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Karamell-Bonbons für immer | KBFI

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Familie / P12 / Gen
Detlev Grün Ellen Bannenberg Emily Bannenberg Nikolas Heldt
13.01.2021
05.06.2021
18
38.251
18
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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17.03.2021 1.900
 
Nikolas

„Was schreibst du da?“ Neugierig trete ich hinter Ellen, lehne mich über ihre Schulter und begutachte das Schriftstück vor ihr auf dem Tisch. Sieht wie eine Anklageschrift aus, oder wie ein sehr formeller Brief. Ich ahne nichts gutes.
Sie blickt ein wenig genervt zu mir hoch. „Ich formuliere meine Stellungnahme für die Oberstaatsanwaltschaft aus, Nikolas.“
Ich höre, wie ihre Stimme bei dem Wort „Oberstaatsanwaltschaft“ leicht zittert. Um Ellen zu beruhigen, richte ich mich wieder auf, stelle mich hinter sie und massiere ihre Schultern. Sie ist total verspannt, vom Nacken bis zu den Schulterblättern.
Sie lehnt sich am Stuhlrücken an und seufzt. „Ich hab keine Ahnung, was ich eigentlich schreiben soll, es ist schrecklich. Wollen die jetzt lesen, wann wir uns das erste Mal geküsst haben?“ Sie dreht sich leicht nach mir um, ihre Hände wandern meinen Hals hinauf und legen sich an meine Wange. Kurz zögert Ellen und sieht mich sehnsüchtig an, dann zieht sie mich ein gutes Stück nach unten und verschließt meinen Mund mit ihrem. Ich erwidere den Kuss nur kurz, dann löse ich mich wieder von ihr, nehme ihre Hände in meine und frage sie: „Wie viel sollst du denn schreiben? Ich denke, wir sollten es nicht zu weit ausschmücken.“
Ellen lächelt mich an und sieht wieder zum Bildschirm ihres Laptops, der aufgeklappt hinter dem Blockpapier steht. „Stimmt, unseren zaghaften Versuch, ein Date hinzukriegen, bevor du nach Mallorca gegangen bis, erwähne ich besser nicht.“
Ich freue mich, dass es uns inzwischen möglich ist, Witze über die Zeit damals zu machen und  streiche ihr die Haare hinters Ohr. Dass wir trotz allem hier sind, ist mir manchmal immer noch unvorstellbar. „Und die Nacht nach ...“, möchte ich ergänzen, doch ihr vehementes Kopfschütteln unterbricht mich. „Auf keinen Fall!“
Ich nicke still. „Es war wunderschön, aber trotzdem muss der Oberstaatsanwalt ja nicht alles wissen.“ In Gedanken schweifen ich zu dem Abend ab, an dem Ellen und ich das erste Mal Sex hatten. Auf ihrem Teppich, auf ihrem Wohnzimmerboden. Am Tag des Todes ihres Exfreundes, dem Vater ihrer Tochter. Wie krass diese Erfahrung für uns beide war, haben wir nie richtig miteinander besprochen. Aber seit dieser Nacht ist alles anders zwischen uns. Ich überlegen kurz, wie lange es jetzt her sein muss. Emily war damals dreizehn. Und jetzt ist sie fast schon achtzehn, erwachsen, volljährig. Es müssten gute vier Jahre sein, die seitdem vergangen sind.
Ellen merkt, wie sehr ich in Gedanken versunken bin und steht auf, dreht sich zu mir um und nimmt mich einfach nur in den Arm, anstatt irgendwas zu sagen oder zu fragen.
Ich lege meine Hände um ihre Taille, drücke sie fest an mich und entspanne mich wieder.
„Ich beginne wahrscheinlich tatsächlich erst nach dem Schloss“, murmelt Ellen und macht sich wieder frei. Wie ein hungriger Löwe tigert sie an den großen Fensterscheiben des Esszimmers auf und ab. „Was soll ich denn schreiben, was wollen die denn von mir hören?“

