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Thoughts of fate [BoyxBoy]

von nucahund
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
18.01.2021
06.05.2021
55
91.637
13
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10.04.2021 1.691
 
Träge wusch sich Elias das Gesicht, stützte seine Hände auf beiden Seiten des Waschbeckens ab und starrte in sein nasses, eingefallenes Gesicht.

Das Wasser ließ er einfach laufen. Es interessierte ihn nicht. Außerdem erfüllte es die stille Leere um ihn herum mit einem Geräusch. Wenigstens mit einem einzigen. Wenigstens dies gönnte man ihm, wenn es schon nichts anderes war.

Dunkle, violette Augenringe zierten sein Gesicht. Die Wunde an seiner Lippe war über die letzten Tage hinweg verheilt.

Morgen würden sie bereits wieder nach Hause, nach Xernovas fahren. Er freute sich darauf. Ein bitteres Lächeln schlich sich auf seine Lippen, während er sich selbst in die glasigen, roten Augen starrte und sich daran versuchte nicht erneut in Tränen auszubrechen.

Die Tage der Klassenfahrt waren schrecklich gewesen. Er hatte ohnehin nicht erwartet, dass man ihm Ruhe gegönnt hätte, doch dass es so schlimm werden würde, hatte jenseits seiner Vorstellungen gelegen.

Sie hatten ihn nicht verprügelt, nicht angefasst und schienen nicht einmal im Ansatz daran gedacht zu haben, ihm einen Schlag in die Magengrube zu verpassen.

Ein heiseres Lachen entsprang seiner vom Weinen viel zu rauen und trockenen Kehle. Sein Kopf pochte und schmerzte.

Als er zu Anfang an die Klassenfahrt gedacht und sich ausgemalt hatte, was sie sich nun schon wieder für ihn überlegt hatten, war er sich sicher gewesen, jede Tracht Prügel, jeden Schlag und jeden Tritt aushalten zu können.

Doch seine Erwartungen waren gebrochen worden oder besser, es waren eben jene Dinge eingetreten, über welche er nicht hatte, stehen und die er nicht einfach so überstehen hatte können.

Die Flecken auf seinem Körper waren verheilt und beinahe verschwunden, die Wunden hatten sich geschlossen, sein Gesicht hatte lange nicht mehr so eingefallen, mager und knochig gewirkt. Etwas, was wohl ziemlich logisch war, immerhin war kein Millimeter Haut mehr geschwollen. Alles war verheilt.

Und es war verrückt, dass er sich die Schmerzen und Schläge in diesem Moment zurückwünschte.

Er hatte nicht mehr alle Sinne beisammen. War verrückt geworden. Und doch entsprach es voll und ganz der Wahrheit. Denn wenn er in diesem Moment darüber nachdachte, was sie ihn in den letzten Tagen angetan hatten...

Er brauchte nicht einmal auf seine Arme blicken, die er sich in Verzweiflung, Schmerz und Panik aufgekratzt hatte, bis sie bluteten. Und dies taten sie im Gegensatz zu allen anderen Teilen seines Körpers regelmäßig. Er sorgte selbst dafür.

In den letzten Nächten hatte er bloß im Badezimmer, auf dem eisigen Fliesenboden, zitternd vor Kälte, wenigstens ein wenig Ruhe und Frieden finden können. Wenigstens dort hatte er die Möglichkeit bekommen sich hinzulegen und einige Minuten die Augen zu schließen, bevor eine weitere Welle des Zitterns und der Kälte über seinen Körper hergefallen war.

Es war schrecklich gewesen.

Tränen traten ihm in die Augen, als er daran dachte. Sie hatten ihm so unglaublich schlimmere Dinge angetan, als ihn bloß zu verprügeln. Ihm bloß Schmerzen zuzufügen.

Ein weiterer erstickter, lachender Laut entrang sich seiner Kehle und kam ihm krächzend über die Lippen.

Vor zwei Wochen noch hätte er sich selbst für verrückt und nicht mehr ganz bei Sinnen gehalten, wenn er gehört hätte, was er dachte. Oder wenn er es damals schon gedacht hätte. Doch da hatte er sich auch noch nicht vorstellen können, wie sehr Worte und unterschwellige Taten wirklich schmerzen konnten.

