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Zwei

von Sassie
KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
Felix Edel Sandra Starck
14.01.2021
24.01.2021
6
22.258
 
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20.01.2021 3.283
 
Sandra war noch nicht mal richtig in die WG getreten, da landete sie schon in den Armen ihrer besten Freundin. Patrizia sah aufgebracht aus, müde, und ein wenig fertig.
„Wo warst du? Ich war schon kurz davor die Polizei zu rufen!“, nuschelte die Richterin in das brünette Haar ihrer besten Freundin, bevor sie sie wieder losließ, ansah und erschrocken feststellte, dass Sandra geweint haben musste. „Was ist los? Ist dir was zugestoßen? Komm rein!“
Sie schmiss die Tür zu, half Sandra aus dem Mantel, nahm ihr die Aktentasche hab, und bugsierte sie dann im Wohnzimmer aufs Sofa. Sie schenkte ihr eine Tasse Tee ein und setzte sich dann neben sie, bevor sie ihr die Tränen aus dem Gesicht wischte, und ein Taschentuch reichte.
„Ich hab mit Felix geschlafen, Pat“, schniefte Sandra leise.
Die Richterin stutzte. „Aber… er hat dich nicht dazu gezwungen, oder?“
„Quatsch“, schüttelte ihre beste Freundin ärgerlich den Kopf.
„Gut, aber… das ist doch schön, ich meine… ihr probiert es doch nochmal miteinander, oder?“, setzte Patrizia sofort hinterher.
Sandra, die das Taschentuch in ihrer Hand zerpflückt hatte, blickte wütend auf. „Nein, Pat, das tun wir nicht! Was soll ich mit einem Mann, der nicht bereit ist eine Familie mit mir zu gründen!“
„Habt ihr darüber geredet?“
„Ewig und drei Tage“
„Ich meine jetzt, kürzlich, gestern, heute? Nicht vor über einem Jahr...“
Sandra schwieg und die Richterin seufzte langgezogen.
„Aber es hat doch sowieso keinen Sinn. Meinst du er hat seine Meinung geändert?“, schluchzte die Anwältin und schüttelte den Kopf.
Patrizia schlug die Beine übereinander und kaute auf ihrer Unterlippe herum. „Hat er denn was gesagt? Oder hat er dich einfach so gehen lassen?“
„Er wollte reden aber worüber denn? Er weiß doch, dass das nichts mehr werden kann, solang er sich so querstellt. Und seien wir ganz ehrlich, ein Mann, der mit über vierzig noch nie verheiratet war und keine Kinder hat? Ich hätte wissen müssen, dass da was faul ist und ich dumme Kuh steig nochmal mit ihm ins Bett!“ Sandra weinte und schluchzte so herzzerreißend, dass Patrizia sie noch einmal in den Arm nahm.
Das spendete zumindest etwas Trost und beruhigte sie ein wenig. Nach einiger Zeit warf Sandra das Taschentuch auf den Tisch und erhob sich. „Ich geh duschen. Ich hab das Gefühl er klebt noch überall an mir.“
Patrizia blickte ihr hinterher und schluckte ihre Moralpredigt schweren Herzens hinunter. Sie wusste, dass ihre beste Freundin für jegliche Argumente im Moment sowieso nicht zugänglich war, aber sobald sich der Schleier des Schmerzes etwas lüftete, würde sie ihr vermutlich den Kopf waschen müssen.

