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In aeternam memoriam

SammlungSchmerz/Trost, Tragödie / P16
Clove Fuchsgesicht Glimmer Rue Thresh
13.01.2021
17.01.2021
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Hi,

willkommen zu einer eigentlich echt traurigen Idee von mir. Hier wollte ich gern einmal über die Gedanken und Gefühle, die Erlebnisse der Freunde und Familienmitglieder der in der Arena Gestorbenen der 74. und vielleicht auch 75. Hungerspiele schreiben. Hier kommt also der geballte Schmerz, der durch die Spiele über die Distrikte gebracht wird, auf einen zu...
Ich schätze, ihr wisst, was euch erwartet. Hier kommt die erste kurze Geschichte, geschrieben aus der Sicht einer OC: Glimmers bester Freundin aus dem Trainingscenter.

PS: Den Tributen ihre Nachnamen verpasst habe ich selber.

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Dein Schimmer bleibt (erzählt von Onyx Lowry, beste Freundin von Glimmer Shaw)

Nun war es also soweit. Die Spiele waren schon einige Wochen zu Ende, und zum ersten Mal in der Geschichte der Spiele hatte es zwei Sieger gegeben. Zwei Außendistriktler, Sechzehnjährige aus Distrikt 12.
Ich sah auf das Bild der beiden. Ja, das tragische Liebespaar. Ich bewunderte diese beiden. Ursprünglich Außenseiter, war das Glück mit ihnen gewesen und nun waren sie beide Sieger in so einem armen Distrikt.
Ja, ich bewunderte alle Sieger aus den Außendistrikten. Sie alle hatten es, dank uns Karrieros, furchtbar schwer gehabt zu gewinnen und hatten es trotzdem geschafft. Manche zwar mit viel Glück, aber sie hatten es alle geschafft.
Diese beiden…sie waren wirklich wundervolle Tribute gewesen, zumindest für Außendistriktler…
Und leider hatte es meine beste Freundin nicht schaffen müssen, damit sie es schaffen konnten.
Ich stecke die schwarze Rose in meinem Haar noch einmal aufs Neue fest und muss aufs Neue weinen, als ich unser altes Foto von unserer ersten Ernte sehe. Wir beide, bei der Feier danach. Als Zwölfjährige, in schönen Kleidern, stehen wir Arm in Arm da und lächeln breit in die Kamera. Ich mit meinen schulterlangen Haaren, schon damals mit einer Blume darin getragen, mit einem wehenden, weißen Rock. Daneben sie, in einem hellrosafarbenen Kleid, mit ihren üblichen zwei blonden Zöpfen. Die schon damals muskulösen Arme kündeten davon, dass diese die beste Schwertkämpferin aus unserer Trainingshalle war. Ja, das Schwert stand für Kraft.
Der Bogen hingegen, ihre zweite Waffe, stand für List. Ja, List und Klugheit waren auch wichtige Eigenschaften, nicht nur in der Arena der Hungerspiele, sondern auch in der großen Arena Leben.
Bogen…das Mädchen aus Distrikt 12, die Siegerin…
Zugegebenermaßen, es war schon eine kluge Idee von ihr gewesen, dieses Jägerwespennest von diesem Baum in der Arena fallen zu lassen. Diese Wespen waren hochgiftig und ideal, um die Gegner mindestens eine Weile mattzusetzen, oder auch gleich zu…
Ich schluckte einen Kloß herunter. Sie…sie hatte es erwischt. Glimmer…
Ich brach wieder in Tränen aus. Wie sie auf einmal dort gelegen hatte, ganz starr von all den geschwollenen und grünlich angelaufenen Stichen der Jägerwespen. Wie ihr das Mädchen aus 12 den Bogen aus den Händen genommen hatte. Die Finger waren so fest, dass sie sie hat brechen müssen…ich hatte alles genau gesehen…auch, wie sie im Hovercraft aus der Arena gehoben wurde…

