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Karamell-Bonbons für immer | KBFI

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Familie / P12 / Gen
Detlev Grün Ellen Bannenberg Emily Bannenberg Nikolas Heldt
13.01.2021
05.06.2021
18
38.251
18
Alle Kapitel
58 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
03.03.2021 1.800
 
Ellen

Nach der Mittagspause versammeln sich Herr Korthals, Nikolas und ich in der KTU bei Frau Dr. Holle. Als sie uns mitgeteilt hat, dass es bislang nur wenig Hinweise aus Fremdverschulden bei der Leiche im Park gibt, die Alkoholintoxikation jedoch auf eine etwaige Verabreichung von einer überdurchschnittlichen Menge alkoholischer Getränke hinweist, beschließt Herr Korthals,  Genaueres zum Umfeld des Opfers zu recherchieren.
Ehe ich sein Vorhaben absegnen könnte, ist er auch schon zur Tür hinaus.
„Ähm... und was mach ich jetzt?“, kommentiert Nikolas den plötzlichen Abgang seines Kollegens.
„Sie, Herr Heldt, schreiben Ihren Bericht“, flöte ich sanft vor mich hin und zwinkere ihm neckend zu. Ich muss daran denken, wie sehr Nikolas Berichte hasst und daran, wie er mir in meinem ersten Jahr in Bochum versprochen hat, mir vielleicht einen zum Valentinstag zu schenken. Allzuviel geändert hat sich in der Zwischenzeit nicht.
Es macht den Anschein, als hätte Nikolas Hannah Holles Anwesenheit völlig vergessen, als er mir wie gewohnt widersprechen möchte: „Ach Mann, Ellen ... ähm Frau Bannenberg ... hat das nicht noch Zeit...?“
Ertappt fahre ich zusammen. Mein mahnender Blick in Nikolas Richtung kommt viel zu spät. Ich überlege kurz, ob ich ihn später darauf ansprechen soll, verwerfe den Gedanken daran jedoch schnell wieder.
Milde lächelnd blickt Hannah zu uns auf. „Erlauben Sie beide mir eine Frage?“ Unsere Kriminaltechnikerin sieht erst mich an, dann meinen Freund.
„Ja?“, antworten wir beide wie aus einem Mund. Und lächeln uns verschwörerisch zu.
„Wie lange wollen Sie diese Scharade eigentlich noch aufrecht erhalten?“, bemerkt sie sichtlich belustigt über Nikolas' und meine Tollpatschigkeit.
„Was meinen Sie, Hannah?“, bemühe ich mich noch vergebens, den Schein zu wahren, doch Nikolas legt seine Hand auf meinen Arm und unterbricht mich.
„Ellen... Lass gut sein, bald weiß es eh jeder, ich hab es Korthi vorhin auch schon gesagt.“ Seine Hand wandert hinab zu meiner.
„Aha“, entgegne ich knapp. Und füge in Gedanken hinzu: 'Wie schön, dass ich davon noch nichts weiß'. Nikolas scheint seitdem wir den blauen Brief zugestellt bekommen haben, sehr sehr redselig geworden zu sein, zu allen, außer zu Herrn Grün. Ich atme genervt aus und nicke ihm zu, während ich meine Hand fest mit seiner verschränke. Gut,  Hannah können wir es dann immerhin beide gemeinsam sagen.
„Wir müssen es bald der Oberstaatsanwaltschaft beichten...“, murmelt er kleinlaut, fügt dann aber mit stolz geschwellter Brust hinzu: „Dass Ellen und ich ein Paar sind.“
Irre ich mich, oder hat er seine Hand nur von meiner gelöst, um sie um meine Taille zu legen und mich fester an sich heran zu ziehen? Ich grinse Nikolas an und gebe ebenfalls meinen Senf dazu: „Der guten Nachricht muss ich allerdings noch eine schlechte hintendran hängen...“
Das Lachen in Hannahs Augen erstirbt. Ihre Augenbrauen ziehen sich nach oben, als sie mich mit ihrem besorgt-erstaunten Blick mustert. „Sie wollen mir aber nicht sagen, dass Sie schon geheiratet haben, ohne mich zur Hochzeit einzuladen?“, schäkert sie schließlich herum.
„Unsinn!“, mischt sich Nikolas ein. „Wenn, dann wären Sie doch unser Blumenmädchen!“
„Sicher!“ Hannah wirft ihm ein giftiges Grinsen zu und rollt mit den Augen. „Also, was sind denn dann die schlechten Neuigkeiten?“
Ich stocke, fasse etwas Mut und offenbare ihr unser Problem: „Die Oberstaatsanwaltschaft hat eine interne Ermittlung gegen uns eingeleitet und aktuell sieht es leider so aus, als würde Heldt oder ich in absehbarer Zeit versetzt werden.“
Schockierung zeichnet sich auf Hannahs Gesicht ab. „Sie machen Witze?“
Nikolas neben mir schüttelt den Kopf. „Nein leider nicht, erinnern Sie sich an den blauen Brief, den sie Ellen gegeben haben?“ Ich atme tief ein und aus, lehne mich ein wenig an ihm an, um zumindest ein bisschen Halt zu finden. Die ganze Compliance-Problematik hat es wieder einmal geschafft, mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
„Natürlich erinnere ich mich.“ Hannah sieht mir forschend in die Augen. „Versetzung, das kann nicht wahr sein... Und ich wollte Sie noch fragen, was es damit auf sich hatte.“
Einen Moment lang herrscht betretenes Schweigen, wir alle sehen uns mehr oder weniger verzweifelt an.
Schließlich ergreift Hannah wieder das Wort: „Und was werden Sie nun tun? Sie können das doch nicht einfach so hinnehmen.”
Irgendwie nimmt mich ihre Anteilnahme an unserem Schicksal noch mehr mit. Wieder führt es mir vor Augen, wie schwer es sein wird, nicht mehr in einem Team mit ihr und Nikolas zusammen arbeiten zu können. Ganz gleich, wer von uns gehen muss.
„Doch. Ellen hat da natürlich schon eine Idee.“ Auffordernd sieht Nikolas mich an.
Erwartet er von mir, dass mein Masterplan schon ausgereift ist? Ich schüttle den Kopf. Weder war ich in der Bibliothek noch hätte ich sonst genug Zeit, um mit meiner Recherche anzufangen.
„Ja und der werde ich am Wochenende mal nachgehen, jetzt müssen wir arbeiten.“
Nikolas sieht mich genervt an.
„Komm jetzt“, zische ich ihm zu. „Die Berichte schreiben sich nicht von selbst.“
Er murrt zwar, gibt aber keine Widerrede, sondern begleitet mich brav nach oben. Die Ungewissheit nagt nicht nur an mir, sondern auch an ihm.

