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Zwei

von Sassie
KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
Felix Edel Sandra Starck
14.01.2021
24.01.2021
6
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14.01.2021 3.089
 
Ihre braunen Augen weiteten sich, ihr Herzschlag pulsierte in ihren Pupillen und sie starrte auf das kleine weiße Feld mit den zwei überdeutlichen roten Strichen. Ihr Blick war so intensiv, dass sie beinahe in der Sekunde Kopfschmerzen bekam, versteifte sich so sehr darauf, dass sich doch noch etwas änderte, dass ihr Kopf ihr einen Streich spielte. Es durfte nicht sein. Es konnte nicht sein. Nicht jetzt. Nicht so. Die Farben verschwammen vor ihren Augen, die erste Träne rollte über ihre Wange und sie wischte sie ärgerlich und viel zu fest weg. Zwei Striche. Sie starrte immer noch, aber es tat sich nichts. Es war wie es war. Unverkennbar und klar, rot auf weiß. Unwillkürlich schluchzte sie laut auf und öffnete mit zittriger Hand den Wasserhahn, ließ sich kaltes Wasser über die Handgelenke laufen, bis es brannte, bis es stach, und trotzdem hatte sie das Gefühl, als spürte sie sich im Moment nicht. Es war vollkommen ruhig in der Wohnung, in dem Raum, die Uhr an der Wand tickte gemächlich vor sich hin, das Wasser lief in einer ruhigen stetigen Bewegung über ihre mittlerweile schon rote Haut, aber in ihr brach ein Tumult los. Sie spürte wie ihr Herz anfing zu hetzen, so stolpern, wie ihre Gedanken Anlauf nahmen und rasten, wie ihr das Blut in den Kopf schoss und wie ihr Magen sich im Kreis drehte. Mit ihren nassen Händen schaffte sie es in letzter Sekunde ihr Haar zusammenzuraufen, bevor sie sich ins Waschbecken übergab, aber viel mehr als ein Würgen kam nicht zustande. Sie hatte seit Tagen kaum etwas gegessen. Sie spürte, wie ihr Kopf schwerer wurde, wie etwas unablässig von innen dagegen zu hämmern schien und mit einem Mal fuhr der ganze Raum Karussell und sie schaffte es gerade noch sich auf den Boden zu setzen. Alles drehte sich, sie unterdrückte einen neuerlichen Würgereiz, stöhnte auf und presste sich die Hände an den Kopf. Ihr Magen fuhr Achterbahn, ihr Herz sprang fast aus ihrer Brust, und für einen furchtbaren kleinen Moment fragte sie sich, ob ihr Körper sich dem Problem wohl gerade selbst annahm. Die Bilder vor ihren Augen verschwammen, ihre Füße, die sie anstarrte, schienen sich aufzulösen. Alles begann zu flimmern wie bei einem alten Schwarzweißfernseher mit unfassbar schlechtem Empfang. Zwei Striche. Und dann war alles schwarz.

_____


Gestresst stopfte Sandra die Tüte mit ihrem Frühstück in ihre Aktentasche, bedankte sich, und eilte aus dem kleinen Café. Der Anblick der Theke, der Stehtische, und der Leute, die sie auch früher immer hier gesehen hatte, als ihre kleine heile Welt noch existiert hatte, tat schon lange nicht mehr weh. Sie konnte mittlerweile damit leben.
Sie bremste genervt ab, als ihr Handy anfing zu piepen, kramte es aus ihrer Manteltasche und blickte auf das Display. Seufzend rang sie für einen Moment mit sich, dann nahm sie ab. „Was ist denn?“
Sie lauschte kurz, verdrehte dann die Augen, und stöckelte weiter in Richtung Kanzlei. „Ich bin schon unterwegs, schneller gings nicht. Berufsverkehr.“
Sandra hörte, dass er noch etwas sagte, aber sie legte auf und ließ das Telefon zurück in ihre Manteltasche gleiten. Mit schnellen Schritten hetzte sie die Straße hinab, rang sich ein müdes Lächeln für die Verkäuferin des kleinen Ladens ab, an dem sie jeden Morgen vorbeieilte, und kramte dann in ihrer Aktentasche nach dem Schlüssel zur Haustür. Ein angebrochener Antibabypillenblister fiel heraus, als sie das Gesuchte endlich gefunden hatte und aus der Tasche zog. Genervt bückte sie sich, hob ihn auf, und warf ihn in den nächsten Mülleimer. Vielleicht erklärte auch das ihre gereizte Stimmung – sie hatte sich vor zwei Wochen dazu entschlossen die Pille abzusetzen. Was machte es für einen Sinn seinen Körper mit Hormonen vollzupumpen, wenn sie gar kein Interesse an irgendeinem Kerl hatte? Die letzten paar Dates, die sie in großzügigen Abständen gehabt hatte, waren Reinfälle sondergleichen gewesen und sie hatte beschlossen sich lieber intensiver um die Karriere zu kümmern, als um irgendwelche Möchtegernmachos, die ihr reihenweise einreden wollten, sie wären ganz anders als alle anderen, und im Endeffekt waren sie doch alle gleich.
