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Karamell-Bonbons für immer | KBFI

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Familie / P12 / Gen
Detlev Grün Ellen Bannenberg Emily Bannenberg Nikolas Heldt
13.01.2021
05.06.2021
18
38.251
18
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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14.04.2021 3.055
 
Hannah

Kurze Zeit nach meinem Anruf bei Heldt öffnet sich die Tür zu meinem Labor - selbstverständlich ohne, dass vorher Klopfgeräusche ertönen würden - und er erscheint mit Ellen Bannenberg im Schlepptau darin.
„Guten Morgen Frau Dr. Holle!“, begrüßen mich beide wie aus einem Mund.
„Frau Bannenberg, Herr Heldt“, erwidere ich mit einem Nicken und greife nach der Akte mit den Untersuchungsergebnissen.
„Was hat sich denn bei unserer Leiche aus dem Stadtpark schlussendlich ergeben?“, fragt Ellen Bannenberg ungeduldig und ich erkenne gleich, dass unsere Staatsanwältin nicht so wirklich bei der Sache ist.
Ein prüfender Blick in ihr Gesicht reicht aus und ich erkenne an den Sorgenfalten auf ihrer Stirn und ihren unruhigen Augenbewegungen, dass sie etwas umtreibt, mehr als es letzte Woche der Fall war. Ich beschließe, schnell mit meinen Punkten zu beginnen, und mir Ellen danach am besten unter vier Augen einmal vorzunehmen.
Betont nachdrücklich rücke ich meine Brille zurecht, mustere die Anwesenden kurz und trage dann laut und bestimmt meine Ergebnisse vor. „Eine gewaltsame Todesursache konnte mit 99-er Prozentigkeit ausgeschlossen werden, allem Anschein nach ist der Mann an einer schweren Alkoholvergiftung gestorben, hinzu kommen Erfrierungssymptome an Fingern, Zehen und im Gesicht, an Ohren, Nase und Lippe, also ist davon auszugehen, dass er, nachdem er sich bewusstlos getrunken hat, die Nacht draußen verbracht hat und seine Alkoholintoxikation in Verbindung mit den niedrigen nächtlichen Temperaturen zum Exitus führte. Dafür spricht auch die deutlich herabgesetzte Körperkerntemperatur von unter 32 ° C beim Auffinden des Toten. Fremdverschulden würde ich deswegen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließlich, auch, da sein Körper über keinerlei Hämatome verfügt, die auf etwa eine gewaltsame Verabreichung der alkoholischen Getränke hinweisen. Auch andere Hämatome, die auf äußere Gewalteinwirkung schließen ließen, lassen sich nicht finden.“ Ich lege das Blatt zur Seite und nehme meine Brille ab. „So traurig es ist, aber der ältere Herr ist höchstwahrscheinlich erfroren, nachdem ihn sein hoher Alkoholkonsum bewusstlos werden ließ. Zum Todeszeitpunkt hatte er noch 3,1 Promille. Wie viel es ursprünglich gewesen sind, darüber möchte ich gar nicht nachdenken.“ Ich sehe nach oben und blicke in drei betroffene Gesichter. Herr Korthals kratzt sich nachdenklich am Hinterkopf, Heldt sieht traurig zu Boden und Frau Bannenberg guckt mich bestürzt an. Es spielt keine Rolle, wie lang wir diesen Job schon machen, jeder Tote trifft uns aufs Neue mitten ins Herz. Da ist ein Leben, das geendet hat oder beendet wurde, ein Mensch, der nun nicht mehr atmet, lacht, läuft, lebt.
