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The Wild Wild West

von Beccy-99
GeschichteAbenteuer / P18 / Gen
Arthur Morgan Dutch van der Linde Hosea Matthews John Marston
14.01.2021
17.09.2021
7
15.313
 
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14.01.2021 1.872
 
Wir schrieben das Jahr 1899 und wir befanden uns mitten im Frühling. Naja, vielleicht war es in einem anderen Teil Amerikas Frühling, denn hier hatte es den Anschein, dass der tiefste Winter herrschte. Während mein Vater und ich in einer kleinen Hütte Schutz suchten, wütete schon seit Tagen vor der Tür ein heftiger Schneesturm. Mein Vater lag mit einer Schusswunde auf einem provisorischen Bett und rang schwer nach Luft.

„Bitte Pa, du musst das für mich überstehen. Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun soll", kniend an seiner Seite, nahm ich seine kalten Hände in meine ebenso kalten.
„Keine Sorge, meine kleine Olivia, du bist mittlerweile schon stark genug, ich sehe das in deinen Augen. Dort ist dieser Blick, den auch deine Mutter immer hatte, dieser wilde, starke Blick." Er hustete und ich konnte es zwar schlecht erkennen, doch er hustete Blut. Ich hatte das Licht in der Hütte ausgemacht, damit wir nicht so schnell gefunden wurden.
Tränen liefen über meine Wangen und mein Vater strich sie wieder sanft aus meinem Gesicht. Sein Leben wich immer mehr aus seinem Körper und mit der letzten Kraft, die ihm verblieb, hustete er noch einmal seine Seele aus dem Leib. Nach wenigen Minuten war es dann soweit und vor mir lag nur mehr noch ein Körper, der keine Atemzüge und kein Muskelzucken mehr machte. Ich legte meinen Kopf auf seine Brust und rührte mich nicht mehr. In dieser Zeit, in der ich so da lag, dachte ich über die letzten Tage nach. Über die Flucht aus dem Bergbaulager, in dem sich die berüchtigte Bande des Colm O'Driscoll verschanzte und über die Familie, die uns in ihrem Bauernhaus Schutz anbot, bis uns einer der Jungs von Colm dort fand und auch somit meinen Vater anschoss, nachdem wir wieder weiter auf der Flucht waren.
Kein Ahnung, wie viel Zeit verstrich, ob es jetzt Minuten oder Stunden waren, in diesem Moment war es mir nicht wichtig.

Von draußen drangen auf einmal Stimmen in die kleine Hütte. Aus Reflex schnellte meine Hand zu dem Revolver, der meinem Vater gehörte, und richtete sie gen Tür. Plötzlich wurde sie aufgestoßen und ein großer, alter Mann blieb direkt im Türrahmen stehen. Vorsichtig blickte er sich im Raum um, immer seine Laterne vor sich gerichtet, um auch etwas besser zu sehen, doch als seine Aufmerksamkeit auf mich fiel, hielt er in seiner Bewegung inne. Er nahm auch die Waffe in meiner Hand wahr und hob seine Hand, die noch frei war, in die Höhe, um mir zu bedeuten, dass er unbewaffnet sei. Ich betrachtet den Mann von oben bis unten und währenddessen überlegte ich, ihn jemals bei den O'Driscolls gesehen zu haben. Nach diesem Kampf, vor ihnen zu fliehen, konnte ich es mir nicht erlauben, wieder von ihnen gefasst zu werden. Doch bevor ich ihn genauer begutachten konnte, drehte er sich mit dem Kopf wieder in den Schneesturm hinaus.

„Arthur, ich dachte, wir würden hier auf keine einzige Seele stoßen."
Während der alte Mann auf seinen Freund wartete, lehnte er sich an der Tür an und sah mich prüfend an. Das gab auch mir die Zeit zu beurteilen, ob er vielleicht von den O'Driscolls geschickt wurde. Der Mann war schlank und groß, sein Gesicht war faltig und glatt rasiert. In dem gedämpften Licht konnte ich die Farben seiner Haare, sowie seiner Klamotten nur erahnen, doch er hatte einen langen, dicken Mantel an, um seinen Hals hing ein Schal und er trug einen Hut. Ich konnte mich nicht an so einen Herren bei Colm erinnern und ich konnte nur darauf hoffen, dass sie mir wirklich nichts antun.

Neben dem Alten erschien nun ein weiterer Mann und sah mich ein wenig verblüfft an. Er nahm, genau so wie sein Kumpel, die Hände in die Luft, um mir zu zeigen, dass auch er unbewaffnet war.
„Ich habe weder jemanden gesehen noch gehört, wie kann das sein?" Dieser Mann war etwas kleiner als der Alte, war aber trotzdem groß gebaut mit einer tiefen, verrauchten Stimme.
Nun übernahm wieder der Alte das Reden, „Wir wollen dir nicht wehtun. Bitte leg die Waffe weg. Wie du siehst, sind wir unbewaffnet, wir suchen doch lediglich einen Schutz vor diesem Schneesturm, der draußen tobt. Hör zu, wir sind nicht die einzigen zwei hier, draußen stehen noch einige andere. Frauen, Verletzte und auch ein Kind. Bitte, dürfen wir eintreten?" Währenddessen ging der Andere vorsichtig auf mich zu, ich richtete meinen Revolver auf ihn und achtete auf jeden seiner Bewegungen.
„Gib mir die Waffe", sagte er ruhig und streckte seine Hand nach meinem Revolver aus. Ich war so abgelenkt, dass ich nicht bemerkte, wie sich noch jemand zum Alten dazustellte.
„Alles kommt wieder in Ordnung, Kleine. Ich denke, wir alle hatten eine schwere Zeit. Lass uns dir helfen", der neue, der dazukam, sagte diese Worte ebenso ruhig, wie die anderen. Er zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Er war ungefähr genauso groß wie der Alte neben ihm, hatte schwarzes, etwas längeres, leicht gelocktes Haar und einen Bart, den er oberhalb der Lippe und wie zu einem Spitz unterhalb der Lippe trug.
„Mein Name ist Dutch. Und das sind meine Freunde, Hosea und Arthur", er deutete vorher auf den Alten und dann auf den, mit der rauchigen Stimme und Bart.
Der Mann namens Arthur, hatte mich endlich erreicht und ich reichte ihm sichtlich erschöpft meine Waffe. Er lehnte diese Geste ab und nahm mich am Arm, um mich behutsam ein wenig beiseite zu ziehen, während sich dieser Dutch und sein Kumpel Hosea zur Leiche meines Vaters begaben und sie sorgsam nach draußen trugen.
„Ich bin Olivia, Olivia Howard", stellte ich mich vor. Ich sah mich kurz um und setzte mich auf den nächstgelegenen Stuhl. Traurigkeit und Erschöpfung übermannten mich und so ließ ich nun endlich meinen Tränen freien Lauf.

Erst nahm ich die sanfte Berührung auf meiner Schulter gar nicht wahr, dann als ich hörte, dass sich in der Hütte nun mehr Leute versammelten, blickte ich auf. Blaue müde Augen sahen mich gutmütig an und Arthur reichte mir einen braunen Trinkbeutel. Ich griff nach dem Beutel und machte vorsichtig einen Schluck daraus.
„Danke", sagte ich leise und reichte den Trinkbeutel wieder zurück an Arthur. Er nickte mir bloß zu, stand auf und ging zu seiner Truppe, die sich mittlerweile um Dutch herum versammelte. Stumm betrachtete ich die Leute und erstarrte ein wenig, als ich eine weitere Leiche auf einer Trage in der Nähe der Bande sah. Nicht nur ich habe heute jemanden verloren, sondern auch diese Menschen, die, genauso wie ich, ums überleben kämpften.

Während Dutch mit einer Rede begann, schweifte ich mit meinen Gedanken an einen ganz anderen Ort ab. Zurück an einen Ort zusammen mit Colm O'Driscoll. Er war ein mieser Mensch und legte kein bisschen Wert auf Menschlichkeit. Mein Vater und ich waren, nun ja, sagen wir einmal eine gewisse Zeit mit ihm unterwegs und wir lernten ihn auf seine schlimmsten Arten kennen. Wieder zurück zu kehren, jetzt, nachdem mein Vater gestorben ist, war für mich keine Option, doch wenn ich die Chance bekomme, mich dieser Gruppe anzuschließen, musste ich ihnen die Wahrheit über meine Vergangenheit sagen.

Unerwartet kniete sich jemand zu mir runter und holte mich somit wieder in die Gegenwart zurück. Es war Hosea, der alte Mann.
„Willst du darüber reden?" Hoseas Stimme hatte etwas beruhigendes an sich. Ich blickte niedergeschlagen zur Seite und biss mir auf die Unterlippe, somit versuchte ich die Tränen zu unterdrücken. „Miss Grimshaw..", er nickte zu seiner linken Seite, an der eine Dame stand, offensichtlich war sie Miss Grimshaw, „..sie hat dir einen Tee gemacht. In einer kleinen Hütte nebenan brennt auch schon ein Feuer im Kamin. Wenn du möchtest können wir dort in Ruhe über alles reden." Während Hosea sanft auf mich einredete, machte er sich bereit, mit mir an ein ruhiges Örtchen zu gehen. Ich stand auf und nahm die Tasse, die mir Miss Grimshaw entgegenhielt. Dankend nickte ich ihr zu und so machten sich der Alte und ich auf den Weg in die Hütte, die nicht allzu weit entfernt war. Der Schneesturm tobte immer noch vor der Tür. Hosea nahm eine Laterne in die Hand, doch trotz des Sturms, sah man leider kaum etwas. Ich zog die Kapuze meines Mantels tiefer ins Gesicht, um mich vor dem peitschenden Schnee zu schützen. Endlich an der Hütte angekommen, öffnete Hosea die Tür und ließ mich als erster eintreten, gefolgt von ihm selbst. Rasch schmiss er die Tür wieder zu und stellte die Laterne auf einen Tisch, der unter einem Fenster stand. Wir standen wohl in einer Art Wohnzimmer, in dem sich ein Kamin mit bereits loderndem Feuerholz befand. Links und rechts vom Kamin befand sich jeweils ein Durchgang, durch die man in zwei weitere Räume kam. Ich spähte leicht in das linke Zimmer und erkannte nur ein Bett und ein kleines Nachtkästchen. In dem Raum, in dem wir uns gerade befanden, stand in einer Ecke eine Liege mit einem Leintuch darauf. Hosea deutete darauf, „Das wird dein Schlafplatz für die nächste Zeit. Arthur und ich werden dir in dieser Hütte Gesellschaft leisten, damit du nicht allzu einsam bist." Er stellte zwei Hocker vor den Kamin und setzte sich auf einen. Der Alte klopfte auf den zweiten leeren Hocker und bedeutet mir, Platz zu nehmen. Ich wusste noch nicht so ganz, ob ich diesen Leuten vertrauen konnte oder nicht, ob sie böse waren oder mir wirklich nur helfen wollten.

Zögernd setzte ich mich neben ihn und schlürfte an meinem noch etwas warmen Tee.
„Also, möchtest du mir etwas über dich und diesen Vorfall erzählen?" Während ich überlegte, wie und wo ich anfangen sollte, hörte ich den heulenden Wind, der sich durch manche Ritzen im Holz seinen Weg ins Innere bahnte.
Leise fing ich an zu sprechen, „Wir wurden von Colm O'Driscolls Männern verfolgt. Mein Vater wurde von einem der Jungs angeschossen und starb durch die Verletzung, drei Tage später." Ich musste eine Pause machen und holte tief Luft.
„Sagtest du gerade O'Driscoll?" Hosea schien überrascht zu sein, scheinbar kannte er die Bande.

Ich nickte zustimmend, „Ja, sie verschanzen sich gerade in einem verlassenen Bergbaulager, nicht weit von hier. Hast du schon mal von ihnen gehört?"
Hosea lachte kurz auf. „Gehört ist wohl noch untertrieben. Nach einem Vorfall zwischen Dutch und Colm, hatten die zwei eine endlos lange Fehde, die bis heute andauert."

Ich erstarrte. Nun war es also unmöglich, ihnen meine Vergangenheit zu erzählen. Was würden sie tun, wenn sie davon Wind bekamen, dass ich nicht nur von ihnen verfolgt wurde, sondern auch mit ihnen zusammenlebte. Ich erkannte, dass das hier keine sonderlich gute Idee war, mich der Bande von Dutch anzuschließen. Sobald ich die Möglichkeit hatte, musste ich so schnell wie möglich von hier verschwinden und auch wenn mir als einziger Ausweg blieb, zurück zu kehren. Wieder nach Hause zu Colm.

„Ich glaube es wäre besser, wenn du dich hinlegst und versuchst zu schlafen. Du scheinst mir viel zu müde." Wieder wurde ich von Hosea aus meinen Gedanken gerissen. Vielleicht hatte er Recht, vielleicht musste ich wirklich ein klein wenig schlafen. Morgen sieht hoffentlich die Welt ein bisschen besser aus.
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