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Zwei

von Sassie
KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
Felix Edel Sandra Starck
14.01.2021
24.01.2021
6
22.258
 
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17.01.2021 3.320
 
„Iss doch wenigstens noch mit uns“, seufzte Sandra, die ihrer besten Freundin dabei zusah, wie sie Unmengen an Paella auf drei Teller schaufelte.
Sie hatte ihr bis vor einer halben Stunde verschwiegen, dass Felix vorbeikam, um an dem gemeinsamen Fall zu arbeiten, denn Patrizia war von diesen Zusammentreffen nicht begeistert. Es war wie ein stilles Abkommen zwischen den beiden Anwälten, dass sie sich entweder in der Kanzlei oder bei Sandra trafen, aber nie bei ihm in der Wohnung. Warum wussten sie beide nicht so recht, aber vielleicht hingen zu viele Erinnerungen dran.
„Damit ich euch zuhören kann, wie ihr euch gegenseitig anschweigt? Nein, danke.“, seufzte die Richterin und zog drei Gabeln aus der Schublade mit dem Besteck, bevor sie eine auf jeden Teller legte.
„Pat, bitte“, murmelte die Anwältin und ging um die Küchentheke herum, als es an der Wohnungstür klingelte.
Die Richterin folgte ihrer besten Freundin und schüttelte den Kopf. Sandra stöhnte auf, drehte sich um und öffnete die Tür. „Komm rein“
„Hallo Patrizia“, rief Felix mit einem unsicheren Lächeln.
„Hallo!“, antwortete diese nur und verschwand dann in ihrem Zimmer.
„Isst sie nicht mit uns?“, fragte der Anwalt und entledigte sich seines Mantels.
Sandra schüttelte den Kopf. „Hatte viel zu tun heute“
Sie drehte sich um und ging zurück in die Küche. Felix folgte ihr leise und legte den Aktenstapel auf dem Küchentisch ab. Er bedankte sich, als Sandra ihm einen Teller hinstellte. Felix schlug sofort einige Unterlagen auf und begann sie zu studieren. Er hatte keine Lust auf das unangenehme Schweigen beim Essen. Nicht heute. Heute hatte er das Gefühl das alles nicht zu ertragen.
Sandra schien zwar etwas überrascht für einen Moment, sagte aber nichts, als er sie nach dem Aktenzeichen fragte. Sie schien auch ganz froh darüber zu sein, dass sie hier keine Zeit verschwendeten. Felix kritzelte auf dem Blatt Papier vor sich herum, während er nebenbei aß. Es schmeckte köstlich und doch kam mit jedem Bissen etwas Wehmut in ihm auf. Früher hatten sie das auch öfter gemacht, hatten dabei Wein getrunken, sich unterhalten, gelegentlich Komplimente ausgetauscht, etwas geflirtet. Sie hatten oft stundenlang gequatscht, gescherzt, und gelacht, bevor sie zum Arbeiten gekommen waren und waren dann am nächsten todmüde in ihren Büros gesessen, hatten aber immer vor sich hin gegrinst und waren in den Erinnerungen an den Abend geschwelgt.
„Möchtest du was trinken?“, fragte Sandra nach einer Weile des Schweigens.
„Gern“, gab er zurück.
„Orangensaft?“ Sie erhob sich und ging auf den Kühlschrank zu. Er nickte und sie holte die Flasche, bevor sie versuchte sie aufzuschrauben.
Als er einige Augenblicke nichts hörte, hob der Anwalt seinen Blick und sah, wie Sandra Mühe hatte den Verschluss aufzukriegen.
Er seufzte und erhob sich. „Lass mich das machen“
„Geht schon“, antwortete sie nur.
„Jetzt gib her. Ich hab dir doch immer sämtliche Gläser und Flaschen aufgeschraubt.“ Er nahm ihr die Flasche aus der Hand und berührte sie dabei kurz.
Sandra schluckte, als die Erinnerungen wie bittersüße Wellen über ihr zusammenschwappten. Sie senkte ihren Blick, während er zwei Gläser mit dem Saft füllte. Ganz klar zeichnete sich die Szene vor ihrem geistigen Auge ab, als sie sich abends noch Brote gemacht hatten und Sandra ihn gefragt hatte, ob er Gewürzgurken hatte. Nach einigen Minuten war er ihr in die Küche gefolgt und hatte dabei zugesehen, wie sie sich abgemüht hatte, das Glas aber partout nicht aufbekommen hatte. Er hatte gelacht und sie hatte ihn nur angegrinst. ‚Das findest du also komisch, ja?‘. Felix war auf sie zugekommen, hatte ihr das Glas abgenommen und beiseite gestellt. Er hatte sie ganz dicht an sich herangezogen und sie waren in einem unendlich intensiven Kuss versunken.
„So. Hier.“, riss seine vertraute Stimme sie aus ihren Gedanken.
Er reichte ihr das Glas und sie ergriff es, doch er ließ nicht sofort los. Ihr Blick wanderte in seine Augen und mit Schrecken erkannte sie für einige Sekunden diese unendlich scheinende Traurigkeit darin.
„Danke“, flüsterte sie tonlos.
Er nickte nur und trank einen Schluck. Dann räusperte er sich, als er sich gegen die Küchentheke lehnte. „Erinnerst du dich an das Gurkenglas?“
Sie erschrak innerlich so sehr darüber, dass ihre Gedanken sich so ähnelten, dass ihr das Glas beinahe aus der Hand rutschte. Dann schüttelte sie schnell den Kopf und ging wieder zum Tisch. „Nein“
„Ach, komm. Du hast den Verschluss nicht aufgekriegt...“
„Felix, hör auf“, unterbrach sie ihn.
Er klappte den Mund zu und sah sie an.
„Wir sind hier um zu arbeiten“ Ihre Stimme klang dünn, und wenn man sie kannte, hörte man, dass ein Hauch von Verletzlichkeit mitschwang.
Felix schluckte. Ein Jahr und ein Tag. Und sie schien das alles schon vergessen zu haben, vergessen zu wollen. War er wirklich so wenig wert? War er wirklich nur so ein unbedeutender Part in ihrem Leben gewesen? Ein Kerl, den man bei seinen Kinder mit den Worten „Ach, und da war noch mal so einer, aber das wurde nichts mit uns“ erwähnte?
Er spürte wie Hitze in ihm aufstieg und für einen Moment war er nicht sicher, ob es Tränen oder Worte waren, aber egal was es war – Worte waren ihm in diesem Fall lieber als zu weinen.
„Hast du mal auf den Kalender gesehen?“, fragte er und seine Stimme klang lauter und sicherer, als er es selbst erwartet hatte.
Sie hob ihren Blick und schluckte, verbarg jegliche Gefühlsregung hinter einer eisernen Miene. „Es ist Donnerstag. April. Seit wann schreiben wir sowas denn auf die Vorbereitung?“
„Es geht nicht um diese verdammten Akten“, antwortete er und stellte das Glas auf die Theke. „Vor einem Jahr, Sandra“
„Hör auf“, sagte sie erneut leise, während sie ihren Blick senkte.
„Ich verstehs nicht. Ich versteh es einfach immer noch nicht. Und ich werde es auch nie verstehen, solang du es mir nicht erklärst. Denkst du nicht, dass du mir noch ein paar Antworten schuldig bist?“ Er hatte nicht mit diesem Thema anfangen wollen, nicht nochmal, denn es tat so unendlich weh. Aber es machte ihn krank, pochte in jeder Pore seines Körpers.
Sandra schüttelte nur den Kopf. „Wir haben doch ewig lange diskutiert, Felix. Ich weiß nicht, was ich dir noch sagen soll.“
Er schluckte und spürte sie nun definitiv, die Tränen, die unweigerlich in seine Augen stiegen. Er beeilte sich seine Akten zusammenzuraufen und ging ins Vorzimmer. Sie folgte ihm nicht, aber damit hatte er auch nicht gerechnet. So schnell er nur konnte schlüpfte er in seine Schuhe und seinen Mantel und zog die Tür leise hinter sich zu, als er fluchtartig die Wohnung verließ.
Sandra saß in der Küche, das Gesicht hinter ihren Händen verborgen, und weinte. Ein Jahr und ein Tag. Und es tat immer noch genauso weh wie damals.

Biene hatte schon den ganzen Tag über verzweifelt versucht ihren Chefs mitzuteilen, dass der Strom abends für zwei Stunden ausgestellt wurde. Sie hatte die Information im Treppenhaus gelesen, als sie etwas später zur Arbeit gekommen war aufgrund eines Arzttermins. Doch sie bekam weder Felix noch Sandra wirklich zu Gesicht und irgendwann fand sie sich mit dem Gedanken ab, dass die beiden vermutlich sowieso früher nach Hause gehen würden, um ins Wochenende zu starten. Seit einem Jahr war hier alles nicht mehr dasselbe. Biene hatte die ganze Beziehungskrise beinah hautnah mitbekommen und auch wenn sie es ihren Chefs hoch anrechnete, dass sie versuchten hier drin Normalität zu wahren, so bekam sie jede einzelne Stichelei mit und wusste, wie weh es ihnen beiden tat sich tagtäglich sehen und so tun zu müssen, als wäre alles beim Alten. Sie hatte ein einziges Mal versucht Sandra darauf anzusprechen, war aber an einer Betonwand der Gleichgültigkeit und Kälte abgeprallt und bei Felix traute sie sich nicht so wirklich, denn sie befürchtete, dass ihr da entweder dasselbe Schicksal blühte, oder er ihr mitteilte, dass sie das alles nichts anging und sie sich um ihren eigenen Kram kümmern sollte, und das wollte sie sich eigentlich ersparen.
Sie blickte auf, als eine E-Mail von der Staatsanwaltschaft hereinflatterte, las sie durch, und erhob sich dann seufzend. Mit einem unsicheren Blick zwischen den Bürotüren hin und her, entschied sie sich dann zu Sandra zu gehen. Felix hatte heute Morgen extrem schlecht gelaunt gewirkt.
Biene klopfte und wartete auf eine Antwort, bevor sie das Büro betrat. „Du, Sandra. Wir haben eine E-Mail bekommen. Fall Köhner. Wurde einen Tag vorverlegt, weil der Riese an dem anderen Tag was reinbekommen hat, was Vorrang hat.“
Die junge Anwältin seufzte laut und verdrehte genervt die Augen. „Stand das genauso drin?“
„Ich kanns dir ausdrucken, wenn du willst“ Biene deutete über ihre Schulter auf ihren Computer.
Sandra seufzte und winkte ab. „Nein, danke. Schon gut.“
Sie erhob sich und wanderte durch den Empfangsraum. Biene, die sich wieder hinter ihrem Schreibtisch niederließ, beobachtete vorsichtig, wie Sandra einen Moment zögerte, sich dann durchstreckte, und dann erst an die Tür ihres Kollegen klopfte, bevor sie eintrat.
„Felix“, meinte Sandra und versuchte dabei so selbstbewusst wie möglich zu klingen, doch es misslang ihr gründlich.
Er blickte auf und sah sie nur fragend an.
„Neue Information im Fall Köhner. Die Anhörung wurde einen Tag vorverlegt, weil der Riese einen wichtigen Termin hat.“ Sie verschränkte die Arme.
„Großartig“, seufzte Felix. „Der Köhner hat mich gerade angerufen und mir erklärt, dass er den Gutachter, den ich ihm rausgesucht habe, nicht will. Er möchte dafür jemand befreundeten. Ein Kerl, von dem man noch nie was gehört hat, ich hab gerade versucht etwas über den herauszufinden, aber der scheint nicht mal öffentlich als Gutachter für Baumaterialien auf.“
„Toll. Und ich nehme an er stellt sich quer das zu akzeptieren.“, murmelte Sandra.