Nikolas

„Wie lange wollte Mama in der Unibib bleiben?“ Es ist Samstagnachmittag und Emily steht fertig angezogen mit gelber Bomberjacke, schwarzer Röhrenjeans und silbernen Stiefeletten vor mir an der Haustür. Wann ist sie nochmal so groß geworden?
Ich krame meinen Autoschlüssel hervor. „Lang genug, bis der Film aus ist und wir bei Carlotta was zum Mampfen bekommen haben, auf jeden Fall.“
Das Grinsen in Emilys Gesicht wird breiter. „Ach, keine Pizza heute?“
Tadelnd erhebe ich den Zeigefinger. „Wir können ja nicht ständig Pizza essen, Emily...“
Ellens Tochter öffnet die Haustür, winkt mich durch und bestätigt: „Genau, das ist ja schließlich U-N-G-E-S-U-N-D. Trotz Pilze und Tomaten!“
Ich werfe meine Jacke über und gehe an ihr vorbei nach draußen. „Genau, kluges Mädchen. Lieber vorher Süßkram im Kino, nicht wahr?”
Ihr beiläufiges Nicken ist Bestätigung genug dass wir beide planen, uns den Bauch mit Kino-Knabbereien voll zuschlagen und eigentlich gar kein großes Abendessen brauchen. Emily - Die noch gar nichts vom Rechtfertigungsdruck ihrer Mutter weiß - schlendert lässig neben mir her zum Auto. „Weißt du eigentlich, wie nice es ist, dass wir die gleichen Filme mögen?“
„Du meinst, dass ich deine Karte mitbezahle und die Naschereien, wenn du mit mir ins Kino gehst?“
Sie knufft mich in die Seite. „Quatsch alter Mann, ich mag deine Gesellschaft echt gern manchmal.“
Wir lachen, steigen ein, fahren in meinem Mercedes in die Innenstadt und decken uns im Kino angekommen mit einer Riesentüte Popcorn und Nachos ein, dann begeben wir uns in den Saal und der Vorhang geht auf. Und während der Action-Film beginnt Frage ich mich, was die Mutter meiner Sitznachbarin gerade wohl so treibt.

