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Thoughts of fate [BoyxBoy]

von nucahund
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
18.01.2021
06.05.2021
55
91.637
13
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Dieses Kapitel
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06.04.2021 1.615
 
Die Schritte, welche Elias draußen in dieser Eiseskälte getan hatte, waren steif und stockend gewesen. Seine Beine waren taub und schrecklich eisig gewesen. Er hatte das Blut beinahe schon in ihnen stocken und frieren hören.

Seine Sicht war verschwommen gewesen, sein Kopf hatte gewummert, gepocht und gehämmert und in einigen Schaufensterscheiben hatte er gesehen, wie seine Lippen blau angelaufen waren.

Noch immer spürte er die Gänsehaut, die seinen Körper in unendlich vielen Schauern befallen hatte. Spürte seine steifen Haarsträhnen im Nacken. Die heißen Tränen, welche auf seinen kalten, eingefallenen Wangen gefroren waren. Seine Wimpern, in welchen sich Eis und Schnee gesammelt hatte. Und seine Lider, die er mit der Zeit der schlechter und schwerfälliger hatte öffnen können.

Er war getaumelt. Immer wieder waren ihm seine Knie eingeknickt und er war zu Boden in den Schnee gefallen. Doch er selbst war so eisig und kalt gewesen, dass er es gar nicht mehr gespürt hatte. Vielleicht auch nicht mehr hatte spüren wollen.

Immer und immer wieder hatte er sich nach dem Sinn bei alldem gefragt. Hatte sich gefragt, was das Leben wohl noch viel schrecklicheres für ihn bereithalten konnte, wenn er nicht einmal seine zweite Dekade hinter sich hatte und es bereits den Höhepunkt erreichte.

Eine Antwort hatte er nicht gefunden. Ganz egal, wie sehr er durch die Stille in seinem Inneren geschrien, gebrüllt, geweint, geschluchzt und gewimmert hatte, eine Antwort war nicht gekommen.

Sein Leben hatte keinen Sinn. Niemand vermisste ihn. Niemand wollte ihm. Niemandem tat er etwas Gutes, wenn er weiter machte. Dies war es, was er sich selbst gezeigt hatte und es war beinahe traurig, dass es wirklich so lange gedauert hatte, bis er es endlich endgültig realisiert hatte.

Mit jedem Mal, dass er gefallen war und es außer die auffordernden, genervten Rufe der anderen Jugendlichen keinen Grund gab, wieder aufzustehen, hatte er versucht sich an den körperlichen Schmerzen festzukrallen, um in der Realität zu bleiben.

Alles war mit jedem Mal schlimmer geworden. Vor allem der Schwindel. Irgendwann waren sogar die Stimmen der anderen zu einem einzigen Wirrwarr verschmolzen, was bloß dafür gesorgt hatte, dass ihm seine Kopfschmerzen beinahe den Verstand geraubt hatten. Vielleicht hatten sie dies sogar.

Er konnte es nicht mehr einschätzen. Wusste bloß noch, dass ihm immer Schwärzer vor den Augen, seine Gliedmaßen schwerer und seine Motivation zu leben immer schwächer geworden war. Dort war nichts mehr gewesen, was ihn gehalten hatte. Kein Gedanke in dieser Stille, keine Berührung, kein Grund.

Und irgendwann hatten seine Finger den halt an den Schmerzen in seinem Brustkorb verloren. Er hatte sich nicht mehr festhalten, sich vor dem Ertrinken bewahren und vor dem Tod retten können. Er war ertrunken, nein, er war gefallen.

So schrecklich tief gefallen, als er gespürt hatte, wie sein Wille den Halt an seinen brüllenden Rippen verlor und dort im nächsten Augenblick nichts mehr war, was ihn oben hielt.

An mehr konnte er sich nicht mehr erinnern. Auch nun nicht, als ihm die Tränen über die Wangen rannten und er sich krampfhaft versuchte zu erinnern. Ihm war schwarz vor Augen geworden. Alles hatte überhand genommen. Und viel zu wenig war dort gewesen, was ihn in diesem Leben noch hielt. Dort war noch immer nichts.