Ihr Gegenüber nickte und sah sie an, bevor er sich räusperte. „Klingt nach Sonderschicht. Wann hast du deinen letzten Mandanten?“
Sandra blickte auf ihre Uhr. „In einer Stunde“
„Gut. Komm danach einfach in mein Büro. Wir müssen uns was einfallen lassen.“

Biene schnappte ihre Handtasche und winkte zu Felix hinein. Dieser nickte nur kurz zurück und konzentrierte sich dann wieder auf sein Telefonat. Er fühlte sich wahnsinnig schlecht wegen gestern, hatte die Kontrolle eigentlich nicht so verlieren wollen, denn er wusste, dass es keinen Sinn hatte. Wenn überhaupt drängte diese ganze Fragerei Sandra nur noch weiter von ihm weg und komischerweise hatte er Angst sie ganz zu verlieren. Natürlich tat es jede einzelne Sekunde weh, in der er sie sah, in ihrer Nähe war, und wusste, dass alles nie mehr so sein würde, wie es für einen kurzen Augenblick in seinem Leben gewesen war. Aber lieber erduldete er diese tagtägliche Folter, als sie nie wieder auch nur ansehen zu dürfen. An seine traurige Grundstimmung hatte er sich so ziemlich gewöhnt – insofern man sich an sowas überhaupt gewöhnen konnte – aber ab und an realisierte er wieder wie ausweglos jetzt alles war. Früher hatte er sich auch zurückgehalten, hatte gewusst, dass er sie nicht berühren oder küssen durfte. Aber das war anders gewesen. Ein Flirt, ein Kribbeln, diese ganze aufgestaute Spannung, die die Luft elektrisiert hatte, wenn sie alleine in einem Raum gewesen waren. Heute war es nur noch Vorsicht, denn er wusste, dass jeder Schritt einer zu viel sein konnte und dass keine Möglichkeit bestand, dass es ihr schlussendlich doch irgendwie gefiel. Ihre Augen sahen ihn nicht mehr mit derselben Leidenschaft an wie früher. Es war als hätte sich vier Jahre lang ein Feuer ausgebreitet, geboren in dem Funken, den sie beide verspürt hatten, nachdem sie sich im Gericht zum ersten Mal gesehen hatten, hochgelodert mit jeder Berührung, jedem netten Wort, jedem Lächeln, jedem Blick. Als Felix dann eines Abends nach Feierabend zu ihr ins Büro gekommen war, um sich zu verabschieden, hatte sie im Vorbeigehen unabsichtlich eine Akte zu Boden gefegt und als er ihr beim Aufheben der einzelnen Blätter geholfen hatte, hatten ihre Hände sich berührt, sie hatten sich angesehen, es hatte geknistert und dann war dieses stetig wachsende Feuer schließlich in einem Kuss explodiert. Er erinnerte sich noch zu gut daran, wie rasant schnell der Kuss außer Kontrolle geraten war, wie sie sich an ihn geklammert hatte, wie all diese aufgestaute Lust aus ihnen beiden herausgebrochen war und es sich angefühlt hatte, als hätte er zum ersten Mal seit vier Jahren wieder richtig atmen können. Aber so schnell wie die Flamme explodiert war, so schnell war sie offensichtlich auch wieder erloschen und Felix konnte sich immer noch nicht ganz erklären wieso. Ja, sie hatten einige Themen angeschnitten und er vermutete, dass es damit irgendwie in Beziehung stehen konnte, aber schlussendlich war sie ihm die leidige Frage des Warum immer noch schuldig. Als er sie einmal in einem Streit überdeutlich gefragt hatte, ob sie ihn denn einfach nicht mehr liebte und das nur als kleines Abenteuer gesehen hatte, hatte sie ganz eindeutig mit ‚So ist das nicht‘ geantwortet und leider Gottes hatte ihn das nur vor ein noch größeres Rätsel gestellt, denn wenn sie ihn doch offensichtlich auch noch liebte, wieso tat sie ihnen das an?
Er hob den Kopf, als seine Bürotür aufging und Sandra unsicher an der Türschwelle stehenblieb. Mit einer einladenden Handbewegung deutete er ihr reinzukommen und beendete sein Telefonat.
„Ich hab versucht noch einen anderen Gutachter aufzutreiben, aber auf so einen kurzen Zeitraum gesehen...“, seufzte er und zuckte die Schultern.