Nur seine leere Hülle, die bleibt uns, um das furchtbare Verbrechen aufzuklären und ihm so seinen Frieden wieder zu bringen.
Nur gab es in diesem Fall nicht einmal ein Verbrechen, das wir aufklären müssten. Doch das macht seinen Tod - allein, nachts, draußen in der Kälte - nicht weniger tragisch.
„Ich werde weiter nach Freunden suchen und sie informieren. Angehörige konnte ich bisher ja leider nicht finden“, findet Herr Korthals als erster seine Sprache wieder und macht sich eilig auf den Weg nach oben.
„Gut, machen Sie das, Herr Korthals! Danke Frau Dr. Holle“, beginnt Frau Bannenberg sichtlich verwirrt. „Ich werde die Ermittlungen abschließen und das Verfahren einstellen. Ach, und Heldt?“ Sie sieht ihn kopfschüttelnd an. „Nikolas... Wir zwei reden  später, ja?“, zischt sie ihm im Flüsterton zu, doch ich höre es trotzdem.
Heldt hebt die Schultern und will ihr die Tür aufhalten, doch ich rufe seine Chefin sowie Freundin im letzten Moment zurück. „Frau Bannenberg, auf ein Wort?“
Sie bleibt stehen, dreht sich zu mir herum, guckt mich überrascht an und nickt. „Sicher, was gibt's denn?“ Dann lächelt sie Heldt zu, der an ihr vorbei nach draußen geht und sie dabei scheinbar aus Versehen leicht an der Taille streift.
Lächelnd schließt sie die Tür und setzt sich direkt vor mir auf die Tischkante.
„Gibt es schon Neuigkeiten von der Oberstaatsanwaltschaft, Ellen?“, komme ich ohne lange Umschweife zum Punkt.
„Nein, noch nicht“, murmelt sie leise. „Ach Hannah...“ Sie schüttelt sachte den Kopf, wie sie es oft tut, um unangenehme Gedanken zu vertreiben.
„Was bedrückt Sie so sehr?“, wage ich einen Versuch.
„Sieht man das so schlimm?“
„Ja, ich finde schon. Wenn man Sie besser kennt“, antworte ich ruhig. Ich darf sie zu keiner Antwort drängen, sonst macht sie direkt zu.
„Also es ist...“ Sie scheint wirklich mit sich zu ringen. „Heldt...“ Sie verbessert sich umgehend: „Also Nikolas, er ... Er will...“ Sie starrt auf ein halb geöffnetes Fenster, oder vielmehr dort hindurch in eine diffuse Leere. „Was will unser Heldt denn Schlimmes tun?“, hake ich sanft, aber bestimmt nach.
„Ich habe ihn eben, bevor wir runter gekommen sind, gerade noch davon abbringen können, sein Versetzungsgesuch fertigzustellen, Hannah!“ Ihr Blick kehrt zurück in mein Labor, nun sieht sie mich verzweifelt an.
Ich spüre ihren Schock nun selbst. Ein Präsidium ohne Heldt, das haben wir alle schonmal erlebt, für sechs Monate, als er auf Mallorca Verbrecher gejagt hat. Wo er auf meinen Anruf hin hingeflogen ist. Und weswegen es nie zum damals lange ersehnten Date von ihm und Ellen kam. Ich hab mir lange die Schuld dafür gegeben, dass es ihr so dermaßen schlecht ging nach seinem Verschwinden. Denn das war nicht zu leugnen, die Traurigkeit in ihren Augen, die Vehemenz, mit der sie ihr Leben während seiner Abwesenheit auf den Kopf gestellt hat, wie sehr sie sein Verhalten verletzt hat, ließ eindeutig darauf schließen, wie nah sich die beiden wirklich waren.

Die Situation jetzt muss sie stark an damals erinnern, denn plötzlich sehe ich Tränen in ihren Augen schimmern. Ich gehe auf sie zu und nehme sie wortlos in die Arme. Ich weiß, was sie fühlt, ich verstehe ihre Angst, die durch ihre Erinnerung an damals niemals ganz verschwunden ist und nun durch die Aussicht auf Heldts Versetzung an ein anderes Präsidium wieder ausgelöst wurde.
Sie erwidert meine Umarmung schwach.
„Es wiederholt sich nicht, Ellen. Nikolas wäre diesmal nicht aus der Welt.“
Sie sieht mich milde lächelnd an. „Woher wissen Sie... dass ich an damals gedacht habe, an Mallorca?“
Ich lege ihr eine Hand auf die Schulter. „Das sieht man Ihnen an.“

Ellen

Sämtliche Erinnerungen und schlechte Gefühle überfluten meine Gedanken, meine Gefühle, mein Herz. Ich bin Hannah sehr dankbar, dass sie einfach nur da ist, mich auf den Boden der Tatsachen zurückholt und mir zuhört und mich mit den Fragen konfrontiert, vor denen ich seit einer Woche weglaufe. Die Aussicht, dass Nikolas und ich nicht mehr gemeinsam arbeiten, hat unbewusst eine gewaltige Angst in mir getriggert. An damals, als er mich versetzt hat. Als er einfach abgehauen ist. Wir haben uns anscheinend doch nie wirklich ausgesprochen, was meine Verlustängste angeht. Zu viel ist danach passiert, Stefans Tod, seine neue Beziehung mit Julia, Carlos Verschwinden. Es nagt nach all der Zeit immer noch an mir. Ich habe ihm einfach stumm vergeben, weil ich ihn immer noch so sehr geliebt habe und weil ich ihn immer noch liebe, wollte ich dieses leidige Thema einfach ruhen lassen. Dass es jetzt ans Tageslicht kommt, macht mir noch mehr Angst. Und meine Entscheidung, ihm von unserem Ausweg aus dem Debakel zu erzählen, nicht wirklich leichter. Ich überlege, ob ich es wagen soll, Hannah einzuweihen. Immerhin ist sie verschwiegen und eine gute Ratgeberin. Abwägend sehe ich sie an.
„Es ist okay, wie Sie sich fühlen, es ist normal, wenn Ihnen das alles Angst macht, machen Veränderungen das nicht immer?“ Sie lächelt mir aufmunternd zu.
Mist, bin ich wieder kurz davor, loszuheulen? Ich atme tief durch, konzentriere mich auf einen kleinen blauen Tintenfleck an der Wand und beruhige mich allmählich wieder.
„Vielleicht wäre es wichtig, dass Sie mit Heldt darüber sprechen, dass sie ihm klar machen, welche Ängste das in Ihnen wachruft, wenn er sich einfach so versetzen lassen will“, meint sie fürsorglich. „Es gibt doch bestimmt einen anderen Weg, mir erscheint diese Regelung nicht besonders gerecht!“, empört sie sich mit mir.
Ich bin kurz davor, es Hannah zu sagen. Noch wäge ich das Für und Wider ab. Wenn ich es ihr sage, aber es nicht durchführe, weil ich Nikolas nicht fragen kann, dann denkt sie, ich würde ihn nicht genug lieben.
Aber wenn ich nur mit ihr darüber sprechen könnte, vielleicht finde ich dann die Kraft, es ihm vorzuschlagen, vielleicht lösen sich dann die vielen Knoten in meinem Gehirn, vielleicht schaffe ich es dann, ihm meinen Lösungsvorschlag zu unterbreiten. Vielleicht bestärkt sie mich so weit, dass er dasselbe fühlt, dass ich den Mut dazu finde. Vielleicht kann sie sich als Vertrauensperson erweisen und Nikolas ein wenig aushorchen, ohne dass er gleich Verdacht schöpft, weil es nicht von mir kommt.
Vielleicht bringt sie ihn sogar auf die Idee, mich zu fragen. Und das wäre der Jackpot, denn dann müsste ich mir keine Gedanken mehr machen, ob ich ihn mit meiner Frage einengen würde, sondern wüsste dann, dass er dasselbe will, dass wir dasselbe wollen. Andererseits, vielleicht traut sich Nikolas, wenn er von der ultimativen Lösung weiß, auch nicht, mich darauf anzusprechen, weil er denkt, mir ginge das alles zu schnell.
Dennoch, einen Versuch ist es wert, beschließe ich und mache gerade den Mund auf, um zu einer Erklärung anzusetzen, da geht die Tür auf. Doch diesmal ist es nicht Nikolas, der ohne anzuklopfen herein prescht, sondern Herr Korthals.

