Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Mein Marmeladenglas

von Ilea
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
14.01.2021
15.01.2021
2
2.962
3
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
14.01.2021 1.670
 

M e i n   M a r m e l a d e n g l a s



Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich meine Hühnerfedern nie ganz abgelegt.
Diese kleine One-Shot-Sammlung hier verfolgt keinem Schema oder rotem Faden. Es sind Ideen, die ich habe oder hatte, denen ich hier gerne einen Raum geben möchte. Vielleicht gefällt sie ja dem ein oder anderen, ich werde versuchen ein wenig mit Perspektiven und Schreibstilen zu experimentieren, auch mit Charakteren. Am Ende des Kapitels werde ich die einzelnen One-Shots sortieren, falls etwas dabei ist, dass du als Leser nicht unbedingt lesen möchtest.

Bevor ich zu viel noch weiter drum herumschreibe, fangen wir doch einfach an ...




I. Wer wollen wir schon sein

handelnde Charaktere: Willi [Ich-Erzähler], Pygmäen, ehemalige Hühner, diverse Lehrer und Schüler


Fred hatte einmal gesagt, wir sind vor dem Erwachsensein noch sicher, weil unsere Dämme im Kopf die wahren Probleme von uns abhalten. Steve meinte daraufhin, dass irgendwann der Stärkste Damm auch brechen würde – schließlich waren sie selbst die Erbauer. Philosophischer war es nicht geworden, danach hatten sie über Wassermengen und Standhaftigkeit von Holzdämmen gesprochen. Ich glaubte nur, bei Fred waren die Dämme mittlerweile zerbrochen, wie er gähnend neben mir im Unterricht hockte, den Kopf in den Ärmel seines Pullovers versteckt. Er hatte angefangen, nachzudenken, über die Probleme, die kein Damm abhalten konnte.
Ich blickte auf, starrte das karierte Hemd an, das Steve trug. Er steckte Trude einen kleinen Zettel zu, die sich kaum sichtbar kichernd umdrehte und danach griff. Ich sah wieder zu Fred, der Referendar an der Tafel schenkte uns in der letzten Reihe nicht sonderlich viel Beachtung. Vielleicht wusste er auch, dass Freds Großvater tot war, immerhin war er eine ganze Woche nicht in der Schule gewesen.
„Meine Damen, bekomme ich ihre Aufmerksamkeit?“ Der angehende Ethiklehrer schaute zu Trude, die kichernd die Hand vor dem Mund hielt und nur nickte. Ich konnte sehen, dass sie einen von Steves Zetteln schnell unter ihrer Federtasche versteckte. Herr West gab sein Bestes, vor der Klasse zu stehen und die müden Montagsgesichter zum Lernen voranzutreiben. Der Mann schnappte sich einige Blätter, ließ sie austeilen und setzte sich auf das Lehrerpult.
„Wer willst du in zehn Jahren sein?“, las ich, als eines der Aufgabenblätter auf meinem Tisch landete.
„Was ein Scheiß“, kam es von Fred, der sich aufgerichtet hatte und durch die Haare fuhr.
„Ihr habt bis zum Ende der Stunde Zeit“, erklärte der Lehrer, dem längst keiner mehr wirklich zuhörte. Der Regen vor dem Fenster verwischte die Motivation, die in der Mathestunde davor bereits getötet worden war nach dem der letzte gestöhnt hatte, weil keiner etwas mit Integralen anzufangen gewusst hatte. „Er soll euch dazu anregen, über eure Zukunft nachzudenken. Ihr habt alle bald einen Abschluss, einige von euch werden dann eine Ausbildung beginne. Ich werde den Text nicht einsammeln, aber wenn jemand nichts schreibt, darf es vor gesamter Klasse vortragen.“
Der letzte Satz traf einige Schüler, einige Federtaschen wurden aufgerissen und gedämpfte Gespräche erfüllten den Raum. Ich starrte auf das Blatt, innerlich stöhnte ich und wollte meinen Kopf am liebsten wie Fred auf den Tisch schlagen.