Bloß der Gedanke an seinen Bruder, dass es diesen vielleicht sogar noch in seiner neuen Familie belasten könnte, hielt ihn auf. Eigentlich wäre dort auch noch der Gedanke daran gewesen, dass er damit das Schicksal eines anderen bewahrte, doch spätestens, als er Finn gesehen und zumindest irgendwie realisiert hatte, dass er vielleicht doch nicht der einzige war, war dies kein Punkt mehr, der für ihn zählte.

Seine Mobber hassten nicht bloß ihn, hatten nicht bloß ihn als Opfer, vergnügten sich nicht bloß an seinem Leid. Und dies war für ihn so viel schlimmer, als wenn es anders gewesen wäre. Denn dann gab es keinen Grund mehr zu bleiben und es nicht einfach zu beenden. Den hatte es niemals gegeben.

Erneut wimmerte er auf, vergrub sein Gesicht in seiner Bettdecke, schluchzte. Seine Hände vergruben sich zitternd in dem dicken, weichen Stoff. Seine Muskeln und Gliedmaßen zitterten noch immer und sie schmerzten.

Oh, wie schrecklich sie dies taten. Vielleicht wäre es in diesem Moment sogar leichter gewesen keine Arme und Beine mehr zu haben, als es auszuhalten. Doch daran verschwendete er bloß einige, wenige Gedanken. Eher noch blieb er bei den sechs Jugendlichen hängen.

Jene, deren Reaktion auf seinen Zusammenbruch, seine Unterkühlung und seine Schwäche er nicht mitbekommen hatte. Er konnte sich vorstellen, dass sie gelacht hatten, nach ihm getreten, geschlagen und durch den eisigen Schnee gezogen hatten, dass sie ihren Spaß gehabt und sich schmerzende Bäuche geholt hatten, bevor sie überhaupt das erste Mal darüber hatten nachdenken wollen, wie sie ihm helfen konnten.

Er wusste nicht genau, wie er hier her gekommen war - immerhin war er vor wenigen Minuten allein in seinem Bett aufgewacht -, doch er konnte sich kaum vorstellen, dass kein Lehrer angeordnet hatte ihm die kalte Kleidung auszuziehen, ihm die Haare zu trocknen, seine Schuhe von den Füßen zu streifen, ihn in seine Decke einzumummeln und ihm sogar Wärmflaschen zu besorgen, die noch immer ziemlich warm waren.

Die sechs Jugendlichen hätten dies niemals freiwillig getan. Vielleicht waren sie dies auch gar nicht gewesen. Wahrscheinlich hatten sie ihn nicht einmal anrühren wollen.

Es reichte ein einziger Gedanke an die letzten Momente, bevor er das Bewusstsein verloren hatte, da fror er bereits wieder zitternd am gesamten Leib und konnte keinen Gedanken mehr der Tatsache widmen, dass ihm doch eigentlich warm hätte sein müssen.

Vielleicht lag dies auch an seinem krampfenden Magen und dem Fakt, dass er sich auf Grund des Nahrungs- und Wassermangels so schrecklich und schwach fühlte, dass es beinahe ein Wunder war, dass er es schaffte zu weinen.

Collin fragte sich im selben Moment tatsächlich auch, wie es dem Jugendlichen erging und ob dieser nicht schrecklichen Hunger erleiden musste. Wahrscheinlich musste er das. Wenn er ehrlich war, war er sich da ziemlich sicher.

Er wollte dem anderen einige Brote schmieren, eine Suppe kochen und alles zusammen mit einem warmen Tee hinauf bringen. Dieser Gedanke erschreckte ihn. Er wusst nicht woher dies kam. Konnte es nicht einordnen. Wollte es vielleicht auch nicht. Es war immerhin einfacher, wenn er es nicht tat.

Trotzdem konnte er nicht anders, als nachdenklich zur Tür des Speisesaals der Jugendherberge zu starren und beinahe zu erwarten, dass der zierliche Jugendliche den Raum im nächsten Moment betrat.

Er sah beinahe schon vor Augen, wie er in seinen kaputten, schmutzigen und dreckigen Kleidung den Raum betrat und der Riss am Kragen seines schwarzen Shirts mit jeder Bewegung die er tat, sein knochiges, hervorstechendes Schlüsselbein zeigte. Beinahe schon hervorhob.

Darauf hatte er sich natürlich noch nie konzentriert. Es war ihm bloß einmal aufgefallen, als er und seine Freunde den mageren Jungen angegangen und ihn in die Enge getrieben hatten. Mehr war da nicht.

Und doch konnte er seine Gedanken nicht von diesem Bild losreißen, welches sich in seinen Gedanken zusammensetzte.

Die eingefallenen, viel zu bleichen Wangen. Die immerzu roten, vor Blässe und magerem Aussehen ein wenig vorstehenden Augen. Die blonden Haare, die ihm immerzu fettig, strähnig und dreckig viel zu lang und wild von seinem Haupt hingen. Seine blauen Augen, bei denen Collin immer wieder das Gefühl hatte, in seine Seele zu blicken und eine Geschichte, seine Geschichte erzählt zu bekommen.

All die Flecken, Wunden und Narben auf seinen dünnen Armen, mageren Handgelenken und grazilen Händen.

Es war nicht so, als hätte er ihn aufgrund dieser Merkmale schon einmal lange angestarrt. Mehr waren diese Dinge ihm nach und nach aufgefallen. Und seinen Blick hatten diese auch nicht überdurchschnittlich oft auf sich gezogen und festgehalten, weswegen ihm natürlich nicht hin und wieder entgangen war, wie oft er bereits zu geschlagen hatte.

All dies war noch nie geschehen, redete er sich ein. Er war immerhin keine ekelhafte Schwuchtel, sagte er sich.

Verstand nicht, dass man auch ohne diese Sexualität Dinge am selben Geschlecht anziehend finden konnte. Ignorierte es. Redete sich ein, dass es abnormal, ekelhaft und hassenswert war. So wie es immer gewesen war.

Jeder in diesem Raum hätte ihm wohl in jenem Punkt zugestimmt, dass der Jugendliche viel zu mager, dünn und ausgehungert aussah. Warum er dies nicht änderte, einfach aß oder sich neue Kleidung kaufte, die dies nicht so sehr betonte, wenn sein Stoffwechsel denn so war, blieb in seiner Welt ein Rätsel. Doch wahrscheinlich war dies aus demselben Grund, weshalb dieser in diesem Moment auch nicht in diesem Raum war.

Langsam ließ er seinen Blick über die anderen gleiten, blieb besonders bei Xavier und Darren hängen, dann nickte er sich selbst zustimmend zu. Es war genau das, was diese beiden auch denken würden.

Der Jugendliche tat dies bloß aus Gründen der Aufmerksamkeit. Er wollte mit diesen Dingen die Aufmerksamkeit aller anderen auf ekelhafte Art und Weise erlangen.

Erneut besah er sich in Gedanken den Jungen, bei dem er sich merkwürdigerweise noch immer wünschte, dass er durch die Tür gelaufen kam und sich an ihren Tisch setzte. Dabei verzog er ein wenig angeekelt das Gesicht. Ignorierte das Stechen, Pochen und Reißen seines Herzens, das ihn bei diesem Gedanken ereilte, vollkommen.

Wie konnte er sich solche Dinge bloß ausmahlen? Wie kam er denn bitte dazu? Er war doch keine ekelhafte Schwuchtel, die so etwas wirklich nötig hatte? Wer war er denn bitte solche Gedanken und Vorstellungen zu haben? Allein, dass er so viele Details des unglaublich Schwachen kannte, war beinahe schon urkomisch und albern.

Sein Herz stach schrecklich, es trieb ihm Tränen in die Augen. Trotzdem zwang er sich dazu über diese Gedanken zu lachen, um sich selbst zu überzeugen, dass er nicht so war.

Das war albern. Es konnte nicht so sein. Würde nicht so sein. Wer war er denn, so tief gesunken zu sein?
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