Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Karamell-Bonbons für immer | KBFI

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Familie / P12 / Gen
Detlev Grün Ellen Bannenberg Emily Bannenberg Nikolas Heldt
13.01.2021
05.06.2021
18
38.251
18
Alle Kapitel
58 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
31.03.2021 4.148
 
Ellen

Als ich Nikolas einen sanften Begrüßungskuss auf die Lippen drücken möchte, überrascht er mich mit leidenschaftlicher Spontanität, zieht mich enger an sich und umarmt mich sehr viel länger als sonst, während er mich erneut innig küsst.
„Na du musst mich aber vermisst haben“, provoziere ich ihn ein kleines bisschen und sehe zufrieden in sein vor Glück strahlendes Gesicht. Wie immer versetzen mich seine liebevollen Berührungen in eine Art Schwebezustand, sodass die Sorgen der vorherigen Stunden ganz automatisch von mir abfallen.
Bevor ich zu Emily gegangen bin, habe ich mich tatsächlich dazu zwingen können, mich auf meinen Hintern zu setzen und eine eineinhalbseitige Stellungnahme zu verfassen. Eigentlich wollte ich sie Nikolas, sobald er nach Hause kommt, zum Durchlesen geben, aber so wie es aussieht, hat mein Freund gerade gar keine Lust zu lesen - wie eigentlich immer - sondern ihm steht der Sinn allem Anschein nach vielmehr danach, sich gemeinsam mit mir anderen beziehungsfördernden Dingen zu widmen.
Ich unterbreche unseren Kuss kurz, sehe ihn forschend an und werde schon wieder von ihm überrumpelt.
„Ellen, egal was passiert, ich liebe dich und wir werden immer eine Lösung finden!“, bekräftigt er, nimmt mich bei der Hand und geht gemeinsam mit mir in die Küche, holt ein Bierglas und die offene Rotweinflasche heraus und schenkt mir ein Glas ein.
„Ganz nach dem Motto, kein Alkohol ist auch keine Lösung?“, feixe ich und nehme ihm das Glas ab, um mit seiner Flasche anzustoßen.
„Genau, so ist es.“ Er zwinkerte mir zu und legt einen Arm um meine Taille. Bevor wir einen ersten Schluck nehmen, küssen wir uns erneut.
Nikolas Blick wandert, während er die Bierflasche zu leeren beginnt, durch den Raum und bleibt kurz am Esstisch respektive den daraufliegenden Utensilien hängen. Er sieht mich fragend an und als ich nicke, steht eigentlich für uns beide fest, dass zu diesem Thema vorerst alles gesagt ist und wir beide heute definitiv nicht mehr darüber reden wollen.
„Kommt eigentlich heute Fußball?“, frage ich scheinheilig, um irgendeinen Vorwand zu finden, um mich trotzdem gemeinsam mit ihm aufs Sofa zu verdrücken.
„Seit wann...“ Er verstummt und ich merke, wie der Groschen fällt, als er mir ins Gesicht sieht. „Ellen, wenn du mich als Sofalandschaft missbrauchen willst oder einfach nur kuscheln willst, sag das doch.“ Er kneift mich sanft in die Seite. „Als ob wir Männer immer nur Fußball schauen wollen würden...tzzz tz, ein schlechtes Klischee ist das!“
Ich lächle ertappt und fahre mit einer Hand über seine Brust. Er streckt sich mir entgegen und plötzlich hebt er mich auf, wirbelt mich durch die Luft und trägt mich zu unserer riesigen Couch hinüber.

