt dann einen dünnen Zweig in die Erdspalten. An der Rinde dieses Köders eine Schar Termiten ansammelnd, grinst der Schimpanse und steckt sie sich samt Zweig zu Gemüte. Aus der Krautschicht des Dschungels kommt ein weiterer Affe auf ihn zu, als dieser gerade an dem Zweig die letzten Winzlinge ableckt. Der Affe ist anscheinend auch ein Schimpanse, aber dieser springt wie wild herum, als will er die Aufmerksamkeit seines Artgenossen erringen. Aus seinem Maul kommen, so wunderlich, keine Laute. Der andere Schimpanse, der ihn in seiner Seelenruhe irgendwann bemerkt, wird an der Hand in das Unterholz gezogen. Der Schimpanse schreit noch der im Tümpel spielenden Gruppe nach, aber es hat keinen Sinn. Sie watscheln eine Weile unter der feuchten dicken Tropensonne, an sonderbaren Pilzen und Pflanzen mit allesamt großen Blättern. Ihre Störenfriede erfüllen das Surren und Zirpen dieses Dschungels. An einer Stelle lässt der Affe die Hand seines Freundes los. Irgendetwas ist in der Ferne zu hören. Der andere Affe, dem die Geräusche erst kalt lassen, klettert dem anderen Affen hinterher. Wie in einem Lauffeuer erobern sie die Äste und Lianen, bis sie kaum merklicher sind als ein Rascheln der Baumkronen. Als die fremden unterschiedlichen Laute nun unüberhörbar die Stille beherrschen und sich langsam deuten lassen, kommen die beiden Affen zum Stillstand, die Blätter der Bäume herabblickend. Es geben sich schwarze große Wesen, doppelt so groß wie sie selbst, zu erkennen, die abseits eines knisternden Feuers sitzen und in der Nähe eine zartere Version mit gewölbtem Bauch, die einen Säugling hält. Sie wirkt apathisch im Gegensatz zu den anderen. An einem Baum an einer Liane hängt ein weiterer Schimpanse kopfüber an einem Fuß gefesselt. Dann und wann schreit er, obgleich seine Bewegungen schwermütig sind. Seine Augen sehen sonderbar aus. In dem Moment springt eines der Wesen auf die Beine, balanciert etwas auf einen Stein und bewegt seine Beine in einer Mischung aus Spinne und Krabbe davon. Was es macht, dass es auf die zarte Version zugeht, ist derart unwichtig für die Augen der Schimpansen, als dadurch die Sicht auf einen vierten Affen frei wird. Ein Affe einer anderen Art, jedoch. Er ist vollständig geknebelt. Die Lianen führen sich um sein Maul und wickeln sich wie ein Wust um seinen ganzen Körper. Das Blut, das sie benetzt und über die Schläfen seiner Stirn fließt, entrinnt jener zertrümmerten Schädeldecke. Wie ein fein abgemessenes Loch wurde die Kuppel, in der nun eine rosa milchige Masse pulsiert, entfernt und die Knochenscherben liegen alle ringsherum auf dem Boden. Die Arme und Beine wirken ausrangiert, sie hängen bloß leblos aus dem Wulst. Der Kopf strebt nach dem Überleben. So grotesk der Anblick aber auch sein mag, scheint er den Schimpansen nicht zu interessieren. Die Wesen, aber, verfolgen sie mit jedem Augenblick. Irgendwann scheint eines der Wesen auf eine Idee gekommen zu sein. Es springt auf vier Beine und den Affen fällt zum ersten Mal auf, dass sie Kleider aus Blättern und andere sonderbare Dinge an ihren Körpern hängen haben. Dass ihre Gesichter Muster haben und Nadeln aus Knochen in ihren Wangen stecken. Die Abendsonne versetzt die Szenerie langsam in ein durch das Feuer aufblühendes Zwielicht. Die Wesen beginnen damit, die Nadeln aus ihren Gesichtern zu ziehen und der, der die Idee hatte, deutet auf den gemarterten Affen und auf einen Baum vor ihnen. Die anderen Wesen stimmen in einen Pathos. Nadel um Nadel landet in der Rinde des Baumes und es wird gejubelt und  geschrien und irgendwann nach einer Weile wird klar, dass das Wesen mit den meisten Nadeln im Baum ein Stück mit einem scharfen Stein aus dem Affenhirn herausschneiden darf. Die Schimpansen beobachten eine ganze Zeit. Während das Spiel voranschreitet, verfolgen sie nur das: nur die Bewegungen der Nadeln und Steine, nur die der Arme und Hände, die werfen und schneiden. Nur, um nach ein Dutzend dieser Wiederholungen selbst Hand anzulegen, wobei der Affe, der nicht schreit, damit beginnt und der andere imitiert. Er bricht einen dicken Stock ab. Seine weißen scharfen Eckzähne schleifen kräuselnd das Holz der Rinde ab. Kurzum wird eine schmale Spitze erschaffen. Mit dem Griff ähnelt sie mehr einer Waffe. Diese Waffe im Fuß tragend, hangeln sich die beiden Schimpansen die Wipfel hinab. Sie sind nun sichtbar in der Strauchschicht des Dschungels und blicken durch sternenförmige Öffnungen des Geästs. Der gemarterte Affe war in der Zwischenzeit gestorben. Sein lebloser Körper war in dem Wulst aus Lianen zu Boden gekippt und seine Hirnflüssigkeit liegt in einer scharlachroten Blutlache, die aus seinem Schädel, wie aus einem Gefäß ausgelaufen schien. Das apathische zarte Wesen deutet den anderen auf die Leiche. Die Schimpansen reagieren. Erhobenen Urteils sausen die Nadeln aus ihren Händen auf die, aufgrund des geendeten Spiels, niedergeschlagenen Wesen herab und die langen Spitzen tauchen tief in das Fleisch ihrer Hälse. Mit einem letzten Ächzen sacken zwei zu Boden. Der in der Mitte stehende schaut sich verwirrt um. Die Schimpansen kommen aus ihrem Versteck. Das Wesen achtet auf die Richtung, aus der der Schrei kommt und lässt den Affen, der nicht schreit außer Acht. Sie überwältigen springen auf seinen Kopf, hämmern darauf ein und hinterlassen ihn blutüberströmt am Boden zurück. Sie tanzen auf den Leichen. Das zarte Wesen erstickt nahezu bei dem Anblick. Als hätte sie gerade ihre Kehle geschluckt, schnappen sich die Schimpansen die Steine, die neben dem getöteten Affen liegen und schneiden die Liane an, wodurch ihr kopfüber hängender Artgenosse befreit wird. Die Augen dieses Affen sind kalt und vergilbt von einem öligen Film überzogen. Es dauert eine Weile, bis sich der Affe von seiner Benommenheit erholt, aber schließlich springen und tanzen sie. Ihre Possen strahlen etwas albernes kindliches und zugleich etwas bis ins Mark des zarten Wesen erschütternde aus. Ihr ist gewiss, dass die Apathie ihrer Rolle und ihres Säuglings, wofern man diese so nennen kann, schwer beizubehalten sein wird. Denn im Abglanz der letzten Sonnenfäden des Abends spiegeln sich drei schwarze mit Blut befleckte Schimpansen in der helleren Schwärze ihrer Pupillen wieder.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast