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Karamell-Bonbons für immer | KBFI

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Familie / P12 / Gen
Detlev Grün Ellen Bannenberg Emily Bannenberg Nikolas Heldt
13.01.2021
05.06.2021
18
38.251
18
Alle Kapitel
58 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
24.03.2021 1.797
 
Nikolas

Mario steigt dankbar darüber, im unfreundlichen Novemberregen nicht Rad fahren zu müssen, in meinen Wagen und sieht sich verwundert nach den Popcorntüten um, die im Fußraum liegen.
„In welchem Film wart ihr denn?“ Er grinst schüchtern. „Du und die Frau Staatsanwältin...“
Er scheint es immer noch nicht ganz begreifen zu können, dass er die ganze Zeit mit seinen Vermutungen richtig lag.
„Ellen ist gar nicht mitgekommen, ich war mit Emily in einem Action-Film“, schneide ich an.
„Du benimmst dich ja fast schon wie ihr Vater, ist ja witzig!“ Korthi schnallt sich an und sieht mich herausfordernd an.
„Wie ein Vater, naja ... Moment. Das hat Ellen letztens auch schon gesagt.“ Nachdenklich starte ich den Motor und wir fahren los.
„Dann muss wohl was dran sein, hm?“ Er mustert mich belustigt von der Seite. „Immerhin gehst du sogar schon auf Emilys Elternabende.“
Irritiert starre ich auf die Straße. Langsam reicht es wirklich mit seinem Zuzwinkern. „Ja, Ellen hatte keine Zeit, und?“,  fertige ich ihn ein wenig zu grob ab.
„Ihr habt aber keinen Stress wegen der Sache mit dem Foto und der Compliance oder?“, fragt er nun ganz besorgt, während er unruhig auf der Sitzfläche auf und abrutscht.
Es macht mich selbst schon ganz kirre, ihn so nervös zu sehen. Genervt seufzte ich auf. „Doch Korthi, natürlich gibt's bei uns Stress deswegen.“
„Oh, das tut mir total leid.“ Nun blickt er mich mitfühlend an. „Hätte ich doch nur nicht dieses bescheuerte Foto gemacht!“
Ich nicke ihm zu. „Oder hätte Grün es gelöscht. Oder wenigstens nicht weitergeleitet. Oder hätten Ellen und ich uns nicht so dämlich auffällig benommen!“ Eigentlich reichte es mir sowieso mit unserem Versteckspiel. Irgendwie hat die Sache auch ein Gutes.