„Wer wollen wir schon sein“, murmelte ich und fischte aus meiner Tasche einen Kugelschreiber. Meine Augen musterten das Papier, den halb schlafenden Fred neben mir und dann den Referendar, der sich neben Fred beugte und ihn an der Schulter berührte.
„Ich möchte dich bitten, es wenigstens zu versuchen, Fred.“ Mein Banknachbar nickte, dann strich er das zerknitterte Blatt auseinander. Steve drehte sich um. Neben ihm hatte sonst immer Torte gesessen, aber der war in Dänemark und würde wohl erst in einigen Tagen wiederkommen. Wenn er denn wiederkam und nicht direkt umzog.
„Ich kann mir vorstellen, Musiker zu sein“, sagte Steve und krakelte etwas auf sein Blatt. „Vielleicht aber auch Pilot. Was sagst du, Fre … Willi?“
Fred kritzelte etwas auf das Blatt, das ich nicht entziffern konnte.
„Keine Ahnung“, antwortete ich.
„Verheiratet mit acht Kindern“, nuschelte Fred plötzlich.
„Du?“, fragte ich.
„Ne, du natürlich. So habe ich das immer gesehen. Du bist in 10 Jahren entweder Bauarbeiter oder Kranführer.“
Ich brummte. „Na vielen Dank auch.“
„Willi der Baumeister“, sagte Steve. „Passt doch, oder?“
Zu tiefes Nachdenken mochte ich eigentlich nicht. Es eckte immer irgendwo an, an dunkle Gedanken, an schwierige Tage, an Pläne, die ich nicht hatte. Ich wusste, ich wollte die Welt sehen. Es gab eine Zeit, da hätte ich es gerne mit Melli getan, aber diese Zukunft war zerplatzt. Lügen zu ertragen war das andere, aber ich hatte gedacht, wenn ich mir Mühe geben würde, dann würde unsere Beziehung wieder wachsen, aber alles was ich noch fühlte war Wut und Schmerz. Nicht die gute Art.
Ich atmete schwer ein und begann das Wort „Ich“ zu schreiben.
„Du hast dann elf Kinder, oder? Damit meine Spielkameraden haben?“, fragte ich.
Fred zuckte mit den Schultern.
„Wäre immerhin eine ganze Fußballmannschaft.“ Steve schrieb ebenfalls fleißig. Ich versuchte meinen Enthusiasmus wieder zu finden, dachte an die Nordsee und das Watt, die Polarlichter im Norden, an Islands Landschaft und London. Das alles wollte ich einmal sehen, mit eigenen Augen und Füßen durch fremde Länder laufen. Mit jedem Wort erinnerte ich mich wieder, warum ich das machen wollte.
Steve zuckte zusammen und ich hoch. Trude blickte ihn an, grinste und schob sich die Brille wieder auf die Nase. Neben ihr hatte nun auch Wilma den Kopf gehoben, stupste sie an und die beiden redeten kurz. Alles, was ich von Steve wusste war, dass sie ihre Bande aufgelöst hatten. Keiner trug mehr seine Hühnerfedern, über die wir uns früher immer lustig gemacht hatten. Wer hätte gedacht, dass wir so zusammengeschweißt waren, wenn es auf das Ende der unbeschwerten Schulzeit zuging.
„Nein jetzt ehrlich“, sagte Steve und steckte den Zettel weg. „Wer wollen wir in 10 Jahren sein?“
„Ich will eine eigene Wohnung haben“, sagte ich nach kurzem Überlegen. „Und meine Kinder spielen dann mit denen von Fred.“
Fred seufzte, sein Blick hing in der anderen Richtung an einer Person, die sich nicht einmal zu ihm umdrehte.
„Ich wünschte, es wären Sprottes Kinder.