Der Sonntag war äußerst zäh verronnen und obwohl Sandra schon davor graute Felix wieder in die Augen sehen zu müssen, freute sie sich Montagmorgen auf die Arbeit. Sie hatte oft das Gefühl, dass das die einzige Tätigkeit war, bei der sie richtig abschalten konnte, bei der ihr Kopf sich auf etwas anderes konzentrieren konnte. Patrizia war den ganzen gestrigen Tag über sehr wortkarg gewesen, hatte sie nicht so liebevoll getröstet wie beim letzten Mal, und irgendwie wurde Sandra das Gefühl nicht los, dass ihr etwas quer lag, sie sich aber scheute es auszuspucken. Die junge Anwältin hatte kaum etwas gegessen und obwohl ihr immer noch nicht danach war, spürte sie ihren Magen deutlich knurren. Sie verleibte sich einen Apfel ein und machte sich dann auf den Weg in die Kanzlei. Obwohl sie versuchte sich eher darauf zu freuen sich gleich in ihre Akten stürzen zu können, geisterte der Gedanke Felix unter die Augen treten zu müssen weiterhin in ihrem Hinterkopf herum und die Schwere um ihr Herz wurde erst so richtig bleiern, als sie einen kurzen Blick zu ihrem damaligen Stammcafé warf. Jeden einzelnen Morgen hatten sie sich hier getroffen, manchmal sogar am Wochenende, denn auch wenn sie es niemandem je gesagt hatte, aber für sie hatte es damals nichts schöneres gegeben, als schweigend mit ihm in der Sonne zu stehen und den ersten Kaffee des Tages zu trinken.
Sandra wanderte die Treppen hoch und atmete noch einmal tief durch, bevor sie die Tür zur Kanzlei aufsperrte. Ihre Sekretärin warf ihr einen freundlichen Blick zu. „Guten Morgen, Sandra“
„Guten Morgen“ Die Anwältin schlüpfte aus ihrem Mantel und hängte ihn an die Garderobe, bevor sie einen unauffälligen Blick zu Felix‘ Büro warf. Der Stuhl war leer.
Biene reichte ihrer Chefin die Post und sah ebenfalls nach links. „Weißt du, wo er ist?“
„Ich?“, fragte Sandra etwas zu überrascht und räusperte sich dann kopfschüttelnd. „Nein… keine Ahnung“
„Ich dachte ihr kommt vielleicht gemeinsam. Hm.“ Biene blickte in den Terminkalender ihres Chefs, blätterte vor und zurück, zuckte dann aber die Schultern. „Er hat eigentlich keinen Außentermin, soweit ich das hier sehe“
„Naja, vielleicht ist spontan was dazwischengekommen“, lächelte Sandra künstlich und begab sich in ihr Büro.
Biene machte einen zustimmenden Laut, der allerdings nicht wirklich überzeugt klang.
Als Sandra sich hinter ihrem Schreibtisch niedergelassen hatte, bereitete sie alles vor, was sie in den nächsten Stunden brauchen würde für ihren aktuellen Fall, fand sich dann aber schließlich ziemlich gedankenverloren und untätig wieder. Sie zog ihr Handy aus der Aktentasche und starrte auf das Display in der wirren Hoffnung, dass er ihr geschrieben hatte, aber da war nichts.
Sandra biss sich auf die Unterlippe und tippte eine SMS. Sie formulierte sie gefühlte hundertmal neu, am Ende schickte sie nur ein einfaches ‚Wo bist du?‘ ab.
Sie legte ihr Handy neben sich und konzentrierte sich dann auf ihre Arbeit, was für die nächste Stunde auch ganz gut klappte. Erst als es an ihrer Bürotür klopfte, blickte sie auf.
„Du, Sandra?“ Es war Biene. „Ich mach mir langsam Sorgen. Felix geht nicht ans Telefon… vielleicht könntest du...“
Die Anwältin seufzte und blickte auf das Display ihres Handys aber da war immer noch nichts. Sie wählte seine Nummer und wartete, aber wie erwartet nahm er auch da nicht ab.
„Denkst du ihm ist was passiert? Er ist noch nie einfach so zu Hause geblieben… so ganz ohne sich zu melden, mein ich...“ Biene kaute auf ihrem Daumennagel herum.
„Quatsch“, murmelte Sandra. „Vielleicht ist wirklich eine Verhandlung dazwischengekommen“
„Also… ich hab auch schon am Gericht angerufen, eine Verhandlung hat er definitiv nicht“
„Biene“, seufzte die Anwältin. „Er ist ein erwachsener Mann. Irgendeinen Grund wird er schon haben und morgen ist er bestimmt wieder da, ja?“
Die Anwaltsgehilfin seufzte, schien aber kein Stück weit überzeugt. Langsam trat sie wieder aus dem Büro und schloss die Tür.
Sandra verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen und schnaufte leise. Sie konnte sich ganz genau denken warum er nicht da war und warum er niemandem antwortete. Aber es war wie sie gesagt hatte; morgen würde er hier wieder auftauchen, auch wenn sie nicht wusste in welcher Verfassung und ob er überhaupt noch mit ihr sprechen würde.