Ich bin nämlich froh, dass Ellen und ich uns nicht mehr im Präsidium verstecken müssen, sondern uns unsere Zuneigung nun überall frei zeigen können. Sofern Herbst nichts davon mitbekommt, denke ich bitter an meinen Alptraum zurück. Der würde dieses Wissen sonst auf jeden Fall gegen uns, insbesondere gegen mich, verwenden und dazu würde ihm schon eine passende Gelegenheit einfallen, diesem alten Gauner.
Ich spreche meinen Gedanken laut aus, denn plötzlich interessiert es mich, was Korthi darüber denkt: „Eigentlich bin ich mittlerweile froh, dass es raus ist. Das Geheimnis hat Ellen und mich ja schon manchmal ziemlich belastet.“
„Ja, das hat man gemerkt die letzten Monate“, bestätigt Korthi. „Besonders Freu Bannenberg war ziemlich schnell gereizt. Aber andererseits auch wieder total entspannt, wenn man euch mal alleine gesehen hat, unbemerkt.“
„Du kleiner Spion!“ Ich boxe meinen Kollegen leicht und fahre auf den Parkplatz des Sportstudios. „Ich hoffe, dass wir die Oberstaatsanwaltschaft davon überzeugen können, dass wir als Team unschlagbar sind und dass die uns weiterhin zusammen arbeiten lassen und dass keiner von uns versetzt wird!“, mache ich meinen Sorgen Luft, während wir mit dicken Sporttaschen bepackt zum Eingang gehen.
„Ich kann mir gar nicht vorstellen...“ Korthi verstummt, betritt hinter mir das Gebäude und läuft neben mir her zu den Umkleidekabinen.
„Was kannst du dir nicht vorstellen?“, frage ich ungeduldig nach.
„Na, wenn einer von euch geht.“ Er lässt die Schultern hängen und schaut mich abwägend an. „Diese Compliance Regelung ist ja total bescheuert.“
„Ja, ist sie“, erwidere ich knapp und ziehe mich um. „Danke Korthi.“ Ich mustere mich kurz im gegenüber hängenden großen Wandspiegel. Als mein Blick auf meinen Rücken fällt und ich zwei leicht gerötete Linien ausmache, schleicht sich ein leichtes Lächeln auf mein Gesicht bei dem Gedanken, wie Ellen und ich unseren Stress - verursacht durch diesen nervigen Rechtfertigungsdruck - gemeinsam abbauen. Kurz nehme ich mir einen Moment, eine Pause von unserem aufwühlende Gespräch, und schließe die Augen.
Sofort überkommt mich die Erinnerung an Ellen, wie sie am Freitag Abend nervös hin und hergetingelt ist, ständig unter Strom stand und in Bewegung war bis zu dem Zeitpunkt, als ich sie an die Hand genommen habe, sie zu mir gezogen habe und ihre angespannten Muskeln unter meinen Armen wieder weicher geworden sind. Normalerweise ist sie für mich der ruhende Pol, doch seit ein paar Tagen, seit unsere Beziehung aufgedeckt würde, scheinen unsere Rollen wie vertauscht. Sie mutiert immer mehr zu einem Nervenbündel und ich versuche diese Folgen irgendwie abzufedern, denke viel über unsere gemeinsame Zukunft nach und bin eigentlich froh darüber, dass es raus ist, denn ewig hätte ich nicht mehr so weitermachen können. Ich bin vielmehr stolz darauf, mich endlich öffentlich zu meiner Freundin bekennen zu können, ich würde es am liebsten in die ganze Welt hinaus schreien, wie sehr ich sie liebe. Aus der tiefen Gewissheit, dass Ellen mich auch liebt und dass unsere Beziehung bisher jedes Hindernis überstanden hat und nur stärker geworden ist.
„Hallo, Nikolas, wo bleibst du denn?“, erweckt Korthi mich aus meinem Tagtraum. Ich hebe den Kopf, schlurfe ihm hinterher und denke, während ich Hanteln stemme, wieder nur an meine in den Sternen stehende Zukunft mit Ellen. Warum will sie mir denn nicht sagen, was sie rausgefunden hat? Warum sollte ihr das noch größere Angst machen als eine berufliche Trennung? Zumindest laut Emily. Und die muss es ja wissen, schließlich kennt sie ihre Mutter gut genug.
„Nikolas, hallo? Ist alles okay bei dir?“, fragt Korthi mich schon wieder, als wir die Hanteln wechseln.
„Joa, eigentlich schon, wieso?“, frage ich zerstreut und mache Platz für ihn, damit er die Übung Bankdrücken durchführen kann.
„Ach, nur so... Dachte, du lässt das Eisen gleich auf mich fallen“, murmelt er und fokussiert sich ganz auf die Hantelstange. Schweigend trainieren wir weiter. Doch ich bin nicht ganz bei der Sache, plötzlich erklingt eine Melodie aus den Boxen und ich muss an meine Undercover-Aktion als Radio Moderator denken und an die Zeit, als Ellen und ich noch nichts von der Compliance wussten und uns unbedarft nach Feierabend in ihrem Büro verabredet haben. Und an ihren Schreibtisch, den ich seitdem mit etwas anderen Augen sehe, aber gut. Diese Gedanken gehören vermutlich wirklich nicht hierher, während ich Korthi bei dieser Übung spotten soll.

Nach einer guten Stunde finden wir uns ordentlich durchgeschwitzt an der Bar wieder. Während des Trainings hab ich es nur halbherzig hinbekommen, nicht an die Büro-Rondevouz mit meiner heißen Chefin zu denken, sodass ich mich nun umso mehr freue, wieder zu ihr zurück nach Hause zu kommen, mit Emily und ihr zu kochen, gemeinsam zu Abend zu essen, mit ihr auf dem Sofa zu landen und entspannt die Augen vor dem morgigen Tag und der Konfrontation mit der Oberstaatsanwalt zu verschließen, während wir uns durch Film & Fernsehen ablenken. Oder auch durch andere Dinge, je nachdem, ob Emily zuguckt oder sich zum Lernen in ihr Zimmer verzieht.

Emily

„Irgendwas ist doch, Mama!“ Ich öffne die Tür ganz, trete zur Seite und deute auf mein Bett.
Mama kommt rein, streicht die Tagesdecke glatt und setzt sich auf die Seite, auf der ich nicht schlafe. „Wow, also dass du mal wieder in dein Zimmer Einlass gewährst...“, scherzt sie herum, sieht mich dann aber plötzlich mitten im Satz ernst an. „Emy Maus...“
Ich lasse mich neben sie fallen, setze mich in einen aufrechten Schneidersitz und versinke doch halb in der Decke. „Ja...?“, erwidere ich fragend.
„Puh also... Es gibt da schon etwas, worüber ich mit dir gerne reden wollen würde.“
„Bist du schwanger?!“, schießt es sofort aus mir heraus.
Das wären wirklich schöne Neuigkeiten. Und für Nikolas wäre es sicher auch toll. Ich weiß ja, wie sehr er Mama liebt, aber ein Baby mit ihr, das wäre nochmal etwas vollkommen anderes. In Gedanken schwebe ich bereits mit ihm durch die Kinderzimmerabteilungen sämtlicher Möbelhäuser, als Mama mich unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückholt: „Quatsch Emy, nein. Hab ich etwa zugenommen?“ Besorgt streicht sie über ihren Pulli. Doch der sitzt perfekt wie immer. Deswegen muss sie sich wirklich überhaupt keine Gedanken machen.
„Ähm nein?!“ Vehement schüttle ich den Kopf. Sie sieht definitiv aus wie immer. Auch wenn ich der Meinung bin, dass sie sich generell manchmal zu viele Gedanken über ihr Aussehen und ihre Figur macht, zum Beispiel früher, als Papa noch da war und sie immer nur Salat gegessen hat. Aber wahrscheinlich hat damals auch noch ihre Modelkarriere mit reingespielt, an die sie ja durch Papa, der Modefotograf gewesen ist, immer wieder erinnert wurde. Was das Thema angeht, hat sie echt so 'nen leichten Knacks weg, allerdings tut Nikolas ihr in der Hinsicht mehr als gut. Denn seit die beiden zusammen sind, macht sie sich eigentlich meistens viel weniger Gedanken darüber, ob sie ein Gramm zugenommen hat oder was sie isst.
„Du siehst toll aus, nur ein wenig besorgt, ist das der Grund, warum du reden willst?“
Sie nickt zögerlich, während sich ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht schleicht. „Ach Emily, komm mal her, meine Große!“ Sie drückt mich an sich, zieht mich in ihre Arme und legt ihr Kinn auf meiner Schulter ab.
Beruhigend tätschle ich ihren Rücken. Es muss ja wirklich was Schlimmes sein, was ihr auf dem Herzen liegt. Einen Moment lang bleibe ich noch in ihrer Umarmung, dann aber rutsche ich wieder ein wenig von ihr weg. „Alsooo... Mama?“
Sie sieht mich zerknirscht an.
„Wo brennt's denn?“ Ich hebe vielsagend eine Augenbraue in die Höhe.
„Du weißt ja Emily, normalerweise würde ich nicht mit dir über Nikolas, ... über Nikolas und mich reden.“
„Aaaaaber?“
„Mensch, diese beschissene Compliance! Warum muss die alles so kompliziert machen!“ Mama wirkt auf einmal sehr sehr frustriert, als sie sich durch die Haare fährt. Ich beschließe, abzuwarten und sie ausreden zu lassen.
„Es wäre doch viel zu früh und vielleicht geht es ihm auch viel zu schnell... Und ich ... Emily, findest du ....“
Und bevor ich überhaupt nachfragen kann, was sie damit genau meint, was genau viel zu früh wäre, redet sie wie ein Wasserfall weiter: „Emy, denkst du, er will sich wirklich festlegen? Was hast du für einen Eindruck, fühlt er sich bei uns wohl, bei mir? Denkst du, ich enge ihn manchmal ein, denkst du, ich fordere zu viel? Also was würdest du sagen, wenn wir zusammen ziehen würden, so richtig? Und wenn ... Wenn wir ...“ sie verstummt und sieht mich ganz aufgelöst an. „Sag doch mal was, Emy...“
Ich nicke ihr zu. „Du, Mama, also wenn ich jetzt für Nikolas sprechen soll, dann...“ Doch weiter komme ich nicht, denn plötzlich höre ich die Haustüre aufgehen und kurze Zeit später - wenn man vom Teufel spricht - ruft Nikolas nach oben, dass er wieder Zuhause ist.
„Wir reden später, okay?“, nuschelt Mama mir zu, dann springt sie auf und läuft zur Tür hinaus, um Nikolas zu begrüßen.
Ich bleibe erst ratlos zurück, rufe dann ebenfalls ein Hallo in den Flur und schließe meine Zimmertür wieder. Erst jetzt fällt mir ein, dass Mama höchstwahrscheinlich mit mir über ihren Aufenthalt in der Bibliothek hätte reden wollen. Ich verfluche Nikolas Timing, beschließe aber, dir beiden zum Reden alleine zu lassen. Erwachsene können manchmal so schrecklich kompliziert sein.
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