Nun lag sie wieder vor mir. Eingeschlossen in einer schlichten Holzkiste. Ich fuhr mit den Fingern am Rand entlang. Zugenagelt.
Damit wir, ihre Familie, ihre Freunde, sie nicht noch einmal in diesem Zustand sehen müssten? So dermaßen zerstochen von den Stacheln des Todes, der in Gestalt von abertausenden kleinen Jägerwespen auf sie zugeschwirrt war, sie eingekesselt hatte und…
Ich weinte leise, als ich das auf dem schlichten Sarg aufgestellte Bild sah. Glimmer…
Ihre Eltern, die neben dem Sarg standen und diesen eher wütend als trauernd ansahen, die sich wahrscheinlich gerade entweder selbst oder ihrer Tochter Vorwürfe machten, nicht genug trainiert zu haben, hatten das Bild von der Parade zu Beginn der Spiele ausgewählt. Wie schön Glimmer da noch gewesen war, wie erfüllt mit Zuversicht sie in die Kamera strahlte! Und am Ende…
Zerstochen und in der Kälte des Todes paralysiert.
Kein Mensch mehr, nur noch ein Haufen vergiftetes Fleisch, an dem sich nun die Maden erfreuen könnten.
Wenn sie das Jägerwespengift überstanden. Würde ihnen nicht empfehlen, das zu essen.
Dieses vergiftete, hässliche Stück Fleisch, das aus meiner Freundin Glimmer geworden war. Ja genau, hässlich. Das war das richtige Wort dafür, wie sie gestorben war.
Und auch das richtige Wort dafür, wie ich mich gerade fühlte.
Hässlich.
Aber auch einfach nur traurig.

Ich ging wieder weg vom Sarg und setzte mich zu meinen anderen Freunden aus der Trainingshalle. Denen, die noch lebten. Einige unterhielten sich noch immer über die Beerdigung von Marvel Creston, die gestern stattgefunden hatte. Ich hatte ihn nicht persönlich gekannt, nur manchmal gesehen, wenn wir gleichzeitig trainiert hatten. Daher vermisste ich ihn nicht.
Doch es gab eine, die ich vermisste.
Glimmer…
Sie lag nun hässlich vor mir, in einer verschlossenen Holzkiste, in die sie nach dieser langwierigen Rede in ihr nun ewiges Gefängnis in der dunklen Erde gesenkt werden würde. Ich würde sie nie mehr sehen.
Wo war sie nun, wo war ihr Schimmer, nach dem sie hieß?
War er vielleicht in diesem Bild von ihr, von diesen Spielen, in der Erinnerung an diese Spiele, die am Ende das Ende bedeutet hatten?
War er in den Jungs, die hinter mir saßen und flüsterten, wie gern sie doch alle Glimmers Geliebte gewesen wären? Doch sie habe sie doch immer auf nach den Spielen vertröstet.
Oder, war er in der Freundschaft, die zwischen uns bestanden hatte? Der Freundschaft, die uns über die Jahre geführt hatte, uns zusammengehalten, zu Kameradinnen in unserem Kampf um einen Sieg in den Spielen gemacht hatten?
Ganz ehrlich, ohne sie als Kameradin fühlte ich mich jetzt schon wie ein Nichts.
Ich fühlte mich einfach nur schrecklich. Was war es jetzt noch wert, in der Trainingshalle weiterzumachen?
Sollte ich es für sie tun?
Wäre es jetzt überhaupt noch ihr Wunsch?
Ich ging in mich. Was rief ihr Schimmer? Rief er mich zurück ans Training? Rief er „Auf in den Kampf, liebe Onyx! Kämpfe weiter, hab königlichen Mut!“?
Oder rief er: „Geh, geh! Entreiß dich dieser Grausamkeit! Du hast mein Schicksal gesehen, und ich will nicht, dass du genauso endest! Geh!“?
Wahrscheinlich eher das Letztere. Angst keimte in mir auf. Ich wollte nicht weitergehen. Im Training noch bis nächstes Jahr weiterzugehen, würde das Ende bedeuten.
So eins wie dein Ende, Glimmer.
Das doch kein Ende war, wie ich nun spürte. Es stimmte, ihr Schimmer war geblieben.
Ich stand auf, ging zur Bühne, verbeugte mich vor den Trauergästen und erhob meine Stimme nun zu meinem Lied. Ich hatte es viel geübt, und nun war es mein Ziel, Glimmer, den Schimmer, über die versammelten Trauernden zu verbreiten, ich sang vorsichtig und langsam formten sich die Worte aus meinem Mund…zu einem seltsamerweise sehr passenden Lied…

„Denn wenn der Schleier auf dich fällt
Deine Ferne uns das Herz vergällt
So bleibt bei uns dein Schimmer…“




IN AETERNAM MEMORIAM
GLIMMER SHAW
17 Jahre
 
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