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Es geht ihm gut​​.

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Shirabu Kenjirou
15.01.2021
15.01.2021
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Hallöchen!
Mein erstes Gechreibsel in diesem Jahr ist ein OS, für welchen ich eine Triggerwarnung  aussprechen möchte - vor allem Depression  ist hier ein großes Thema.
Der OS spielt nach dem Timeskip im Manga, inhaltlich sind zwar keine großen Spoiler, aber wer sich überraschen lassen will, was aus so ein paar Charakteren geworden ist, sollte es vielleicht nicht lesen.

Beim nächsten Upload habe ich sicher dann auch wieder etwas Fluffigeres - oder so? - für euch.

Danke fürs Lesen!

Eure Kita
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Langsames, schweres Herzklopfen. Das Gefühl gleich zu kotzen. Ein beklemmender Druck in der Brust. Schwer öffneten sich die Augenlider, die graubraunen Augen starrten ins Nichts.

Wenn er sich auch nur ein wenig auf dieses Gefühl konzentrierte, nur einen einzigen Moment daran dachte, sich wunderte, wohin das Gefühl verschwunden war, war es wieder da. Ein einziger Funken reichte, um den Drang zu verspüren zu schreien.

Doch er schrie nie – so gut wie nie.

Wenn er es tat, war sein Schrei zu leise, um gehört zu werden, wurde direkt vom Heulen und Schluchzen erstickt, welches aus seiner Kehle drang. Und doch fühlte es sich so fremd an, als ob jemand anderes, wie ein zu groß geratenes Baby am Heulen und Jammern war. Ein furchtbar nerviges Riesenbaby – war es die Sache nicht langsam mal leid? Es stellte sich wirklich an…

Ihm ging es gut.


Das Gesicht kribbelte, vor allem um die Nase und den Augen herum. Es tat weh in der Brust und das Atmen fiel mal wieder schwer. Das Herzklopfen wurde schwerer, aber auch schneller. War es angst, die er begann zu empfinden? Panik? Nein, es war keine Panik. Er hatte es recherchiert, wusste wie es Personen ging, die wirklich unter einer Panikattacke litten. Doch er konnte sich rühren – noch. Es gab genügend Male, in denen er es nicht konnte, von seiner Panik – nein, es war Angst! – so sehr gelähmt wurde, dass er keinen Finger krumm machen konnte und der Dunkelheit ins Gesicht blickte.
War das nicht ironisch? Die Dunkelheit, vor der er sich so fürchtete, war gleichzeitig immer da, wenn er das Gefühl hatte, nicht mehr zu können. Sie war jedoch nicht zum Trost da. Nein – sie verspottet ihn, flüsterte ihm Dinge ins Ohr, die er bereits selbst wusste:

Er war lächerlich. Er stellte sich zu sehr an. Was für ein schwacher Wurm er doch war. Stumm wollte er der Dunkelheit zustimmen, schaffte jedoch nicht mehr, als zittrig auszuatmen – hah, nicht mal jetzt fand er Worte dazu, konnte nicht mal nicken.

Von Anfang an war es vergeblich gewesen so zu tun als sei er kein Wurm. Als sei er so stark wie die anderen. So besonders wie andere. So einzigartig und vielfältig, wie es jedes Leben war – fast jedes Leben, denn er könnte nicht unbedeutender und eintöniger sein.
Irgendwo half es das zu wissen. Wenn nur noch die eigenen Erwartungen abfallen würden, wäre es wohl perfekt, nicht wahr? Man konnte aber bekanntlich nicht alles haben.

Ihm ging es gut.