Er war es gewohnt beleidigt zu werden. Wurde es immer. Tag ein, Tag aus. Ob dort nun geschriebene Beleidigungen gegen ihn auf den Toiletten, an den Wänden, an den Türen, an seinem Platz, auf seinen Stühlen oder gleich auf seiner Kleidung oder damals Blöcken gewesen war.

Irgendwann hatte er nicht mehr so sehr darauf geachtet. Hatte sie ohnehin bereits verinnerlicht und so häufig immer und immer wiederholt und durchgegangen, bis er es selbst geglaubt hatte.

Und dies hatte er nicht einmal getan, um den anderen zu beweisen, dass sie ihn nicht mehr verletzen konnten, weil er es selbst wusste, sondern weil er wirklich so über sich selbst dachte. Weil ihre aller Worte zu seinen eigenen geworden waren und er an nichts anderes mehr dachte, wenn er sich selbst im Spiegel besah oder über all seine Fehler nachdachte, die er in seinem gesamten Leben bereits gemacht hatte.

Urplötzlich wurde ihm übel. Als hätte ihm jemand einen Schlag in die Magengrube versetzt und dort etwas getroffen, was ihm definitiv nicht gut bekam. Hastig drehte er sich um und schaffte es gerade noch so sich über die Schüssel der Toilette zu beugen, bevor er bereits begann zu würgen.

Sein Magen krampfte. Tränen traten ihm in die Augen und kämpften an seiner Wasserlinie darum, endlich über sein Gesicht rollen zu dürfen. Doch es ging nicht. Seine Augen sollten nicht noch rötlicher werden er wollte ihnen nicht noch weiter beweisen, wie sehr es ihm eigentlich wirklich schmerzte.

Mehr als ätzende Galle und Magensäure verließ seinen Magen nicht. Seine Kehle, sein Magen, sein Mund und sein Rachen brannten, als er endlich, nach quälend langen Minuten sie Spülung drücken, sich wieder zum Waschbecken drehen und erneut in den Spiegel starren konnte.

Eine einzelne Träne rollte über seine Wangen. Ihren Ursprung hatte sie dabei in seinen, noch glasiger gewordenen Augen. Er schniefte. Bereute es.

Seine Rippen begannen zu brüllen. Er hielt dabei sich seinen schrecklich krampfenden, schmerzenden Magen. Es mussten Tage vergangen sein, seitdem er das letzte Mal etwas gegessen hatte. Matt hingen ihm die blonden Strähnen ins Gesicht.

Vor einigen Tagen, nach dem Besuch seiner sechs Mobber im Café hatte es urplötzlich begonnen. Am Abend waren sie in das Zimmer gestürmt, welches er sich mit Collin und Darren teilte und hatten ihm vorgeworfen, er würde sich bloß so schwach, arm und hilflos darstellen, um nach Aufmerksamkeit zu buhlen.

Dass er danach in Tränen ausgebrochen war und sich zitternd unter seiner Decke vergraben und schluchzend gehofft hatte, dass sie endlich verschwinden würden, war wohl Bestätigung genug für sie gewesen. Denn danach hatten sie ihn damit nicht mehr in Ruhe gelassen.

Jede Beleidigung, jeden Tritt, jeden Schlag, jeden hasserfüllten Blick, jedes schlechte Wort konnte er aushalten, doch dabei ging es um etwas, was ihm ohnehin bereits viel zu sehr belastete. Er konnte dort nichts für. Konnte auch nichts ändern, obwohl er es so unglaublich sehr wollte.

Und ein nicht zu unterschätzender Aspekt waren dabei schon immer eben jene Jungen gewesen, die ihn nun noch weiter und exzessiver dafür mobbten und fertig machten. Als ob er sich dies wirklich ausgesucht hätte. Als ob er dies wirklich gewollt hätte.

Er buhlte nicht um Aufmerksamkeit. Hätte es anders getan. Anders hinbekommen und vielleicht auch gar nicht erst gebraucht, wenn er nicht in jener Position wäre, in welcher er sich gerade befand.