Die junge Anwältin zwang sich wieder in ihre Akte zurückzustarren, aber so wirklich wollte sich die Konzentration nicht mehr einstellen.

Felix fehlte die ganze restliche Woche, aber Mittwoch im Laufe des Vormittags kam wenigstens die erleichternde Nachricht, dass er sich zumindest bei Biene gemeldet hatte. Er hatte offensichtlich nicht durchblicken lassen warum er nicht da war, denn auch die Anwaltsgehilfin hatte keine Antwort darauf gehabt, aber sie sagte er hätte sich etwas kränklich angehört. Zumindest hatte Sandra es geschafft Biene in dieser Hinsicht zu beruhigen mit den einfachen Argumenten, dass er ja erwachsen war und das schon irgendwie hinkriegen würde.
Sie spürte, wie ihre Besorgnis nun langsam aber sicher Ärger wich. Er hatte sie also verführen können aber jetzt zu dem Fehler zu stehen konnte er nicht? Sich zu Hause zu verkriechen wie ein Feigling sah ihm wieder ähnlich. Erwartete er jetzt, dass sie seine Fälle schmiss? An eine Krankheit glaubte sie nämlich eher weniger. Das Ding mit der außergerichtlichen Einigung hatte sie am Mittwoch gezwungenermaßen alleine durchgeboxt und der Mandant war alles andere als angetan gewesen, Sandra hatte ihn aber milde stimmen können, indem sie behauptete, dass Felix mit Grippe zu Hause lag. Sie wusste aber, dass Felix‘ nächste Verhandlung am Montag anstand und bis jetzt wussten keiner von ihnen, wann er denn vor hatte wieder zur Arbeit zu erscheinen. Sandra hatte sich geschworen keinen Finger krumm zu machen, schon gar nicht, wenn er sie nicht darum bat. Bis jetzt hatte er ja nicht einmal auf ihre unzähligen Anrufe und SMS geantwortet.
Als Sandra am Freitagabend aus ihrem Büro wanderte, um sich noch einen Tee zu holen, stieß sie fast mit Biene zusammen.
„Ich mach dann mal Schluss für heute“, lächelte die Blondine.
Die junge Anwältin nickte. „Ich hol mir noch eine Tasse Tee und dann pack ich auch zusammen“
„Gehts dir gut?“, fragte Biene, die bemerkt hatte, dass ihre Chefin sich leicht über den Unterbauch gestrichen hatte.
„Ja, zieht nur ein bisschen. Ich glaube ich bekomm meine Tage bald.“, seufzte Sandra.
„Also mir hilft da immer ein Kirschkernkissen“
„Werd ich versuchen, wenn ich zu Hause bin. Danke, Biene, und schönes Wochenende.“
Die Sekretärin lächelte und beobachtete ihre Chefin dabei, wie sie sich umdrehte um in die Küche zu gehen. „Sag mal, denkst du er kommt am Montag wieder?“
Sandra blieb stehen und sah Biene kurz an. „Ich weiß es nicht. Ich hoffe doch.“
„Irgendwie mach ich mir Sorgen, je länger ich darüber nachdenke, umso mehr wird mir bewusst, dass er eigentlich gar nicht gut klang. So… gedämpft, weißt du was ich meine?“, seufzte die Anwaltsgehilfin.
Sandra schluckte und senkte ihren Blick, bevor sie sich zusammenriss und die Schultern zuckte. „Naja, du weißt ja wie das bei Männern ist. Ein Schnupfen und sie meinen gleich sterben zu müssen.“
„Hm… ja.“, murmelte Biene und drehte sich dann um. „Bis Montag, Sandra“
„Bis Montag“
Als die Sekretärin die Tür hinter sich zugezogen hatte und ihre Chefin an ihrem warmen Kamillentee nippte, legte sich ungewohnte Stille über die Kanzlei. Sandra lehnte sich gegen die Küchentheke und atmete tief durch. Bienes Worte wüteten in ihrem Kopf und sie war hin- und hergerissen zwischen Wut und Besorgnis. Was, wenn es ihm wirklich schlecht ging? Sie trank den Tee aus, strich sich noch einmal über ihren ziehenden Unterleib, und begab sich dann zurück in ihr Büro. Für einen Moment überlegte sie, ob sie noch weiterarbeiten sollte, aber sie entschloss sich dann dagegen. Mit der Konzentration war es für heute sowieso vorbei und vielleicht tat ihr ein ruhiges Wochenende mal ganz gut.