Ellen

In meinen Kopf herrscht das Chaos. Es ist schlimm genug, dass mir die Worte fehlen, Nikolas in eine mögliche Lösung einzuweihen, jetzt muss ich auch noch die schriftliche Stellungnahme bezüglich dieser beschissene Compliance Regelung abgeben.
Vielleicht sollte ich soetwas in die Richtung verfassen wie: Aufgrund unserer ausgezeichneten Aufklärungsquote wurden Nikolas Heldt und ich am 07. Juni 2017 zum Teambuilding-Seminar von Herrn Kleinle eingeladen. Nachdem erfolgreichen Abschluss des Seminars fanden wir heraus, dass wir eine auch eine private Beziehung eingehen wollten und seitdem hat sich unsere Aufklärungsquote mit weiter verbessert. Ich verwerfe den Gedanken schnell wieder. Ist unsere Quote hier überhaupt von Belang? Was zum Teufel wollen die bitte von mir hören? Ich sehe zu Nikolas, der schon ganz unruhig wirkt, anscheinend habe ich ihn mit meinem Hin- und Hergelaufe angesteckt.
„Die können doch unmöglich jedes Detail wissen wollen, oder?“, versucht er die Mammutaufgabe, vor der ich stehe, abzumildern. „Wie wär's, wenn du einfach kurz aufschreibst, seit wann wir inoffiziell ein Paar sind und wie wenig sich das bislang auf die Ermittlungen ausgewirkt hat?“
Macht er Witze? Skeptisch dreinblickend bleibe ich vor meinem Freund stehen. „Es hat sich aber auf unsere Arbeit ausgewirkt, Nikolas!“, sage ich mit Nachdruck.
„Achso...?“ Er hebt die Schultern, kratzt sich am Kopf, geht auf Abwehrhaltung. „Wann denn?“
Ich rolle genervt mit den Augen. „Der Laptop, Nikolas, dass du mich beschützen willst, immer und überall.“
Er sieht mich liebevoll an.
„Die Disziplinarverfahren, die ich nicht eingeleitet habe, deine Verstöße gegen die Befehlskette, das alles hat sich auf die Arbeit ausgewirkt. Und das können wir auch nicht leugnen. Du hättest bei einer anderen Staatsanwältin viel deutlichere Konsequenzen tragen müssen.“ Es fällt mir immer schwerer, ihn ermahnen zu müssen, das scheint er auch zu merken, denn plötzlich setzt er sich auf die Tischplatte vor mir und zieht mich zu sich her, bis ich zwischen seinen Beinen an die Kante gelehnt stehen bleibe und ihn ansehe. „Nikolas“, zische ich, funkle ihn gespielt böse an und küsse ihn schließlich doch.
Er reagiert darauf, legt seine Hände an meine Hüfte, zieht mich an sich heran und greift dann in meine Haare, um meinen Kuss besser erwidern zu können. Mein kleiner Macho, denke ich grinsend und genieße diese kleine Ruheinsel. Als ich jedoch merke, dass die Intention hinter seinen Berührungen eine andere wird und spüre, wie das Verlangen in ihm hochsteigt, mache ich einen Schritt zurück. Langsam und bestimmt weise ich ihn auf meine anstehende Arbeit hin: „Nikolas, lass mich jetzt bitte dieses Statement in Ruhe formulieren.“
Er guckt mich mit seinem Dackelblick an und greift kurz nach meiner Hand. „Und danach?“
Ich stelle mich dumm. „Was soll danach sein?“ Doch mein Grinsen, das allmählich zu einem Kichern wird, verrät mich.
Nikolas guckt mich verwirrt an. „Ob du danach Zeit für uns hast?“, raunt er mir beiläufig zu, während er sich vom Tisch abstößt und lässig an mir vorbei zur Mitte des Raumes schlendert.
Ich lasse mich auf den Stuhl fallen, drehe den Oberkörper und folge ihm mit meinen Blicken. Er lässt seine Armmuskulatur spielen, steht breitbeinig vor mir und legt typisches männliches Imponiergehabe an den Tag. „Gestern war so...“
Ich senke das Kinn, frage „So... Ja?“, zwinkere ihm zu und bin still.
„Ich weiß nicht, ich war so müde, du warst so müde und du warst so seltsam wegen der Compliance Sache und wir...“ Er stockt und sieht mich unschlüssig an. „Weißt du Ellen?“ Wieder kommt er auf mich zu, legt seine Hände auf meinen Schultern ab und küsst mich auf die Stirn. „Weißt du, ich seh doch, wie sehr dir die Compliance immer zu schaffen gemacht hat. Du warst oft richtig niedergeschlagen deswegen und hast sogar mal gesagt, es würde dir nichtmal mehr Spaß machen zur Arbeit zu gehen.“ Er hält meinen Kopf weiter fest.
Wie automatisch lege ich meine Arme um seinen Oberkörper und vergrabe mein Gesicht in seinem Bauch.
„Vielleich ist es gut, dass wir uns endlich nicht mehr verstecken müssen, wer weiß.“
Ich grummle ihm zur Erwiderung vor: „Ich weiß nicht ob ich's besser finde, wenn du oder ich versetzt werden und dann gar keine Gelegenheit mehr haben, uns nicht mehr verstecken zu müssen.“ Unbewusst habe ich ihn losgelassen und mich wieder gerade hingesetzt.
„Mhm... Okay, dann lass ich dich mal schreiben und geh ne Runde ins Gym.“
„Du gehst ins Gym?“, frage ich erstaunt nach. „Seit wann das denn?“
„Ach, Korthi und ich haben noch so einen Gutschein von unserer damaligen Undercover-Ermittlung, als Emilys Deutschlehrerin, also Frau Müller, überfallen wurde und ich hab Mario vor ner Woche erst versprochen, dass ich mal wieder was mit ihm unternehme“, erklärt er lang und breit.
Ich nicke ihm lächelnd zu, wünsche ihm viel Spaß und beuge mich wieder über Stift und Papier. Während ich qualvoll nach den richtigen Worten suche, um Nikolas' und meine Beziehung zu beschreiben, höre ich im Hintergrund, wie Nikolas seine Sporttasche hervorkramt.

Nikolas und Mario Korthals gehen pumpen, irgendwie eine lustige Vorstellung.
Als er das Haus verlassen hat, konzentriere ich mich wieder auf das vor mir liegende Projekt. Es fällt mir verdammt schwer, irgendetwas zu schreiben. Jede Notiz, die ich mir mache, streiche ich ein paar Sekunden später wieder durch, jeden Buchstaben, den ich tippe, lösche ich kurz darauf wieder.
Während ich überlege und an Nikolas und meine Annäherungsversuche denke, wir mir erstmal aktiv bewusst, wie lange wir eigentlich gebraucht haben, um uns aufeinander einzulassen. Wie viele Anläufe wir gebraucht haben. Die erste Hälfte werde ich gar nicht aufschreiben. Obwohl sich mir diese Hälfte mit aller Deutlichkeit in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Diese nicht zu leugnende Spannung, dieses Knistern, immer wieder, Nikolas' Einsatz, mich zu retten, unser dienstlicher Kuss im Pool, nach dem ich noch Wochen danach Herzklopfen könnte und Nikolas nicht in die Augen sehen konnte, unser Beinahe-Kuss im Aufzug, ab dem wieder alles gut war zwischen uns, unser Flirten in seinem Büro, sein Zugeständnis an mich, seine große Liebe zu sein verbunden mit seiner Einladung zu einem Date. Sein Zettel, danach sechs Monate Liebeskummer, Herzschmerz und Ungewissheit, bis er zurück gekommen ist und mich mit voller Wucht getroffen hat.  Unsere langsame Annäherungen, bis klar war, dass ich ihn immer noch liebe und nicht Stefan.
Das alles kann ich nicht schreiben, auch nicht darüber, wie wir unsere private Beziehung das allererste Mal auf eine gänzlich andere Ebene gehoben haben.
Seit der Nacht nach Stefans Tod veränderten sich meine Gefühle für Nikolas. Aus Wut und Verärgerung wurde Vertrauen, Freundschaft, tiefe Zuneigung, vielleicht sogar Liebe, wenn auch nur ganz langsam. Und falls sie jemals weggewesen sein sollte. Auch diese Entwicklung schreibe ich natürlich nicht auf. Wo soll ich stattdessen anfangen, dort, wo Julia ins Spiel kommt, dort, wo ich eigentlich nach Passau gehen möchte, weil ich seine Unnahbarkeit nicht länger ertragen habe, weil am Ende ich zu viel wollte und er zu wenig? Fing meine Befangenheit nicht ab da an? Ich wäre wegen Nikolas nach Passau gegangen!
Ich brauche einen Moment, um mir darüber klar zu werden, was das bedeutet. Um zu erkennen, wie tief meine Gefühle für ihn schon damals gingen. Ich hätte mich schon weitaus früher auf ihn eingelassen, doch dann war er plötzlich nicht mehr verfügbar, emotional nicht mehr verfügbar, weil ich wiederum zu  lange nach unserem One-Night-Stand gewartet hatte. Ich merke, wie ich innerlich unruhig werde.
Wirklich weiter bringt mich diese gedankliche Zeitreise gerade nicht. Sie führt mir nur wieder vor Augen, wie schwer wir es uns selbst gemacht haben, so viele Jahre lang. Jahre, in denen wir gemeinsam gewachsen sind, in denen wir uns in unseren dunkelsten Stunden beigestanden haben, Jahre in denen wir wir uns auch Mal gestritten haben, uns wochenlang ignoriert haben, und trotzdem hat uns das Schicksal schlussendlich zusammen geführt.
Wow. All das ergibt in meinem Kopf gerade unglaublich viel Sinn und bestärkt den Wunsch in mir, mit Nikolas über unsere Lösung zu reden, aber es hilft mir nicht dabei, Sätze aufs Papier zu bringen. Sätze, die die Oberstaatsanwaltschaft von mir hören will.
Wenn ich es so betrachte, hilft es mir, die Chronologie unserer Beziehung an mir vorbeiziehen zu lassen, um die heikle und emotional aufwühlende Lösung der dummen Compliance-Problematik mehr und mehr anzunehmen. Und mich innerlich darauf vorbereiten, mit Nikolas zu reden.
Das Statement selbst kriege ich gerade nicht auf die Reihe.
Kurz entschlossen lege ich Stift und Papier zur Seite und stehe auf. Und bleibe unschlüssig vor dem Fenster stehen. Soll ich zuerst mit Emily darüber reden und sie einweihen oder soll ich Nikolas anrufen?
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