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Sie, das Mädchen welches immerzu lächelte.

KurzgeschichteAngst, Tragödie / P12 / Gen
17.01.2021
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Ihr Lächeln verzauberte so viele Menschen. So viele Menschen schmolzen nur so daher, wenn sie es aufsetzte.
So viele Menschen lächelten zurück. Aber meinten diese es auch so? Oder, sind diese einfach nur freundlich? Sind ihre Freunde wirklich für sie da oder werden diese sie auch irgendwann verlassen? So, wie es der Rest gemacht hat?
Wird sie, dieses dauerlächelnde Mädchen, wieder alleine sein? Alleine auf dem Schulhof sitzen und sich fragen, warum und wozu?
Wird sie wieder in ein Loch rutschen, tiefer und tiefer, bis sie den Abgrund erreicht?
Oder wird es dieses Mal anders laufen?
Hat sie dieses Mal Glück?
Wird sie vielleicht dieses Mal nicht alleine sein? Wird sie dieses Mal nicht verlassen?
Kommt dieses allzu bekannte Loch diesmal nicht?
Oder ist das Mädchen einfach nur zu optimistisch?
So viele Fragen, und auf keine einzige hat das Mädchen eine Antwort. Vielleicht, aber auch nur wenn sie sehr viel Glück hat, wird sie auch nie eine Antwort darauf brauchen. Nie eine bekommen.

Das Mädchen, von dem gerade die Rede war, stand in der Küche. Ein Küchenmesser ihrer Mutter in der Hand haltend, stand sie dort, ohne wirklich beschreiben zu können, was sie gerade fühlte.
War es Schmerz? Verlustängste? Oder einfach nur sehr schmerzhaftes Glück, weil die Chance, auch wenn sie sehr gering war, da war, dass sie bald gehen wird? War es vielleicht Wut, darauf, dass sie vielleicht nie eine Antwort auf all ihre Fragen bekommen wird?
Sie schaute auf ihre Hand, in der das Messer lag. Das Mädchen war so in Gedanken vertieft, dass es garnicht mitbekam, wie fest sie das scharfe Objekt eigentlich umklammerte.
Sie setzte ihr beliebtes und geliebtes Lächeln auf. Ihre Hand entspannte sich und für einen kurzen Augenblick zweifelte sie an der ganzen Situation, in der sie sich befand.
Was würden ihre Eltern von ihr denken? Dass sie am Ende des Tages doch nicht stark genug war? Sie egoistisch war und nur an sich selbst dachte? Waren ihre Eltern vielleicht enttäuscht von ihr? Bei diesem Gedanken zog sich alles in ihrem Brustkorb zusammen.
Weder wollte sie egoistisch sein, noch jemanden enttäuschen.
Eine einzelne Träne kullerte ihre Wange hinunter. Das, was sie mit dieser Aktion hervorrufen wird war, für ihre Verhältnisse, fatal.
Nein, das Mädchen mit den feuchten Wangen und dem Messer in der Hand durfte jetzt nicht zögern. Ausnahmsweise.
Sie wusste, dass dies vielleicht, nein, eher wahrscheinlich ihre letzten Momente auf dieser grausamen, kalten und doch so wunderschönen Erde und in diesem kleinen, zerbrechlichen Leben waren.

Sie setzte es an. Mit ihrem geliebten und gelobten Lächeln auf dem Gesicht, stumm weinend und in Gedanken an alle Menschen, die ihr Leben erträglicher gemacht haben. Ein schnitt, und die Eisenhaltige Flüssigkeit floss.

Schwarz. Rot. Schwarz. Rot.

Es war, als ob sich ihr Gehirn nicht entscheiden konnte, was es sehen wollte und musste.

Plötzlich wurde alles um sie herum weiß. Es brannte in den Augen des immer noch weinenden Mädchens.
Sie fühlte sich frei. Ja, fast schwerelos. Das Mädchen mit dem wunderschönen Lächeln fühlte nichts weiter als bedingungslose, unglaublich warme und wunderschöne Liebe.
Wenn das hier das allbekannte sterben war, wollte sie nie damit aufhören.
Plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung, änderte sich alles. Auf einen Schlag.






















Schreie.

Sirenen.

Schmerz.

Licht.




















Alles auf einmal. Ohne Gnade wurde das Mädchen mit dem unangenehmen und nervenaufreibenden Gefühl überrumpelt.
Alles an ihrem Körper schmerzte, nein, brannte vielmehr und ihre Muskeln spannten sich enorm an.
Bis alles mit einem einzigen, dumpfen Geräusch endete. Kein Schmerz, kein Leid. Keine Liebe, keine Wärme. Nichts.
Ihr Leben zog an ihr Vorbei. Rückwärts, von ihrem Todestag bis hin zu ihrer Geburt. Auch wenn das Mädchen sich sicher war, dass die ganze Prozedur nicht länger als ein bis zwei Sekunden dauerte, erfasste sie doch jedes Detail. Jede Erinnerung, jedes Gefühl prasselte auf sie hinab und für einen kurzen Moment bereute sie es, alles einfach so enden zu lassen.
Ohne sich jemals verliebt zu haben, ohne ihren ersten Kuss einfach so zu verschwinden.
Aber sie hatte sich entschieden, und das wusste sie. Es war, wie es war. Das Mädchen wird dies niemals ändern können. Nicht mehr.
Unbemerkt flossen die ersten Tränen und das Mädchen sackte zusammen. Schrie, bis ihre Stimme weg war. Sie kniff ihre Augen zusammen, in der Hoffnung, wieder zurück zu kommen.
Aber das tat sie nicht, und das wird sie auch niemals tun.
Alles um sie herum löste sich auf, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Genau so, dass sie alles genauestens beobachten konnte,  aber keine Zeit, um darüber nachzudenken hatte.

Das Mädchen, welches immer lächelte, so viele Fragen hatte, auf diese sie niemals eine Antwort kriegen würde, verschwand. Kälte umhüllte sie und ihr Körper, welcher gerade in diesem Moment verschwand, fühlte sich taub an.
Ein letztes Mal atmete sie ein und wieder aus. Ein letztes Mal lächelte sie, fühlte etwas, bevor sie für immer und ewig verschwand.
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