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Das Reich der sieben Höfe - Sternenlicht und Mohnblumen

GeschichteFantasy / P16 / Gen
Amarantha Feyre Archeron Rhysand
16.01.2021
26.02.2021
6
38.821
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16.01.2021 6.154
 
Genehmigte Übersetzung aus dem Englischen.
Das Original A Court of Starlight and Poppies von Turtle_Steed findet ihr unter Archive of Our Own.
Original Kapitel: The Color Red
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Rhysand verabscheute die Farbe Rot. Er hasste das tiefe Burgunderrot des gewürzten Weines, den der Hof der Königin trank, während sie über ihre Köpfe hinweg blickte. Er hasste das schimmernde Karminrot, das die Außenseite der Teppiche vor ihrem bronzenen Thron zierte. Rhysand hasste sogar die Preiselbeersoße über der gebratene Ente, die über den toten Vogel tropfte, als würde sie das geronnene Blut vom tödlichen Schlag eines Jägers verhöhnen. Aber mehr als alles andere hasste er das Rot von Amaranthas langem, glänzendem Haar.
Manchmal fragte er sich, ob sie merkte, wie sehr er die Farbe hasste. Das Rot, das heute Abend von ihr tropfte, ließ ihn erschaudern, und er fügte gewohnheitsmäßig Blöcke zu der unnachgiebigen Mauer seines Verstandes hinzu. Manchmal war sie so scharfsinnig, so grausam, dass er sich fragte, ob sie diejenige war, die in die Köpfe anderer schlüpfen konnte wie ein Dieb in der Nacht.

Vielleicht war Hass ein starkes Wort. Aber in diesen Tagen waren Hass und Abscheu Wörter, die Rhysand auf alle möglichen Dinge anwendete. Zum Beispiel hasste er die höhnischen Gesichter ihres Hofes, wie sie grinsten und intrigierten. Rhysand wäre nicht überrascht gewesen, eine zusammengekauerte Gruppe von vermummten Fae zu sehen, die ihre Fingerspitzen sanft aneinander reiben, während sie vergnügt grinsten. So wie unzählige Stücke von Velaris, die Verräter, Betrüger und Diebe darstellten. So typisch böse. Aber Hass war ein sehr vertrautes Gefühl für Rhysand, ebenso wie Abscheu und Wut. Alles verschiedene Grade dessen, was er gegenüber Amarantha und ihrem Hof empfand.

Er hasste die Kälte der Berghöhlen, die dunklen Schatten der Gänge und den üppigen Staub, der die steingehauenen Böden bedeckte. Rhysand jedoch begehrte seinen Hass. Hass und Wut waren so viel leichter zu ertragen als solche Gefühle wie Sehnsucht und Traurigkeit. Und sicherlich viel leichter als die ekelerregende Art von Glück, die Rhysand empfing, wenn er Amarantha erfolgreich davon überzeugte, an sein verführerisches Lächeln und seine süßen Lügen zu glauben. Amarantha zu gefallen, war etwas, das ihn sowohl empörte als auch erleichterte. Doch mehr als alles andere genoss Rhysand die Stille in seinem Kopf, wenn er nichts tat. Er sehnte sich nicht mehr, es tat ihm nicht mehr weh, an die Freunde und das Leben zu denken, welches er vor 49 Jahren verloren hatte. Rhysand genoss die Stille, die seinen Kopf erfüllte, wenn der brennende Hass längst verpufft war und die Abscheu vor seinen Taten ihn verließ. Die Stille war leicht zu verbergen, leicht mit einem aufreizenden Lächeln zu überdecken, und die Dunkelheit fegte in seinem Kielwasser.

Rhysand stand rechts von dem fein gearbeiteten bronzenen Thron, die Hände in den Hosentaschen, seine tiefblauen Augen tränten fast von der Abscheulichkeit des roten Kleides, welches ein paar Meter links von ihm saß. Amarantha war heute Abend in wahrer Form; ihr langes, karmesinrotes Haar war ordentlich zu einem Zopf auf dem Kopf gestylt und bildete eine Plattform für den Spott einer Krone, die sie auf dem Kopf trug. Die bronzene Krone war so gedreht, dass sie scharfe Dornen bildete, zwischen denen sich Rosen kringelten. Das Kleid, das sie trug, war so geschnitten, dass es ihre Brust und Taille umschloss, und mit goldenen Blumen gesäumt, die wenig dazu beitrugen, das blutige Kleid, das von ihrem Körper tropfte, zu trüben. Ihre Nägel waren fein säuberlich golden lackiert und spielten gerade mit dem Knochen, der um ihren Hals hing. Auf ihrer anderen Hand saß ein kastanienbraunes Auge in einem prunkvollen Ring; ihre Haut zog sich spöttisch zusammen, während sie den Thron fest umklammerte. Das Auge bewegte sich nicht, sondern starrte nur geradeaus, als ob der darin enthaltene Geist sich genauso leer fühlte wie Rhysand. Amarantha hatte die Beine gekreuzt, und ihre dunklen Augen starrten von ihrem Podest aus über die Menge. Ihre rubinroten Lippen waren zu einem grimmigen Lächeln verzogen, während sie ihren Hof unter sich betrachtete.