Er kniff die Augen fest zusammen, ballte seine Hände zu Fäusten und versuchte krampfhaft jedes Wort zu vergessen, jeden Moment, jedes Bild, das sich in seinen Kopf drängte, in welchen sie sich weinen Schmerz zu Nutze gemacht hatten, um sich damit selbst zu bespaßen.

Es hatte ihnen Spaß gemacht. Sie hatten daran Spaß gehabt. Es hatte sie amüsiert, wie er immer und immer wieder zusammengebrochen war. Sie hatten darüber gelacht als er in Tränen ausgebrochen war. Als es ihn deutlich berührt und ihm geschmerzt hatte.

Sie hatte es gefreut, dass sie eine neue Methode gefunden hatten, um ihn zu quälen und näher an jenen Abgrund zu stoßen, in welchem er kein Zurück mehr geben würde, wenn er einmal hineingestoßen werden würde. Sie wollten es. Sie legten es darauf an. Sie hassten es und hofften, dass er einfach nur verschwand.

Einen anderen Grund hatte er sich niemals ausmalen können, weshalb sie es so sehr taten. und doch hatte er niemals einen Grund gesehen, warum er ihnen so ein Dorn im Auge war. Weil sie einen Grund gehabt hatten, um ihn nieder zu machen? Doch warum bloß er? War es wirklich nur er?

Er wusste es nicht. Genauso wenig wie er wusste, wie sehr die Dinge ihn wirklich hatten verhöhnen und verletzen sollen, die er vor einigen Tagen auf seinem Bett gefunden hatte.

Bei dem Gedanken daran rollten ihm erneut einige Tränen über die Wangen, die er selbst durch die zusammengekniffenen Lider nicht hatte aufhalten können.

Zwei Paar Schuhe, einige Hosen, einige Pullover und mindestens eine Handvoll Shirts, genauso wie Unterwäsche hatte auf seiner ordentlich zusammengelegten Bettwäsche gefunden. Sie hatten ihn verhöhnen wollen. Hatten ihm zeigen wollen, was er nicht hatte und was sie sich mit dem Geld kaufen konnten, welches er nicht besaß. Niemals besitzen würde.

Er hatte die Sachen liegen lassen. War weinend aus dem Zimmer gerannt und hatte sich den gesamten Nachmittag bis spät in die Nacht, bis er sich hatte sicher sein können, dass die anderen schliefen, draußen hinter dem Haus im Schnee zusammengekauert. Er hatte gezittert, geweint, sich übergeben, geschluchzt und hatte den Gedanken vergessen wollen, wie sehr sie ihn mit so einer einfachen Geste verletzt und verhöhnt hatten.

Und dann war er wütend geworden. Wütend auf sich selbst, weil er ihnen so leicht gezeigt und deutlich gemacht hatte, wie sehr es ihn wirklich verletzte. Etwas, was er in den letzten Jahren nicht unbedingt hatte verstecken, aber doch deutlich mehr in sich vergraben können. Er hatte es nicht versteckt und doch hatte er es auch nicht gezeigt.

Bei dem Gedanken, dass sie ihn damit nie wieder in Frieden lassen und so lange weiter niedermachen würden, bis er selbst aufgab, trieben ihm erneut die Galle seine Kehle empor. Er konnte das nicht mehr. Wollte es nicht mehr.

Hastig wandte er sich von seinem Spiegelbild ab. Konnte sein eigenes, eingefallenes Gesicht nicht mehr sehen, musste sich von der Galle ablenken, die sich durch seine Innereien ätzte. Doch nicht bloß dies. Er war ohnehin bereits spät dran.

Als Abschluss hatten seine Lehrer sich eine Rallye durch die nahegelegene Stadt ausgedacht. Die Gruppen hatten sie bereits am Vortag zusammengestellt. Sie hatten nicht mehr getan, als mehrere Zimmer zusammenzulegen und anzunehmen, dass die Gruppen so gut gebildet waren. Dass der blonde, zierliche Junge nun einigen seiner Mobber unterwegs sein musste und diese sich auch mit dem Rest zusammentun würden, darauf hatte niemand geachtet.

Wieso auch.

Es war ja bloß er. Bloß er und sein kümmerliches, albernes und armeseliges Leben. Er war seiner Existenz nicht wert und es dauerte nicht mehr lange bis auch die letzte Faser seiner Selbst dies verstanden hatte.
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