Nikolas

Ich bin auf 180, als ich ins Auto steige, um zum Tatort zu fahren, einem kleinen Kiosk am Stadtrand. Gerade eben bin ich im Flur Ellen über den Weg gelaufen und sie hat mir allen Ernstes verkündet, sie habe den Brief an die Oberstaatsanwaltschaft eben einfach eingeworfen! Und im Anschluss hat sie sich bei mir sogar noch für mein Verständnis bedankt, dass ich es ihr nachsehe, wenn sie noch etwas mehr Zeit brauche. Dass ich es ihr nachsehe... Das hat sie tatsächlich einfach so gesagt.
Hat sie mich vorhin falsch verstanden? Dass sie mich gebeten hat, mein Versetzungsgesuch erstmal nicht fertig zu stellen, ist eine Sache. Dass sie die oberstaatsanwaltschaftliche Untersuchung jetzt eigenhändig nur noch länger hinauszögert, eine ganz andere. Frustriert drücke ich das Gaspedal nach unten und fahre viel zu schnell vom Parkplatz hinunter.

Frau Dr. Holle muss bereits auf dem Weg zum Tatort sein, Korthi hat sie als erstes informiert, als der Anruf eben einging, doch er hat sich zu viel Papierkram aufgehalst, als dass er selbst hinfahren könnte. Tja, Mario - Punkt für mich, ich habe Ellen nicht gleich übereifrig vorgeschlagen, sämtliche Kontakte zu unserem Toten auszubuddeln. Verflucht, ich bin schon wieder in Gedanken bei ihr gelandet... Ellen - Es gibt kaum jemanden, der mich heute so aufregt, wahnsinnig macht, frustriert und den ich trotz allem immer noch unglaublich toll finde wie meine Lieblingsstaatsanwältin. Ich finde es unfassbar süß, wie sie unsere privaten Probleme trotzig überspielen möchte, nach außen die distanzierte, taffe Karrierefrau gibt, aber sich - wenn wir allein sind und wenn sie sich unbeobachtet fühlt - mir gegenüber viel sanfter gibt und sich über jede zufällige Berührung zu freuen scheint. Und gleichzeitig raff ich's einfach nicht, wie sie sich so dermaßen unverfroren über unsere Abmachung bezüglich ihrer Stellungnahme hinwegsetzen kann, ich check's einfach nicht! Sie hat bisher bei ihrem mehrstündigen Aufenthalt in der Bibliothek nichts gefunden, warum sollte die Lösung jetzt plötzlich vom Himmel fallen?

Während ich einparke und zum Kiosk hinüber laufe, beschließe ich, es ihr gleich zu tun - Warum auch an Abmachungen halten? - und mein Versetzungsgesuch später doch noch zu schreiben. Ich muss es ja nicht sofort abschicken, aber ich weiß nicht, ob ich morgen noch denselben Tatendrang verspüre, Ellen und Emily vor einem Umzug zu bewahren und für uns alle Klarheit zu schaffen.