Sandra verschüttete fast den Kaffee in ihrer Hand, als sie die Tür aufdrückte, hielt für eine Sekunde inne bis der Inhalt des Bechers sich wieder beruhigt hatte, und beeilte sich dann über die Treppe nach oben. Ihr Schlüsselbund schepperte offenbar so laut, dass ihre Sekretärin sie hörte und kurzerhand den Summer betätigte. Sandra drückte die Tür auf und warf sie mit dem Fuß hinter sich wieder zu. „Danke Biene“
„Guten Morgen“, antwortete die Sekretärin lächelnd.
Sandra stellte ihre Aktentasche ab und schälte sich aus ihrem Mantel. Als sie damit fertig war, ging sie auf den Schreibtisch zu und wartete auf ihren Poststapel, die Anwaltsgehilfin deutete aber nur mit dem Kopf zur der Bürotür an ihrer Linken. „Er wartet auf dich“
„Ja, das war unverkennbar, er hat mich angerufen“, antwortete Sandra unterkühlt. „Kann ich trotzdem noch meine Post haben?“
Unterwürfig reichte Biene den Stapel hinüber und ihre Chefin ging seelenruhig ihre Briefe durch. Als das Telefon klingelte, nahm sie eilig ab. „Kanzlei Edel & Starck, Sabine Winkelmann, was ka… ja. Okay.“
Sie legte wieder auf und räusperte sich dann. „Sandra, Felix braucht dich. Dringend...“
Die junge Anwältin blickte von ihrem Poststapel auf, auf das Telefon, und schüttelte dann säuerlich auflachend den Kopf. Sie warf ihre Briefe zurück auf den Schreibtisch und stampfte auf das Büro ihres Kollegen zu, bevor sie die Tür aufriss.
Felix blickte auf und senkte den Blick dann gelangweilt wieder. „Dass man mit dir auch schon rechnen darf“
„Ich hab dir gesagt ich bin gleich da“, giftete sie ihn an. Sie betrat das Büro und schmiss die Tür hinter sich zu.
„Wir hätten schon vor einer Viertelstunde anfangen sollen, vielleicht kannst du dein Frühstück so timen, dass du mir keine wertvolle Arbeitszeit klaust. Wie du weißt, hab ich viel zu tun.“ Die Selbstgefälligkeit schien ihm aus jeder Pore zu tropfen.
„Wenn du so ein großartiger Anwalt bist, wieso hast du dann nicht schon allein angefangen, statt die Zeit damit zu vergeuden mich und Biene anzurufen?“, fragte sie und ließ sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch fallen.
„Weil ich nicht die Arbeit mache, während du gemütlich Kaffee trinkst und dann die volle Honorarnote kassierst“, antwortete er kühl. „Hast du mir auch einen mitgebracht?“
„Seh ich so aus?“ Sie zog eine Augenbraue hoch und langte dann über den Schreibtisch um eine Akte zu sich zu ziehen. „Wieso wollte der Kerl für diesen Fall eigentlich zwei Rechtsbeistände? Das hätte ich alleine auch hingekriegt.“
Er blickte auf und lächelte gespielt freundlich. „Wenn das jemand alleine hingekriegt hätte, dann ich. Er ist zu mir gekommen.“
„Weil deine Bürotür offenstand“, antwortete sie nur ohne den Blick zu heben.
Felix verdrehte genervt die Augen. Vor zwei Tagen hatte ein Mandant die Kanzlei betreten und nach einem Anwalt verlangt. Da er gerade ein Fenster gehabt hatte, hatte Biene ihn zu ihm ins Büro geschickt. Der Mann hieß Manfred Köhner und hatte ohne ein Wort einen Bauplan auf den Tisch geknallt. Dann hatte er Felix erklärt, dass er gerade dabei war sich sein Traumhaus zu bauen und einiges an Material, das er eigens von einer großen Firma für teures Geld bestellt hatte, offenbar mangelhaft war. Eigentlich ein ziemlich banaler Fall, Felix war im Kopf sofort die Liste mit Gutachtern durchgegangen, die auf diesem Gebiet als Koryphäen bekannt waren, aber dann hatte der Mandant ihm unterbreitet, dass er diese Kanzlei nur betreten hatte, weil hier offenbar zwei Anwälte arbeiteten und er sie beide haben wollte. Felix hatte mit Engelszungen auf ihn eingeredet, ihm erklären wollen, dass das die Kosten für ihn nur unnötig in die Höhe trieb, aber Herr Köhner hatte vehement darauf bestanden von ihnen beiden vertreten zu werden. Der Anwalt hatte sich seinem Schicksal dann ergeben, sich aber vorbehalten den Mandanten noch einmal anzurufen, falls Sandra keine Zeit hatte, aber er hatte schon geahnt, dass sie dieses Mandat nicht ablehnen würde, denn das tat sie nie.
„Du bist blass“, murmelte er, nachdem er sie kurz angesehen hatte.
„Und du charmant wie immer“, antwortete sie entnervt. „Ich dachte du musst so dringend arbeiten?“
„Muss ich auch“ Er richtete seinen Blick wieder auf seine Notizen hinab.
„Dann tu mir den Gefallen und mach das, anstatt dich um mich zu sorgen“ Ihre Stimme klang so gelangweilt und kühl.
Felix hasste es so eng mit ihr zusammenarbeiten zu müssen, denn es artete immer in Streit aus.
Er beschränkte sich nur noch auf die Fakten, sie warfen sich gegenseitig einige Paragraphen um die Ohren, diskutierten, welcher Gutachter am besten sein würde. Dann erhob Sandra sich und schritt wieder aus seinem Büro. Als sie die Tür geschlossen hatte, strich Felix sich mit den Händen übers Gesicht und machte sich auf den Weg in die Küche. Er brauchte Kaffee. Starken Kaffee. Dringend.

„Alter, du siehst abgespannt aus“, begrüßte Otto seinen besten Freund abends. „Kurt, mach mal ein Bier“
Der bärtige Kellner brummte zustimmend und begab sich an den Zapfhahn.
Felix setzte sich auf seinen üblichen Stammplatz am Tresen und angelte eine Schachtel Zigaretten aus der Sakkotasche. Er war eigentlich immer nur Gelegenheitsraucher gewesen, seit ein paar Monaten allerdings war es zu seinem allabendlichen Ritual geworden sein Bier mit Glimmstängel zu genießen.
Horst schob das volle Glas zu dem Anwalt hinüber und dieser bedankte sich.
„Harter Tag?“, hakte Otto nach und warf sich ein paar Erdnüsse aus dem Schälchen am Tresen in den Mund.
„Gab es in letzter Zeit irgendeinen Tag, der nicht hart war?“, hakte Felix genervt nach.
„Hey, ich kann nichts dafür, dass du scheiße drauf bist“, rechtfertigte sein bester Freund sich sofort.
„Ich hab dir doch von diesem Baurechtsfall erzählt“
„Der, den du mit Sandra gemeinsam machen musst“
„Ja, genau der“
„Ja“
Felix nickte. „Sie raubt mir den letzten Nerv“
Otto schluckte und räusperte sich. Sandra war in den letzten Monaten ein äußerst empfindliches Thema und er wusste kaum, wie er damit umgehen sollte, da auch Felix‘ Stimmung hierzu ziemlich äquivalent war. An manchen Tagen schien er über sie reden zu wollen, an anderen explodierte er beinah, wenn er den Namen auch nur hörte.
„Das wird schon wieder. Vielleicht hat sie einfach ihre Tage.“, stammelte der Türke etwas ratlos.
„Ein Jahr ist es her, Otto. Heute vor genau einem Jahr hat sie mir das Herz rausgerissen. Und seitdem stakst sie jeden Tag durch die Kanzlei, als wäre nichts gewesen, redet nur noch mit mir, wenn es nötig ist.“ Felix schüttelte langsam den Kopf und zog an seiner Zigarette. „Sie ist absolut kaltschnäuzig“
Otto starrte bedrückt auf den Tresen und nahm dann einen großen Schluck Bier. Ein Jahr war es also schon wieder her, dass sein Telefon geklingelt hatte und Felix ihn weinend gebeten hatte zu ihm nach Hause zu kommen. Otto war sofort losgefahren, war besorgt aus dem Aufzug gestolpert und durch die angelehnte Wohnungstür seines besten Freundes geeilt. Er sah es noch heute vor sich, wie Felix auf dem Sofa saß und bitterlich weinte, so sehr, dass es ihn regelrecht geschüttelt hatte. Es hatte eine volle Stunde gedauert, bis Otto ihn so weit heruntergefahren hatte, dass er die Worte über die Lippen gekriegt hatte. ‚Sandra hat Schluss gemacht‘. Das hatte gesessen. Auch bei seinem besten Freund. Eine ganze Woche, hatte Felix nur in seinem Bett gelegen und war nicht zur Arbeit gegangen, war unsicher gewesen, wie sein Leben weiterging, seine Karriere, wie es möglich war, dass die Welt sich überhaupt noch drehte, während er hier lag und das Gefühl hatte, als prangte nur noch ein großes schwarzes Loch an der Stelle, an der sein Herz gesessen hatte. Doch dann hatte er sich selbst wieder auf die Beine gestellt, war zur Arbeit gegangen und Sandra hatte keine Anstalten gemacht zu kündigen. Sie hatten in stiller Vereinbarung beschlossen trotzdem noch gemeinsam diese Kanzlei zu führen und eben das Beste daraus zu machen, ohne zu wissen, dass sie beide in regelmäßigen Abständen weinend in ihren Büros gesessen hatte.
Nach einem Monat des Herzschmerzes, hatte Felix sich wieder in die Frauenwelt gestürzt, verzweifelt nach etwas oder jemandem gesucht, der diese gähnende Leere in seinem Inneren zu füllen vermochte, aber er hatte es nicht geschafft. Es hatte viele Verabredungen gegeben, die echt nett gewesen waren, aber sobald die Frauen versucht hatten ihm näherzukommen, ihn gar zu küssen oder noch weiter zu gehen, war in seinem Kopf eine Schranke hinabgeknallt und er hatte sich schnellstens aus dem Staub gemacht. Otto hatte er vorgelogen, dass er im Moment einfach kein Interesse an Sex hatte, insgeheim gab es jedoch einen sehr viel banaleren Grund, der ihn dazu veranlasst hatte alles im Keim zu ersticken, das auch nur im Ansatz hätte intim werden können; er wollte Sandra nicht ersetzen. Sie war die letzte Frau, die er gespürt hatte, und er wusste, dass es nichts Vergleichbares mehr gab da draußen. Er wollte die Erinnerung nicht übertünchen, überschreiben, wollte nicht, dass er das Gefühl ihrer Haut unter seinen Fingern irgendwann durcheinanderbrachte mit den stumpfen Berührungen, die er einer Affäre gewidmet hätte.
„Sollen wir mal wieder wohin ausgehen?“, fragte Otto mit einem hoffnungsvollen Blick auf seinen besten Freund.
Dieser riss sich sichtlich aus seinen Gedanken und schüttelte dann nur müde den Kopf. Otto seufzte. Er wusste, dass Felix in der Kanzlei den Kühlen spielte, so tat, als wäre alles zumindest halbwegs normal. Er ließ Sandra genauso auflaufen, wie sie ihn, warf ihr spitze Kommentare entgegen, schlug ihr manchmal die Tür vor der Nase zu. Aber tief im Inneren war sein bester Freund nicht mehr der, der er gewesen war. Ihn schien eine unendliche Traurigkeit zu umgeben, bis in die letzte Pore, und Otto hatte noch keine Möglichkeit gefunden diese irgendwie auch nur ansatzweise zu lockern. Sie schien zu Felix‘ Grundstimmung geworden zu sein. Und was Otto noch mehr sorgte war, dass er diese in der Arbeit immer noch versteckte und so tat, als wäre alles in Ordnung.

„Fünfzehn Euro für eine Pizza! Die spinnen ja!“ Biene knallte den Telefonhörer wieder auf die Gabel zurück und schüttelte den Kopf. Sie hatte einen bei einem anderen Pizzaservice angerufen, da der übliche für eine Woche wegen Krankheit geschlossen hatte.
„Tja, dann wird der liebe Herr Edel etwas anderes essen müssen“, meinte Sandra augenrollend und sortierte eine Akte zurück in den Schrank. Wie auf Befehl kam der Anwalt aus seinem Büro und warf einen Blick auf die beiden Frauen, die sich zeitgleich zu ihm umschauten.
„Du, die wollen fünfzehn Euro für eine Salamipizza“, erklärte Biene schnell. „Das find ich deutlich überzogen“
„Dann bestellen wir halt Sushi“, schaltete Sandra, die den Blick wieder zurück zu den Akten gewandt hatte, sich ein.
Felix schnaufte. Er hatte das Gefühl, dass sie heute extra auf Krawall gebürstet war. Den ganzen Morgen über hatte sie schon etliche Spitzen in seine Richtung abgelassen und langsam war er es leid. Hatte sie eigentlich schon auf den Kalender gesehen? Vor einem Jahr war Tag eins ihrer Trennung gewesen und obgleich es noch genauso wehtat wie damals, hatte Felix es an diesem Morgen irgendwie geschafft, die Tränen zurückzukämpfen und sich in die Arbeit zu schleppen, obwohl er sich am liebsten in die Besinnungslosigkeit getrunken hätte. Hatte ihr das alles so wenig bedeutet? Ihr? Die immer so sehr auf Romantik pochte, die ihnen ein Lied zugeteilt hatte, die er immer dabei erwischt hatte wie sie grinste, wenn sie irgendwelche gemeinsamen ersten Male geteilt hatten?
„Ich will kein Sushi“, schluckte Felix.
„Wir werden aber keine Pizza für fünfzehn Euro pro Stück bestellen“, antwortete Sandra genervt.
„Biene, dann such was anderes aus, wir sind in Berlin, da gibts gefühlte tausend Restaurants, die Pizza liefern“, wandte der Anwalt sich an die Sekretärin.
Diese nickte und vertiefte sich wieder ins Telefonbuch.
Felix stob am Schreibtisch vorbei und flüchtete sich in die Küche. Er atmete tief durch und holte sich dann eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. Als jemand sich hinter ihm räusperte, zuckte er zusammen und fuhr herum.
„Wäre es nicht klüger, wenn wir etwas anderes bestellen?“, fragte Sandra. „Bis Biene jetzt was gefunden hat und die Lieferung da ist, dauert das doch ewig.“
Felix knallte die Flasche so abrupt und überraschend auf den Tisch, dass die junge Anwältin zusammenfuhr und ihn mit großen Augen ansah.
„Ich will Pizza, Sandra. Und es gibt Pizza. Und wenn sie fünfzehn Euro kostet, dann ist das eben so. Oder willst du mir wirklich alles im Leben wegnehmen?“ Er wartete keine Antwort ab, schnappte sich die Flasche, und stieß die Tür ins Archiv so unsanft auf, dass sie gegen einen Aktenschrank stieß.
Sandra schloss die Augen und wartete, bis er in seinem Büro war, dann schluckte sie schwer und setzte sich in Bewegung. Sie folgte ihm und baute sich schließlich vor seinem Schreibtisch auf. „Wir müssen an dem Fall weiterarbeiten“
„Ich hab keine Zeit“, antwortete er mit brüchiger Stimme.
Sie biss sich auf die Unterlippe und verschränkte die Arme. „Felix, wir haben da bald Anhörung“
Er schnaufte und schwieg, während er das Gesetzbuch aufschlug und sich darin vertiefte.
Sandra schluckte und sah ihn an. Ein Jahr und ein Tag. Und seit diesem Augenblick hatte sie das Gefühl diesen Mann vor sich nicht mehr zu kennen. All das Liebevolle, das er ihr immer entgegengebracht hatte, war durch ihre Worte offenbar gestorben. Worte, die soviel mehr beendet hatten, als nur eine Beziehung. ‚Felix, das hat keinen Sinn mehr mit uns‘. Sie konnte sich noch heute erinnern, wie sie sich umgedreht hatte und nach ihrem Mantel gegriffen hatte. Sie hatte sein leises ‚Sandra, nein. Bitte tu das nicht.‘ ganz genau gehört, aber sie war in diesem Augenblick selbst nicht stark genug gewesen, um ihm noch irgendwas zu erklären. Sie hatten doch diskutiert. Sie hatte ihm erklärt, was ihr gefehlt hatte, und er hatte es nicht verstanden. Und sie hatte die einzig logische Konsequenz daraus gezogen. Sie erinnerte sich noch heute an sein Schluchzen. Sein Weinen. Ein Geräusch, das sich tief in ihre Seele gefressen hatte. Sie hatte sich nicht mehr umgedreht, war in den Aufzug gestiegen, und hatte dann zwei Stunden lang in ihrem Auto geweint. Vor seinem Haus. Mit dem Blick hoch zu seinem Apartment.
„Patrizia macht heute Abend Paella. Das wird bestimmt wieder zu viel. Wir können auch bei mir zu Hause weitermachen, wenn du jetzt keine Zeit hast.“, murmelte Sandra leise.
Sie sah, dass er schluckte und obwohl er immer noch vorgab sich auf das Buch vor ihm zu konzentrieren, merkte sie, wie er nachdachte.
Dann nickte er nur leise.
„Komm einfach gegen acht vorbei“ Sie ging noch einige Schritte rückwärts, dann drehte sie sich um und begab sich zurück in den Empfangsraum.
Felix hörte, wie sie Biene bat Pizza zu bestellen – egal was sie kostete. Er fuhr sich durch sein Haar und versuchte sich dann wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren.
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