Dort angekommen lässt Nikolas mich behutsam hinunter, stützt sich über mir ab und bedeckt mein gesamtes Gesicht mit unzähligen Küssen. In der Verdrängung unserer Verzweiflung albern wir herum, kitzeln uns gegenseitig durch und enden schließlich - völlig außer Puste - darin, dass ich Nikolas tatsächlich als Sofa missbrauche, ihm mit der rechten Hand langsam durch die Haare gleite und in seinen Augen versinke, während er mich immer wieder wieder zu sich nach unten zieht und zärtlich küsst. Mit einem wohligen Seufzen nehme ich seinen Kopf in beide Hände, lege meine Lippen auf seine Stirn und murmle das, worüber ich mir die ganze Zeit über den Kopf zerbrochen habe.
„Würdest du eigentlich...“ Ich mache eine Pause. Irgendetwas hindert mich daran, es auszusprechen. Ich habe tausend mal hin und her überlegt, wie ich das Thema anspreche, aber in der Realität fällt es mir noch viel schwerer als in meinem Kopf.
Er schaut mich an, irgendwas zwischen verträumt und verliebt. „Ja?“
„Ach vergiss, was ich gesagt habe, nicht so wichtig...“, würge ich den Gedanken ab. Zu groß ist meine Angst davor, Nikolas zu überfordern, ihn einzuengen, ihm die Luft zum Atmen zu nehmen. Dann sage ich besser nichts und versuche in Zukunft durch unterschwellige Suggestiv-Fragen - eigentlich eine verbotene Verhörmethode - seine Meinung herauszukriegen.
„Sollen wir woanders weitermachen?“ Schief grinst er mich an.
Ich muss schmunzeln, aber nicke dennoch. Für heute habe ich keine Energie mehr, um über einen Ausweg aus der Compliance Regelung nachzudenken, heute möchte ich meinen Kopf für den Rest des Tages einfach ausschalten und wie ginge das besser als mit verdammt gutem Sex? „Sehr gerne“, sage ich leise und folge Nikolas nach oben.

Ich frage Emy beim Hochgehen beiläufig, ob wir später Pizza bestellen sollen und als sie nicht antwortet, kann ich mir sicher sein, dass sie unter ihren Kopfhörern verschwunden ist und uns nicht hören wird.
Nikolas sieht mich skeptisch an: „Pizza? Ich dachte wir kochen was gemeinsam?“
Irgendwie rührt es mich, dass ihm unsere gemeinsamen Kochabende mittlerweile so viel Spaß machen, dass er seine schlechten Gewohnheiten, Junk-Food betreffend, nach und nach ablegt. Und unser Essen sogar Flavios Pizza vorzieht!
„Sicher, Nikolas, ich wollte nur schauen, ob sie Musik oder uns hört.“ Ich schlendere mit aufreizendem Hüftschwung an ihm vorbei und verpasse ihm im Vorbeigehen einen leichten Klaps auf den Hintern, ehe ich meine Schritte beschleunige und vor ihm in unser Schlafzimmer flüchte.
Er macht die Tür hinter uns zu und folgt mir, nachdem ich mich auf die vordere Bettkante gesetzt habe, nimmt meine beiden Hände in seine und drückt meinen Oberkörper sanft auf die Matratze. Seufzend küsse ich seine Unterarme, klammere meine Beine um seine Hüfte, lasse mich mit geschlossenen Augen nach hinten fallen und übergebe ihm die Zügel.
Während Nikolas mich hingebungsvoll auszieht, mich zwischendrin immer wieder küsst, mal voller Leidenschaft, dann wieder zögerlich vorsichtig und auch zärtlich, liebevoll, kann ich meine Gedankenkreise immer noch nicht vertreiben.
Mich plagt ein wahnsinnig schlechtes Gewissen, weil ich ihm die Frage, die mir so sehr auf der Seele brennt, nicht stellen konnte. Stattdessen interpretiere ich nun in jeden Blick von ihm, in jedes Zögern, einen Zweifel an unserer Beziehung hinein. Und das tut uns nicht gut. Es wird Zeit, dass ich selbst aktiv werde und mich auf diesen wunderbaren Mann hier über mir konzentriere anstatt auf die Hirngespinste in meinem Kopf.
Ich zwinge meine Gedanken zum Schweigen, rutsche weiter nach oben auf dem Bett und beobachte mit zunehmender Erregung, wie er mir folgt, wie sein Blick immer dunkler wird und sich sein Verlangen nach mir immer deutlicher darin spiegelt.
Und mir geht es nicht anders. Ich will ihn, ich will ihn so sehr, jetzt, in den schwierigen Zeiten und in den Guten und immer und immer nur ihn.
Die einzige Frage, die ich mir seit Mallorca stelle, ist, ob er nicht drei Schritte zurück gehen wird, wenn ich diesen einen Schritt auf ihn zu mache. Sind wir am Ende dadurch nur weiter voneinander entfernt als je zuvor?
Nikolas erreicht mich, ich greife nach seinen Händen - will meine Sorgen vergessen und den Moment genießen -, verschließe seine Lippen mit meinen, atme voller Erleichterung in unseren Kuss hinein, weil mich das Zusammentreffen unserer bloßen Haut so sehr beruhigt, wie nichts anderes auf dieser Welt.
Ich lächle und werfe ihn herum, doch er tut dasselbe mit mir und ehe wir uns versehen, liegen unsere Klamotten um uns herum verteilt und er auf mir und küsst mich, spielt mit seiner Zunge mit meiner, während er tief in mich hineingleitet und mich aufstöhnen lässt.
Da ist er, - wie immer - der Moment, in dem ich nicht mehr an meine Selbstvorwürfe denke, sondern meine Ängste loslassen kann, mir erlauben kann, mich geborgen und sicher zu fühlen in Nikolas' Armen.