Amaranthas Hof bestand aus vielen Fae, die an den Höfen der High Lords um Macht buhlten. Ein paar von Rhysands eigenem Hof der Albträume hielten sich im Raum auf; ihre grausamen Gesichter boten Rhysand keinen Trost. Sie hatten diese Art von Atmosphäre, voller Gefangenschaft und Leid, immer genossen. Obwohl sie ursprünglich zu ihm gehörten, waren sie ihm gegenüber nicht loyaler als gegenüber jedem anderen High Lord. Die Mitglieder seines Hofes hatten Rhysand gehasst, so sehr, dass sie, als Amarantha die Macht übernommen hatte, Rhysands Hewn City verließen und sich ihrem Hof anschlossen, ohne auch nur einen bösen Blick zurück zu werfen. Rhysand verabscheute sie, viel mehr als sie ihn hassten, denn sie hassten ihn nur für die Kontrolle, die er ihnen so viele Jahre lang auferlegt hatte. Rhysand hasste sie von ganzem Herzen, für die grausamen Kreaturen, die sie waren und die sich von Angst und Macht ernährten. An jenem ersten Tag, an dem er ein Mitglied seines eigenen Hofs der Alpträume am Hof der Königin erkannt hatte, versprach er sich selbst, dass er sie für ihre Aufsässigkeit bezahlen lassen würde.

Mitglieder der anderen Höfe Prythians waren ebenfalls im Raum verstreut und mischten sich unter jene, denen sie vor Amaranthas Herrschaft nicht getraut hätten. Die Unbarmherzigsten und Sadistischsten der Prythian versammelten sich an Amaranthas Hof, die meisten ohne Einladung. Doch einige wurden heute Abend unter den Berg gerufen. Amarantha feierte ihren baldigen Sieg über Prythian. Sie wollte immer eine Audienz bei einer Feier. Der Rest der High Lords war noch nicht einberufen worden, so dass heute Abend nur zwei High Lords dem Thron der Königin beiwohnten.
Kallias verweilte inmitten einer Gruppe von blassen, hellhaarigen Fae. Er war herbeigerufen worden, eine Einladung ohne Wahl. Rhysand war der einzige High Lord, der von der Königin unter dem Berg gefangen gehalten wurde, gebunden durch seine Nützlichkeit und ihre Rache. Amarantha wollte ihn wegen der Verbrechen seines Vaters gegen den Frühlingshof, ihren einstigen Verbündeten. Der Rest der High Lords durfte ihre Ländereien regieren, obwohl ihre Kräfte nur noch ein Schatten dessen waren, was sie einst gewesen waren. Kallias unterhielt sich gerade leise mit den wenigen Mitgliedern seines Hofes, die allesamt sehr deplatziert aussahen. Rhysand fand, dass er ein bisschen wie ein Eisblock im Kamin aussah. Sein Haar war kurz geschnitten, ein kahler Alabaster, der von den flackernden Fae-Lichtern zu leuchten schien, die die Decke über ihm säumten. Seine kristallblauen Augen huschten nervös durch den Raum, aber sein Körper vermittelte die ruhige Zuversicht eines Wintersturms.

Rhysand fühlte sich an diesem Abend ungewöhnlich gereizt, nachdem er einen Großteil der Nacht zuvor mit der Bedienung von Amarantha verbracht hatte. Die Süße eines stillen Geistes war in dieser Woche unmöglich auszukosten, aufgrund ihrer ständigen Bedürftigkeit. Sie wurde immer unruhiger, je näher die Deadline für den Fluch kam, was sie noch bösartiger machte als in der Vergangenheit. Rhysand tat sein Bestes, um sie abzulenken, aber er war am Ende. Seine Abscheu war heute Abend schwer zu bändigen. Er war derjenige, der sie ermutigt hatte, den unzweifelhaften Sieg mit täglichen Partys und Festen zu feiern, und sei es nur, um sich von dem ständigen Zerkratzen zu erholen. Rhysand benutzte seine Macht, damit sie ihn wollte, sich nach ihm sehnte, so sehr, dass es für sie fast unmöglich war, an etwas anderes zu denken. Während er erfolgreich war, trieb ihn ihre Unruhe in den Wahnsinn. Amaranthas bösartige Natur war das schwierigste Biest, das er je zu zähmen versucht hatte.

Heute Abend war nur der erste Tag des Festes, der den Anfang vom Ende von Prythians Hoffnung signalisierte und der wahren Herrschaft Amaranthas über diesen Kontinent. Schräge Musik wurde gespielt von einer Gruppe früheren Mitgliedern seines eigenen Hofes. Wein und übermäßig reichhaltige Speisen wurden den Mitgliedern von Amaranthas Hof unter dem Berg serviert. Rhysand hasste diese Atmosphäre, denn sie erinnerte ihn so sehr sehr an seinen eigenen Hof der Albträume. Er scannte die Menge mit einem kleinen, kryptischen Lächeln auf seinem Gesicht. Rhysand hatte diesen Ausdruck so oft geübt, dass er ihn ohne mehr als ein Flackern von Konzentration heraufbeschwören konnte. Seine Hände steckten in den Taschen, und er stand mit zurückgezogenen Schultern da. Wie immer fühlte er sich ohne seine Flügel seltsam leicht. Rhysand dachte, das würde mit der Zeit verschwinden, aber ohne sie fühlte er sich immer wie ein Schatten seiner selbst. Seine Nacht glitzerte hinter ihm. Alles für die Show.

Rhysand dachte an seine goldhaarige Cousine und wie sehr sie diese Atmosphäre verabscheuen würde. Sie konnte vorgeben, grausam zu sein, so wie Rhysand grausam war, um seinen wahren Hof, sein wahres Zuhause zu schützen. Sie hätte jede Minute davon gehasst, aber sie hätte die neidischen Blicke genossen, mit denen sie in einem atemberaubenden Kleid aus der wunderschönen Kollektion seiner Mutter durch den Raum stolzierte. Selbst in Lumpen wäre Morrigan so schön, dass es weh tun würde. Es war Teil ihrer Fähigkeiten, eine Fähigkeit, die sie nutzte, um zu beschützen, was sie was sie liebte. Mor würde Velaris immer beschützen, die Unschuldigen an seinem Hof beschützen. Sie verstand, denn sie kannte den Preis, sie hatte ihn bezahlt. Deshalb war sie seine Stellvertreterin. Nach ihrer Nacht voller spöttischen Lächelns und der unverhohlenen Zurschaustellung von Macht, hätte sie eine ganze Flasche Wein auf einmal getrunken und gelacht bis sie weinte. Er konnte fast hören, wie sich ihre Stimme senkte, um Rhysands Tonfall zu imitieren: "Keir, wie kannst du es wagen, auf meinen königlichen Hintern zu schauen. Das nächste Mal, wenn du dir anmaßt, auf meine Arschbacken zu schauen, werde ich dich zu der Pisse machen, die du bist!" Sie wackelte bedrohlich mit den Fingern und und nahm dann einen weiteren Schluck Wein.

Rhysand dachte im Stillen an seine illyrischen Krieger, seine Brüder im Himmel. Cassian würde bedrohlich auf die Menge an seiner Seite hinabgrinsen, alle sieben Siphons glänzend, während er die Arme verschränkte. Cassian war immer der Kämpfer, der Zornige. Obwohl Cassian es leugnen würde, würde er diesen Ort genießen. Cassian genoss es, herausgefordert zu werden und denen, die an ihm zweifelten, das Gegenteil zu beweisen. Er würde die Show genießen, die er abzog, und insgeheim für einen Kampf beten, in dem er beweisen konnte, wer er war. Hinterher würde er über Mors Nachahmung von Rhysand lachen und in dem Moment, in dem er Rhysand allein erwischte, ihn beschuldigen, sein Training vernachlässigt zu haben. Azriel hingegen würde an eine Rückwand gelehnt sein, ungesehen und ignoriert. Seine Schatten würden sich um seine Schultern schlingen, seine Kleidung wäre dunkel. Sein Gesicht wäre ausdruckslos, kein Lächeln. Nur pure, stille Boshaftigkeit. Azriel, wie Mor, würde hassen, was dieser Ort repräsentierte. Aber er würde die tiefen Schatten in den Ecken des Thronsaals und in den Gängen lieben. Er würde es genießen, wie die Schatten ihm etwas über die Bewegungen des Hofes zuflüsterten. Und nachher, wenn Mor und Cassian tranken, würde er schweigend zusehen, wie er es immer tat. Leise liebte er beide aus seinen Schatten heraus.

Amren, der kleine Erpel, hätte sich nicht einmal die Mühe gemacht, zu kommen. Sie wäre in Velaris geblieben, hätte es immer gehasst, ein Kleid zu tragen und so zu tun, als sei sie nicht das jenseitige Wesen, das sie war. Aber wenn Rhysand sie gebeten hätte, zu kommen, hätte sie vielleicht darüber nachgedacht. Und wenn sie gekommen wäre, würde sie sicherlich nicht in diesem Thronsaal sein. Er vermutete, dass sie in der Küche sein würde oder vielleicht in einem ruhigen Raum an der Seite mit einem jungen Mann mit einem langen Hals. Selbst Amarantha wäre klug genug, Amren nicht herauszufordern, den Dämon, der nicht kontrolliert werden konnte. Und danach würde sie am lautesten über Mors Imitation von Rhysand lachen,  ihre geisterhaften Augen würde blitzten, während sie ein Glas Blut hinunterkippte.

Als Rhysand an seinen Hof der Träume dachte, fühlte er nichts. Einst hatte er sich nach ihnen gesehnt, gehofft mit ihnen wiedervereint zu sein. Aber als er an sie dachte, wurde er wieder von Stille erfüllt. Ein solches...Nichts. Nie wieder würde Rhysand seine Freunde sehen, nicht wenn sie am Hof der Nacht blieben, um sein Volk zu verteidigen. Rhysand konnte sich nicht mehr an ihre Gesichter erinnern, nicht vollständig. Er konnte nur noch nur die nackten Knochen, das Gold von Mors Haar, das Schimmern von Amrens Augen, die Schatten von Azriels Gesicht und Cassians breites Grinsen sehen. Aber es war wie der Versuch, sich daran zu erinnern, wie man ein Puzzle zusammensetzt. Puzzle zusammenzusetzen, dem Teile fehlten. Teile eines Ganzen, das er sich nicht mehr vorstellen konnte. Es war 49 Jahre her seit Rhysand das fertige Puzzle seines Lebens gesehen hatte, seit Amarantha ihm diese Teile gestohlen; Teile von ihm gestohlen und durch diesen Albtraum ersetzt hatte. Rhysand schluckte schwer und fragte sich, ob diese Stille ein Zeichen für den Verlust seines Verstandes war. Aber er behielt das spöttische Lächeln auf seinen Lippen. Er lockerte den Griff um seine Macht, erlaubte den Ranken der Nacht, um ihn herum zu sickern. Gerade genug, um diejenigen, die ihn beobachteten, genau daran zu erinnern, wer er war. Rhysand, ungeachtet des Fluchs, den Amarantha über ihn und den Rest der High Lords gelegt hatte, war immer noch der mächtigste Mann der Welt. Den es jemals gegeben hat. Selbst mit nur noch schimmernden Resten seiner Macht, könnte er jeden in diesem Thronsaal mit etwas mehr als einem halben Atemzug töten...bis auf einen. Dem einen, auf den es ankam.

"Rhysand", krächzte Amarantha und legte beide Hände auf die Arme ihres Throns, die goldenen Nägel schimmerten. Rhysand drehte sich halb zu ihr um und zupfte anmutig ein unsichtbares Stück Fussel von seiner Tunika. Der Rest des Raumes war beim Klang ihrer Stimme augenblicklich still geworden. Sogar die Musik  verstummte.

