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Sinken

GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Anthony J. Crowley Erziraphael
16.01.2021
07.05.2021
17
32.091
8
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16.01.2021 860
 
Zwei


Ashton verteilte Lächeln wie Bonbons und bahnte sich seinen Weg über den Zugang auf Deck. Von hier oben sahen die Wartenden am Boden irgendwie albern aus. Wie Zurückgelassene. Wie Neider.
Das war er gewöhnt.
Noch hatte er keine große Lust, in den Hallen zu wandeln, die in dem Prospekt so nett angekündigt worden waren, eine Herde Superlative.
Einzigartig. Perfekt. Revolutionär.
Stattdessen verweilte er, die manikürten Hände auf dem Geländer und tastete die Menge mit wanderndem Blick ab. Er blieb an einem rotbraunen Haarschopf hängen, an einem schmalen Gesicht mit hohen Wangenknochen und dunklen Augen. Er mochte es, wie sich der (billige, ekelhafte, unpassende) Stoff über seine knorrigen Schultern spannte. Wieder dieses Gefühl von... Vibration, von Andersartigkeit.
Es war lange her, dass Ashton aus seiner Glaskugel geklettert war.
Vielleicht das letzte Mal auf dieser unsäglichen Modenschau, die unter dem Novum der Streetwear gelaufen war. Es schauderte ihn bei dem Gedanken.
„Sir“, riss ihn einer der Pagen aus den Gedanken. Er hatte Sommersprossen wie Sternenkonstellationen. Für Sommersprossen hatte Ashton schon immer eine Schwäche gehabt.
„Ich bringe Ihr Gepäck in Ihre Suite?“, es war halb Frage, halb Statement und Ashton nickte.
„Ich folge später“, sagte er mit samtweicher Schmeichelstimme und drehte an dem Ring an seinem kleinen Finger. „Ich möchte noch ein wenig frische Luft schnappen.“

Eine Weile schaute er bloß den Zurückgelassenen bei ihrem Gewinke, ihren Tränen zu. „Sir?“, die Stimme schreckte ihn auf. Ashton seufzte und nahm das Glas Champagner, das ihm eine schöne Frau mit dunkelblonden Locken und knallrotem Lippenstift entgegenstreckte. Sie zwinkerte ihm zu. „Willkommen an Bord der MS Titanic, Sir“, sagte sie.
Er legte den Kopf ein wenig schief.
„Wahrlich eine Schönheit“, entgegnete er, nicht ganz eindeutig, ob er das Schiff oder die Angstellte meinte. Auf ihren Wangen schien ein wunderbares Rot durch ihre blasse Haut.
„Danke, Sir. Ich denke, Mister Andrews wird Ihre Meinung sehr zu schätzen wissen. Sie sind doch Mister Fell, oder? Ich kenne Ihre Arbeit. Ihre Roben sind superb, Sir. Ich wünschte, sie wären ein paar tausend Pfund billiger.“
Sie wurde noch ein bisschen röter und Ashton legte den Kopf noch ein wenig schräger.
Dann lächelte er.
„An Bord haben wir ein paar tausend Frachkisten voller Seide, Miss. Ich wette, sie würden in Apricot einfach bezaubernd aussehen.“
Ihr Lächeln teilte ihr Gesicht in zwei.
„Sir?“
„Sie dürfen sich gern an meinen Sekretär wenden. Mister Maston wird Ihnen helfen. Ich denke, wir können das ein oder andere Stück entbehren. Wenn ich weiß, dass es eine so schöne Frau wie Sie kleiden wird. Bitte sprechen Sie mit ihm“, er nickte und drehte sich dann zur Reling, erklärte das Gespräch mit seinen Gesten für beendet.
„Danke, Sir“, hörte er die Dame noch nuscheln. Bevor sie gehen konnte, schob er ihr ein „Und bringen Sie eine Flasche davon“ hinterher, er nickte auf sein Glas, „Oder besser zwei in meine Suite. Das sollte als Dankeschön genügen.“
Danach wandte er sich wieder seinen Studien zu.
Also denen eines Rotschopfes, der sich ziemlich selbstischer durch die Passagiere schlängelte, die Sonne malte Flecken auf seinen abgenutzten Anzug. Auch er würde hervorragend in Seide aussehen.
Ein Tuch, nicht mehr.
Ashton lächelte und spreizte den Finger, als er vom Champagner nippte.

Ah.
Der andere Mann schien seinen Blick bemerkt zu haben. Interessant. Auf Ashtons Gesicht stahl sich ein Lächeln, dass der andere auf diese Entfernung unmöglich würde erkennen können.
Welten zwischen ihnen.
Er hob sein Glas und prostete dem Fremden zu, bevor er den Champagner an die Lippen schob.
Er wusste nicht, was es war. Vielleicht hatte er schon immer eine Schwäche für Rothaarige gehabt. Vielleicht war es auch die Seeluft.
Ashton hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ihn Männer sehr viel mehr interessierten als Frauen. Um nicht zu sagen, dass ihn nur Männer interessierten.
Eine schwierige, eine unmögliche Position, in seiner Zeit.
Aber niemand schien zu genau hinzusehen, wer sein Zimmer betrat und wer es verließ.
Einer der vielen Vorteile, reich und beliebt zu sein. Seine Partner waren Bedienstete, Angestellte, manchmal Prostiuierte.
Er genoss die Zeit mit ihnen, bezahlte sie, schickte sie nach draußen.
Wenigstens hatte er sich nie Gedanken um ein Erbe machen müssen.
Wieder dieses Lächeln.
Dann glitt sein Blick das Deck entlang.

Der Fremde hatte ihm zurückgeprostet, billgen Wein in der Hand. Ein Luxus für ihn, sicherlich. Diese Dritte-Klasse-Meute kannte kaum etwas anderes als Aquavit und selbstgedrehte Zigaretten, die einen husten ließen. Ashton hätte gern eine davon geraucht. Es ließ sich  so lebendig fühlen, wenn man dachte, man müsse ersticken.
Sein Lächeln wurde noch eine Spur breiter, als der Fremde sich in Bewegung setzte und einen Weg zu ihm herauf zu suchen schien. Bei der Abfahrt würde sicherlich noch niemand allzu genau darauf achten, welche Klasse sich mit welcher tummelte.
Interessant.
Ashton hob die Hand und winkte einen der anderen Kellner zu sich, einen gedrungenen Burschen mit kaum überschminkter Akne und hellen Augen. Mit einer sicheren Handbewegung stellte er das leer getrunkene Champagnerglas auf dem Tablett ab. „Whisky“, orderte er, ohne seinen Blick von dem Rotschopf zu nehmen. „Nicht zu torfig. Sherryfass. Mindestens 30 Jahre. Alles andere wäre eine Beleidigung.“ Dann lehnte er sich an die Reling, die Sonne im Gesicht und wartete.
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