Hätte ich früher gedacht, dass er einmal mein Anker sein würde, der Mittelpunkt meines Lebens neben meiner Tochter, hätte ich das gedacht, damals, als er das erste mal in meiner alten Wohnung war, um Emily und mich zu beschützen? Hätte ich gedacht, dass ich diese Hand, mit der er mir damals den Mund zugehalten hat, damit ich vor Schreck nicht laut schreie, einmal auf meinem Mund spüren wollen würde, damit Nikolas mich mit ihr zum Schweigen zu bringen kann, falls ich im Bett mit ihm zu laut werde? Hätte ich früher, als ich ihn nach dem Weg zum Büro seines Chefs gefragt habe und mich in seinen braunen Augen verirrt habe, je daran gedacht, dass ich eines Tages vollkommen darin verloren gehen könnte? Hätte ich auf dieser Scheidungsparty, auf die er mich geschleppt hat, jemals darüber nachgedacht, wie viel Angst mir die Frage nach einer gemeinsamen Zukunft mit ihm einmal machen würde?
Irgendwie spürt Nikolas meine tiefe innere Zerrissenheit, doch - und ich kann nicht sagen woher - er weiß genau, wie er mich wieder ganz machen kann.
Und er tut es, er liebt mich, mit all seinen Sinnen, langsam, leidenschaftlich, ehrlich, voller Rücksicht und Zärtlichkeit, gibt mir all das, wonach ich mich sehne und was ich gerade brauche. Er nimmt mich an als Mensch, so wie ich bin, auch wenn es bedeutet, dass ich gerade innerlich ein Wrack bin.
Wie kann ich nur glauben, dass er gehen wird, wenn ich ihm vorschlage, den nächsten Schritt zu wagen?

Es berührt mich so sehr, ihm - wenn wir uns gegenseitig in die Augen sehen - immer wieder anzumerken, wie wichtig es ihm ist, dass es mir gut geht, dass ich - noch während wir miteinander schlafen - anfange zu weinen.
Er registriert es sofort, küsst die laufenden Tränen von meinen glühenden Wangen und fragt mich ohne Worte, ob ich aufhören will, doch ich will genau das Gegenteil, ich will ihn spüren, will ihn so nah bei mir haben, wie es nur geht, will Gewissheit, dass er mich nie wieder verlassen wird, niemals.
Ich beantworte seine stumme Frage mit einem Kopfschütteln und sehe ihm tief in die Augen, während ich unter dem Rhythmus seiner Stöße bebe, mich an ihm festhalte und sich all die schlechten Gefühle in mir langsam auflösen, um der großen, explosionsartigen Welle meiner Lust Platz zu machen.