"Ja, Eure Majestät?" Seine Stimme klang wie seidenes Laken. Oh, wie er sie hasste. Aber er wurde was sie wollte, was sie von ihm erwartete. Unnachgiebig, grausam und völlig von ihr beherrscht.

"Diese Party langweilt mich langsam, dich nicht auch? Vielleicht können wir einen Weg finden, sie ein wenig interessanter zu gestalten." Amarantha zeigte ihre Zähne in etwas, von dem Rhysand annahm, dass es ein Lächeln war, aber für ihn sah es mehr wie ein Knurren aus als alles andere.

"Bring Caren herauf", krähte sie dem Attor zu, der wie eine Schlange um die Menge herumschlich, die ihrem Thron am nächsten war. Ihr Lächeln wurde noch breiter, bis sie wirklich animalisch aussah.

Der Attor verbeugte sich und zischte: "Wie Ihr wünscht, Eure Majestät. Bringt den Gefangenen hoch." Er winkte mit einer schuppigen grauen Hand, und zwei Fae mit schwarzem Seidenpelz am Körper verschwanden durch den offenen Torbogen im hinteren Teil des Raumes. Rhysand hatte das Gefühl, als würde ein Stein durch sein System dringen, aber bevor er dieses Gefühl fassen konnte, war es wieder weg.

Der Rest des Raumes begann wieder zu plappern, die schräge Musik setzte wieder ein, während sie darauf warteten, dass die Fae mit der Abendunterhaltung zurückkehrten.

Rhysand nahm seine Hände aus den Taschen und ging zu einem Tisch an der Nordwand des Thronsaals, der mit verschiedenen Vorspeisen und Alkohol beladen war. Rhysand schenkte sich ein Glas von dem ekelerregenden Burgunderwein ein und nahm einen langen Zug. Er drehte dem Tisch den Rücken zu und beobachtete das Podest, auf dem Amarantha saß, während die Party weiterging. "Guten Abend, Rhysand", sagte eine eisige Stimme von seiner Rechten.

Kallias hatte sich ein Glas mit prickelndem Champagner eingeschenkt. Er trug eine blassgraue Tunika. Seine gebleichte Haut schien im Widerspruch zu den flackernden Fae-Lichtern und den Steinwänden zu stehen. Sein weißes Haar schimmerte. Trotz seiner selbst spürte Rhysand einen kühlen Wind und unterdrückte einen Schauer, als Kallias sich lautlos seiner Seite näherte.

"Hallo Kallias. Du weißt, du kannst mich Rhys nennen, nur meine Feinde nennen mich Rhysand." Rhysand lächelte ihn breit an und zeigte dabei seine Zähne. Als keine Antwort kam, stürzte er den Rest seines Weines mit einem Schluck hinunter. Rhysand konnte erkennen, ohne in seine Gedanken einzudringen, dass er sich fragte, ob Rhys ein Freund oder Feind war.

"Es ist schon eine Weile her, dass du uns mit deiner frostigen Anwesenheit unter dem Berg beehrt hast. Du gehst uns doch nicht etwa aus dem Weg, oder?" Rhysand starrte in den kühlen Blick von Kallias und bürstete seinen Geist an Kallias' gletscherartiger Wand. Rhysand schlüpfte hinein, ohne dass Kallias es bemerkte und war überrascht, ihn so voller Traurigkeit und gieriger Sehnsucht vorzufinden. Allerdings war Rhysand nicht überrascht, die Angst zu spüren, die durch seinen Geist sickerte und jede andere Emotion überlagerte.

Rhysand mochte es nicht, in die Gedanken anderer High Lords einzudringen, aber Amarantha hatte ihm in der Nacht zuvor einen direkten Befehl gegeben. Sie hatte Kallias an den Hof beordert, wie sie es mit vielen der anderen in den nächsten paar Monaten vorhatte, um ihre Loyalität zu testen. Rhysand konnte immer noch das Zischen in seinem Ohr hören, als sie ihn letzte Nacht geritten hatte: "Wir sind von solchen Verrätern umgeben, mein Liebling. Du wirst sie für mich finden." Ihre Stimme war atemlos und hoch, aber er spürte die Anziehungskraft ihrer Macht genau so. Ihre Macht kontrollierte ihn nicht, aber der starke Einbruch seiner eigenen Kräfte reichte aus. Dennoch, der Selbsthass über den Verrat, in den Geist eines anderen einzudringen, war nicht leicht zu zügeln.

Hure. Wie kann er das nur ertragen? Kallias Gedanken schrien ihn fast an. Ihr Duft ist überall auf ihm ... und dieser rote Fleck an seinem Hals ... Kallias Ekel traf Rhysand wie der kalte Wind über einem illyrischen Berglager.

"Natürlich nicht." Kallias ließ sein Gesicht sorgsam ausdruckslos und kalt wie ein Schneesturm. "Die Samhain- und Wintersonnwendfeiern haben mich auf Trab gehalten. Es ist schwierig, den Winterhof zu dieser Zeit zu verlassen. Das könnt Ihr sicher verstehen." Kallias war immer so wortgewandt.

Es war eine hinterhältige Bemerkung. Nynsar war kein Geheimnis vor den anderen Höfen, denn viele reisten zum Nachthof, um die schönen Geister zu feiern, die in dieser Nacht den Nachthimmel durchwanderten. Und es war kein Geheimnis, dass es Rhysand in den letzten 49 Jahren nicht erlaubt gewesen war, Nynsar zu sehen. Samhain jedoch war eine Feier des Endes der Ernte und des Beginns des Winters.

Kallias versuchte, eine weitere Schicht an der Wand in seinem Kopf einzufrieren, ohne zu merken, dass Rhysand bereits durch seine Erinnerungen ging. Rhysand versuchte, durch die nutzlosen Erinnerungen in seinem Geist zu springen und versuchte, genug Informationen zu finden, um die Königin zu besänftigen. Es war schwer, die weißhaarige Frau zu ignorieren, die Kallias' Gedanken einhüllte, obwohl ihr Gesicht verschattet war, als hätte Kallias sie schon lange nicht mehr gesehen. Rhysand hasste sich selbst noch mehr für diese Erkenntnis, und er hasste die Tatsache, dass Kallias gut war, wirklich gut. Er wollte das Beste für sein Volk und beschützte seinen Hof mit einer solchen Leidenschaft, wie Rhysand nur die Seinen geliebt hatte.

"Verstehe, dass ich das kann. Obwohl man deine Anwesenheit am Hof sicherlich vermisst hat. Man muss sich fragen, ob Ihr aus anderen Gründen abgelenkt wart." , sagte Rhysand sanft, stotterte aber fast beim letzten Wort seines Satzes. Helions hübsches Gesicht und Tarquins Meerschaumaugen erschienen in einer Erinnerung von vor nur einer Woche. In einer Gegend, die Rhysand eindeutig als Sommerhof erkannte. Verdammt.

Rhysand wollte nichts Wichtiges finden, nur genug, um sie von ihm loszuwerden. Vielleicht ein Winterhof-Spion in ihrer Mitte. Oder dass Kallias einige seiner Ressourcen vor ihr verbarg... aber... Dumme Bastarde. Sie sollten versuchen, Tamlin zu helfen, und nicht versuchen, eine Armee aufzustellen, um sie zu besiegen. Rhysand wusste, selbst wenn eine Armee gegen sie unter dem Berg marschierte, würde es wenig bedeuten, wenn sie alle immer noch von ihrem Bann kontrolliert würden. Rhysand wusste, dass gegen ihre vollständige Kontrolle selbst eine Armee nicht ausreichen würde. Nicht, wenn sie sie mit ein paar Gedanken in die Knie zwingen konnte. Sie war nicht so mächtig wie ein High Lord, aber sie hatte genug eigene Macht und Kontrolle über die ihren, dass sie hoffnungslos gegen sie waren.

Kallias bemerkte die Veränderung in Rhysands Stimme nicht, aber sein Gesicht war noch blasser als zuvor. "Abgelenkt nur durch die Verantwortung-," Er wurde unterbrochen durch das Rauschen des Hofes der Königin um sie herum.

Die Menge teilte sich, und die beiden pelzigen Fae stolperten herein, einen dunkelhaarigen Mann zwischen sich greifend. Er war blass, hatte zwei geschwollene Augen und eine aufgeplatzte Lippe. Blut tropfte ihm aus einer Wunde über den Augen ins Gesicht. Eines seiner zarten, spitzen Ohren fehlte und hinterließ ein klaffendes, blutiges Loch in der Seite seines Kopfes. Als sie ihn auf den teppichbedeckten Boden warfen, starrte er auf den bronzenen Thron und die darauf sitzende Frau, mit Augen, wie eine grüne Flamme. Seine Kleidung war dunkel gefärbt mit einer Mischung aus seinem eigenen Blut und Dreck, aber seine Lippen blieben in einer festen, trotzigen Linie gezogen.

"Hallo, Caren." Amarantha stand auf, ging an den Rand der erhöhten Plattform und sah mit einem fast schadenfrohen Blick auf den Fae-Mann herab.

Der Hof unterhalb des Berges war still, das einzige Geräusch war das Schlurfen der Füße, als die Leute versuchten, einen näheren Blick zu erhaschen. "Man sagte mir, dass du meinen Dienern immer noch nicht erzählt hast, was du vor all den Jahren beim Herumschleichen um meinen Hof herum getan hast. Das ist eine Schande. Rhysand sagte mir, dass du die Fähigkeit besitzt, Teile deines Körpers zu verwandeln. Selbst an Tamlins Hof ist das eine seltene Gabe." Caren wandte seinen Blick nicht von ihrem Gesicht ab, der Hass sickerte in fast greifbaren Wellen aus seinen Augen.

"Schande." sagte Amarantha erneut. "Bist du sicher, dass du nichts zu sagen hast? Jetzt ist deine Chance. Wenn du jetzt sprichst, könnten wir vielleicht eine Verwendung für dich an meinem Hof finden." Ihre dunklen Augen bohrten sich in die seinen. Ihre Hände waren wie Krallen an ihrer Seite. Ihr Kopf war zur Seite geneigt. Jurians Auge wirbelte herum und sah den jungen Mann an.

Caren blieb stumm, unnachgiebig, und seine Augen brannten weiter wie eine grüne Flamme. Es war beeindruckend wirklich, dass er seine Augen so lange offen halten konnte, wenn sie dieses abscheuliche Kleid trug, dachte Rhysand verbittert bei sich.

Amaranth schnalzte mit der Zunge: "Tsk, tsk. Nochmal, was für eine Schande." Sie hob ihren Blick von dem schmutzigen Mann zu Rhysand, der locker an der Seite von Kallias stand. "Komm, Rhysand."

Rhysand schlenderte heran, ein kleines Lächeln auf seine Lippen gemalt. Unnachgiebig. Grausam. "Wenn du hast, was ich brauche, töte ihn. Er hat genug Platz in meinem Gefängnis verschwendet." Amarantha zischte grausam, bevor sie sich auf ihren Thron zurückzog und mit einer Hand wedelte, als würde sie eine Fliege verscheuchen. Carens trotziger Blick glitt zu Rhysand. Während sein Blick unverändert blieb, so hasserfüllt wie beim Anblick der Roten Königin blickte, fühlte Rhysand ein Zittern der Angst in seinem Geist aufschimmern. Er konnte den sauren Hauch davon, der in der Luft lag, riechen.

