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Polar Opposites

von Shaaronn
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Fantasy / P12 / Gen
Armin OC (Own Character) Viola
13.01.2021
24.01.2022
10
9.165
1
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16.01.2021 1.053
 
Es wurde später, als ich beabsichtigt hatte. Gegen sieben Uhr sah ich auf meine Armbanduhr und schreckte zusammen. “Oh Gott, schon so spät! Mein Vater wartet bereits mit dem Essen auf mich, warum hat er denn nicht-”, ich zog mein Handy aus der Tasche und drückte den Knopf an der Seite. Das Display blieb schwarz. “-angerufen? Oh nein, Akku leer…”
Schnell sammelte ich meine Stifte zusammen und stopfte sie zusammen mit dem Block in meine Umhängetasche, bevor ich aufstand. Zum Glück lag die Wohnung, in der ich mit meiner Familie wohnte, nicht allzu weit weg. Wenn ich rannte, wäre ich in zehn Minuten Zuhause.
“Ich muss los, Amy. In welche Richtung musst du?” Amy sah mich verständnislos an. “Wo wohnst du?”, versuchte ich es erneut. Ich hatte schon gemerkt, dass sie manchmal etwas schwer von Begriff war. “Oh, achso.”, sagte sie. “Ich wohne hier.”
Erschrocken schnappte ich nach Luft. “Du bist obdachlos!?”
“Nein!”, beeilte sie sich zu sagen. “Ich wohne hier.” Sie zeigte mit einer ausschweifenden Armbewegung auf den ganzen Park. “Amy,” sagte ich zögerlich und nahm ihre Hand. “Wenn du weder eine Wohnung noch ein Haus hast, bist du obdachlos. Was ist denn mit deinen Eltern?” Sie wich meinem Blick aus. “Ich habe keine Eltern.”, murmelte sie. Am liebsten hätte ich die Hände vor dem Mund zusammengeschlagen, so erschrocken war ich über diese Aussagen.
Ich vergaß für einen Moment, dass ich Schüchtern war, packte sie an den Schultern und schüttelte sie einmal kräftig durch. “Amy! Wie lange schon? Du hättest in ein Heim kommen können, oder Sozialhilfe beantragen… Oder irgendwas! Du musst doch nicht im Park leben, immer unter freiem Himmel, ohne Schuhe-” Ich unterbrach meinen Redefluss, als ich in ihre Augen sah. Ich wusste sofort, dass Amy nichts von alledem wollte. Sie hatte sich das Leben im Park wohl ausgesucht.
“Okay, ich verstehe schon. Ich mische mich ja gar nicht ein. Ich verstehe es zwar nicht, aber du hast das selbst so gewählt.”
Amy nahm meine Hände von ihren Schultern und lächelte mich an. “Danke, Viola. Und jetzt beeil dich, ich meine mich zu erinnern, dass Zuhause jemand auf dich wartet.”
Mein Vater! Mist! Ich sah erneut auf die Uhr. Ich hatte bereits weitere fünf Minuten verloren. Jetzt musste ich mich aber wirklich beeilen.
Untypisch für mich drückte ich Amy zum Abschied und rannte dann los.

Ich sah Viola noch eine Weile nach, bis sie um eine Ecke bog und verschwunden war. Überraschenderweise hatten wir uns tatsächlich noch gut unterhalten - über Kunst und Natur. Die Kunst war ihr Steckenpferd und die Natur war meines.
Dann hatte sie mir von ihrer Schule erzählt. Die Sweet Amoris High war gar nicht weit weg von meinem Park und wenn ich ganz ehrlich war, hörte sich das Konzept Schule wirklich wunderbar an.
In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie die Schule besucht, selbst die wenigen Male die ich den Park verlassen hatte, konnte ich an den Händen abzählen.
Viola hatte sich gewundert, dass mich als Kind niemand von hier ‘gerettet’ hatte, aber die Wahrheit war, dass die meisten Menschen mich einfach übersahen. Wenn ich nicht von selbst auf sie zuging oder willentlich gesehen werden wollte, war ich für sie ganz einfach unsichtbar.
Aber ich wollte endlich gesehen werden. Schon viel zu lange lebte ich im Schatten; allein.
Schluss damit. Ich würde jetzt leben wie ein ganz normaler Mensch. Ich hatte sie lange beobachtet und wusste, was ich jetzt zu tun hatte. Mir einen Job suchen, in eine Wohnung ziehen und in die Schule gehen. Anschließend könnte ich arbeiten.
Das alles natürlich in der Nähe des Parks.
Nur wie stellte ich das am besten an? Als was sollte ich schon arbeiten? Ich hatte zwar in meinem Leben schon viel gelernt, aber das einzige, wovon ich wirklich Ahnung hatte, waren Pflanzen.
Und genau in diesem Moment fiel mein Blick auf das “Wir suchen!”-Schild im Schaufenster eines kleinen Blumenladens, der perfekt für mich wäre. Und ich war perfekt für diesen Job. Ohne groß darüber nachzudenken lief ich durch die Tore des Parks - zum achten Mal, seit ich lebte! - und kam vor der unscheinbaren Glastür mit der Aufschrift "Andy's Blumenparadies" zum Stehen. Ich zögerte nicht. Ich hatte zwar keine Ahnung vom Arbeiten und ich bräuchte mit Sicherheit meine Zeit, um mich einzugewöhnen, aber verdammt, Andy hatte keine Chance, jemand besseren zu finden als mich.
Als ich die Tür öffnete ertönte ein helles Klingeln. Eine Frau mit grauen, zu einem Dutt hochgesteckten Haaren, die hinter dem Tresen saß und Rosen zu einem Bouquet band sah auf, als ich den Verkaufsraum betrat und begrüßte mich mit einem überschwänglichen “Hallo!”
Ich erwiderte ihren Gruß und sah mich in dem Laden um. Bewundernswerte Farbenpracht und der betörende Duft nach Blumen zogen mich sofort in ihren Bann. Ich fühlte mich hier genauso wohl wie in meinem Park.
"Kann ich Ihnen helfen?", fragte die Frau und zog ihre Aufmerksamkeit erneut auf sich. "Oh, ja." Ich näherte mich ihrem Verkaufstresen. "Ich habe gesehen, dass sie Aushilfen suchen."
Die Dame strahlte mich an. "Ja! Das freut mich aber. Heutzutage interessiert sich niemand mehr so wirklich dafür, in einem Laden wie meinem zu arbeiten."
Sie wackelte um den Tresen herum und nahm meine Hände.
"Kindchen, wie heißt du?", fragte sie und lächelte mich an. Ihr Lächeln war so ansteckend, dass ich es sofort erwiderte. "Ich bin Amy.", gab ich zurück. "Und sie sind wohl Andy?"
"Sehr richtig. Und jetzt folge mir, ich führ dich herum."
Ohne meine Hand loszulassen führte sie mich am Tresen vorbei und durch den Lagerraum, in dem sie Kisten, randvoll mit Schleifenbändern und Regale voller verzierter Blumentöpfe aufbewahrte. Sie ließ mich los und öffnete eine weitere unscheinbare Tür, diesmal aber eine Holztür und keine Glastür.
Sie bedeutete mir, vorzugehen. Was dahinter lag, hatte ich - zugegeben - nicht erwartet. Vor mir erstreckte sich ein riesiger, wunderschöner Garten, der in allen Farben blühte. Ein Dach aus Glas schützte ihn vor kalten Temperaturen, ohne gleichzeitig das Sonnenlicht auszusperren. “Wow!”, sagte ich, bevor mir das selbst bewusst wurde. “Von vorn würde man niemals damit rechnen, dass sich hier so ein Paradies befindet!” Andy kicherte. “Ich weiß, Liebes. Schon fast schöner als dein Park, nicht wahr?”
Mir lief ein Schauer über den Rücken, als sie mir zuzwinkerte.
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