Sandra war viel zu gedankenverloren gefahren und fand sich schließlich in Kreuzberg wieder. Auch wenn sie es nicht einmal vor sich selbst gerne zugab, sie machte sich unsagbare Sorgen um Felix und diese wuchsen mit jeder Minute mehr. Die letzte Unterhaltung, die sie geführt hatten, zeichnete sich in Endlosschleife vor ihrem geistigen Auge ab und sie wollte sich gar nicht vorstellen, was abgelaufen war, nachdem sie die Tür geschlossen hatte. Er konnte seine halbe Wohnung zerdeppert, aber auch einfach weinend in seinem Bett gelegen haben. Nichts davon tilgte ihr Schuldgefühl wirklich.
Sandra war erleichtert, als sie seinen Wagen vor seiner Stammkneipe stehen sah. Sie parkte um die Ecke und stellte den Motor ab. Einige Minuten lang haderte sie mit sich selbst, doch schließlich stieg sie aus. Sie musste ihn sehen, musste sich davon überzeugen, dass alles in Ordnung war, auch wenn sie riskierte von ihm angeschrien zu werden. Sie wollte gerade um die Ecke biegen, als sie abrupt stehenblieb.
„Du bist echt nichts mehr gewöhnt“, hörte sie Felix lachen. Sie lugte vorsichtig hinter dem Hausvorsprung hevor und erkannte Otto, der sich den Bauch mit den Händen hielt und sichtlich versuchte nicht zu würgen.
„Du hast die ganze Woche gesoffen, ich mach das halt nicht mehr sooft“, verteidigte der Türke sich.
Aha. Daher wehte also der Wind. Die übliche männliche Überlebensstrategie; Gefühle einfach wegsaufen. Sandra konnte es nicht fassen. Sie hatte die ganze Woche für zwei geackert, nur damit er sich hier allabendlich betrinken konnte.
„Ich hab vergessen wie wirkungsvoll es ist seine Probleme in Alkohol aufzulösen“, grinste Felix und man hörte deutlich, dass er einen oder zwei zu viel hatte. „Ich ruf uns mal ein Taxi“
Sandra blickte noch einmal vorsichtig um die Ecke, als sie hörte, wie seine Stimme sich entfernte. Er war ein paar Schritte zur Seite gegangen, da Otto wahnsinnig theatralische Würgelaute machte, sich allerdings nicht wirklich übergab.
Schnell zog die junge Anwältin ihren Kopf wieder zurück, als sie sah, wie Felix auflegte und zurück zu seinem besten Freund wanderte.
Die nächsten Minuten über hörte man nur Stille… und Ottos gelegentliches Würgen. Sandra beschloss wieder zu ihrem Wagen zu gehen. Sie wollte nicht mit Felix reden, wenn er getrunken hatte, und schon gar nicht, wenn sein bester Freund neben ihm stand. Zwei Kraftmeier vertrug sie heute einfach nicht mehr, schon gar nicht nach der Woche.
Sie hatte sich schon umgedreht, als sie plötzlich Ottos Stimme vernahm.
„Gehst du Montag wieder arbeiten?“
„Ja, muss ich ja irgendwann wieder“, seufzte Felix.
„Was sagst du ihr, wenn du sie siehst?“, fragte der Türke.
„Was soll ich ihr schon sagen? Ich hab ihr nichts mehr zu sagen!“
Sandra biss sich auf die Unterlippe und schluckte, bevor sie betreten ihre Hände betrachtete. Sie hatte schon geahnt, dass sie ihn verletzt hatte, hatte insgeheim jedoch gehofft, dass er seine letzte Drohung nicht wahrmachte. Aber wie es schien war er überzeugt davon ihr dieses Mal nicht zu vergeben.
Sie blickte auf, als das Taxi vorfuhr.