Er ließ eine Hand zurück in seine Tasche gleiten, zum Teil, um die Menge davon abzuhalten, das Zittern seiner freien Hand zu sehen. Rhysand schlüpfte in Carens Geist, ergriff die vollständige und totale Kontrolle, seine bloße Hand rollte sich zu einer Faust. Caren atmete nur, wenn Rhysand ihn atmen ließ. Sein Blut floss nur dort, wo Rhysand es wollte. Seine Muskeln entspannten sich unwillkürlich, selbst als sich seine Angst auf ein fast unerträgliches Maß steigerte. Trotz der dröhnenden Stille in Rhysands eigenem Kopf, drehte sich sein Magen um.

In Carens Geist flüsterten Rhysands samtige Gedanken: "Es tut mir leid. Es tut mir leid, was sie dir angetan hat. Es tut mir leid, dass ich dich nicht davor bewahren kann." Rhysand ließ sein Gesicht in einer kalten, amüsierten Maske verharren während er diese Dinge dachte.

Caren dachte verzweifelt zurück: "Warum? Warum dienst du ihr dann?" Caren war wütend, so sehr wütend. Caren wurde von Rhysands Kraft in die Knie gezwungen, und seine Kehle bog sich zurück, um seinen Hals zu entblößen, den Mund offen und die Augen immer noch voller Schrecken. Alles Teil der Show.

Rhysand begann, seinen Verstand behutsam zu durchforsten, auf der Suche nach Informationen darüber, was Tamlin tat. "Ich diene ihr, um meinen Hof zu retten. Und um sie von anderen abzulenken, wenn sie versuchen, den Fluch zu brechen." Nur den Toten würde er erlauben, diese Dinge zu wissen, die Wahrheit zu sehen, die wie Perlen aus diesen Gedanken schimmerte.

Caren hatte Tamlins Hof viele Jahre lang als Lord gedient, Rhysand konnte Tamlins langes Haar und sein junges Gesicht vom Speisesaal des Frühlingshofes aus sehen. Und als Rhysand durch seine Erinnerungen sah, die butterweich waren, als Caren sich ganz Rhysands Kontrolle übergab, sah er den Moment, in dem Tamlin ihn bat, für ihn zu spionieren. Tamlin hatte jetzt ein leicht angestrengtes Gesicht und die Maske, die er verflucht war, für immer zu tragen. Aber trotz des Risikos und ungeachtet der Kosten bat Tamlin ihn, Amarantha auszuspionieren. Er sollte Amaranthas Hof durchforsten und versuchen, einen Weg hinein zu finden oder Leute unbemerkt hinaus zu bringen. Was für eine Dummheit. Er sah den Moment, in dem Caren unter einem der krallenbewehrten Mitglieder von Amaranthas Hof eingeklemmt war. Rhysand beobachtete, wie Caren verzweifelt versuchte, sich zu verwandeln, um zu entkommen, indem er seine Handgelenke klein genug machte, um durch die Glieder zu gleiten, oder groß genug, um sie zu brechen. Trotz seiner Fähigkeit, sich von den Ketten zu lösen, schaffte es Caren nie, die Tür zu passieren. Rhysand beobachtete aus der Ecke von Carens Erinnerung, wie er ausgepeitscht, befragt und wieder ausgepeitscht wurde.

"Warum solltest du das riskieren? Was hat er vor?" fragte Rhysand verzweifelt. Er war sich der Augen um sie herum bewusst, die auf ihn und den Mann gerichtet waren.

Caren lachte leise in seinen Gedanken. "Was sollte er nicht versuchen zu retten? Tamlin hat in all den Jahren keine Fortschritte gemacht, diesen Fluch zu brechen...nach so vielen Jahren, in denen seine Freunde um ihn herum starben, von den Menschen jenseits der Mauer getötet wurden, hat er aufgegeben. Seine einzige Hoffnung ist es, anderen zur Flucht zu verhelfen. Die zu beschützen, die beschützt werden können, und die zu befreien, die sich ihrer Kontrolle entziehen." Als Rhysand diese Gedanken hörte, spürte er, wie ihm etwas den Boden unter den Füßen wegzog. Rhysand hatte gedacht, all seine Hoffnung sei dahin, er hatte schon lange aufgehört, davon zu träumen, frei zu sein...aber zu hören, dass Tamlin keine Fortschritte gemacht hatte, den Fluch zu brechen...

"Tamlin ist ein Narr. Es gibt kein Entkommen vor Amarantha. Es gibt nur Tod und Leid." Selbst für Rhysand fühlten sich seine Gedanken leer an.

"Wenn es kein Entkommen gibt, keine Hoffnung, dann bitte. Lass es zu Ende sein. Beende es." Carens Gedanken waren zwar traurig, aber nicht ängstlich. Sein Geist war ruhig, wie das Meer ohne Wind.

Rhysand fühlte nichts. Da war ein Rauschen in seinen Ohren. "Bitte..." , dachte Caren. Und Rhysand wusste, dass er spürte, wie Rhysand seine Kraft sammelte.

"Kessel rette mich. Mutter, halte mich. Führe mich zu dir..." , betete Caren in seinen Gedanken.

Rhysands eigene Gedanken schlossen sich seinen an: "Lass ihn die Tore durchschreiten, lass ihn das unsterbliche Land von Milch und Honig riechen..." Mit einem kleinen Zucken seiner Finger nahm Rhysand ihm die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden.

Und dann schloss er seine Faust.