Nikolas

Nach unserer kleinen Auszeit nehmen Ellen und ich ein gemeinsames Bad und ich überlege, ob ich die Gelegenheit nutzen soll, dass sie mir nicht entkommen kann, ohne die wohlige Wärme des Wassers zu verlassen - was sie niemals freiwillig tun würde -, um noch einmal nachzuhaken, was bei ihr los ist seitdem sie gestern aus der Bibliothek gekommen ist.
Dass sie vorhin im Bett angefangen hat zu weinen, zeigt wirklich, wie viel Stress sich in ihr in letzter Zeit aufgestaut haben muss. Das jedenfalls hat sie noch nie zuvor gemacht, wodurch ich natürlich erst selbst ziemlich verunsichert war.
Ich tauche aus der Erinnerung auf und schiebe etwas Schaum zu ihr hinüber.
Ellen lacht leise und bewirft mich mit einer der gelben Bade-Enten, die wir als Souvenir eines grotesken Falles mitgenommen haben.
„Achtung! Nicht, dass ich ertrinke!“, scherze ich makaber und lasse das Quietschetier zu ihr zurück schwimmen.
„Das würde ich doch niemals zulassen!“, betont sie und lehnt sich nach vorne, streicht über mein Knie und rutscht beim Versuch, sich über mich zu beugen, fast aus. „Ellen.“ Ich greife vorsorglich nach ihren Knien und halte sie daran fest, damit sie nicht vollends umkippt.
„Ja, Nikolas?“, entgegnet sie ironisch. „Was ist denn?“
Ich muss sie wohl sehr seltsam angestarrt haben, aber sie sieht einfach unfassbar süß aus mit ihren nassen, eng an Kopf und Hals anliegenden Haaren, die durch die Feuchtigkeit so viel dunkler aussehen als sonst. Plötzlich bin ich unsicher, ob sie überhaupt darüber reden möchte, warum sie geweint hat. Gerade eben sieht sie so glücklich aus, so entspannt und ist guter Dinge - möchte ich ihr diesen Augenblick wirklich durch meine Neugier zerstören?
Nein, beschließe ich und sage stattdessen: „Komm mal her...“ Ich lasse meine Beine auf den Boden der Wanne sinken und Ellen klettert auf meinen Schoß und setzt sich rittlings auf meine Oberschenkel, mit Blick zu mir.
Ich schließe sie in die Arme, drücke sie an mich, streichle durch ihr nasses Haar und über die zarte Haut an ihrem Rücken. Es gibt kein Wort, mit dem ich meine Gefühle für Ellen beschreiben könnte, Liebe ist dafür noch viel zu schwach. Sie ist meine Seelenverwandte, meine bessere Hälfte, der Mensch, der meine Familie geworden ist.
Sie schlingt ebenfalls die Arme um mich, drängt sich näher an mich heran, bis fast kein Platz mehr zwischen unseren nassen Körpern ist, dann flüstert sie etwas, was ich nicht ganz verstehe und sieht mich erwartungsvoll an. Ich ziehe die Stirn in Falten, doch als ich noch eine Sekunde länger nichts sage, winkt sie nur ab.
„Ach vergiss es, das war nicht so wichtig, ich war wieder nur in Gedanken.“ Sie sitzt jetzt leicht über mir, richtet sich auf und fasst gerade ihre Haare zu einem Dutt zusammen, der dann aber doch wieder in langen Strähnen über ihre Schulter fließt, nachdem sie ihn losgelassen hat.
„Das warst du ziemlich oft seit letztens, hm?“ Ich sehe zu ihr hoch und bin so fasziniert von einer ihrer pulsierenden Halsschlagader, dass ich kurzerhand meine Lippen auf ihren Hals lege und sie von unten nach oben mit meiner Unterlippe nachzeichne, bevor ich an Ellens Kinn ankomme.
„Kann gut sein...“ Meine Freundin legt unterdessen ihre Hände auf meine Schulter, senkt ihren Kopf, nähert sich meinem und wieder versinken wir in einen innigen Kuss. Als Ellens Fingernägel über meine Kopfhaut kratzen und sie dem zu Beginn noch unschuldigen Lippenbekenntnis eine ganz neue Intensität verleiht, wird mir klar, dass sie den Konflikt, den sie gerade mit sich selbst ausmacht, am liebsten durch den Rausch von Oxytocin und Dopamin aus sich herausspülen wollen würde. Doch nüchtern betrachtet wird das Problem, vor dem wir gerade stehen, dadurch auch nicht kleiner. Aber bin ich nüchtern in diesem Moment, in dem Ellen nackt in ihrer Badewanne auf mir sitzt? Ihr perfekter Körper, in jederzeit greifbarer Nähe vor mir, ist kaum noch von Schaum bedeckt und ihre weiche Haut glänzt verführerisch unter einem Wasser-Seifen-Film. Mein Körper dagegen signalisiert mir in aller Deutlichkeit, dass ihn ihr Anblick definitiv nicht kalt lässt.
Ellen scheint sich ihrer Wirkung sehr wohl bewusst zu sein, denn erst sieht sie mich lange an, dann führt sie ihre Hand quälend langsam an meinem Oberkörper entlang nach unten, überprüft ihre Vermutung und lächelt verschmitzt, als sie sich in ihrem Verdacht bestätigt sieht.
Ich kann nicht anders, als schwach zu werden, mich zurückzulehnen und genau zu beobachten, was Ellen vorhat.
„Oh, heute genauso untersättlich wie ich...?“, murmelt sie mir ins Ohr und kehrt in ihre aufrechte Ausgangsposition zurück, ohne ihre Hand jedoch wieder wegzunehmen, sie scheint ganz im Gegenteil ihren Spaß daran zu finden, mich zu provozieren.
Es dauert nicht lange, bis ich schwer atmend den Kopf in den Nacken lege und Ellen auf mich ziehe, keine fünf Sekunden vergehen, bis wir wieder verschmelzen und sie ihre Hände auf meiner Brust abstützt, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Während Ellens Stirn an meine Schulter sinkt, sie sich in immer schnellerem Tempo das von mir nimmt, was sie will, halte ich sie an der Taille fest und gleite doch immer wieder über ihren vor Badeschaum rutschigen Bauch nach oben. Sie stöhnt gedämpft, verliert fast die Kontrolle über sich, aber ist dann doch plötzlich wieder die dominantere von uns beiden und es kommt mir vor, als spiegele sich ihr innerer Gemütszustand in unserem Liebesspiel wider.
Es ist, als würde sie etwas verstecken, als könnte sie etwas nicht zulassen, sich nicht komplett ihrer Lust hingeben, ihren Emotionen nicht freien Lauf lassen, - Nein, sie verhält sich jetzt schon wieder so seltsam, so streng und kontrolliert.
Nüchtern betrachtet ist es eben doch keine Lösung, unsere Probleme auf diese Weise zu lösen, es zerstört die körperliche Ebene, auf der wir sonst miteinander problemlos kommunizieren und uns auffangen können, eher noch.
„Stop.“ Ich selbst verliere auf einmal den Spaß an der Sache, bremse Ellen, halte ihren Kopf fest und sehe ihr direkt in die Augen. Eine Mischung aus Selbstzweifeln, Frustration und Unsicherheit blickt mir entgegen.
Ich küsse sie beruhigend auf den Mund, schiebe sie aber dennoch von mir herunter, stehe auf und reiche ihr eines der Handtücher, damit sie sich darin einwickeln kann.
Ohne zu zögern nimmt Ellen es entgegen und steigt mit gesenktem Kopf aus der Wanne. „Tut mir leid“, murmelt sie gedankenverloren. „Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.“
Die Tatsache, dass sie mir dabei nicht in die Augen sehen kann, beweist mir, dass sie sehr wohl weiß, was mit ihr los ist. Trotzdem umarme ich sie kurz, um ihr zu zeigen,dass ich zwar einerseits verwirrt, aber andererseits keineswegs böse auf sie bin, dann trockne ich mich ab und ziehe mir frische Sachen an.