„Schaffst du die Fahrt ohne alles vollzukotzen?“, hörte sie Felix seufzen.
Otto machte nur einen gequälten aber zustimmenden Laut.
„Mann, Gott sei Dank hab ich den scheiß Ring in die Havel geworfen letztes Mal, sonst hätte ich sie am Samstag vielleicht gefragt“, lachte der Anwalt trocken auf, bevor man eine Taxitür zufallen hörte.
Sandra spürte, wie ihr Herz zu rasen begann und sie die Luft anhielt. Ring? Fragen? Havel? Was wollte er fragen? Die Antwort war mehr als eindeutig. Obwohl die Worte in ihrem Kopf hämmerten, beeilte sie sich schnell wieder in ihren Wagen, bevor er sie noch sah, wenn das Taxi vorbeifuhr. Sie nahm hinter dem Lenkrad Platz und starrte durch die Windschutzscheibe. Hatte er vorgehabt sie zu heiraten? Hatte sie ihn einfach nie wirklich ausreden lassen? In Windeseile versuchte sie sich an all ihre Gespräche und Diskussionen zu erinnern, aber irgendwie alles zu weit weg und unklar, verzerrt, und verschwommen. Sandra wurde schmerzlich bewusst, dass sie vermutlich tatsächlich alles verspielt hatte.
„Ah, verdammt“, murmelte sie, als sich ein neuerliches Ziehen in ihrem Unterleib bemerkbar machte.
Sie ließ den Wagen an und fuhr los. Doch während der ganzen Fahrt quälte sie nur eine einzige Frage; warum hatte er sie nicht einfach gefragt?

Das Thema und sämtliche Gefühle wüteten in Sandra wie noch nie zuvor. Sie hatte nachts kaum mehr als eine Stunde geschlafen und hatte Patrizia deshalb am nächsten Tag alleine zum Einkaufen losgeschickt. Zigtausend mal hatte die Anwältin sich gefragt, ob Felix die Aussage ernst gemeint hatte und zigtausend mal war sie auf dieselbe Antwort gekommen; wieso hätte er lügen sollen? Otto musste er ja nichts vormachen und er hatte keine Ahnung gehabt, dass sie mitgehört hatte. Sandra drehte ihr Handy in ihren Händen, legte es aber schlussendlich wieder weg. Er hatte sich die ganze Woche über nicht bei ihr gemeldet, wieso sollte er ihr auch jetzt antworten? Und was sollte sie ihm überhaupt schreiben? Sie konnte ihm ja schlecht gestehen, dass sie alles gehört hatte, was er gesagt hatte weil sie ihm hinterher gefahren war um zu sehen, ob alles okay war. Sandra hörte, wie die Wohnungstür aufgesperrt wurde und Patrizia kurz darauf in der Küche rumorte. Komischerweise war das Thema Felix zwischen den beiden Frauen nicht mehr aufgekommen, denn irgendwie hatte Sandra das Gefühl, dass Pat auf der Zunge brannte, sie es aber nicht ausspuckte. Aber was sie da gestern gehört hatte, ließ sie schlichtweg nicht mehr los und sie hatte das Gefühl, als würde sie daran ersticken, wenn sie es nicht loswurde. Langsam kroch Sandra aus ihrem Bett und öffnete ihre Schlafzimmertür. Patrizia, die gerade die Tüten ausräumte, blickte auf und lächelte. „Na, konntest du noch ein wenig schlafen?“
„Nein“, antwortete Sandra und ging auf die Küchentheke zu. „Pat, ich muss dir was sagen?“
„Ja?“ Die Richterin hielt inne und sah ihre beste Freundin an.
„Ich...“ Sandra nagte auf ihrer Unterlippe herum. „Ich bin gestern zur Kneipe gefahren, um zu sehen ob Felix da ist, weil er mich telefonisch ja ignoriert“
„Was ja auch absolut verständlich ist“, warf Patrizia ein.
Die Anwältin nickte kurz. „Ja und er war ziemlich betrunken… er stand mit Otto draußen und sie haben auf ein Taxi gewartet und ich hab… ich hab gehört, dass er zu Otto gesagt hat er hätte den Ring in die Havel geworfen“
Die Richterin schnaufte leise, sah ihre beste Freundin mitleidig an, und räumte dann weiter die Einkäufe weg. „Tja, auch das ist irgendwie nachvollziehbar, meinst du nicht?“
„Patrizia...“ Sandra sah sie mit großen Augen an. „Kapierst du nicht, was das heißt?“
Ihr Gegenüber sah sie verständnislos an.
„Er wollte mich offenbar doch heiraten!“
Wieder ließ die Angesprochene die Hände sinken. „Moment mal, du hast tatsächlich daran gezweifelt?“
„Ich hab dir doch erklärt, warum ich mich von ihm getrennt habe!“, quietschte Sandra jetzt fast. Sie verstand dieses Verhör und das gleichzeitig beinah gleichgültige Getue hier gerade nicht.
„Ich dachte du wolltest nicht mit dem wahren Grund raus und hast dir irgendeinen Unsinn einfallen lassen“, wurde Patrizia nun aufgebracht. „Du willst mir jetzt nicht im Ernst erzählen, dass du die Beziehung beendet hast, weil du nicht noch ein paar Wochen warten konntest?“
„Wie, ein paar Wochen? Was meinst du denn jetzt, verdammt nochmal? Wusstest du was von einem Antrag?“ Sandra spürte ihr Herz rasen.
„Na, nicht offiziell, Felix hat nichts gesagt, aber das war doch nun wirklich offensichtlich! Jeder hat kapiert, dass er dich früher oder später fragen wird!“
Die junge Anwältin hatte das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren, sie setzte sich auf den Barhocker an der Küchentheke und starrte gedankenverloren an die Wand. Patrizia ließ die Erkenntnis in ihr arbeiten und räumte schweigend die Tüten aus. Als Sandra immer noch nichts sagte, als sie fertig war, stellte sie ihr eine Packung Tampons auf den Tisch. „Hier, bitte, deine Bestellung“
„Danke“, seufzte die Anwältin und rieb sich den Unterleib wie auf Kommando.
„Immer noch so schlimm?“, fragte Patrizia mit hochgezogener Augenbraue.
„Ja, die Mittelschmerzen sind dieses Mal echt heftig. Und ich kann auch kaum schlafen. So schlimm war mein PMS sonst nie...“ Sie schnappte sich die Packung und erhob sich wieder von dem Barhocker.
„Naja, das ist ganz normal, wenn man die Pille absetzt“, zuckte Patrizia die Schultern und drehte sich um, um die Tüten wegzuräumen.
Sandra atmete tief ein und erstarrte, als ihr die Aussage bewusst wurde. Pille abgesetzt. Sie hatten nicht verhütet. Ihr wurde für einen Moment schwindlig, doch sie zwang sich selbst zur Vernunft. Nein, sie war bestimmt nicht ausgerechnet jetzt schwanger geworden und bestimmt nicht von einem einzigen Mal, das hätte schon ganz großer Zufall sein müssen. Außerdem hatte sie ja alle üblichen Anzeichen ihre Tage bald zu bekommen.
„Vielleicht solltest du dich bei Felix entschuldigen“, rissen Patrizias Worte Sandra aus ihren Gedanken.
„Entschuldigen?“, echote sie.
„Ja, entschuldigen. Du hast ihn echt verletzt, Sandra. Der wandelt nur noch wie ein Schatten seiner selbst durchs Gericht. Gut, ihr arbeitet jeden Tag zusammen und dir ging es selbst nicht gut, aber ich glaube du hast ihn durch die Hölle gehen lassen. Und das offensichtlich wegen einer völlig unsinnigen Angst.“, meinte Patrizia so behutsam wie möglich.
Sandra seufzte und blickte dann betreten zu Boden, bevor sie nickte. „Ich werde versuchen mit ihm zu sprechen am Montag.“
„Eine Aussprache würde euch echt nicht schaden“ Die Richterin streckte sich durch und machte sich dann auf den Weg ins Badezimmer. „Und hör ihm zu!“
„Danke, Pat“ Sandra warf einen kurzen Blick auf den Kühlschrank, merkte dann aber erst recht wieder wie appetitlos sie war, und schlurfte lautlos zurück in ihr Zimmer.
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