„Ja, das ist fast ein Ding der Unmöglichkeit“, stimmte sie zu und setzte sich. „Wir könnten versuchen eine Vertagung rauszuhandeln“
„Darauf wird sich der Richter nicht einlassen“, schüttelte Felix den Kopf. „Dafür ist der Streitwert einfach zu gering“
Sie biss sich auf die Unterlippe und nickte. „Gut, dann versuchen wir nach Lösungsansätze zu suchen“
Sie nickten sich zu und begannen dann unabhängig voneinander in den Gesetzbüchern zu blättern. Einige Minuten ging das schweigend so dahin, dann blickten sie beide plötzlich überrascht auf, als das Licht ausging.
„Hast du den Strom bezahlt?“, fragte Sandra sofort alarmiert.
Felix seufzte. „Ach, du denkst natürlich sofort wieder ich wäre unfähig. Vielleicht ist es ein normaler Stromausfall?“
Er erhob sich und wanderte in den Empfangsraum, holte sich eine Taschenlampe von Bienes Schreibtisch und leuchtete dann in den Sicherungskasten. Als Sandra hinter ihn trat und ihm über die Schulter blickte, stieg ihm ihr so vertrauter und verführerischer Duft in die Nase und er machte schnell einen Schritt zur Seite und schüttelte dann den Kopf. „An den Sicherungen liegts nicht“
Sie hörten beide etwas im Treppenhaus und Felix öffnete die Tür. Er trat hinaus und erblickte im fahlen Lichtkegel der Taschenlampe den Zettel an der Wand, auf dem gewarnt wurde, dass der Strom ab sieben Uhr abends für mindestens zwei Stunden gewartet wurde.
„Gut“, seufzte er, als er wieder in die Kanzlei trat. „Hier ist nichts mehr mit arbeiten heute Abend“
„Verdammt“, murmelte Sandra. „Wir müssen uns echt was einfallen lassen“
Felix nickte und blickte im Halbdunkeln zurück in sein Büro. „Sonst lass uns einfach zu dir fahren“
Die junge Anwältin schüttelte den Kopf. „Ich hab Patrizia versprochen nicht vor halb zehn zu Hause aufzukreuzen, die hat ein Date“
„Oh“ Felix kratzte sich kurz etwas überfordert am Hinterkopf und zuckte dann so locker wie möglich die Schultern. „Gut, dann fahren wir zu mir“
Er ging in sein Büro, um alles zusammenzupacken. Sandra blickte ihm nur hinterher und schluckte verunsichert. Sie wusste nicht, ob ihr das recht war, auch wenn sie nicht wirklich realisieren wollte weswegen. Aber es galt schließlich das Beste für den Mandanten rauszuholen. Sandra schalt sich selbst sich zusammenzureißen und holte dann auch ihre Aktentasche und die nötigen Unterlagen aus dem Büro.

Ein unendlich mulmiges Gefühl kroch in der jungen Anwältin hoch, als sie hinter Felix die Wohnung betrat. Hier hatte sie beinah ein Jahr ihres Lebens gelebt, auch wenn sie nicht offiziell zusammengezogen waren, aber ihr Lebensmittelpunkt hatte trotzdem hier stattgefunden. Sie hatte seit dem Tag, an dem sie gegangen war, keinen Fuß mehr hier rein gesetzt und trotzdem fühlte es sich auf eine verschrobene Art und Weise immer noch so an, als käme sie nach Hause. Sie versuchte das Gefühl so gut es ging hinunterzuschlucken, aber es keimte immer wieder neu in ihr auf und am liebsten wäre sie davongerannt.
„Möchtest du etwas trinken?“, fragte er sofort auf seine typisch wohlerzogene Art und Sandra nickte nur, als sie hinter ihm das Wohnzimmer betrat und sich langsam auf den Stuhl sinken ließ.
Der Anwalt verschwand in der Küche und kam einige Minuten später wieder mit zwei Gläsern Rotwein. Sie erkannte schon am Geruch, dass es ihr Lieblingsrotwein war und schluckte. Er hatte ihr damals offenbart, dass er diesem „süßlichen Gesöff“ nichts abgewinnen konnte, scheinbar hatte er die Flasche, die sie noch am Tag ihrer Trennung gemeinsam gekauft hatten vormittags, aber nicht weggeworfen. Sie nahm einen Schluck und räusperte sich dann, bevor sie die nötigen Unterlagen aus ihrer Aktentasche zog.