Vor der Tür treffe ich Hannah an, sie ist in eine sportliche türkise Jacke eingepackt und offensichtlich schon wieder auf dem Sprung.
„Keine Abdrücke an der Klingel, an der Kasse und auch nicht an der Flasche, mit der der Täter wohl zuschlagen wollte“, kommt sie direkt zum Punkt, als ich in ihr Blickfeld gerate.
„Wehe, wenn ich den Arsch erwische, der den Handschuh erfunden hat“, überspiele ich meine - Ellens Aktionismus geschuldete - miese Laune und betrachte die kleine Flasche, die Hannah zwischen uns hochhält.
„Das Reizgas ist ein handelsübliches Tierabwehrspray. Aber sagen Sie mal, wo ist denn eigentlich Herr Grün? Sie waren ja letzte Woche schon bei dem Spielhalleneinbruch alleine. Normalerweise geben Sie beide doch das dynamische Duo?“
Ich zucke gleichgültig mit den Schultern. „Joa, ich hab mich eher so für ne Solokarriere entschieden.“
„Ist was passiert?“, fragt Hannah sofort misstrauisch nach.
Ne ganze Menge - wenn Sie nur wüsste. Statt ihr eine Antwort auf ihre Frage zu geben, gehe ich zur Tagesordnung über, dem Fall, den wir lösen müssen. „Ist das da der Inhaber?“ Ich zeige auf den Mann, der direkt neben dem Eingang steht und zu uns hinüber sieht.
Hannah nickt kurz, ich lasse sie stehen und ihre Frage unbeantwortet und gehe auf ihn zu, doch ich spüre Hannahs Blick in meinem Nacken, ehe sie sich abwendet und wieder auf den Kiosk zu maschiert.

Im Gespräch mit Rollo erfahre ich, was sich letzte Nacht aus seiner Sicht hier zugetragen haben könnte und auch einiges über die Lebebsumstände des Opfers, das er immer nur Eugen nennt. Nachdem unser Zeuge mir alles Wesentliche mitgeteilt hat, kommt Hannah wieder aus dem Kiosk gelaufen und gibt den Tatort mit den Worten "Herr Heldt, wir wären dann jetzt soweit", frei. Ich nicke ihr zu, drücke ein eingehendes Telefonat von Grün weg und stampfe säuerlich Rollo hinterher. Zum Glück bessert sich meine Stimmung schlagartig, als mein Blick auf ein gut sortiertes Süßigkeitenregal gegenüber der Kasse fällt.
"Einmal alles?", grinst der sehr symphatische Kioskbesitzer mich schief an.
"Ja, einmal alles!", erwidere ich begeistert, dann sehe ich mich im Inneren des Kiosk genauer um.

Bereits eine Stunde später sitze ich mit einer großen Tüte voller verschiedener Süßigkeiten auf dem Flur der Bochumer Uniklinik und warte, bis ich zu Eugen Merkroth, dem Opfer des Überfalls, ins Zimmer gelassen werde. Auf den Süßkram aus dem Kiosk habe ich gerade nicht wirklich Lust, also erweist sich mein kleiner, aber feiner Vorrat diesmal nicht als geeignete Überbrückung der Wartezeit. Ich krame stattdessen unermüdlich in diversen Jackentaschen meines Mantels rum, bis ich schließlich gefunden habe, wonach ich suche: Das angefangenen Schreiben von heute morgen und ein Stift. Diesmal zögere ich nicht lange.
Mir reicht es!
Wenn Ellen denkt, sie müsse nicht mit mir reden, dann treffe ich diese Entscheidung halt alleine! Ich beuge mich über den benachbarten Stuhl, lege das Papier auf den harten Untergrund und schreibe mein Versetzungsgesuch zu Ende. Dann habe ich es immer bei mir, sozusagen als Ass im Ärmel, sollten sich Schwierigkeit anbahnen und Böger nicht mit Ellens Stellungnahme zufrieden sein. Als ich fertig bin und den Zettel zweimal zusammengefaltet wieder in die Innentasche des Mantels stopfe, erscheint eine mir nur zu gut bekannte dunkelhaarige Ärztin in der Tür und gestattet mir den den Zutritt.

