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Die Insel der letzten Hoffnung

von Avya
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
De Sardet Kurt Siora Vasco
16.01.2021
17.09.2021
4
11.280
 
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16.01.2021 1.236
 
Die junge Frau saß in einer Ecke ihrer Zelle . Dunkelheit umgab sie und Stille füllte sie aus. Von außen drangen nur wenig Geräusche zu ihr vor. Und die junge Frau schwieg. Sie hob nicht einmal den Blick, als der Mann an die Tür trat. Die Frau hatte dunkle Haare und eine Narbe, schwarz wie die Nacht. Solch eine Narbe hatte der Mann zuvor noch nie gesehen.  
Langsam trat er auf die fremdartige Frau zu. Sie war exotisch, anders als die Frauen seiner Heimat. Ihr Augen hatte etwas wildes. Ihre Kleidung war einfach aus Fellen. Um den Hals trug sie eine Kette.
Der Mann trat langsam auf sie zu und die Frau wich zurück. Dabei blickte sie ihm in die Augen und sagte etwas. Ihre Stimme war melodisch und wohlklingend. Die Art Stimme bei der man sich am liebsten hinsetzen und einfach nur zuhören möchte. Doch ihr Ton legte nah, dass ihre Worte nicht freundlich gemeint waren.
Die Frau war dünn. Ihre Arme wirkten zerbrechlich. Sie war nicht mehr als Haut und Knochen. Sie war schmutzig und ihre Haare waren verfilzt. Sie war barfuß und ihre Augen blickten ihn ängstlich und erschöpft an.
Der Mann schloss die Tür hinter sich doch er trat nicht näher. Er war hochgewachsen und hatte braune Haare mit einer Spur von grau. Langsam zeigte sich das Alter in seinem Haar.
„Keine Angst mein Kind, ich werde dir nichts tun“, sprach er. Die Frau sah in weiter hin an mit einer Mischung aus Misstrauen und Angst.
Offensichtlich verstand sie die Sprache des Geistlichen nicht. Dieser ließ sich davon nicht irritieren. Es war seine Aufgabe den Gefangenen spirituellen Beistand zu leisten, er würde seine Aufgabe erfüllen. Er setzte sich auf den Boden. Eine Weile schwieg der Mann. Er beobachtete die Frau. Dieses saß immer noch in ihrer Ecke. Das schlichte Licht der Fackel, welche der geistliche in die Halterung gesteckt hatte, beleuchteten ihre feinen Züge. Sie war hübsch, ausgesprochen hübsch. Ihr Gesicht war voller Anmut und Güte.
Die Fremde musterte den Priester ebenso sorgsam. Allerdings bekam er das Gefühl sie versuchte sich einen Fluchtplan zurecht zu legen. Für sie würde es jedoch keinen Ausweg geben. Sie konnte nicht mehr zurück. Sie würde nie wieder zurück gehen können.
Der Schmerz und die Angst in den Augen der jungen Frau quälten den Mann, aber er würde ihr nicht helfen können.
„Ich sollte mich vielleicht vorstellen“, begann er. Er redete einfach darauf los. Er erzählte von sich und seiner Heimat. Eine Stunde verging vielleicht waren es auch zwei. Immer wieder machte er eine Pause zwischen seinen Erzählungen. So verstrich die Zeit und nach dem er mit seiner Erzählung zu ende war erhob er sich.
„Bis morgen“, sagte er mit sanfter Stimme und verließ den Raum. Die Fremde blieb allein zurück

Am nächsten Tag kehrte der Geistliche zurück und am nächsten Tag und auch am Tag darauf. Es war immer wieder die selbe Prozedur. Der Mann betrat die Zelle und setzte sich unweit der Tür auf den Boden, er wartete und beobachtete. Nach einer Weile fing er an zu sprechen. Schließlich erhob er sich wieder und ging. Mit der Zeit entspannte sich die Frau etwas. Die Tage vergingen und das Misstrauen in den Augen der Frau nahm ab.
Der Geistliche sprach über die Lehren des Erleuchteten. Sie lauschte seinem Klang, als versuchte sie zu verstehen. Er sah zunehmende Neugierde in ihren Augen. Doch noch immer ließ sie ihn nicht näher kommen. Die Angst er könnte ihr etwas tun blieb bestehen. Und so saß er einfach einige Meter entfernt und redete.
Eines Tages hob die Frau die Hand. Sie machte seltsame Zeichen. Ihre Augen musterten ihn fragend. Verblüfft sah er die Frau an, dann lächelte er. Es war das erste Mal das sie versuchte sich mit ihm zu verständigen.
Er verstand nicht was sie ihm sagen wollte. Die Frau wiederholte die Geste, bis ihm aufging, dass sie sich nach ihm erkundigte. An diesem Tag verriet sie ihm ihren Namen. In den darauf folgenden Tagen begannen sie zunehmend mit einander zu reden, was nicht einfach war. Lange studierte er die Bewegungen der Frau um zu verstehen was sie ihm sagen wollte. Mit jeder Stunde wurde es einfacher.
Der Mann war ausgewählt worden die Frau zu begleiten und ihr geistlichen Beistand zu leisten. Sie verstand weder seine Worte noch seinen Glauben, doch er genoss ihre Gesellschaft. Und mit jedem Tag der verging freute die Frau sich mehr ihn wiederzusehen. Beinah vergaßen sie beide, dass die Frau eine Gefangene war, eine Sklavin und ein Versuchsobjekt. Sie war nicht mehr Wert als ein wildes Tier, gefangen in einem finsteren Käfig.
Mit jeder Stunde die verstrich stieg ihre Sehnsucht. Der Geistliche konnte es in ihren Augen lesen. Die Dunkelheit, die Gitter, es quälte sie. Ihre Schmerzen wuchsen mit der Dunkelheit, die sich um sie zu verdichten schien.

Dann eines Tages war es vorbei. Die gemeinsame Zeit fand ein abruptes Ende.
Er öffnete die Tür und verharrte. Dies hier würde sein letzter Besuch sein.
Die Frau lag in der Ecke. Sie hob nicht einmal den Kopf, als er die Zelle betrat. Der Geistliche ließ die Tür offen. Es hatte keinen Sinn mehr diese jetzt noch zu schließen. Die Frau würde nicht weglaufen, nicht mehr.
Die Fremde lag zitternd in der Ecke. Ihr Gesicht war bleich. Ihre Augen blickten kraftlos ins Nichts. Noch vor kurzem waren sie erfüllt von Schmerz, jetzt waren sie dunkel und leer, wie der Raum der sie umgab. Sie bemerkte den Geistlichen kaum.
Der Mann kniete neben ihr nieder und nahm ihre Hand. Sie zuckte zusammen und drehte den Kopf. Als sie ihn entdeckte lächelte sie. Sie legte ihm eine Hand an die Wange. Einen Augenblick verharrten sie in dieser Position. Der Mann wollte etwas sagen, doch kein Wort fand den Weg über seine Lippen. Er schluckte.
Die Frau lächelte ihm weiter zuversichtlich an. ‚Sei nicht traurig‘ schien ihr Lächeln zu sagen.
Der Mann hätte ihr gern geholfen, er wusste dass er das nicht konnte und nicht durfte.
Plötzlich ließ die Frau ihm los, als wäre ihr eben etwas dringendes eingefallen.
Sie schob sich ihr verfilztes Haar zurück und löste die Kette von ihrem Hals, ihr einziges Hab und Gut. Sie sah den Mann mit einem eindringlichen Gesicht an. Er erwiderte ihren Blick fragend.
Da streckte sie die Hände aus und drückte ihm die Kette in die Hand. Sie zeigte auf ihren Bauch und der Geistliche verstand.
Er lächelte und nickte. Die Frau lehnte sich zufrieden zurück. Der Mann wusste, hier gab es nichts mehr für sie. Sie hatten ihr die Freiheit genommen, der Heimat beraubt und jetzt hatten sie ihr Kind. Ihr blieb nur der Schmerz und der Tod.
Der Geistliche erhob sich. Er warf einen letzten Blick auf die Frau, Tränen standen in seinen Augen. Er wollte sie mit nehmen. Er wollte ihre Schmerzen lindern. Aber er durfte nicht.
Er wandte sich ab. Hinter ihm fiel die Tür mit einem schweren Ächzen ins Schloss. Sein Herz fühlte sich an wie ein schwerer Stein. Er brauchte nicht nochmal zurück zu blicken. Er wusste, dass sie schon lange nicht mehr in dieser Welt verweilt hatte. Sie teilten nicht den selben Glauben und doch schickte er ein Stoßgebet zum Erleuchteten. Er betete, dass sie Frieden finden würde
Er stieg die Treppen hinauf und schwor sich niemanden davon zu erzählen, dies war seine Sünde.
Er hatte sie zum Sterben zurück gelassen und diese Bürde würde er ein Leben lang allein tragen müssen.
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