Nicht so gut, wie er es gerne hätte, doch er war am Leben. Diese innere Zerrissenheit war Alltag, schon zu lange ging es so. Doch es gab Menschen, denen es wirklich schlecht ging. Menschen, die sogar zu müde waren, um zur Arbeit zu gehen. Wer war dann er, dass er sich darüber beschwerte, wie er sich fühlte? Was machte es schon, dass es Tage gab, an denen er nicht mal seine Augen öffnen wollte? Dass alles, was er geputzt und geordnet hatte, innerhalb weniger Tage wieder zu einem Chaos geworden war – wenn es sich denn so lange hielt. Man meinen könnte, dass der Haushalt seit Monaten vernachlässigt worden war?
Es war doch nur Faulheit. Faulheit und Lustlosigkeit, nichts weiter. Die Tränen? Eine bloße Ausrede, um den unliebsamen Pflichten zu entkommen. Auf die Tränendrüse zu drücken hatte schließlich viele Menschen weitergebracht.
Das Weinen und Zetern von den Kindern gegenüberlebenden Nachbarn könnte wohl nicht zu einem passenderen Zeitpunkt losgehen. Ja diese hatten es bereits gelernt – weinen brachte das was man wollte. Und wenn es doch mal nicht klappte, hatte man zumindest die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich gezogen. Ob das bei ihm damals auch funktioniert hätte? Wohl kaum – schon vor der Scheidung seiner Eltern, waren diese nicht Zuhause gewesen. Solch eine Taktik konnte nur funktionieren, wenn das Weinen gehört werden würde.

Pffft, hätte er es mal früher begriffen, mh?

Aber wie hätte er es lernen sollen? Dass Aufmerksamkeit nicht immer etwas Schlechtes war? Er wartete bestimmt seit ein paar Jahre darauf, dass er es laut Klatschen oder Rumpeln hörte – stattdessen ertönten nach solchen Heultiraden fröhliches Gelächter.
Lachen war die beste Medizin, richtig? Doch wie lachte man? Er vergaß es immer wieder lachte innerlich vielleicht mal, doch nach außen hin konnte er es wohl an einer Hand abzählen. Und jedes Mal war es ein unglaublicher Rausch – ob sich so Drogenabhängige fühlten, wenn sie die Spritze ansetzen?

Ihm ging es gut.


Er konnte essen, mal mehr mal weniger. Ihm war nicht alles egal. Er hatte Menschen, die ihm wichtig waren, Dinge, die ihm Freude bereiteten. Trotz, dass er sich fragte, wie lange er noch so leiden musste, erinnerte er sich stets daran: Anderen litten richtig. Andere verloren ihre Familien, waren aus einem Kriegsgebiet geflohen und hatten gesehen, wie geliebten Menschen starben, gar getötet wurden. Es gab Menschen, die in jungen Jahren bereits schlimmes durchlebt hatten. Schlimmeres, als er. Jammerten diese? Nein, sie waren tapfer, Schritten mit erhobenem Haupte durch ihr Leben und kämpften weiter. Doch innerlich litten sie, das wusste er.
Würden diese Menschen ihn so Jammern sehen, würden diese sich wahrlich fragen, was das sollte. Sie hatten es schließlich schlimmer gehabt und er? Er brach einfach unter der kleinsten Last zusammen.
Dass er das Haus verlassen konnte war schön und gut, doch das tat er auch nur aus Angst. Aus Angst davor, was man von ihm halten könnte, wenn er das nicht täte. Er wollte keine Last sein, aber er war sich immer noch die größte Last. Ob er sich hasste? Vielleicht ein wenig – eher würde er sagen, dass er sich einfach nicht ausstehen konnte. Wenn man hasste, konnte man auch töten. Und er hatte es nie geschafft sich selbst zu töten. Es oft versucht ja… Doch entweder hatte er vor lauter Angst gekniffen – wieso klammerte er überhaupt so, etwa um weiterhin jammern zu können? – oder es war aus irgendwelchen anderen Gründen nicht dazu gekommen.

Ihm ging es gut.


Tagtäglich sah er das Leiden anderer Menschen. Der Geruch von Krankheit lag in der Luft, der Wunsch zu helfen war da – oder? War es sein eigener Schmerz? War es der Schmerz seiner Patienten?

Der gesamte Körper tat weh, Tag für Tag. Der Kopf tat weh, Tag für Tag.

Kollegen lachten und brüllten.
Patienten lachten und brüllten.
Angehörige lachten und brüllten.

Doch das Brüllen übertönt das Lachen stets. Er wollte Menschen helfen – deswegen arbeitete er hier doch! – aber er lernte diese immer mehr zu hassen. Wieso brüllten sie? Er war auch nur ein Mensch, keine Maschine. Er konnte sich verdammt nochmal nicht zerteilen! Wie sollte er das alles alleine schaffen?

Schnell, schneller und immer schneller – aber es reichte einfach nicht!

Ihm ging es gut.


Es ging immer schlimmer, das hatte er täglich vor Augen. Er musste weitergehen, immer weiter und weiter.

Es tat weh aufzuwachen, es tat weh zu atmen. Er wollte das alles nicht. Es war zu viel. Er fühlte sich unverstanden, wenn er es sich doch mal herausnahm sich zu Wort zu melden, über sein Leid zu sprechen.

Wenn das so ist dann brauchen wir auch nichts miteinander zu unternehmen!

Er war missverstanden worden. Das hatte er damit nicht sagen wollen! Es war keine Ausrede gewesen, um etwas, was ihm Freude im Leben bereitete, ausfallen zu lassen. Sollte er schweigen, um das Fünkchen Glück zu behalten? Es wirkte glatt so. Machte er den Mund auf, wurde er dafür bestraft. So war es schon immer gewesen, dennoch hatte er versucht etwas zu verändern.
Er hatte seinen – damaligen – besten Freund geliebt. Und das wirklich sehr. Dieser war ein sehr starker Mensch gewesen, hatte ihm gesagt er solle Vergangenes hinter sich lassen. Genau das hatte er versucht. Er hatte schon immer nach vorne schauen wollen, hatte die Worte dieser starken Person als Startschuss nehmen wollen – also warum wurde er gerade von ihm auch so bestraft?! Er hatte doch nur gewollt, dass es besser wurde… Woher hätte er wissen sollen, dass sein Freund nicht die Verantwortung tragen wollte, sich sein Gejammer anzuhören?

Ihm ging es gut.


Hätte er das nur früher gesagt – dann hätte er geschwiegen und wäre nicht so blind gewesen.
Immer kälter und kälter waren die Antworten geworden. Es gab jemand Neues im Leben seiner wichtigsten Menschen. Eine einzelne Person, die ihm auch mal wichtig gewesen war. Er war wie er – hatte er geglaubt. Doch er hatte noch mehr gelitten als er selbst. Das wusste er. Seine Probleme waren echt gewesen, er war gehört worden, hatte Verständnis und Zuspruch bekommen. War das nicht der beste Beweis dafür, dass man es übertrieb?
Seine Freunde waren keiner schlechten Menschen. Sie waren nicht toxisch, auch wenn ihm der Gedanke kurzzeitig gekommen war. Doch er sah es nun klar und deutlich:

Er war das größte Problem.
Er war toxisch.
Er zog alle runter.
Er gönnte niemanden etwas.
Er schrie immer nach Aufmerksamkeit.

Das musste es einfach sein! Deshalb stieß er auch gegen eine Wand! Deshalb wurde er doch auf so schmerzlichste ausgetauscht! Er war einfach jemand, mit dem man es früher oder später nicht aushalten konnte. Er war doch selbst schuld, dass man sich von ihm abwandte, nicht wahr?!
Gott, er sollte nur dankbar dafür sein, dass es Menschen gegeben hatte, die ihn für eine Zeit lang geliebt hatten. Irgendwie, es war ihm ja unerklärlich, aber ein schönes Gefühl.
Klar war er niemand, der gerne mitten im Trubel war, aber es reichte ihm schon gefragt zu werden. Da fühlte man sich auch nicht vergessen. Er hätte einfach still sein sollen, ein guter Freund sein sollen und einfach nur zuhören sollen. Mehr war von ihm doch gar nicht verlangt – wie hatte er sich anmaßen können?

Leise lachte er auf, schaffte es sich auf die Seite zu drehen. Seine Augen waren schwer und schmerzen – doch was an ihm tat es nicht? Schlafen könnte er wohl den ganzen Tag. Doch einschlafen konnte er nicht.

Ihm ging es gut.


Immer wieder sah er es in seinen Träumen. All das, was ihn bis heute noch verfolgte und quälte. Er konnte einfach nicht mehr, verließ das Haus nur noch zum Arbeiten. Es tat weh draußen unter Menschen zu sein. Er hatte Angst nochmal verletzt zu werden. Fremde hätten genauso ein leichtes Spiel.

So etwas dummes bedient mich? Dich hat sicher keiner gewollt!

Worte die unbedacht ausgesprochen worden waren. Worte, die er sich zu Herzen nahm, weil er genau das glaubte.

Er arbeitete nicht mehr im Krankenhaus. Er hatte einen guten Abschluss doch hatte er es nicht mehr ertragen, war in einer Tankstelle geendet, mit der Hoffnung es würde besser werden, wenn er nicht das tägliche Leid anderer auf seinen Schultern trug. Doch nichts war besser geworden. Gar nichts.

Das einzig Gute war, dass er wieder Menschen um sich herumhatte, von denen er sich geliebt fühlte. So hatte er sich aber schon einmal gefühlt. Glück war vergänglich. Er wachte täglich mit dieser Angst auf, erneut ausgetauscht zu werden - erneut weggeworfen zu werden.

Er fühlte sich leer, wenn er allein war. Überflüssig - unbrauchbar.

Er wollte vertrauen, sich gänzlich fallen lassen. Doch es ging nicht, egal wie sehr er es versuchte und wollte. Es ging einfach nicht. Die Schatten holten ihn stets wieder ein, in jedes noch so kleine Wort interpretierte er zu viel hinein – und das tat ihm leid. Er tat ihnen Unrecht, er war wahrscheinlich toxischer denn je.

Doch es ging ihm gut.


Ein Lächeln schlich sich auf Kenjirōs Lippen als er einen Blick auf sein bimmelndes Handy warf. Nachrichten von Taichi, Nachrichten von Eita und Nachrichten seiner Familie – er fühlte sich geliebt. Fühlte das Glück, welches als seine negativen Gedanken für diesen Moment wegspülten.
Diese – teilweise – sinnfreien Nachrichten erleuchteten seinen Tag. Diese Menschen machten das Leben schöner.

>Kommt ihr dieses Wochenende zu unserem Gig?<
>…dir auch Morgen<
>Was sollen diese Punkte?!<

Kenjirō kicherte leise, begann dann auch zu tippen.

>Der berühmte Semi-san hat keine Zeit für ein Guten Morgen, Taichi. Das weißt du doch.<
>Oi! Kommt schon… Seid ihr nun dabei, oder nicht?<
>. . .<
>Wieder diese Punkte?<
>Das soll heißen, dass er wieder schlafen geht – es ist mitten in der Nacht normale Menschen schlafen oder sind arbeiten, Senpai.<
>Stimmt schon. Gute Nacht, Taichi!<

Er wartete einen Augenblick und sein aschblonder Freund enttäuschte ihn nicht.

>Moment WAS willst du damit andeuten?!<

Diesmal lachte Kenjirō auf. Er ließ die Nachricht unbeantwortet, legte das Handy zur Seite. Wieder atmete er tief durch, konnte spüren, wie sein Herzschlag nicht mehr so penetrant in seinen Ohren pochte und das Atmen für den Moment leichter wurde.

Ja, in diesen Momenten hatte er das Gefühl, dass es ihm gut ging.
 
 
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