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Karamell-Bonbons für immer | KBFI

GeschichteKrimi, Familie / P12
Detlev Grün Ellen Bannenberg Emily Bannenberg Nikolas Heldt
13.01.2021
20.01.2021
2
2.557
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13.01.2021 1.000
 
Nikolas

Fassungslos starre ich erst das Bild in meiner Hand und dann wieder Grün an. Er, den ich für absolut verlässlich, loyal und integer gehalten habe, er, der mir versprochen hat, unser Geheimnis zu wahren, er, der behauptet hat, meine Beziehung mit Ellen niemals zu meinem Nachteil zu verwenden, hat dieses Beweisfoto gemacht und an die Oberstaatsanwaltschaft geschickt!
Ich balle meine Hände zu Fäusten, bebe vor Wut.
Neben mir sitzt Ellen wie versteinert auf ihrem Stuhl, sammelt sich.
Ich sehe, wie ihre Hände zu zittern beginnen.
"Sie, Herr Grün?" Ihre Stimme klingt belegt und matt und ich wünschte, ich könnte ihr den Schmerz und die Angst vor den Konsequenzen dieser Enthüllung, die sie in diesem Moment fühlen muss, abnehmen und stattdessen auf mich nehmen. Vorsichtig lege ich eine Hand auf ihr Knie, aber Ellen zuckt zurück.
Mit stockendem Atem blickt sie zu Grün. "Aber ... warum... ?"
"Es ist ein ganz schreckliches Missverständnis, bitte lassen Sie mich erklären...!", sagt er mit fester, ruhiger Stimme, doch auch sein Mundwinkel zuckt.
"Nein!", entfährt es mir.
Erschrocken über meinen bestimmten Ausruf sieht Ellen mich mit großen Augen an  Flüchtig streiche ich über ihre Hand, lege das Foto auf den Schreibtisch zurück und erhebe mich, gehe ein paar Schritte in Grüns Richtung und deute auf die Tür. "RAUS!" Ich kann es nicht verhindern, ich kann mich nicht mehr länger kontrollieren, doch zum Glück bedarf es bei Grün keiner weiteren Anweisung, er ist emphatisch genug, um meine derzeitige Verfassung zu verstehen und sich diskret zurück zu ziehen.
"Es tut mir aufrichtig leid." Er zuckt mit den Schultern. "Frau Bannenberg, Herr Heldt." Dann dreht er sich um und geht nach draußen.
Ich knalle die Tür hinter ihm zu, besorge mir Ellens Schlüsselbund und schließe ab.
Ellen kriegt davon gar nichts mit, sie sitzt noch immer in sich gekehrt auf ihrem Stuhl und hält unser Foto wieder in der Hand. Während sie es betrachtet, lächelt sie sogar ein kleines bisschen.

Ellen

Ich kann nicht anders, als es mir nocheinmal anzusehen. Mit klopfendem Herzen fahren meine Augen jedes kleinste Detail der Fotokopie ab.
Meine Haare sind offen und fallen mir wie ein heller Schal über die Schulter, wir sind beide ganz in schwarz gekleidet, stehen dicht nebeneinander und küssen uns, unsere Augen geschlossen, Nikolas Hand in seiner Hosentasche, meine am Griff meiner Aktentasche. Es muss kurz vor Dienstbeginn gewesen sein. Die grünen Fensterrahmen gehören eindeutig zum Gebäude des Präsidiums.
Warum, warum nur waren wir nicht vorsichtiger? Wie konnte ich so leichtsinnig sein, ihn auf dem Gelände des Polizeipräsidiums zu küssen!
Ich versuche mich zu erinnern, was an diesem Tag vorgefallen ist.
Eigentlich sind Nikolas und ich in der Nähe unserer Arbeit immer sehr vorsichtig mit der Bekundung körperlicher Zuneigung. Seit dem Vorfall mit der Überwachungskamera in meinem neu eingebauten Bad laufen wir wie auf rohen Eiern, alles, was wir uns erlauben können, sind verstohlen Blicke, kurze Berührungen im Vorbeigehen, höchstens noch eine Umarmung, wenn gerade niemand in der Nähe ist oder er alleine in meinem Büro ist. Doch mit der Zeit sind wir nachlässiger geworden. Besonders unser letzter Fall, in Zuge dessen höchstwahrscheinlich auch dieses Bild entstanden sein muss, hat alle denkbaren Emotionen in mir hochkochen lassen, sodass ich meine Gefühle für Nikolas auch auf der Arbeit nicht länger verbergen konnte. Ahnen - einmal abgesehen von Herrn Grün, der uns (wie auch immer) in dieses Schlamassel manövriert hat - nicht sowieso schon alle etwas von unserer geheimen Beziehung?
Ich konzentriere mich wieder auf das Beweisfoto und bemühe mich, nachzuvollziehen, wann es entstanden sein könnte.
Kurz nach unserem auf dem Ausdruck abgebildeten Begrüßungskuss sind wir auf Herrn Grün und Herrn Korthals gestoßen, Korthals wollte Nikolas überreden, mit ihm zu einer kriminalhistorischen Schmuckausstellung zu gehen, und Nikolas meinte nur, er müsse das mit seinem Privatleben abstimmen, dessen Verpflichtungen er ja sehr ernst nähme.
Die Erinnerung daran lässt mich lächeln. Doch im nächsten Moment erkenne ich den bitteren Ernst der Lage. Herr Grün muss das Foto an jenem denkwürdigen Tag gemacht haben, als die Fränkin uns einen Besuch abgestattet hat und Nikolas Opfer dieser perfiden Verschwörung geworden ist.
"An sich eigentlich ein schönes Bild, findest du nicht?", sagt Nikolas nach einer halben Ewigkeit. Er steht vor mir und ich wette, er beobachtet mich, seitdem er Grün aus meinem Büro geworfen hat. Nikolas nimmt wieder neben mir Platz, beugt sich zu mir und sieht sich das Foto ebenfalls genauer an.
Ich werfe einen Blick auf unsere Gesichter.
Wir sehen unglaublich glücklich aus, noch immer frisch verliebt, ganz im Augenblick versunken. Nach eingehender Betrachtung wende ich mich von dem untrüglichen Beweisbild ab und sehe in Nikolas wehmütige Augen. "Leugnen hilft nichts, Nikolas. Dazu sehen wir zu verliebt aus."
Er schmunzelt und kommt noch ein Stückchen näher. "Sind wir das denn nicht auch..."
Ich lasse meinen Kopf in seine Richtung fallen, näher, noch näher. Ab heute gibt es kein "zu nah" mehr. Schließlich ist es jetzt auch schon egal, ob uns jemand erwischt oder nicht. Außerdem ist es nach Feierabend, und ...
"Hör auf zu denken, Ellen", höre ich Nikolas dunkle Stimme und schließe schuldbewusst die Augenlider.
Im nächsten Augenblick spüre ich seinen warmen Atem und schließlich seine vollen Lippen auf meinen. Unser Kuss ist wunderschön, voller Vertrautheit, Innigkeit, Zärtlichkeit und Liebe, doch ein bitterer Beigeschmack bleibt, als wir uns nach einigen Minuten wieder voneinander lösen.
Nikolas wartet, bis sich seine Atmung beruhigt hat, bevor er mir versichert: "Wir werden eine Lösung finden, Ellen."
Ich weiß nicht warum, schließlich gibt es keinerlei Anhaltspunkte, weder Beweise noch Indizien, die für einen glimpflichen Ausgang sprechen würden, sobald ich der Staatsanwalt meine schriftliche Stellungnahme übergeben haben werde, aber ich vertraue ihm und darauf, dass alles gut wird.
Es muss einfach alles gut werden!
"Das werden wir", erwidere ich, küsse ihn ein letztes Mal, dann stehen wir beide auf und machen uns mit einem flauen Gefühl im Bauch gemeinsam auf den Heimweg.
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