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Zwei

von Sassie
KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
Felix Edel Sandra Starck
14.01.2021
24.01.2021
6
22.258
 
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22.01.2021 3.337
 
Felix dämpfte seine Zigarette aus, schnippte den Stummel in den Aschenbecher, und schloss das Fenster seines Büros wieder. Er biss sich mental dafür in den Hintern, dass er eine Woche blau gemacht hatte, sein Schreibtisch ging über vor Arbeit und er kam mit dem Stress weniger gut klar, als er gehofft hatte. Er blickte auf seine Uhr, er hatte noch eine eine gute halbe Stunde, bevor er los musste zum Mittagessen mit Frank. Felix hatte in seiner Auszeit nicht nur getrunken, um den Kummer irgendwie zu betäuben, er hatte auch einige schwerwiegende Entscheidungen getroffen, die ihm aber als die einzig plausiblen vorgekommen waren. Jetzt galt es nur noch die Formalitäten zu erledigen. Er war heute extra früh zur Arbeit gekommen, schon vor Biene, denn er hatte keine der beiden Damen wirklich sehen wollen, noch dazu, weil seine Sekretärin ihn gern etwas bemutterte, wenn sie merkte, dass es ihm nicht gut ging und das war nun wirklich das Letzte, was er brauchte. Er wollte weder darüber reden noch überhaupt noch daran denken, warum es ihm so ging wie es ihm ging, aber nachdem er sich zu Hause alle Tränen aus dem Körper geweint hatte, die da noch in ihm geruht hatten, hatte er beschlossen das Ganze so pragmatisch wie möglich anzugehen, denn auch wenn es sich nicht so anfühlte; die Erde drehte sich trotzdem weiter und Felix‘ Leben musste vorangehen. Und dass das nicht immer so laufen konnte, wie man es sich wünschte, war ihm schon als kleiner Junge bewusst geworden.
Er blickte noch einmal auf seine Armbanduhr und dann auf den Schreibtisch, seufzte, und beschloss direkt loszufahren und dafür abends etwas länger zu machen. Er tippte noch eine SMS an Frank und ließ das Handy dann wieder in die Innentasche seines Sakkos rutschen. Als es an seiner Bürotür klopfte, antwortete er nicht. Als sie trotzdem aufging, musste er nicht mal aufblicken, um zu sehen, wer da war.
Er hörte ihre Stöckel auf dem Parkett und versuchte seine Fassung so gut wie möglich zu wahren.
„Felix, ich… ähm. Hallo.“ Ihre Stimme klang ungewöhnlich ruhig und vielleicht auch ein wenig sanft, doch davon ließ er sich nicht beeindrucken.
„Hallo“
Sandra verschränkte die Arme und räusperte sich. „Ich wollte eigentlich nur fragen, ob du die Akte im Fall Göhring...“
Sie hatte den Satz noch nicht einmal beendet, als er sie ihr schon über den Schreibtisch warf. Unsicher nahm Sandra sie entgegen und sah ihn an. „Wie… wie war deine Woche… Urlaub?“
Er blickte auf und sie merkte an seinem Blick, dass er diese Frage keiner Antwort würdigen würde. Sie musste sich eingestehen, dass sie sich hier gerade mehr als ungeschickt anstellte.
„Felix, hör zu, ich bedauere es, dass...“
„Ich bedauere es auch“, unterbrach er sie und schlüpfte in sein Sakko.
„Wo willst du denn hin?“, fragte Sandra irritiert, als er noch einmal seine Hosentaschen abtastete, um zu sehen, ob er alles hatte.
„Ich treffe mich mit Frank zum Mittagessen, wenn das gestattet ist“, gab er kühl zurück.
„Natürlich“, stammelte sie kleinlaut.
„Gut“ Er blickte auf und sah sie an und sein Blick war kalt und gleichgültig. „Brauchen Sie sonst noch irgendwas?“
Sandra spürte, wie ihr Herz von einer unheimliche Last hinabgezogen wurde und realisierte erst Sekunden später, dass es an der formalen Anrede gelegen hatte. Erneut wurde ihr das Ausmaß seiner Worte von vor einer Woche klar. ‚Wenn du jetzt gehst‘. Er hatte es nicht ausgesprochen, aber sie wusste nun, was er gemeint hatte. Wenn du jetzt gehst, ist alles, was wir je hatten, nur mehr Geschichte, eine fahle Erinnerung an die Zeit, in der wir glücklich waren und das Gefühl hatten; wir zwei gegen den Rest der Welt und nichts kann uns aufhalten.
Und nun stand er vor ihr und sie hatte sich noch nie eine einzige Sekunde, seit sie ihn kennengelernt hatte, weiter von ihm entfernt gefühlt als in diesem Augenblick. Er stand nur zwei Meter von ihr Weg, es hätte nur ein paar Schritte gebraucht, und sie hätte ihre Arme ausstrecken und ihn berühren können. Aber sie spürte, dass sie sein Herz nicht erreichte. Nicht mehr. Vielleicht nie mehr.
Felix ging um seinen Schreibtisch herum, an ihr vorbei, und zu seiner Tür. Als er diese hinter sich wieder schloss, schüttelte Sandra den Kopf und starrte immer noch auf den Fleck, an dem er keine Minute zuvor noch gestanden hatte.
„Es tut mir doch leid“, seufzte sie leise. Aber sie wusste, dass es keinen Unterschied mehr machte, ob er die Worte nun gehört hätte oder nicht.

Biene schmunzelte über den abfälligen Kommentar ihres Chefs zu einem Zeitungsartikel. Es war das erste Mal seit einer guten Woche, dass sie sich nicht fühlte, als arbeite sie in einer Eishöhle. Es war verhältnismäßig ruhig gewesen, Sandra und Felix hatten kaum miteinander interagiert, aber Biene war nicht entgangen, dass sie sich wieder siezten und langsam dämmerte ihr, dass wieder irgendetwas vorgefallen sein musste zwischen den beiden. Sie hatte nicht wirklich Zeit gehabt mit ihnen zu sprechen oder sie zu fragen und auch jetzt hielt sie sich zurück, da sie Felix zum ersten Mal seit langer Zeit für einen Moment schmunzeln sah. Er war morgens jetzt immer ziemlich gleichzeitig mit ihr gekommen, manchmal auch schon früher, und sie hatten Kaffee miteinander getrunken. So wie ganz früher auch immer. Als Sandra noch nicht Teil ihrer Kanzlei gewesen war. Biene kannte Felix schon seit einer gefühlten Ewigkeit und wusste daher ziemlich gut wie er tickte und sie konnte sich nicht erinnern, dass sie ihn je glücklicher erlebt hatte, als ab dem Zeitpunkt, als diese Frau unverhofft in sein Leben gestolpert war. Natürlich hatten sie ohne Ende gestritten, aber die beiden hätte nichts auseinanderbringen können. Dass Felix auch nach der Trennung noch mit ihr zusammengearbeitet hatte, hatte der Sekretärin nur gezeigt, wie tief seine Gefühl für Sandra sein mussten, denn sie hatte ihn schon mit anderen Exfreundinnen ganz anders verfahren sehen.
„Ohh, guck mal, der neue BMW“, murmelte Felix und starrte angetan in das Magazin.
Die Sekretärin schmunzelte. „Ja, wäre mal was anderes als die Bahn“
„Ich glaube Frank will sich den kaufen“, überlegte der Anwalt.
„Vanderheiden?“, hakte Biene nach. „Bei dem läufts wohl auch ganz gut mit den Mandanten“
„Ja, er kann sich nicht beklagen“, murmelte Felix, während er umblätterte. „Wird bestimmt ganz interessant dort. Mal ein etwas anderes Klientel.“
Die Sekretärin stutzte und sah ihren Chef mit großen Augen an. „Wie meinst du das?“
Er schluckte und lächelte sie kurz an. „Ach… vergiss es, nicht so wichtig“
Es klingelte an der Tür und Felix schlug sein Magazin zu, bevor er seinen Mandaten begrüßen ging. Biene blickte ihm hinterher und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Sie puzzelte in Windeseile alles in ihrem Kopf zusammen. Montag war Felix mit Frank Mittagessen gewesen, einen Tag später war eine dubiose E-Mail herein geflattert, in der Frank bestätigt hatte, dass er das Essen als Geschäftsessen deklariert hatte und es somit auf „seinen Nacken“ ging, wie er so charmant formuliert hatte, und Biene war da schon über den Satz ‚Ich freue mich schon auf unsere Zusammenarbeit‘ gestolpert, hatte den aber naiverweise als irgendeinen belanglosen Spruch abgetan.
Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf Sandra, die zur Tür herein hetzte, einen kurzen verstohlenen Blick zu Felix‘ Büro riskierte, und dann in ihrem eigenen verschwand. Biene seufzte, trank ihren Kaffee aus, spülte ihre und Felix‘ Tasse ab und setzte dann neuen auf. Während sie wartete, wie er durchlief, fiel ihr Blick auf die Tür zum Archiv. Seit dreizehn Jahren arbeitete sie schon mit ihrem Chef zusammen und nun sollte das alles bald vorbei sein? Was war vorgefallen, dass er jetzt aus seiner eigenen Kanzlei flüchten wollte? Die Sekretärin schnaufte leise und verschränkte die Arme, wartete, bis der Kaffee durchgelaufen war und füllte dann eine Tasse damit. Sie dachte noch einmal über Felix‘ Worte nach und ging dann entschlossenen Schrittes los. Ohne zu klopfen stieß sie Sandras Bürotür auf, schloss sie hinter sich wieder und ging dann auf den Schreibtisch zu.
„Dir auch einen schönen guten Morgen“, murmelte die Anwältin skeptisch.
Biene stellte den Kaffeebecher etwas unsanft vor ihr ab. „Was war mit Felix? Los. Spucks aus.“
„Bitte?“, blinzelte Sandra.
„Ich will wissen was da schon wieder zwischen euch läuft“ Die Sekretärin verschränkte die Arme.
Ihre Chefin zog die Augenbrauen hinauf und lachte dann leise. „Ich glaube kaum, dass dich das irgendwas angeht, Biene“
Die Angesprochene wäre unter anderen Umständen vermutlich sofort zurückgerudert, aber sie hatte eindeutig die Schnauze voll von diesen ewigen Machtkämpfen, vor allem, wenn sie in derartigen Konsequenzen endeten.
„Ist dir bewusst, dass Felix wahrscheinlich die Kanzlei verlassen will?“, zischte die Sekretärin ärgerlich.
„Was?“ In Sandras Augen spiegelte sich pures Entsetzen wider.
„Weißt du, mir ist es echt egal, ob ihr miteinander schlaft oder nicht, ob ihr zusammen seid, oder nicht, oder was auch immer ihr sonst für Kindereien aufführt, weil ihr es scheinbar einfach nicht gebacken kriegt. Aber ich will hier auf meinem Arbeitsplatz Ruhe haben. Und in den dreizehn Jahren, die ich Felix kenne, hab ich ihn noch nie so erlebt. Und jetzt würde ich vorschlagen du gehst rüber, wenn sein Mandant weg ist, und redest mit ihm. Wenn er hier nämlich seine Sachen packt und geht, dann muss auch ich mir ernsthaft überlegen, ob ich noch in diesem Scherbenhaufen arbeiten will!“ Biene schnaufte nachdrücklich, drehte sich um, und wanderte aus dem Büro.
Sandra saß noch für einen Moment völlig perplex hinter ihrem Schreibtisch, dann erhob sie sich und folgte der Anwaltsgehilfin in die Küche.
„Wie kommst du auf die Idee, dass Felix weg will? Hat er das gesagt?“, hakte Sandra nervös nach.
Biene seufzte. „Er hat eine ziemlich eindeutige Andeutung gemacht, dass er zu Frank Vanderheiden in die Kanzlei wechseln wird“
„Verdammt“, murmelte die junge Anwältin und lehnte sich gegen die Theke. „Aber wie soll gerade ich ihn davon abhalten?“
„Ja, meinetwegen will er ja wohl nicht abhauen!“, wurde Biene für den Moment wieder ein bisschen zu laut, holte sich dann aber selbst schnell runter und zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht, Sandra. Ihr müsst miteinander reden. Sag ihm, dass es nichts bringt davonzulaufen. Sag ihm, dass es dir leid tut. Sag ihm, was du willst, aber sieh zu, dass er hier bleibt, okay?“
Obwohl Biene ahnte, dass sie ihrer Chefin damit viel abverlangte, hatte sie keinen blassen Schimmer davon was für eine Herkulesaufgabe sie ihr wirklich vor die Füße geknallt hatte. Sandra hatte sich noch nie verlorener und machtloser gefühlt. Sie hatte keine Idee, was sie ihm sagen sollte, und selbst wenn sie ihn auf Knien angefleht hätte, hätte das vermutlich nichts gebracht. Sie musste erst mal rausfinden, was eigentlich hinter dieser ganzen Geschichte steckte.
Geduldig wartete sie in der Küche, trank einen Tee, und als sie hörte wie der Mandant das Büro verließ und die Türe wieder schloss, war sie bereits auf dem Weg durch das Archiv. Felix drehte sich überrascht um, als die kleine Nebentür aufging, ließ sich dann aber nur ungerührt auf seinen Stuhl sinken, als er sah, wer da in sein Büro getreten war.
Sandra setzte sich ihm gegenüber und sah ihn an. „Was ist das mit Frank?“
„Was ist was mit Frank?“, stellte er sich dumm, obwohl er sich genau denken konnte, dass Biene etwas gesagt hatte.
„Felix“, murmelte Sandra. „Können wir bitte aufhören hier um den heißen Brei herumzureden?“
Er seufzte und sah sie dann an. „Ja. Ich habe vor die Kanzlei zu wechseln. Frank hat mir ein sehr gutes Angebot gemacht und ich werde es annehmen.“
Sie hoffte, dass er nicht sah, dass ihre Augen etwas verdächtig schimmerten, schluckte ein paarmal schnell, um die Tränen gar nicht erst weiter aufkeimen zu lassen. Dann nickte sie und senkte ihren Blick auf ihre Hände, drehte den Ring an ihrem Finger und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Auch er schwieg, schrieb irgendwas auf ein Blatt Papier vor sich, nur um so zu tun, als wäre er beschäftigt.
„Felix, tu das nicht“, flüstere sie und hob ihren Blick wieder.
Auch er sah sie an und für den Bruchteil einer Sekunde spürte er dieses Gefühl im Herzen, dieses sanfte, weiche Flimmern, aber er unterdrückte es sofort wieder.
„Ich werde Sie nicht ruinieren, keine Sorge. Sie haben noch genug Gelegenheit sich jemanden zu suchen und das mit den Verträgen wird auch noch ein wenig dauern.“, antwortete er kühl.
Sie schluckte und sah ihm dabei zu, wie er einfach seelenruhig wieder weiterschrieb. Sie wusste, dass es hier kein Weiterkommen gab. Sie drang nicht zu ihm durch, und es war egal, was sie in diesem Augenblick gesagt hätte. Felix hatte ihr die Fakten auf den Tisch gelegt und Sandra hatte sie zu akzeptieren.
„Biene wäre schrecklich traurig, wenn Sie gehen“, war alles, was ihr noch einfiel und sie hasste sich selbst für diesen ungeschickten Versuch ihn umzustimmen.
Felix ließ sie mit einem einzigen Blick spüren, wie absolut sinnlos er dieses Argument fand, lächelte dann aber trotzdem gespielt freundlich. „Biene kommt schon zurecht. Ich nehme an, dass Sie sie weiterbeschäftigen werden, auch wenn ich nicht mehr da bin, oder?“
„Natürlich“, antwortete Sandra.
Sie erhob sich und für einen Moment war ihr schrecklich schwindlig, doch ihr Kreislauf beruhigte sich Gott sei Dank rasch wieder, und sie ließ von der Stuhllehne ab und ging auf seine Bürotür zu. Noch einmal drehte sie sich um, um ihn anzusehen, aber er hatte seine Aufmerksamkeit schon lange wieder von ihr abgewandt. Neuerlich musste sie sich geschlagen geben und als sie die Tür langsam hinter sich zuzog, sah sie nicht mehr, wie Felix aufseufzte und sich durchs Haar fuhr.

„Sie hat dich also gebeten nicht zu gehen“, wiederholte Otto, bevor er nachdenklich an seinem Bier nippte und nickte.
Felix hatte seinem besten Freund von der Situation heute im Büro erzählt und erhoffte sich nun, dass dieser ihm vielleicht neue Einblicke bieten konnte. Er konnte Sandra nicht verstehen. Auf der einen Seite hatte sie ihn dermaßen von sich weggestoßen, sich ganz klar mit ihrem Verhalten dazu entschieden, dass zwischen den beiden alles aus und vorbei war, aber andererseits bat sie ihn zu bleiben? Felix hatte stundenlang versucht herauszufinden was sie davon hatte, wenn sie sich weiterhin jeden Tag in der Kanzlei anschwiegen und immer schnell den Blick abwandten, wenn sie sich sahen, aber ihm fiel einfach keine plausible Erklärung ein.
„Vielleicht will sie ja auch gehen“, meinte Otto.
„Unsinn. Das hätte sie dann ja schon nach der Trennung machen können.“, schüttelte Felix den Kopf und nahm sich eine Hand voll Erdnüsse.
„Wer versteht die Weiber schon?“, seufzte sein Gegenüber und zuckte die Schulter. „Oder sie will dich da behalten, um dich zu quälen“
„Nein. So ist sie nicht.“
„So ist sie nicht? Sie hat sich von dir getrennt, offenbar völlig ohne Grund, und dann hat sie dich verführt und dich noch mal stehenlassen. Ich bitte dich, Felix, wenn sie eines ist, dann das!“, grummelte Otto ärgerlich.
Der Anwalt seufzte und nickte betreten. Er konnte sich immer noch nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass er sich offenbar tatsächlich so in ihr getäuscht hatte. Noch dazu verstand er immer noch nicht was sie gemeint hatte; er war nicht bereit für eine Zukunft mit ihr? Was hatte sie darauf schließen lassen? Er wusste ja noch nicht mal, was er falsch gemacht hatte. Anfangs hatte er noch gedacht, dass sie vielleicht sterbenskrank war und ihn einfach schützen hatte wollen, aber er war sich relativ schnell bewusst geworden, dass sie sich – Gott sei Dank – bester Gesundheit erfreute, denn sie hatte tagein tagaus genug Energie gehabt, um ihm einen blöden Spruch zu drücken.
Vielleicht war ihr schlichtweg bewusst geworden, dass er doch zu alt für sie war. Sie hatten trotz allem einen Altersunterschied von zwölf Jahren und der Gedanke, dass ihr das quer lag, war gar nicht so abwegig.
Felix schüttelte den Kopf und verdrängte diese ganzen leidigen Fragen schnell. Jetzt war es sowieso zu spät.
„Sag mal, wie willst du dich eigentlich einkaufen bei Frank?“, wechselte auch Otto das Thema.
„Ich hab mir Geld zur Seite gelegt“, antwortete Felix nur.
Das entsprach der Wahrheit, allerdings hätte der Anwalt nie vermutet das Geld für den Wechsel in eine andere Kanzlei zu benötigen. Er hatte eines Abends vor vier Jahren relativ erfolgreich beim Pokern gewonnen und beschlossen ein Sparkonto zu eröffnen. Während der folgenden Jahre hatte er monatlich immer wieder einiges dazugelegt, und irgendwann hatte sich für ihn deutlich abgezeichnet, dass dies irgendwann mal das Geld für ein kleines Eigenheim sein würde, denn auch, wenn er es niemandem je gesagt hatte – auch nicht Otto – hatte er Sandra schon seit Tag 1 irgendwie auf dem Schirm gehabt und sich nicht selten eine gemeinsame Zukunft mit ihr ausgemalt. Und irgendwann war auch der Plan sich ein Haus mit ihr zu kaufen da hinein gerückt. Wieder verpasste er sich einen mentalen Tritt in den Hintern. Warum war er so blind, wenn es um Frauen ging? Gut, Britta war damals eine ganz eigene Nummer gewesen und er war blutjung gewesen, als er sie kennengelernt hatte. Aber bei Sandra war er sich so sicher gewesen und das von Anfang an, auch wenn er sich erst später darüber bewusst geworden war. Sie war in sein Leben gestolpert und ab dem Zeitpunkt, hatte keine andere Frau eine Chance gehabt. Sie hatten alle blass gewirkt neben ihr, nichts hatte ihn so einfangen können wie ihre schönen braunen Augen, ihr zauberhaftes Lächeln.
Egal wie sehr er versuchte das alles nicht an sich heranzulassen, er war trotzdem verletzt, denn er vermisste sie unsagbar. Aber was spielte das jetzt noch für eine Rolle? Er erkannte sie kaum wieder und wusste nicht, was für Kämpfe sie offensichtlich mit sich selbst ausfechten musste, bevor sie es wieder schaffen würde eine Beziehung einzugehen. Nur würde er dann nicht mehr da sein. Felix liebte sie, das konnte er auch vor sich selbst nicht leugnen. Aber nachdem sie ihn letzte Woche wieder stehenlassen hatte, hatte sein Selbstschutz sich endlich eingeschaltet und er hatte beschlossen nicht mehr auf sein Herz zu hören. Manchmal musste man den Kopf einfach über die Gefühle stellen, um sich selbst letzten Endes nicht zum Fraß vorzuwerfen.
„Hey, guck mal“, stupste Otto ihn plötzlich an und der Anwalt folgte seinem Blick. „Ist das nicht eine Kollegin von dir?“
Felix schmunzelte, nickte, nahm sein Bierglas und erhob sich. Otto stolperte ebenfalls von seinem Barhocker, sichtlich angetan von den beiden Damen. Mit einer Hand in der Hosentasche ging er locker auf den Tisch zu. „Frau Hofer, schönen guten Abend“
„Herr Edel“ Sie schien überrascht, allerdings nicht unangenehm. „Ist das ein Zufall“
„Weniger. Das hier ist meine Stammkneipe.“ Er lächelte und war sich seines unumgänglichen Charmes mehr als bewusst, als die Freundin seiner Kollegin schüchtern ihren Blick senkte.
„Hallo, ich bin Otto“, stahl sein bester Freund sich von hinten ins Geschehen.
„Paula“, stellte die Freundin sich lächelnd vor.
„Ich bin Sina. Hallo.“ Frau Hofer schüttelte ihm die Hand.
„Ich wusste gar nicht, dass Sie Sina heißen“, lenkte Felix die Aufmerksamkeit der Blondine wieder auf sich.
Ihre hellblauen Augen funkelten ihn verspielt an. „Tja, Felix, dann haben Sie vor Gericht nicht ganz so gut aufgepasst“
Er schmunzelte und war betört von ihrer frechen Art, zog einen Stuhl an den Tisch und setzte sich. Innerhalb der nächsten paar Minuten versanken sie ganz ohne Schwierigkeiten in einem Gespräch, gingen nahtlos zum Du über, und bestellten sich noch was zu trinken. Felix tat es gut so locker mit jemandem über Belangloses zu reden, es gab ihm ein Gefühl der Leichtigkeit und Normalität… das hatte er in den letzten Tagen schmerzlich vermisst.
Die Zeit rann nur so dahin, irgendwann waren Otto und Paula weg, und Felix, der sich von dem netten Abend und dem Wein beflügelt fühlte, half Sina in den Mantel und trat mit ihr hinaus in die kühle Nachtluft. Als sie ihn ansah und ganz ohne Umschweife am Hemdkragen packte und an sich zog, um ihn zu küssen, haderte er nur für den Bruchteil einer Sekunde mit sich, bevor er realisierte, wie gut es tat Sandras Geschmack zu vergessen. Die beiden lösten sich voneinander und er sah sie an. Dann zog er sie wieder zu sich und sein nächster Kuss ließ keine Zweifel mehr daran, dass er weiter gehen wollte. Es gab noch andere Dinge, die es zu vergessen galt.
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