„Ich fürchte unsere beste Chance ist eine gütliche Einigung“, seufzte Felix und stellte sein Glas auf dem Tisch ab. „Alles andere wird der Richter als Zeitverschwendung erachten“
„Noch dazu weil wir keinen Gutachter mehr auftreiben“, stimmte Sandra zu.
„Naja, wir könnten es mit dem versuchen, den der Mandant vorgeschlagen hat, aber das ist juristischer Selbstmord“
„Ja, ich fürchte auch“
„Gut, dann müssen wir nur noch versuchen dem Köhner die gütliche Einigung schmackhaft zu machen“
Sandra schnaufte leise. „Tja“
Felix sah sie für einen Moment an und senkte seinen Blick wieder. „Könntest du das machen? Du kannst sowas echt gut...“
Sie war überrascht über das Kompliment, es waren vermutlich die ersten netten Worte, die sie seit einem Jahr von ihm gehört hatte. Sie nickte nur leise und beobachtete ihn dabei, wie er noch einmal die Daten der strittigen Materialien durchging. Als er offenbar auf etwas stieß und sie bat sich das anzusehen, erhob sie sich und setzte sich neben ihn auf das Sofa, um in die Akten zu blicken. Ihr wurde bewusst wie wahnsinnig gut er roch und wie angenehm sie es immer gefunden hatte, dass er so eine Wärme ausstrahlte. Die sanften Duftpartikelchen seines Aftershaves drangen in ihre Nase und mit einem Mal schoss ihr in den Kopf wie zart sich die Haut seines Nackens unter ihren Fingern angefühlt hatte. Wie seine Bartstoppel gekitzelt hatten jeden Sonntagmorgen, da er sich immer erst am Montag vor der Arbeit rasiert hatte. Wie der Kaffee von seinen Lippen geschmeckt hatte. Wie seine nasse Haut sich perfekt an ihre geschmiegt hatte unter der Dusche.
Sie riss sich aus ihren Gedanken und erst dann fiel ihr auf, dass er sie ansah. Sie erwiderte den Blick und sah sein schiefes Schmunzeln, genau das, das sie immer so verrückt gemacht hatte, das, das ihr Schmetterlingshorden durch die Magengegend gejagt hatte. Das, das sie immer dazu gebracht hatte ihn zu küssen.
Sie räusperte sich und erhob sich schnell, bevor sie sich auf die Toilette entschuldigte. Während Felix nichtsahnend weiterarbeitete, ließ Sandra im Badezimmer kühles Wasser über ihre Handgelenke laufen und sah sich schließlich durch den Spiegel selbst in die traurigen rehbraunen Augen, die seit einem Jahr irgendwie glanzlos und fade schienen. Sie hatte sich die Frage, ob die Trennung die richtige Entscheidung gewesen war, schon einmal zu oft gestellt und sie hasste es sich Fehler einzugestehen. Sie legte ihre kalten, nassen Hände auf ihre glühenden Wangen. Nein, das musste aufhören. Natürlich war die Entscheidung richtig gewesen. Er hatte ihr einfach nicht das gegeben, was sie gebraucht hatte, hatte mit Unverständnis reagiert und davon hatte sie genug. Zu lang hatte sie sich an solche Männer verschwendet. Sie musste ihn aus dem Kopf bekommen, endgültig, und er sollte auch nicht mehr nett zu ihr sein. Er sollte sie nicht anlächeln, ihr nicht wieder dieses Gefühl einimpfen, das sie immer noch so sehr vermisste. Am besten war es, wenn er sie hasste. Abgrundtief.
Sandra atmete noch ein letztes Mal durch und begab sich dann zurück ins Wohnzimmer. Sie ließ sich wieder auf den Stuhl sinken und nahm einen Schluck Rotwein. Ein falscher Kommentar, sie hoffte und betete, dass er ihn machte. Es würde ihr einen Grund liefern zu gehen, keinen guten zwar, aber was machte das schon noch?
Sie wurde mit jeder verschwiegenen Minute verzweifelter, konnte seine Wortlosigkeit kaum noch ertragen, doch dann endlich sagte er etwas. „Hast du Hunger? Ich könnte uns etwas zu essen machen.“
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