Ellen

Unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl auf und ab. In wenigen Minuten muss ich zu Oberstaatsanwalt Böger und ich hoffe inständig, dass es nichts mit meinem Brief zu tun hat, den ich heute Morgen an die Oberstaatsanwaltschaft weitergeleitet habe. Nachdem Hannah vorhin so eilig mit Korthi aus ihrem Labor aufgebrochen ist, habe ich mich wieder in mein Büro begeben, um die Ermittlungen im Park-Leichen-Fall einzustellen und der betreffenden Akte einen entsprechenden Vermerk beizufügen. Mitten in die Arbeit vertieft wurde ich dann plötzlich durch Bögers Anruf aus meiner Routine gerissen, der mich um ein dringendes Gespräch um elf Uhr in sein Büro bat. Das war vor meiner Besprechung mit Herrn Korthals und Herrn Grün. Und jetzt ist es soweit. Nervös betrachte ich den Minutenzeiger an der Wanduhr, der soeben auf fünf vor elf gesprungen ist.
Ich setze meine Kollegen knapp darüber in Kenntnis, dass ich nun einen Termin bei Herrn Böger habe, verlasse den Raum und will gerade in den anderen Gang zum Treppenhaus wechseln, als ich Herrn Grüns eilige Schritte hinter mir vernehme.
"Frau Staatsanwältin, auf ein Wort bitte!"
Widerwillig bleibe ich stehen, als seine Stimme hinter mir ertönt, und warte, bis er mich eingeholt hat.
"Ich hoffe inständig, es möge bei ihrem Termin jetzt nicht um jenes kompromittierende Foto gehen, welches ich auf so fahrlässige Art zu löschen vergaß", rattert er los, bevor ich ihn mit einer simplen Geste zum pausieren bewegen kann.
"Nein, dazu habe ich ja wie aufgefordert eine schriftliche Erklärung abgegeben, über die Beziehung zwischen Nikolas und mir", beruhige ich ihn und rede mir ein, dass es bei meinem Termin tatsächlich um etwas anderes gehen wird und nicht um die Konsequenzen, die nun logischerweise anstehen.
Doch Herr Grün lässt sich davon nicht beirren und fährt in bittendem, fast schon flehendem Tonfall fort: "Frau Bannenberg, bitte seien Sie versichert, ich bin dessentwegen immer noch untröstlich, nach wie vor ist es mir unbegreiflich, wie ich derartig gedankenlos sein konnte, die Speicherkarte mit den Fotos der Akte beizufügen, ohne sie vorher noch einmal zu überprüfen, verstehen Sie..."
"Herr Grün", setze ich vorsichtig an. "Ich weiß wirklich, dass sie das nicht absichtlich gemacht haben.“
"Dem ist so... ja...", beginnt er aufgeregt zu stottern. "Danke!"
Wir haben zu Beginn letzter Woche bereits ein ausführliches Gespräch hierzu geführt, weswegen will er mich denn nun schon wieder aufhalten? Nervös blicke ich zu meiner Armbanduhr. Eine Verspätung bei Böger kann ich mir aktuell wirklich nicht leisten.
"Herr Heldt sieht das offensichtlich ganz anders. Bisher gelang es mir, seinem Wunsch zu entsprechen und ihm möglichst aus dem Weg zu gehen. Aber inzwischen ignoriert er sogar meine Anrufe, was auf die Dauer selbstverständlich so nicht funktionieren kann, Sie verstehen...", sprudeln die Worte aus Grün wie aus einem Wasserfall heraus.
Ich seufze traurig. Es ist wohl an der Zeit, Nikolas' Chef bezüglich der beruflichen Pläne unseres Kommissars einzuweihen. "Seien Sie sich gewiss, er sieht das genauso wie Sie", beginne ich gedämpft.
Er lächelt vorsichtig. "Dem zufolge hat sich sein Gemüt ein wenig abgekühlt?“
Es tut mir beinahe im Herzen weh, die Hoffnung, sie sich soeben auf Grüns Gesicht abgezeichnet hat, mit meinem nächsten Satz zu zerstören, dennoch muss ich es loswerden: "Er möchte sich versetzen lassen."
Mit offenem Mund starrt Grün mich an, doch zu meinem Bedauern muss ich ihn auf dem Gang stehen lassen, wenn ich nicht noch später, als ich es ohnehin schon bin, bei Böger aufschlagen will. Hastig eile ich die Treppe hoch, stolpere beinahe über meine eigenen Füße und klopfe schließlich mit wild pochendem Herzen an die dunkelbraune Holztür zu Bögers Reich.
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