“ Er sagte den Satz leise, aber ich konnte es verstehen, sodass ich innehielt und seinem Blick folgte. Sprotte saß in ihrer Leopardenmusterhose neben Frieda und kaute auf ihrem Bleistift, ich konnte nichts dafür, dass meine Augen eher den Rücken von Frieda anstarrten. Wer sie in 10 Jahren wohl sein wollte? Weiter die Welt versuchen zu retten? Sie trug nur ein einfaches Oberteil, aber ihre Haare wirkten aus irgendeinem Grund kürzer, als ich dachte, sie in Erinnerung zu haben. Aber seit wann achtete ich auf ihre Haare? Seit wann achtete ich überhaupt auf ihre leichten Bewegungen und die kleine Lachnische, die sich auf ihrer Wange bildete, ehe sie sich umdrehte. Ich fühlte mich ertappt, obwohl es nicht schlimm war, mit vornehmer Röte lächelte ich nur kurz. Ich redete mir zumindest ein, dass es nicht schlimm war. Was zwischen uns passiert war, war zwischen uns geblieben. Es war kaum die Möglichkeit gewesen, darüber zu reden. Ich war jedenfalls der Ansicht, dass Frieda darüber reden wollte. Sie war am Baumhaus gewesen, aber als sie Freds Gesicht gesehen hatte, war sie abgehauen. Ich wusste nicht warum, aber an diesem Abend hätte ich mir gewünscht, sei wäre da gewesen. Bei einem weinenden Fred fühlte selbst ich mich machtlos.
„In 10 Jahren möchte ich genug von der Welt gesehen haben, dass ich mein Wohnzimmer mit Bildern tapezieren kann, auf denen lauter fremde Kulturen Platz finden“, las Fred. Er riss mich von Frieda los, die selbst zurückzuckte.
„Poetisch“, kommentierte Steve.
„Du musst nicht Torte nachahmen“, wandte ich mich an ihm. Steve hatte auch einige Sprüche auf Lager, das wusste ich, aber er versuchte einen Platz zu füllen, den er besser nicht füllen sollte.
„Sorry, man“, murmelte er und dann drehte er sich wieder um.
Der Rest der Stunde verlief schweigend, ehe die Klingel uns alle erlöste. Fred floh als erstes aus dem Klassenraum, gefolgt von Trude und Steve, Hand in Hand. Ich stopfte meine Sachen in die Schultasche, ehe ich Sprotte mit hängendem Kopf an mir vorbei gehen sah, gefolgt von Melli, aber diese würdigte mich keines einzigen giftigen Blickes. Fast schon Hoffnungsvoll sah ich auf, als Frieda ihre Jacke überzog und sich selbst aus dem Klassenraum aufmachte. Ich sprang auf, sie lächelte.
„Blöde Aufgabe“, war alles, was ich sagen konnte. Sie zuckte mit den Schultern und griff nach dem Kugelschreiber auf meinem Tisch, den sie mir in die Hand drückte.
„Wie man es sieht. Besser als Frau Borths elend lange Analysen von ethischen Problemen.“
Ich wollte Frieda einiges sagen, aber wie Fred einst sagte, hielten mich meine Dämme im Kopf zurück, es blieb nur ein sachter Kuss auf die Wange und ein kurzes „Wir sehen uns morgen“, während ich der Schule entfloh.
In die Welt hinaus. Oder zumindest auf den Schulhof, aber irgendwo begann die Welt. Und ich wollte sie sehen. Bevor ich das Schultor jedoch erreichte, stoppte ich, drehte mich um und wartete, bis Frieda in der Nähe war und mich überrascht anschaute.
„Was machst du heute noch?“, fragte ich.
Sie lächelte, ihr ganzes Gesicht entspannte sich dabei und sie hatte nicht mehr den nachdenklichen Ausdruck auf ihrem Gesicht.
„Ich muss Mathe lernen“, sagte sie.
„Kannst du mir helfen?“, fragte ich.
„Ich verstehe es ja selbst nicht wirklich.“
„Wir können es zusammen versuchen?“, schlug ich fragend vor. Erst dachte ich, sie würde es abschlagen, aber dann öffnete sie das Tor und nickte.
„Was hast du bei der Aufgabe geschrieben?“, fragte sie, um ein Schweigen zu durchbrechen.
„Ach, nur, dass ich die Welt sehen will. Über mehr habe ich mir nie Gedanken gemacht. Du?“
„Ach nur, dass ich nicht so enden will wie meine Eltern“, sagte sie und schloss ihr Fahrrad ab. Ich schnappte mir meins.
An diesem Abend lernten wir nicht mehr für Mathe, wir lagen auf der Wiese neben dem Wohnwagen und fragten uns, wer wir sein wollten. Keiner von uns hatte in diesem Augenblick eine Antwort.



Kleine Übersicht
1. Kapitel: Wer wollen wir schon sein [Willi]
2. Kapitel: Opa, ich bin Schuld [Fred]
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast