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Winterzauber

OneshotFreundschaft / P12
13.01.2021
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Berge, nichts als Berge. Berge und Schnee. Mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen stand Kay auf dem Gipfel. Der Atem hinterließ weiße Wölkchen in der Luft und doch war die Kälte kaum zu spüren. Er hatte es geschafft, hatte aus eigener Kraft diesen Gipfel erklommen. Ein schöneres Gefühl gab es kaum. Noch einmal sah er sich um, nahm den Anblick dieser Wunderlandschaft in sich auf. Wie lange er so dastand, konnte Kay nicht sagen, aber es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Die Zeit schien in diesem Moment stillzustehen, die Welt aufzuhören, sich zu drehen. Nur Stille und Frieden. Eine vorwitzige Schneeflocke setzte sich auf seine Nase. Er ließ sie dort schmelzen, wischte sich dann aber doch über die Nase, als sie in sein Nasenloch lief. Er hörte Schritte hinter sich, drehte sich aber nicht um. Dann hörte er eine Stimme.
„Klasse Aussicht hier oben, oder?“
Sunna Gunnarsdóttir stand hinter ihm. Sie war eine Freundin, Unterstützerin und der Hauptgrund, warum er überhaupt hier war. Wenn sie nicht so beharrlich darauf gedrängt hätte, dass er endlich mal von seinem Hintern hochkam und die Sache einfach in Angriff nahm, anstatt immer nur darüber zu reden, säße er jetzt immer noch auf seiner Couch und würde über Reiseführern brüten. „Tee?“
„Du kannst Gedanken lesen, Sunna.“ Kay drehte sich um, wandte sich dann aber doch noch einmal zurück und warf einen weiteren Blick auf die Landschaft vor ihm.
Sunna lächelte. „Die Landschaft läuft dir nicht weg. Trink erst mal was, das wird dich wärmen.“
Kay nickte. Sunna schraubte eine Thermoskanne auf und goss etwas Tee in einen Becher. Er nahm den dampfend heißen Becher und blies hinein, bevor er einen Schluck nahm. Beinahe augenblicklich spürte er, wie die Wärme in ihn hineinfloss. „Viel besser“, sagte er.
Sunna lächelte nur. „Schau nur, wie die Sonne den Schnee glitzern lässt.“
„Fantastisch“, stimmte Kay ihr zu. „Absolut atemberau- uaahhh!“ Er schwankte und wäre beinahe hingefallen, hätte Sunna ihn nicht im letzten Augenblick gepackt und festgehalten. „Danke.“ Er lächelte verlegen, verlagerte sein Gewicht wieder auf beide Beine.
„Du rostest ein“, erwiderte Sunna mit einem Blick auf sein rechtes Bein. „Willst du eine Decke?“
Kay nickte. Sunna holte die rote Decke aus ihrem Rucksack, die ihn schon bei so vielen seiner Ausflüge begleitet hatte, und gab sie ihm. Er schlang sie um sein Bein und knotete sie fest. Ein wenig affig sah er schon damit aus, aber das störte ihn nicht mehr. Besser als wegen der Kälte einzurosten. Er blickte hinab ins Tal, auf die schneebedeckten Berge und die flockenbepuderten Tannen. Erneut begannen seine Augen zu glänzen. „Sag mir, Sunna, gibt es etwas Schöneres als diesen Moment?“
Sunna überlegte. „Sex mit Cristiano Ronaldo.“
Kay zog eine Grimasse. „Okay, vergiss, dass ich gefragt habe.“
„Was denn? Er ist heiß!“
„Solltest du dich nicht erst mal auf Männer deiner eigenen Nationalität konzentrieren? Männer, die zu haben sind? Oder bedeutet das, dass skandinavische Männer Luschen sind?“
Sunna lachte. „Wer sagt denn das?“
„Du hast doch damit angefangen. Und jetzt wäre ich sehr für einen Themenwechsel. Schau dir mal die Bäume dort unten an. Glaubst du, da hängen Eiskristalle in den Ästen?“
„Möglich wär’s“, erwiderte sie.
„Ich würde gerne einen pflücken und mit nach Hause nehmen. Als Erinnerung“, sagte Kay nachdenklich.
Sunna legte die Hand auf seine Schulter. „Der würde dir wegschmelzen, bevor wir zu Hause sind.“
Kay seufzte. „Ich weiß.“
Bestimmt eine halbe Stunde standen sie einfach nur da und blickten auf die Landschaft. Kay nahm jedes Detail in sich auf: die schneebedeckten Gipfel, die Spuren der Skifahrer und Snowboarder im Schnee unter ihnen, die Tannenwipfel und die Sonnenstrahlen und das Licht auf den Bergen, alles versuchte er sich einzuprägen. Es war zauberhaft.

Nach einer Weile streckte er sich, sodass ein leises Knacken zu hören war.
„Besser nicht einfrieren, Kay. Das sind keine guten Voraussetzungen. Bist du okay?“
„Ja. Lass uns wieder runterfahren. Ich könnte jetzt einen Glühwein und ein paar Kekse vertragen.“
Sunna nickte. Sie nahm den Rucksack und gemeinsam gingen sie zur Gondel.
Die Fahrt ins Tal verlief schweigend, Kay blickte staunend aus dem Fenster und Sunna war in ihre eigenen Gedanken versunken. An der Talstation angekommen machten sie sich auf den Weg in ein kleines Hüttencafé direkt an der Gondel. Es war sehr voll, aber sie hatten Glück und konnten trotz der vielen Gäste noch einen Platz ergattern. Die Atmosphäre war behaglich und auch die Wärme tat gut.
„Mir tun die Kellner leid, die hier arbeiten“, sagte Kay, nachdem er sein Bein abmontiert und es an die Bank gelehnt hatte. „In den Sommermonaten ist tote Hose und im Winter kommen sie vor lauter Kunden mit der Arbeit nicht mehr hinterher.“ Bedauernd blickte er einem Kellner nach, der bereits dreimal an ihrem Tisch vorbeigelaufen war und ein wenig gestresst aussah.
„Da sind sie selbst schuld. Sie haben sich den Job ja ausgesucht“, sagte Sunna mitleidslos. „Hey, Ober, zwei Glühwein und eine Schokowaffel!“
„Kommt sofort, bitte haben Sie einen Moment Geduld!“
„Siehst du? Der Arme ist völlig im Stress.“ Kay sah seine Freundin an. Doch die zuckte nur mit den Schultern, sodass er schließlich den Blick zum Fenster wandte. Draußen hatte es wieder zu schneien begonnen, leichte Flocken tanzten im Wind und drehten sich, bevor sie auf dem Boden zerschellten. Wenn er doch nur eine von ihnen einfangen könnte, nur eine einzige! Sie würde ihn daran erinnern, was er geschafft hatte, was er aus eigener Kraft vollbracht hatte!
„Woran denkst du?“, fragte Sunna sanft.
Kay seufzte. „Ich würde so gern eine Schneeflocke oder einen Eiskristall mitnehmen.“
„Ja, das hattest du gesagt. Warum eigentlich? Was nützt dir das?“
Kay zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Wenn man es rational bedenkt, eigentlich gar nichts. Aber es würde mich an diesen Berg erinnern. An diese Landschaft. An das, was ich geschafft habe.“
Sunna nickte sanft. „Ich verstehe.“ Sie strich sanft mit ihrem Daumen über seinen Handrücken. „Ich bin sicher, dass du es auch ohne diese Dinge nie vergessen wirst.“
„Darauf kannst du wetten!“ Ein Grinsen überzog Kays Gesicht, dann verblasste es wieder. „Ich will diesen Zauber nicht verlieren. Es ist etwas ganz Besonderes, etwas … Magisches. Mein erster Gipfel! Und diese Landschaft ist so wunderschön …“ Er verstummte. Er wusste nicht, wie er seine Empfindungen in Worte fassen konnte.
„Ich weiß, was du meinst“, sagte Sunna leise. „Ich fühle den Zauber auch.“
Der Kellner kam mit ihrer Bestellung und unterbrach so ihr Gespräch. Sunna bezahlte und gab ihm ein ordentliches Trinkgeld, nachdem sie sich einen eindringlichen Blick von Kay eingefangen hatte. Der Kellner bedankte sich, dann eilte er wieder davon. Eine Weile aßen und tranken sie schweigend. Wegen der vielen Gäste war es bereits laut genug um sie herum, ohne dass sie selbst etwas zum Geräuschpegel beitrugen.

Auf einmal entdeckte Kay ein kleines Kind, das sich neugierig neben ihn gestellt hatte. Er drehte sich zu ihm um. „Was ist denn? Möchtest du mich was fragen?“, fragte er freundlich. Das Kind biss sich auf die Lippe und senkte den Blick. Dann wurden seine Augen plötzlich groß und es fing an zu schreien. Erschrocken zuckte Kay zusammen und mit ihm Sunna und einige andere Gäste, die in der Nähe saßen. Das Kind machte hastig einen Schritt rückwärts und stieß dabei die Prothese um. Daraufhin schrie es noch lauter.
„Mammi, das Bein von dem Mann ist ab!“, kreischte es.
Die Mutter des Kindes kam herbeigeeilt und nahm es beruhigend in den Arm, wobei sie sein Gesicht an ihre Brust drückte, um die Lautstärke zu reduzieren. Kay seufzte lautlos und bückte sich nach der metallenen Schiene, doch ein Gast war schneller und reichte sie ihm.
„Danke“, sagte Kay und schnallte sich das Bein wieder an. „Hey, ist ja gut. Siehst du? Das Bein ist wieder dran, es ist alles in Ordnung“, versuchte er das schreiende Kind zu beruhigen. „Schau, hier.“ Er steckte es in Richtung des Kindes aus. „Siehst du, ich bin nicht verletzt.“ Das Kind hörte auf zu schreien und wimmerte nur noch, doch es weigerte sich, einen Blick auf Kay zu werfen.
Er entschied sich, eine andere Strategie zu versuchen. „Bald ist Weihnachten. Hast du deinen Wunschzettel schon geschrieben?“
Das Kind nickte.
„Ich auch. Und letztes Jahr habe ich vom Weihnachtsmann ein ganz tolles Geschenk bekommen.“
Vorsichtig lugte das Kind neben der Brust seiner Mutter hervor. „Wirklich? Was denn?“, fragte es leise.
Kay lächelte und klopfte sich auf das Bein.
„Das hast du vom Weihnachtsmann bekommen?“ Staunen lag in der Stimme des Kindes.
Er nickte und zwinkerte dem Kind zu. Dessen Mutter warf ihm ein dankbares Lächeln zu, welches er erwiderte.
„Der Weihnachtsmann kann neue Beine machen?“ Nun sah das Kind Kay wieder direkt an.
„Aber natürlich. Er kann alles“, erwiderte Kay verschwörerisch.
Die Stirn seines kleinen Gegenübers legte sich in Falten, es schien angestrengt nachzudenken. Schließlich kam es zu einem Ergebnis. „Dann ist es gut, nicht wahr?“
Er nickte. „Es ist sehr gut.“ Er fing den Blick der Mutter auf, die ein stummes Danke mit den Lippen formte. Unauffällig nickte er ihr zu.

Nach dem Essen bat Sunna Kay, vor dem Geschäft zu warten und huschte davon. Kay tat ihr den Gefallen und setzte sich auf die Holzbank vor dem Café. Er beobachtete die Gäste, die ein- und ausgingen und geriet kurz in Versuchung, selbst einen Schneeball zu formen, als er sah, dass sich ein paar Kinder gegenseitig damit bewarfen. Doch bevor er sein Vorhaben verwirklichen konnte, kehrte Sunna zurück. Sie hatte eine kleine Schachtel dabei. Neugierig sah er darauf. „Was ist das?“
„Das ist ein Geschenk für dich“, erwiderte sie. „Hier, mach es auf.“
Er nahm es ihr aus der Hand und strich mit den Fingern über das liebevoll gefaltete Papier. Dann zog er vorsichtig die Schleife ab und öffnete den Deckel. Was er sah, ließ sein Herz Freudensprünge machen. „Sunna! Das ist … das wäre doch nicht nötig gewesen!“
„Ach was, papperlapapp, natürlich war es das“, widersprach sie lächelnd.
Behutsam nahm Kay die kleine Schneekugel aus der Packung und schüttelte sie. Schnee wirbelte auf und schwebte in Flocken auf die Miniaturtannenbäume und den kleinen Berg herunter. „Danke“, flüsterte er und drückte seine Freundin fest an sich.
Sie lächelte. Dann löste sie sich aus seiner Umarmung.
„Sieh mal“, flüsterte sie und deutete in den Himmel.
Kay sah nach oben. Am Horizont waren grüne und gelbe Lichter zu sehen, die sich über den ganzen Himmel ausbreiteten. Nordlichter. Aurora borealis. Kay konnte nichts sagen, er lächelte nur vor Glück und verschränkte seine Finger mit Sunnas. Gemeinsam betrachteten sie die Lichter und wenn es je einen perfekten Moment gegeben hatte, an dem es sich lohnte, die Zeit anzuhalten, so war es dieser. Dieser Moment, in dem die ganze Welt vom Winterzauber erfüllt war.
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