Ellen

Irgendwo im Regal PH 9648 muss er doch stehen, der Karlsruher Kommentar zu Verwaltungsvorschriften und dem Grundgesetz. Ich fahre mit Augen und Zeigefinger die Reihen voller Buchrücken ab, als ich endlich auf die gesuchte Ordnungsnummer stoße. Mit zittrigen Fingern umgreife ich den Buchrücken, ziehe den dicken Wälzer heraus und nehme ihn mit zu meinem Arbeitsplatz, einem Tisch direkt neben dem Fenster. Auf der Tischplatte liegen sämtliche juristische Aufsätze und Fachkommentare zum Beamtenrecht und Grundrechten durcheinander. Ein ähnlich großes Chaos herrscht in meinem Kopf. Es kann einfach nicht sein, dass so eine beschissene Compliance Regelung Nikolas und mir das Leben zur Hölle macht. Ich habe gerade Platz genommen und begonnen, in dem dicken Schinken, der nun vor mir liegt, herumzublättern, als sich mir die Frage stellt, warum ich erst warten musste, bis wir erwischt wurden und nun keine andere Wahl haben, als uns mit der Thematik auseinander zu setzen. Auf einmal stocke ich und höre auf, die Seiten umzuschlagen. Ein fett gedruckter Absatz hat meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Vielleicht die Lösung für unser Problem?

Ich lese „Eingriffe des Dienstherren in das Allgemeine Persönlichkeitsrecht.“ Das ist mein Stichwort. „Ist es mit dem Recht auf allgemeine Handlungsfreiheit sowie der freien Entfaltung der Persönlichkeit vereinbar, Regelungen aufzustellen, welche das Privatleben des Beamten betreffen?“ Das scheint mir nicht ausreichend zu sein, schließlich geht es ja nicht darum, dass Nikolas und ich privat zusammen sein dürfen, sondern darum, ob wir auch für dahin weiter zusammem arbeiten dürfen. Ich überfliege den Abschnitt grob. Falsche Adresse, aber trotzdem atme ich auf einmal auf. Eine Fußnote verweist mich auf ein neues Urteil bezüglich der Frage, inwieweit der Dienstherr in außerberufliche Beziehungen unter Kollegen eingreifen kann. Ich merke mir das Aktenzeichen und öffne an meinem Laptop die Online-Zugangsseite der Zeitschrift NJW. Die Entscheidung eines Kölner Verwaltungsgerichtes lädt Gott sei Dank Recht schnell und beendet das flaue Gefühl in meiner Magengegend sehr rasch.
Als ich eine halbe Stunde später mit dem Artikel durch bin, sitze ich ratlos auf meinem Stuhl und schaue nach draußen. Ist das die einzige Lösung, die uns bleibt? Kann ich das wirklich von Nikolas verlangen? Plötzlich macht mein Kopf dicht und meine Gedanken drehen sich im Kreis. Ernüchtert räume ich meine Sachen zusammen. Ich zittere, als ich sämtliche Bücher zurück an ihren Platz stelle, ich zittere, als ich durch die Bücherregale zum Ausgang laufe, mein Schließfach öffne. Meine Habseligkeiten fallen zu Boden, als ich sie zurück in meine Tasche stecken möchte.
Kann ich das von ihm verlangen? Mein Kopf schmerzt und mein Nacken sticht, als ich das Universitätsgebäude verlasse.

Draußen ist es gerade dunkel geworden, dabei ist es nicht einmal achtzehn Uhr. Man merkt definitiv, dass wir bald Dezember haben. Auf dem Weg zu meinem Wagen schlottern meine Knie noch immer. Mir wird heiß und kalt bei dem Gedanken, mit Nikolas über die potentiellen Lösung unseres Problems zu reden. Ich weiß nicht einmal, ob ich es überhaupt tun werde. Lege ich ihn damit nicht in Ketten, enge ich ihn damit nicht ein? Müsste nicht er diese Entscheidung für sich treffen, mich fragen? Wäre so eine schnelle Weiterentwicklung unserer Beziehung nicht ungesund? Ich bin immer der Meinung, dass man solche Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen und sie aus tiefstem Herzen wollen muss, besonders, wenn es um diese eine Frage geht. Und obwohl ich weiß, dass ich über diese Thematik noch ein paar Nächte grübeln werde, merke ich mit jedem weiteren Schritt, dass sich unterbewusst schon eine gefestigte Meinung bei mir herausbildet. Ich will nicht, dass es nur unser Notausgang ist, ich will, dass Nikolas sich für mich entscheidet, weil er mich liebt. Ich will mich für ihn entscheiden, weil ich ihn liebe und nicht, weil uns sonst berufliche Konsequenzen drohen würden. Wenn wir diesen wichtigen Schritt, den keiner von uns jemals zuvor gewagt hat, nur gehen, um heil aus der Compliance-Sache herauszukommen, verlöre die Bedeutung dieses Ereignisses für mich immens an Wert. Ich werde Nikolas anlügen müssen und ihm sagen, dass ich leider auf kein Ergebnis gestoßen bin. Und obwohl es mir damit nicht gut geht, ist es in meinen Augen immer noch besser, als ihm das Gefühl zu geben, dass ich irgendwelche Anforderungen an ihn stelle.
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