Carens Gedanken bliesen aus wie eine Kerze, und Rhysand wurde in seine eigenen Gedanken zurückgeworfen. Als Rhysand seine Kraft freisetzte, fiel Carens Leichnam zu Boden. Seine Augen waren aufgerissen mit einem schockierten Ausdruck, den Rhysand ihm aufgemalt hatte, seine Hände ungeschickt unter seinem Körper gefaltet, als er nach vorne von seinen Knien fiel. Das Blut um sein Ohr herum, das an seinem Gesicht heruntertropfte, war blendend rot.

Um ihn herum herrschte Stille. Kallias ließ kalte Wellen aus sich heraussickern, aber Rhysand konnte nur seinen eigenen Herzschlag hören. Rhysand lächelte grausam zu Amarantha hinauf, der perfekte Hund, den sie von ihm wollte zu sein. Wuff, wuff. Rhysand dachte dumpf vor sich hin.

"Es scheint, dass Caren hierher geschickt wurde, um nach einem Weg an Euren Hof zu suchen, Majestät. Es scheint, dass Tamlin hoffte, Verbündete zu finden", sagte Rhysand schmunzelnd. Er ließ beide Hände in seine Taschen gleiten, um ihr Zittern zu verbergen.

"Er ist ein Narr, wenn er glaubt, hier gäbe es Verbündete für ihn", legte sie eine gepflegte Hand unter ihr spitzes Kinn und stützte sich mit dem Ellbogen auf die Armlehne ihres Throns. Rhysand konnte, trotz der Festung, die ihren Geist umschloss, den Hauch von Wut und Schmerz spüren, der hinter ihren Mauern hervorsickerte. Er wusste, dass es sie unendlich ärgerte, dass Tamlin sie nicht wollte, auch wenn er sie verabscheute.

"Du kannst tun, was du willst", winkte sie ihn ab. Sie mochte es nicht, Rhysand anzusehen, wenn sie an Tamlins Verrat dachte. "Kallias", krächzte Amarantha stattdessen.

Er schluckte seinen eigenen Selbsthass hinunter und verbeugte sich, als sie ihn entließ. Er drehte sich um und stolzierte durch die sich teilende Menge und ließ die sternenklare Nacht hinter sich. "Kessel rette mich... Mutter halte mich...führe mich zu dir..." Er dachte leise vor sich hin und fragte sich, ob er in Flammen aufgehen würde wie ein Heide in Flammen aufgehen würde. Denn, während er voller Hass war, sowohl auf sich selbst als auch auf Amarantha, fühlte er auch einen Schimmer von Freude. Er war froh, Caren getötet zu haben. Er war froh, dass er in der Lage war, den Verstand zu erforschen und die absolute Wahrheit zu sehen. Rhysand war froh, ihr zu gefallen, indem er ihr Informationen gab.... Denn wenn sie mit ihm zufrieden war, hielt das ihre Aufmerksamkeit vom Hof der Nacht ab. Weg von seinem Hof der Träumer, von Velaris und seinem tadellosen Volk. Die Haut an seinen Knien juckte. Das Gewicht dieses Versprechens war immens. Nur für seinen Hof würde er sich beugen. Und wenn sein Hof ihn dazu zwang, sich zu beugen, zu töten, zu spionieren, Amarantha zu ficken, würde er es tun, immer wieder.

Als er in den hinteren Teil des Raumes ging, um zu fliehen, zischten ihm Gedanken und leise Worte zu von denen, die ihn sowohl hassten als auch eifersüchtig auf ihn waren. Hure. Amaranthas Hure. Und für seinen Hof, würde er ihre Hure sein. Für immer.

Er betrat den Korridor durch die gewölbte Türöffnung und ging lässig auf sein Privatquartier zu, ganz in der Nähe von Amaranthas eigenem. Er winkte lässig mit der Hand, entriegelte und öffnete die Tür mit diesem winken. Mit einem weiteren Wink schloss Rhysand die Tür. Mit einer raschen Bewegung legte er sich auf sein großes Mahagonibett. Er lag auf der Seite und starrte auf das schwindende Feuer in seinem Kamin. Ein Feuer, das so ähnlich war wie dem Feuer in Carens Augen. Nach einer Minute rollte er sich auf den Rücken und presste die Handballen auf seine Augen. Feurige grüne Augen brannten hinter seinen Lidern. Und in seinen Ohren hörte er immer noch ihr Geflüster...Hure.

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Rhysand wusste, dass er träumte. Seine Perspektive war zu klein, und zu verschwommen, um mehr als ein Traum zu sein. Es war, als würde er durch die Augen eines anderen Menschen sehen, verschwommen und mit leicht veränderten Farben. In seinem Traum beobachtete er eine Hand, die auf einen Tisch malte. Es war ein alter Eichentisch, seine Kanten waren vom Gebrauch verschmiert und einer ungleichmäßiger Fleck. Über die Kanten des Tisches waren wunderschön gemalte Mohnblumen verteilt. Beim Malen dieser Blumen, hielt eine kleine, weibliche Hand einen Pinsel. Der Pinsel wurde offensichtlich oft benutzt, einige der weichen Pinselhaare ragten durch den Gebrauch zackig heraus. Das Holz des Pinsels war mit mehreren Farben befleckt, ein Gemälde für sich. Die Hand, die den Pinsel hielt, hatte kürzere Finger, kurz genug, dass er, während er beobachtete, wie die Hand eine fließende Mohnranke aus grüner Farbe formte, erkannte, dass es ein Mensch sein musste. Die Nägel dieser Hand waren zwar rosa, aber zackig und hatten einen Schmutzfleck unter den Spitzen. Die Hand war dünn, als hätte die Person, die mit ihr malte, nicht genug zu essen, aber trotzdem hatte sie eine so anmutige Geschicklichkeit. Die gemalten Mohnblumen waren ein weiches, leuchtendes Rot, hübsch und klein. Wie kleine blühende Glut.

Während er zusah, sehnte er sich nach Hause, nach Velaris. Er sehnte sich, wie er sich schon lange nicht mehr gesehnt hatte. Velaris, voller Kunst, Freiheit und einem wunderschönen Himmel. Er sehnte sich danach, zu fliegen, ohne Angst, dass ihn jemand sah. Der Nachthimmel über Velaris, mit tausenden von Sternen über ihm, war etwas, das er seit 49 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Genauso lange hatten seine Flügel sein Gewicht nicht mehr getragen. Rhysand fühlte sich so leicht ohne ohne sie. Den Himmel außerhalb seines Hofes hatte er seit seiner Gefangenschaft nur zweimal gesehen, den Kuss des Windes auf seinem Gesicht, so oft, dass er ihn an einer Hand abzählen konnte. Und so, während er diese schöne menschliche Hand betrachtete, schickte er ihr durch diesen Traum eine Botschaft, in der Hoffnung, dass die Besitzerin in der Lage sein würde zu sehen, was sie als nächstes malen sollte. Dieser Gedanke war ein offener Nachthimmel, leuchtende Sterne und ein Vollmond über dem Kopf. Perfektes Flugwetter. Die Hand, die nicht zu verstehen schien, malte weiter Mohnblumen.

Rhysand kam langsam zu Bewusstsein und erkannte, dass die Störung von Amarantha kam, deren rotes Haar hinter ihr schimmerte, als sie sich im Schlaf umdrehte. Er stöhnte leise auf, er hasste es, mit dieser Frau in einem Bett zu schlafen, und versuchte, seine Augen wieder zu schließen, um den Traum zurückzubringen. Der Traum kehrte nicht zu ihm zurück.

Er holte tief Luft, setzte sich auf die Seite des Bettes und stützte seine müden Augen in die Hände. Eine Hand, ein Maler, ein Mensch. Was für ein seltsamer Traum. Was, wenn es eine Vision ist? Was, wenn all diese seltsamen Träume Visionen waren? Er rieb sich die Augen. In den letzten paar Monaten hatte er immer wieder Träume wie diesen hier.

Es hatte mit flüchtigen Eindrücken begonnen, immer während er schlief, aber im Gegensatz zu seinen üblichen Träumen erinnerte er sich an jedes Detail, und diese waren...wolkig. Neblig fast. Und sein Geist wachte immer mit einem müden Gefühl auf. Es war, als sähe er durch die Augen eines anderen, als würde sein Bewusstsein durch die Ländereien streifen, während er schlief, um etwas Erleichterung zu finden.

Die flüchtigen Blicke waren immer anders. Das erste Mal sah er einen Herd mit einem knisternden Feuer in einem dunklen Haus. Einen Heuballen in einer Scheune, gelb und schön auf seine eigene Art. Eine Gruppe von Kaninchen, zusammengekauert in der Kälte. Eine Axt, die im frühen Morgenlicht Holz hackt. Es machte nie viel Sinn für ihn, aber das war das erste Mal, dass er Hände, Körperteile oder irgendeinen Hinweis darauf sah, wem die Augen gehörten, durch die er in diese Träume sah. Visionen. Er erinnerte sich selbst daran. Rhysand stand auf und ging zum Badezimmer. Er betrachtete sein Spiegelbild im Bad, während er das Becken für die Morgenwäsche füllte.

Blass. So furchtbar blass, blasser als er jemals gewesen war. Seine Augen, immer noch ein tiefes Violett, waren eingesunken, was ihn fast hager erscheinen ließ. Obwohl er immer noch stark war, war sein Körper nicht mehr so geschmeidig wie vor seiner Gefangenschaft. Rhysand trainierte, aber ohne Krieger, die ihn antrieben, und aus Angst, dass Amarantha denken könnte, er trainiere aus einem bestimmten Grund, war er vorsichtig. Rhysand fragte sich, ob er überhaupt stark genug wäre, um zu fliegen, wenn er...Nein, solche Gedanken wollte er nicht denken.

Rhysand kletterte, nachdem er sich ein Bad angewärmt hatte, hinein und sank ein, bis nur noch seine Nase aus dem Wasser ragte. Oh, wie sehr wünschte er sich, er könnte seine Flügel loslassen, sie ausbreiten und sie das warme Wasser genießen lassen. Aber nein. Amarantha oder jemand vom Hof der Königin wird seine Flügel nie sehen.

Diese Frau...die die Blumen gemalt hat. Seine Gedanken wanderten zurück zu ihr. Sie muss ihm irgendwie diese Visionen geschickt haben. Oder vielleicht suchte er unbewusst nach ihr. Aber warum? Dieser Nebel, durch den er schauen muss, das muss die Wand sein. Rhysand würde darauf wetten. Vielleicht sieht er die Frau, die er sieht, aus einem bestimmten Grund. Vielleicht nicht nur, um Erleichterung von seinem elenden Dasein zu finden, sondern vielleicht wegen etwas anderem.

Aus welchem Grund auch immer, er war dankbar. Dankbar, dass der Kessel ihn mit der Fähigkeit gesegnet hatte, diese Frau zu sehen, die genug Sicherheit hatte, um Blumen auf einen Tisch zu malen. Irgendjemand, irgendwo hatte genug Licht, genug Freiheit, um gedankenlos malen zu können. Und dieser Gedanke allein war genug, um den heutigen Tag zu überstehen. Innerlich fühlte Rhysand keine Stille, sondern... etwas. Etwas Kleines, das in ihm wuchs. Er lächelte vor sich hin, als er badete.

Rhysand lächelte in sich hinein, als er ein Bein abschrubbte. Mohnblumen. Und plötzlich stellte er fest, dass ihn Rot nicht so sehr störte, wie er dachte.
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