Emily

Nikolas klopft energisch an meine Zimmertür, ich weiß, dass er es ist, weil Mama niemals klopfen würde, sondern einfach lautstark "Emily" durchs ganze Haus brüllt, wenn sie was von mir will. Ich lege meine Kopfhörer weg und klappe mein Notebook zu. „Moment, ich komme gleich!“
„Kochst du mit oder sollen wir dich erst rufen, wenn's Essen fertig ist?“, erkundigt sich Nikolas.
Stimmt, wir wollten Sonntag Abend zusammen kochen und danach einen Spieleabend einlegen, wie in alten Zeiten. Ich stehe auf und noch während ich zu Tür laufe, antworte ich: „Ich beeile mich, natürlich koche ich mit.“
Ich höre, wie Nikolas zustimmend brummt, sich wieder umdreht und auf den Weg nach unten macht.

In der Küche ist die Stimmung zwischen Mama und ihm komisch. Keiner spricht ein Wort, dennoch gucken sie sich immer wieder mit einer Mischung aus Skepsis und Liebe an. Sehr seltsam. Ich wundere mich kurz, ob das damit zusammenhängt, was Mama mir vorhin unter zwei Augen sagen wollte. Nachdem Nikolas sie in Beschlag genommen hat und ich weiter fürs Abi gelernt und mit Freunden geskyped habe, hab ich meine alte Lieblingsplaylist angemacht und über ihre Worte nachgedacht. Schließlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Mama nichts anderes gemeint haben konnte, als dass sie und Nikolas zusammen ziehen und heiraten wollen, sie es sich aber nicht traut, ihn darauf anzusprechen, weil sie Angst hat, ihn einzuengen. Vielleicht kann ich ihm ja ein paar unauffällige Hints in diese Richtung geben oder das Gespräch beim Abendessen auf dieses Thema lenken, mal sehen.
Guter Dinge binde ich mir die Haare zusammen und wasche mir die Hände in der Spüle. „So was gibt's denn heute?“
„Oh, Emy, Hi!“ Zerstreut blickt Mama von meinem veganen Kochbuch hoch. „Schön, dass du mit machst. Wir hatten doch gesagt, wir probieren heute ein veganes Rezept aus dem Buch aus, das du letztens beigesteuert hast.“
„Nice!“, kommentiere ich begeistert über ihre Bemühungen, mir kulinarisch entgegenzukommen. „Sind die Erwachsenen heutzutage tatsächlich lernfähig!“
„So ist es. So ist es...“, pflichtet Nikolas mir bei, der um Mama Herumschleicher, als würde sie entweder gleich die Peitsche rausholen oder ihm Fleischbrocken zuwerfen. Die beiden scheinen über ihr Problem mit der Compliance Regelung immer noch nicht geredet zu haben. Länger halte ich aber diese komische Stimmung, die die beiden durch ihre unausgesprochenen Konflikte versprühen nicht aus und beschließe, proaktiv - Wie wir es im Politikunterricht gelernt haben - in das Geschehen einzugreifen. „Du Mama, wenn einer von euch versetzt wird wegen der Compliance, müssen wir dann eigentlich wieder umziehen?“, stelle ich die Frage einfach in den Raum.

Sofort herrscht Totenstille. Nikolas und Mama unterbrechen augenblicklich ihre aktuelle Tätigkeit, sehen erst mich überrascht beziehungsweise erschrocken an und dann sich. Mama zieht säuerlich die Augenbrauen hoch. Ich ahne, dass Nikolas Absprache mit mir nicht von ihr authorisiert war, allerdings hat sie es doch vorhin selbst angesprochen. Habe ich zu viel gesagt?
Mama's vorwurfsvoller Blick weicht einem liebevollen, wenn auch sorgenvollen Ausdruck in ihrem Gesicht, mit dem sie Nikolas und mich nun bedenkt. „Emy Schatz, das weiß ich nicht.“
Nikolas schließt sich ihr nickend an. „Das werden wir sehen. Jetzt muss deine Mutter erstmal ihr Schreiben abschicken.“
„Genau und dann sehen wir weiter, Emily“, ergänzt Mama und sieht Nikolas bedauernd an. Wahrscheinlich ist ihr auch schon der Gedanke gekommen, dass im Fall der Fälle für uns ein Wohnortswechsel anstehen würde.
„Ich mein, steht das denn fest? Gibt's denn da nichts, was ihr tun könntet, um das zu verhindern?“, stelle ich einige Suggestiv-Fragen Fragen: „Dazu steht doch bestimmt was in deinen schlauen Büchern, oder nicht?“ Ich bin mittlerweile der festen Überzeugung, dass sie fündig geworden ist. Sonst wäre sie nicht so komisch. Vor allem Nikolas gegenüber. Das riecht man doch aus 20 Meter Entfernung.
Mama zögert kurz, bevor sie antwortet: „Leider nicht, ich wünschte, dem wäre so.“ Dann verstummt sie und sieht unsicher zu Nikolas hinüber.
Der zuckt hilflos mit den Schultern. Wir wechseln einen Blick und uns ist sofort klar, dass Mama uns etwas nicht sagen möchte. Gut, dann soll sie eben damit warten, dass sie es rausrückt, bis sie soweit ist, auch wenn es bis Weihnachten dauert, was in ca. einem Monat wäre. Wow, sehr lang. So lang möchte ich ihre Geheimnistuerei nicht mehr ertragen müssen, denke ich und schicke Stoßgebete zum Himmel.

Ellen

Meine Tochter ist wirklich clever, das muss man ihr lassen. Sie könnte glatt als Polizistin Verdächtige und Zeigen verhören, allerdings sollte sie dann weniger Suggestiv-Fragen stellen. Ich rege mich mittlerweile über mich selbst auf, dass ich einfach noch nicht dazu in der Lage bin, meine Gedanken mit ihr und Nikolas zu teilen, andererseits hätte ich bislang kaum Gelegenheit, die Sache selbst ordentlich zu durchdenken. Vielleicht muss ich einfach nochmal drüber schlafen, antworte ich in Gedanken und helfe Nikolas wieder beim Kochen. Er ist verwirrt, das sehe ich ganz deutlich. Er weicht meinen Berührungen aus, versucht, zu vermeiden, dass wir nebeneinander stehen und ich weiß nicht, warum er das tut.
Würde es ihn anturnen, würde er dort weitermachen wollen, wo wir eben aufgehört haben oder ist er genervt von meinen Ausreden und meiner abweisenden Art, wenn's ums Thema Compliance geht? Ich gebe mir Mühe, lockere Gesprächsthemen zu finden, schenke mir ein Glas Rotwein ein und bemerke zufrieden, wie sich die Stimmung allmählich ausfüllt und weniger vorwurfsvoll wird.

Das Kochen dauert nicht so lang wie sonst, wenn Fleisch in der Pfanne ist und die Küche nimmt auch nicht den strengen Geruch auf, wie sonst immer. Kurze Zeit später sitzen Emily, Nikolas und ich vor vollen Tellern und beginnen mit dem Abendessen.
„Was hast du heute so gemacht, Emily?“, richte ich meine Aufmerksamkeit auf meine Tochter, die sich mit gutem Appetit über ihr Essen hermacht.
„Bisschen Mathe fürs Abi gelernt, muss ja früh anfangen, bisschen mit Louis und Anna geskyped, joa, heut war nicht so spannend“, gibt sie mir eine Kurzzusammenfassung ihres Tages. „Hab gehört, dass Herr Korthals mit dir pumpen war, stimmt das?“, gibt sie das Gespräch schnell und belanglos an Nikolas weiter. Der stoppt mit dem Hineinschaufeln der vollen Gabel in seinen Mund und sieht uns grinsend an. „Und, ist das so abwegig?“
Emily lacht. „Bei dir nicht, bei Herrn Korthals ... eventuell?“
„Unsinn, wir melden uns da jetzt zum Januar mit Jahresvertrag an, dann sind wir im nächsten Sommer top in Form, ist ja auch von Vorteil für die Verbrecherjagd, ein paar mehr Muckies, oder Ellen? Was sagst du?“
Ich lächle. Nikolas und noch mehr Muskeln? Meiner Meinung nach braucht er das nicht, ich finde ihn wahnsinnig anziehend wie er ist und das weiß er auch. „Klar, für die Verbrecher. Damit die vor Ehrfurcht erstarren, wenn sie eure Muskelberge sehen und gar nicht erst daran denken, wegzulaufen. Top Plan!“, gehe ich zum Spaß auf seine Begründung ein. Insgeheim bin ich froh, dass unser gemeinsames Abendessen ohne tiefgründige Gespräche zum Thema Compliance über den Tisch geht und sich stattdessen seichtes Geplänkel einstellt.
„Nimmst du mich dann mal mit?“, schaltet sich Emily wieder ein.
„Auf Verbrecherjagd?“, kommt es ungläubig von Nikolas.
„Nein!“ Meine Tochter verdreht pseudo-genervt die Augen. „Ins Fitness Studio.“ Sie legt demonstrativ ihr Besteck zur Seite. „Da laufen doch auch bestimmt ein paar süße Kerle rum!“, fügt sie mit amüsiertem Seitenblick zu mir hinzu.
Und wahrscheinlich wahnsinnig sportliche Frauen, kommt es mir in den Sinn. Mit sexy trainierte  Kurven und die machen dann womöglich meinem gutaussehenden Freund in seinem Muscleshirt schöne Augen. Sollte ich auch mehr Sport machen, wie meine Tochter es vorhat? Fragend sehe ich Nikolas an. „Soll ich auch mal vorbei gucken mit Emily?“
Nikolas hebt die Augenbrauen.
„Bevor sie an einen Steroide-Dealer kommt, die tummeln sich ja laut unseren Fallakten in solchen Etablissements!“, erkläre ich halbernst.
„Ellen, du bist wahnsinnig attraktiv, so wie du bist“, erkennt Nikolas die wahre Intention hinter meiner Aussage und beschwichtigt mich sogleich. Emily grinst und nickt zustimmend. „Auserdem ist Aussehen ja nicht alles, es kommt ja drauf an, dass man sich in seinem Körper wohl fühlt!“
„Und das tue ich, wenn ich keinen Muskelkater habe, viel eher!“, bemerke ich belustigt, was mir ein ironisches Augenrollen von Nikolas einbringt. „Aber wenn du dort Ausschau halten willst, Emy, warum nicht...“
Wir beginnen alle gemeinsam zu lachen, reden spaßeshalber darüber, mit wem wir unsere Tochter am liebsten sehen würden und mir wird unendlich warm ums Herz, als Nikolas sie als unsere Tochter bezeichnet. Doch da ist er wieder, der Gedanke an die Compliance. So schwer kann es nun wirklich nicht sein, Nikolas zu fragen, wie er zum Thema Heiraten steht, wenn er für Emily sogar schon Vatergefühle entwickelt hat, denke ich mir. Aber werde ich heute noch die Gelegenheit finden, es anzusprechen? Ich lächle meine kleine Familie an und überlege mir die richtigen Worte.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast