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Die Rache des Engels

GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
OC (Own Character)
13.01.2021
16.03.2021
3
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13.01.2021 5.773
 
Noch genau zwei Tage. Zwei lange, dahinkriechende und so endlos erscheinende Tage mussten vorübergehen, bis es endlich so weit war. Noch insgesamt achtundvierzig Stunden waren übrig, bis ich mein Ziel endlich erreicht hatte und mein lange geplantes, gründlich überlegtes und bis ins kleinste Detail ausgearbeitetes Vorhaben endlich Wirklichkeit werden würde. Bis ich mich endlich befreien und es all denen zeigen würde, dass ich nicht so schwach war wie sie glaubten. Ihnen beweisen würde, was in mir steckte und wozu ich fähig war. Nur zwei Male noch, zwei allerletzte Male musste ich die Krautinger Mittelschule betreten – dieses mir so verhasste Gemäuer, diesen Ort der Qual, Pein und Demütigung, das sich seit einem knappen halben Jahr für mich zum direkten Vorhof der Hölle entwickelt hatte. Zwei Male musste ich mich noch ahnungslos stellen, musste so tun, als würde ich den Spott und die Häme einfach hinnehmen, um mir nichts anmerken oder gegenüber irgendjemanden durchschimmern zu lassen, was ich vorhatte, um meinen wohl überlegten Plan nicht zu gefährden und es zu verhindern, dass man etwas davon ahnte oder auch nur den Hauch eines Verdachts hegte.
Zwei allerletzte, harmonische und routinemäßige Schultage noch – und dann war es endlich soweit. Dann war endlich der Moment gekommen, dem ich nun schon so lange entgegenfieberte, den ich mir in wochen- und monatelanger Arbeit überlegt und vorbereitet hatte und der mir in manchen Nächten sogar den Schlaf raubte, weil ich so aufgeregt und hibbelig deswegen war, aus lauter Vorfreude und Spannung. Dieser Moment, den ich mir so oft herbeigeträumt und darüber fantasiert hatte, mir oft stundenlang bildlich ausgemalt hatte, wie es sein und sich anfühlen würde, wenn ich es ihnen allen endlich zeigte. Wenn ich ihnen zeigte, was in mir steckte, ihnen ungeschminkt offenbarte, was sich innerhalb des vergangenen halben Jahres in mir angestaut hatte. Wenn endlich Schluss war mit dieser schüchternen, zurückhaltenden und weinerlichen Maskerade, die ich inzwischen schon seit Wochen tagtäglich spielte, um keinerlei Misstrauen oder Verdacht auf mich zu lenken und alle glauben zu lassen, ich sei immer noch der eingeschüchterte, wehrlose Junge, den man nach Herzenslust schikanieren und mobben konnte, weil er nie aufmuckte, sich nie sträubte, sondern immer ganz brav jede noch so demütigende Aktion über sich ergehen ließ. Der einem, wenn man auf die eine Wange schlug, auch noch die andere hinhielt und ein geradezu spielend leichtes Opfer für all diejenigen war, die sich aufgrund ihrer eigenen Minderwertigkeitskomplexe über andere erheben und sie quälen mussten, um sich selbst stark und groß zu fühlen.
Dabei wusste ich ganz genau, wie erbärmlich sie doch alle waren, wie verzweifelt sie nach Aufmerksamkeit riefen und mich nur deswegen ins Visier genommen hatten, weil sie wussten, dass ich mich nicht wehren würde, dass ich niemals auch nur die geringsten Anstalten dazu machte, mich zu beklagen, geschweige denn, sie bei irgendeiner Lehrkraft für ihre Taten anzuschwärzen.
Noch nicht ein einziges Mal, seit diese Mobbingattacken und Schikanen gegen mich begonnen hatten, hatte ich irgendwen verpfiffen, hatte noch nicht einmal meinen besorgten Eltern oder meinem Freund irgendetwas gesagt, sondern mich stattdessen immer mit irgendwelchen Erklärungen und Beteuerungen herausgeredet, sogar dann noch, als die ersten gewaltsamen Übergriffe auf mich stattgefunden hatten. Nicht einmal da hatte ich mich beschwert oder etwas ausgeplaudert, hatte selbst meinen geliebten Freund Henry nicht eingeweiht, mit dem ich inzwischen seit mehreren Monaten eine Beziehung führte, sondern meine kleineren Verletzungen oder blauen Flecken stattdessen mit Ungeschicktheit und Tollpatischigkeit erklärt. Und auch wenn gerade er oft ziemlich hartnäckig sein konnte, zumal er ohnehin von dem Mobbing wusste und es ahnte, sich sogar regelmäßig für mich einsetzte und mich verteidigte, wenn ich mal wieder von den Jungs aus unserer Klasse schikaniert wurde, redete ich meine Probleme und Sorgen vor ihm stetig klein und blendete sie aus, um einerseits Ruhe vor ihm zu haben, sowie zum anderen auch nicht wie ein Feigling dazustehen, der auf seinen Freund angewiesen war, weil er sich selbst nicht verteidigen konnte.
Dabei wusste ich doch ganz genau, dass Henry alles für mich tat, dass er jederzeit und überall für mich in die Bresche sprang und sich nicht einmal zu schade dafür war, seine Fäuste sprechen zu lassen, wenn andere Methoden keine Wirkung zeigten.
Das hatte ich einmal ganz deutlich erlebt, als er eines Nachmittags nach dem Unterricht zufällig Zeuge einer Rangelei zwischen mir und Gabriel Kaiser, dem vermutlich unsympathischsten, sowie darüber hinaus auch gewaltbereitesten und brutalsten Schüler aus meiner Stufe geworden war. Ohne großartiges Zögern hatte er sich sofort vor mich gestellt und mich in Schutz genommen, sowie darüber hinaus Gabriel und seiner aus insgesamt vier Mitgliedern bestehenden Clique deutlich gemacht, dass sie mich in Ruhe lassen sollten – und sie sich, wenn sie sich mit mir anlegten oder mich noch einmal dumm anmachten, auf etwas gefasst machen konnten, das sich gewaschen hatte.
Zugegeben, es war unfassbar süß gewesen, wie Henry mich verteidigt hatte, wie er fest zu mir gestanden hatte – und es auch nach wie vor tat, gänzlich ungeachtet der Tatsache, dass ich der vermutlich unbeliebteste Schüler der gesamten Krautinger Mittelschule war, der ewige Einzelgänger, der abgesehen von ihm noch nicht einmal einen wirklichen Freund, geschweige denn, irgendeine Clique oder etwas ähnliches hatte. Und genau das war auch einer der Gründe, warum ich Henry so sehr liebte: Er stand felsenfest und unnachgiebig zu mir, vollkommen gleich, was andere davon hielten, was sie redeten oder welche Gerüchte sie über mich in die Welt setzten. Er ließ sich nicht davon beirren, dass die anderen mich mieden, machte sich weder etwas aus den Gerüchten um mich, noch kümmerte er sich um das Gespött, dem wir in regelmäßigen Etappen ausgesetzt waren oder darum, dass er sich durch seine Beziehung zu mir, sowie auch durch den stetigen Einsatz für mich bei den anderen unbeliebt gemacht hatte.
Das alles war ihm vollkommen scheißegal. Für ihn zählte nur, dass es mir gut ging, dass ich mich wohl und sicher fühlte und trotz der Schikanen meiner Mitschüler die Kraft nicht verlor, sondern weiter an meinem Weg und meinen Zielen festhielt und sie in Angriff nahm. Und genau das war einer der vielen Gründe, warum er für mich innerhalb dieses halben Jahres, seit ich hierher an die Mittelschule gewechselt hatte, zum wichtigsten und unverzichtbarsten Menschen meines Lebens geworden war. Ich liebte ihn. Ich liebte ihn wirklich über alles.
Dabei hatte ich vor einiger Zeit, als meine Gefühle für ihn ihren Anfang genommen hatten, nie damit gerechnet, geschweige denn, ernsthaft in Erwägung gezogen, dass auch er mich lieben konnte, dass auch von seiner Seite aus mehr sein konnte als nur Freundschaft und er es tatsächlich wagen würde, etwas mit mir anzufangen. Gerade aufgrund meiner Umstände, durch die das Mobbing überhaupt erst seinen Lauf genommen hatte, sowie meiner schwierigen und von zwei stationären Klinikaufenthalten geprägten Vergangenheit, die allesamt mit meiner Geschichte zu tun hatten, hatte ich noch nicht einmal im Traum daran gedacht, dass Henry mich je mögen würde – schon gar nicht, nachdem bereits am fünften Schultag hier der Vorfall passiert war, der all diese Geschehnisse und die Schikanen gegen mich überhaupt erst ins Rollen gebracht hatte.
An diesem berüchtigten Tag war ganz genau das passiert, was bereits an meiner alten Schule dazu geführt hatte, dass ich als lebende Zielscheibe fungierte und weswegen ich nach Absprache mit meiner Mutter die Schule auch gewechselt hatte, weil ich diese Scham und Demütigung, der ich dort tagtäglich begegnet war, nicht mehr länger ertragen hatte.
Genau aus diesem Grund hatte ich so sehnlich gehofft, dass es hier in Krauting anders sein würde, dass ich diesen ganzen Mist der Vergangenheit hinter mir lassen und komplett neu anfangen konnte – ohne dass irgendjemand an der Schule über meine Geschichte Bescheid wusste und sie kannte. Ohne dass ich wieder in die Situation geriet, mich ständig erklären und rechtfertigen zu müssen, weil man mein Geheimnis erfahren hatte und sich darüber lustig machte. Ohne dass die Leute mich auslachten und als gestörtes Mädchen bezeichneten, weil sie nicht begreifen konnten, dass ich ein Junge war.
Und dann war dieser beschissene Tag gekommen. Der Tag, an dem ich zum ersten Mal mit den anderen Sport gehabt hatte – welches nebenbei gesagt aufgrund meiner Geschichte ohnehin seit jeher das verhassteste Fach für mich war, da es mich stets triggerte und mit dysphorischen Gedanken konfrontierte.
Der Grund dafür liegt in meiner Vergangenheit, die trotz meiner erst achtzehn Jahre wesentlich länger und umfangreicher ist als die manch anderer Jungen in meinem Alter. Anders als die anderen bin ich nämlich kein typischer Junge, wie man ihn sich vorstellt – und das nicht nur aufgrund meiner Homosexualität, welche nebenbei erwähnt auch ziemlich bald offen bekannt wurde. Nein, was mich von den anderen unterscheidet, ist wesentlich mehr, wesentlich weitreichender als nur eine abweichende sexuelle Orientierung, mehr als nur die typischen Klischees und Sorgen, die mit diesem unfreiwilligen Stempel einhergehen. Wesentlich mehr als nur die Befürchtung, als Schwuchtel betitelt zu werden.
Eigentlich ganz im Gegenteil: In meiner Situation und mit meiner Vergangenheit bin ich sogar manchmal erleichtert darüber, dass man mich so nennt, weil das für mich bedeutet, dass ich tatsächlich als Mann durchgehe und niemand irgendwelche Zweifel an meinem Geschlecht hegt. Für mich ist es keine Beleidigung, vielmehr eine Anerkennung, weil es heißt, dass mein Gegenüber mich als Kerl wahrnimmt und nicht auf die Idee kommt, dass ich irgendwie anders bin als andere Jungs.
Aber genau das bin ich. Ich bin kein Mann wie andere es sind, habe nicht wie sie meine Rechte direkt mit in die Wiege gelegt bekommen, sondern musste eine ganze Weile dafür arbeiten, um so zu sein, wie ich bin. Selbst dass ich Noah heiße, beziehungsweise heißen darf, verdanke ich nicht wie andere meinen Eltern, sondern musste mir dieses Recht selbst erkämpfen und dafür arbeiten, dass das Gesetz mich als Mann anerkennt. Und genau das ist der Teil meiner Geschichte, der mich immer unterscheiden wird, durch den ich stetig aus der Masse hervorsteche und mich abhebe: Weil ich ein Transmann bin. Eine in den Augen der Gesellschaft geborene Frau, die gerne ein Mann sein möchte. Weil ich Brüste habe, eine Vagina besitze, weil ich einmal monatlich meine Regel bekomme (die ich im übrigen von allen Dingen am meisten hasse) – und weil ich, wenn ich es wollte, im Fall des Falles dazu in der Lage bin, ein Kind zu gebären.
Ja, all das sind die Dinge, von denen gesagt wird, dass sie nur Frauen vorbehalten sind, dass nur Frauen ihre berühmten Tage haben können, nur Frauen in der Lage sind, Kinder zur Welt zu bringen und – ebenfalls auf dieser Klischee-Liste – auch nur Frauen einen multiplen Orgasmus haben können.
Dabei ist nichts davon wahr, nichts davon entspricht auch nur ansatzweise der Realität, geschweige denn, lässt sich biologisch alles so klar ordnen wie es immer gerne behauptet wird. Es sind nur Märchen, Hirngespinste, die mit der Wirklichkeit rein gar nichts zu tun haben. Genauso wenig wie die Geschichten von den Männern, die gerne Frauen sein wollen und umgekehrt, von den wundersamen Geschlechtsumwandlungen und Operationen, die in der Lage sind, eine Frau zum Mann zu machen. Von den identitätsgestörten Menschen im berühmten falschen Körper, die gerne das Geschlecht wechseln möchten. Alles nur Lügen. Lügen und Verleumdungen, die dazu dienen, Menschen wie mich zu pathologisieren, ihnen ihre Rechte wegzunehmen und sie zu untergraben. Die es verhindern, dass ich mich frei entfalten und ohne Bedenken mein Leben so leben kann, wie ich möchte. Dafür verantwortlich sind, dass ich für etwas kämpfen muss, was selbstverständlich ist, etwas, das privater nicht sein könnte – und aus denen sich eine gesamte Gesellschaft plötzlich das Recht dazu herausnimmt, mich nach meinen Genitalien zu fragen oder gar meine Brüste zu betatschen, nur um festzustellen, ob sie auch wirklich echt sind oder nur „gemacht“.
Blitzmeldung an alle: Ich bin ein TransMANN. Wenn überhaupt, würde ich mir die Dinger allenfalls entfernen lassen – aber mir ganz sicher nicht etwas hinoperieren lassen, was ich ohnehin überhaupt nicht haben will. Das wäre absolut kontraproduktiv.
Leider musste ich im Laufe meines jungen Lebens trotzdem bald feststellen, dass Leute ziemlich uninformiert sind und es nicht einmal schaffen, zwischen Transmann und Transfrau zu unterscheiden, geschweige denn, eine Abgrenzung zu Transvestitismus und Travestie erkennen. Stattdessen wurde ich mit der Zeit mit immer mehr mit sonderbaren Betitelungen zugeschüttet und mit allem möglichen verwechselt – angefangen bei der relativ gängigen Bezeichnung „Transe“ (welche im Übrigen nicht einmal eine Beleidigung für mich ist, weil Transen mit trans Personen absolut nichts zu tun haben), über Drag King und Zwitter – bis hin zu unter die Gürtellinie gehenden, beleidigenden Formulierungen wie Mischwesen, Fotzenboy, Genfehler, Missgeburt und Satansbrut war schon so ziemlich alles dabei, was man sich vorstellen kann. Und wenngleich ich meistens gut darüberstehe und nichts darauf gebe, geht es trotz aller Stärke und Willenskraft nicht völlig spurlos an einem vorbei, wenn man stetig so behandelt wird wie ein Außerirdischer.
Dabei wollte und will ich doch im Grunde nichts weiter als das, was alle anderen Menschen auch wollen: Einfach bloß mein Leben leben. Ich verlange keinen Applaus, keine Anerkennung für meinen Weg, keine zeitaufwändigen Sonderbehandlungen oder sonstige Forderungen. Nein – ich möchte einfach bloß leben. So wie ich bin und mit allem, was zu mir gehört. Möchte, dass mein Geschlecht nicht untergraben oder in Frage gestellt wird, nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen oder gar danach lechzen. Nein – ich will schlicht und ergreifend nur Alltag. So wie alle anderen Leute ihn auch haben. Mehr nicht.
Aber genau das war bereits an meiner alten Schule das Problem, derselbe Konflikt mit der Gesellschaft – ganz besonders, weil dort meine Vergangenheit öffentlich bekannt und jeder über meinen Weg informiert war. Anders als hier an der Krautinger Mittelschule kannten sie dort zudem auch noch meinen Deadname, also den Namen, den meine Eltern mir gegeben haben, weil sie dachten, ich sei ein Mädchen. Mich Noah zu nennen oder meine Männlichkeit anzuerkennen, kam den meisten gar nicht in den Sinn – trotz mehrfacher Mahnungen der Lehrkräfte und dem deutlichen Leidensdruck, den ich dank des Mobbings hatte.
Und wenngleich es zumindest familiär immer relativ gut für mich lief und ich nie Probleme mit meiner Mutter oder sonstigen Verwandten hatte, nachdem bekannt wurde, dass ich ein Junge bin – mit einziger Ausnahme meines Vaters, beziehungsweise Erzeugers, zu welchem seit meinem Outing kein Kontakt mehr besteht –, war das trotzdem kein Ausgleich zu dem, was an meiner alten Schule fast täglich gelaufen ist. Angefangen bei noch relativ harmlosen Neckereien, wie etwa beispielsweise das Verstecken meiner Schulsachen, den ständigen Provokationen mit meinem Deadname, der mehr als nur einmal groß und breit an der Tafel prangte, ging das Ganze dann relativ bald in gröbere Richtungen. So wurde ich etwa mehrfach vom Klassenrowdy verhauen, auf der Toilette oder in der Umkleide eingeschlossen, wurde mit Drohbriefen und Kritzeleien auf meinem Platz überhäuft – und irgendwann nach der Schule, nachdem ich dem Vertrauenslehrer mein Leid geklagt und dieser daraufhin durchgegriffen hatte, sogar beinahe sexuell missbraucht, als Strafe dafür, dass ich gepetzt hatte, sowie als angebliche Bekehrungsmethode, damit ich endlich wieder zur Besinnung kam und diesen Quatsch vom Junge sein wollen vergaß.
Nur durch eine zufällig vorbeikommende Studentin, die aufgrund meiner Schreie auf uns aufmerksam geworden war, hatte das Schlimmste verhindert werden können und ich war mit ein paar Kratzern, blauen Flecken und einem tiefsitzenden Schock davongekommen. Dass dieses traumatische Erlebnis für meine Psyche nicht förderlich gewesen war, kann man sich wohl vorstellen. Ich war danach ziemlich lange depressiv gewesen, hatte mich mehrere Male selbst verletzt und war aufgrund dessen auch zweimal in eine Klinik gekommen – auf freiwilliger Basis –, um das Erlebte irgendwie zu verarbeiten und hinter mir zu lassen. Besagter Schüler und seine Gang, die mir das angetan hatten, waren daraufhin natürlich von der Schule geflogen, was für mich zwar kein Trost oder eine Wiedergutmachung, aber zumindest eine kleine Genugtuung gewesen war.
Und genau aus diesem Grund hatte ich nach meiner Entlassung und meinem Schulwechsel, sowie dem damit einhergehenden Umzug auch gehofft, dass jetzt alles anders werden würde, dass dieses Kapitel abgeschlossen war und ich es endlich hinter mir lassen konnte. Und die ersten vier Tage hier an der Mittelschule hatte das alles auch wunderbar funktioniert. Bis zu meiner vermaledeiten, ersten Sportstunde.
Im Vorfeld hatte ich schon mit der Überlegung gespielt, mich einfach krank zu melden und nicht hinzugehen, zumal ich Sport ohnehin hasste wie die Pest – gerade aufgrund des Umstandes, mich vor allen anderen umziehen und so meine Vergangenheit offenlegen zu müssen. Aber nachdem ich, wie an meiner alten Schule auch, mit den Lehrern vereinbart hatte, dass ich mich alleine in einem separaten Raum umziehen durfte, hatte ich mich letztendlich überwunden und am Unterricht teilgenommen. Der vermutlich schwerwiegendste Fehler, den ich jemals gemacht hatte.
Dabei war es am Anfang sogar recht in Ordnung gewesen und ich hatte, nachdem ich mein Können beim Basketball unter Beweis gestellt hatte, sogar einen kleinen Begeisterungssturm ausgelöst, da unser Team dank mir den Sieg hatte einheimsen können. Doch auch, dass ich für den Rest der Doppelstunde quasi der Held gewesen war, hatte nicht die Blamage ausgleichen können, die ich nach Unterrichtsschluss über mich hatte ergehen lassen müssen. Ganz bewusst und mit den Lehrern abermals abgesprochen, hatte ich mit dem Duschen gewartet, bis alle anderen verschwunden waren, sodass ich ungestört war und mir sicher sein konnte, dass niemand mich erwischte.
Doch da hatte ich die Rechnung ohne Gabriel Kaiser und seine Clique gemacht, die sich absichtlich in der Dusche versteckt hatten, um dem „Neuankömmling“ gemäß ihres selbst eingeführten Rituals einen Streich zu spielen und ihn ihm wahrsten Sinne des Wortes einer kalten Dusche auszusetzen.
Zugegeben, es wäre mir auch so schon peinlich genug gewesen – aber die Sache mit meinem trans Hintergrund verschlimmerte das noch zusätzlich, ganz besonders, weil ich noch nicht einmal im Ansatz darauf vorbereitet war, sondern mich mit den Gedanken schon bei Henry befunden hatte, der mich schon am Vormittag gefragt hatte, ob ich Lust hatte, nach dem Unterricht mit ihm ins Café zu gehen.
Okay, ich gestand, dass er mir da schon ziemlich gefallen hatte, obgleich wir uns gerade mal fünf Tage lang kannten. Irgendetwas an ihm beeindruckte mich einfach, hatte mich schon bei unserem ersten Kennenlernen im Schulkorridor beeindruckt, als er sich bei mir vorgestellt und mir erklärt hatte, dass er die Parallelklasse besuchte und mir gerne die Schule zeigen konnte, wenn ich wollte. Irgendetwas hatte er an sich, das mir gefiel, etwas in seiner Art, seinem offenen, freundlichen Umgang mit mir, sowie allem voran auch die Tatsache, dass ich für ihn direkt ein Teil der Schulgemeinschaft und nicht nur „der Neue“ gewesen war.
Genau aus diesem Grund hatte ich seine freundliche Einladung ins Café auch gerne angenommen, da ich zugegebenermaßen sehr gespannt darauf war, ihn ein bisschen besser kennenzulernen. Aber da hatte ich natürlich auch noch nicht geahnt, welche Blamage mich erwarten und dass meine Hoffnung darauf, die Geschichte aus meiner Vergangenheit endlich abschließen zu können, sich blitzschnell zerschlagen würde wie eine kaputte Kaffeetasse. Und dass ausgerechnet Henry einer der ersten sein würde, die erfuhren, dass ich anders war als andere Jungs.
Aber woher hätte ich auch wissen sollen, dass das passieren würde? Woher hätte ich wissen sollen, dass Gabriel und seine Freunde sich im Duschraum versteckt hatten, um mich abzufangen?
Ich erinnerte mich noch, wie sehr ich mich erschreckt hatte, als er plötzlich aufgetaucht war – so sehr, dass ich dabei sogar in meiner ansonsten gut trainierten Stimmlage verrutscht war und geschrien hatte wie ein kleines Kind. Erinnerte mich daran, wie schnell sein anfangs noch vergnügtes Grinsen verschwunden war, als er mich so gesehen hatte, meinen Körper gesehen hatte, meine Brüste – und alles andere, was eindeutig erkennen ließ, dass ich nicht so war wie andere Männer. Erinnerte mich an die verblüfften Augen seiner Freunde, die von dieser Entdeckung natürlich ebenfalls total geflasht gewesen waren. Und ich erinnerte mich auch an das Lachen. Dieses amüsierte Gackern, das Gabriel daraufhin von sich gegeben hatte, als mein Geheimnis offensichtlich gewesen war.
„Du bist ja ne Braut!“, hatte er lautstark ausgerufen und mit dem Finger auf meine Brüste gezeigt. „Ist ja irre! Sind die Titten da wirklich echt?“.
Und knack. Auch wenn ich noch nicht fähig dazu gewesen war, es zu begreifen, hatte ich gewusst, dass ich aufgeflogen war, dass ich mein Geheimnis jetzt nicht mehr verstecken und verschweigen konnte. Dass ich abermals in der Situation war, mich erklären und rechtfertigen zu müssen – und für die nächste Zeit, wenn nicht sogar für immer, Gesprächsthema Nummer eins an der Mittelschule sein würde.
Entsetzt hatte ich nochmals geschrien, über das Gegacker und Gelächter von Gabriel und seinen Freunden hinweg, die nach dieser Entdeckung ziemlich zudringlich geworden waren und mir dieselben Fragen gestellt hatten, die ich auch an meiner alten Schule zu hören bekommen hatte: „Bist du ne Frau?“. „Warum hast du Möpse?“. „Hast du auch ne Fotze? Zeig mal“. „Sind die Titten da echt?“. „Darf ich sie mal anfassen?“. „Bist du ein Zwitter?“. „Was bist du denn für ein Mischwesen?“. „Oh, ich glaube, er ist ne Transe. Nein... sie“.
All das und noch viel mehr war im gefühlten Bruchteil einer Sekunde über mich hereingebrochen, hatte erneut die uralte Angst in mir aufgewühlt, nicht mehr ich sein zu können, meines Geschlechts beraubt zu werden und mich wieder und wieder erklären zu müssen. All das, was ich mir durch meinen Schulwechsel hatte aufbauen wollen, mein Traum vom Neuanfang und der damit verbundenen Chance, dieses Geheimnis zu wahren, waren nach nicht einmal fünf beschissenen Tagen wie Seifenblasen geplatzt. Mein Image als Noah war nach nicht einmal fünf Tagen ruiniert. Das einzig Positive daran war nur, dass man hier nicht meinen Deadname kannte, dass man mich nicht damit hänseln und ärgern konnte. Aber so wie ich das sah, würde es nur eine Frage der Zeit sein, bis Gabriel und seine Bande ihn herausgefunden hatten. Und bald kannte ihn sicher auch die ganze Schule. Und dann wurde ich abermals zu etwas gemacht, das ich nicht war, wurde in eine Rolle gepresst und für etwas verspottet, das ich mir weder ausgesucht, noch auf das ich Einfluss hatte.
Ja, verdammt noch einmal. Ja, ich war trans. Ja, dieser Teil meiner Vergangenheit gehörte zu mir. Aber besaßen deshalb andere Menschen das Recht dazu, mir daraus einen Strick zu drehen? Durften sie sich darüber lustig machen und deswegen über mich richten? War ich weniger ein Mensch, nur weil ich nicht dem entsprach, was andere Leute mir vorgaben? Durfte ich nicht ein einziges Mal Glück haben? Musste mich diese Geschichte denn immer wieder einholen? Und vor allem: Mussten ständig Leute Dinge von mir sehen, die sie nichts angingen?
In meinem Kopf begann sich alles zu drehen, während ich noch einmal einen Schrei ausstieß und meine Tränen kaum mehr zurückhalten konnte, nicht in der Lage dazu war, mich gegen Gabriels offenkundige Neugier zur Wehr zu setzen. „Hast du ne Fotze?“, erkundigte er sich nochmals ganz frech und versuchte, mir das Handtuch wegzuziehen, das ich mir in der Eile um die Hüften geschwungen hatte. „Komm schon. Zeig mal. Wir wollen es sehen“.
„Lasst mich!“, rief ich ängstlich aus, weil mir sofort wieder die Erinnerungen an meinen damaligen Fast-Missbrauch im Kopf herumschwirrten und mein Herz anfing zu rasen. „Bitte lasst mich in Ruhe!“.
Eingeschüchtert und panisch wich ich vor Gabriel zurück, der daraufhin jedoch nur grinste und mich neugierig anstarrte, ebenso wie auch seine Freunde. „Zeig uns deine Muschi“, verlangte er noch einmal und gackerte belustigt. „Zeig sie uns, Noah. Oder... wie heißt du eigentlich wirklich?“.
„Ja, zeig sie uns“, verlangte nun auch sein Freund Patrick Morscher, der direkt neben ihm stand und begeistert in die Hände klatschte. „Zeig sie uns, Mädel. Wir wollen deine Muschi sehen“.
„Ich bin kein Mädchen!“, rief ich verärgert, wenngleich ich in meiner Panik eigentlich mit den Gedanken ganz woanders war. „Bitte lasst mich in Ruhe!“. „Du bist kein Mädchen?“, gluckste Gabriel vergnügt und starrte mich gierig an. „Und warum hast du dann Möpse? Und eine Muschi? Du hast doch eine, oder? Komm, zeig jetzt mal“.
Kaum hatte er das gesagt, versuchte er, mir das Handtuch wegzuschnappen und meine Brüste anzufassen, doch ich konnte mich gerade noch entwinden und ihm ausweichen. Dann wollte ich eigentlich die Flucht ergreifen, doch Gabriel griff nach mir und hielt mich zurück, wenngleich ich heftig protestierte und schluchzte.
„Komm schon“, wiederholte er dann eindringlich und grinste seinen Freunden hämisch zu. „Zeig sie uns, du kleiner, geiler Fotzenboy. Und danach lassen wir dich in Ruhe. Versprochen“.
„Nein!“, rief ich wieder aus, inzwischen völlig verstört und konnte spüren, dass mein Herz sich beinahe überschlug, so heftig pochte es in meiner Brust. „Lasst mich. Bitte lasst mich zufrieden!“.
„Hey!“, drang da plötzlich eine Stimme von außerhalb zu uns herüber und ich konnte hören, dass sich schnelle Schritte näherten. „Hey! Was ist hier los?“. Gefangen in meiner Angst und meinem Schockzustand, realisierte ich es zunächst gar nicht richtig, sondern winselte stattdessen immer noch darum, doch bitte in Ruhe gelassen zu werden. Erst einen Moment später, als Gabriel, der mich immer noch in seinem Griff festhielt, plötzlich von mir weggezogen wurde und überrumpelt aufatmete, reagierte auch ich wieder und sah zögernd auf, erblickte Henry, der Gabriel mit einem heftigen Ruck zurückstieß und ihn dann eindringlich musterte.
„Was soll das?!“, zischte er ihn und seine Freunde dann mahnend an, hatte im Gegensatz zu ihnen wohl noch nicht gesehen, was los war und was den Grund für diesen Übergriff darstellte. „Warum geht ihr ihn an? Lasst ihn zufrieden!“.
„Sie“, entgegnete Patrick johlend und zeigte mit dem Finger auf mich. „Noah ist kein Typ. Er ist ne Frau! Guck mal!“. Auf diese Worte hin hielt Henry einen kurzen Moment inne, war wohl ähnlich verwirrt wie zuvor Gabriel und seine Freunde, ehe er sich flüchtig zu mir herumwandte, was mich dazu veranlasste, meine Brüste rasch mit der freien Hand abzudecken, wenngleich ich wusste, dass Henry sie trotzdem längst gesehen hatte – und sich genau wie Gabriel seinen Reim darauf machte.
Doch anstatt mich dann auch verwundert anzustarren, wandte er sich überraschenderweise sofort wieder zu ihm herum und funkelte ihn dann missbilligend an. „Lasst ihn zufrieden“, mahnte er ihn dann erneut und ballte dabei leicht seine Hand zur Faust. „Er hat euch nichts getan. Also verzieht euch und lasst ihn in Ruhe“.
„Siiiiieeeeeeee“, spottete Gabriel hämisch und lachte amüsiert auf. „Noah ist ein Weib, Henry. Ein Mischwesen. Er ist kein richtiger Mann. Er hat Titten und keinen Schwanz. Er ist nur eine Transe. Eine verwirrte, kleine Transe, die ein Kerl sein will. Schau ihn dir doch an!“.
Johlend und gackernd wandte er sich an seine Freunde, woraufhin diese d'accord damit begannen, mich zu verspotten und sich über mich lustig zu machen. „Transe“, schrien sie im Chor aus und lachten sich schlapp. „Du kleine Transe! Gibst dich als Typ aus, obwohl du ne Muschi hast. Was für ein Genfehler bist du eigentlich?“.
Abermals lachten und jubelten sie schadenfroh, kosteten es genüsslich aus, als mir die Tränen kamen und ich auf dem Boden zusammensank. „Haha“, höhnte Gabriel daraufhin spöttisch. „Du heulst. Du elende Memme. Echte Kerle weinen nicht. Lern erst einmal, was ein Mann ist, bevor du einer sein willst, du Transe!“.
„Transe!“, wieherten daraufhin auch seine Freunde und klatschten sich gegenseitig ab. „Transe! Transe! Noah ist ne Transe!“. Ihr spöttisches Rufen verwandelte sich mehr und mehr in einen Singsang, während sie wieder und wieder mit dem Finger auf mich zeigten und sich an meiner Verzweiflung aufgeilten. „Transe! Transe! Noah ist ne Transe!“.
Ihr Sirenengesang schwoll immer weiter an, übertönte relativ schnell mein verzweifeltes Schluchzen und ich wünschte mir, auf der Stelle in ein Loch verschwinden zu können, aus dem ich niemals wieder herauskommen musste.
Das war definitiv das Ende gewesen. Noch bevor ich überhaupt die Chance dazu bekommen hatte, mir so etwas wie Integration in die Gemeinschaft, geschweige denn, einen Freundeskreis aufzubauen, war ich bereits wieder als Freak verschrien und abermals meines Geschlechts beraubt worden, musste mich schon wieder mit all den Klischees und Vorurteilen herumschlagen, musste Spott und Demütigung über mich ergehen lassen und war Gesprächsthema Nummer eins. Denn ich wusste, dass Gabriel es den anderen erzählen würde. Und dann war ich für sie nicht mehr Noah, sondern nur noch die Frau, die ein Kerl sein wollte. Es war wie an meiner alten Schule. Alles aus, noch bevor es überhaupt richtig angefangen hatte. Ich wollte sterben. Ich wollte einfach nur sterben.
In meiner ganzen Verzweiflung und Wut bemerkte ich gar nicht richtig, wie Henry sich für mich einsetzte und sich Gabriel in den Weg stellte, um ihm die Sicht auf mich zu versperren. „Zieht Leine!“, knurrte er ihn dann an und ballte seine Faust noch fester zusammen. „Sonst könnt ihr was erleben“.
„Uuuh!“, rief Gabriel daraufhin spöttisch und tat ganz ängstlich. „Bist du neuerdings Transen-Bodyguard, Henry? Komm schon, die Witzfigur da hinten ist doch selbst schuld. Sie will doch ein Kerl sein, obwohl sie ne Frau ist. So was ist doch widerlich!“.
Noch bevor er in der Lage war weiterzusprechen, verpasste Henry ihm einen Hieb mit seiner Faust, woraufhin Gabriel vor Überraschung rückwärts taumelte und kurz aufstöhnte. „Woah!“, rief er aus und hielt sich die Nase. „Was zum Teufel soll das, Henry? Spinnst du?!“.
„Ich hab gesagt, zieh Leine!“, entgegnete Henry lautstark und funkelte ihn an. „Zieh Leine und verpiss dich, Gabriel! Und wage es nicht, Noah noch einmal zu belästigen. Sonst kannst du was erleben. Das schwöre ich dir!“.
Noah?, dachte ich völlig überrumpelt und sah kurz auf. Hatte er tatsächlich immer noch Noah gesagt? Obwohl er doch jetzt wusste, was Sache war? Oder lag das nur daran, dass er meinen Deadname nicht kannte?
Noch ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, sah ich, wie er Gabriel rückwärts schubste und sich sogar mit seinen beiden Freunden anlegte, die es, wie sich ein paar Momente später herausstellte, trotz ihrer Überzahl nicht mit ihm aufnehmen konnten und schließlich nach ein paar vergeblichen Versuchen die Flucht ergriffen. „Komm schon, Gabriel!“, meinte Patrick etwas eingeschüchtert, nachdem er Henrys lodernde Wut bemerkte und es scheinbar wirklich mit der Angst zu tun bekam. „Lass uns abhauen. Bevor wir noch Ärger kriegen!“.
Wenn auch nur widerwillig, gab dieser sich schließlich geschlagen und folgte ihnen, nicht jedoch, ohne mir vorher deutlich mitzuteilen, dass er mich ab jetzt auf dem Kieker hatte. „Ich krieg dich noch, du Transe!“, rief er mir zu und funkelte mich ärgerlich an. „Du Genfehler gehörst in die Geschlossene!“.
Und mit diesen Worten drehte er sich schließlich um und lief davon, wobei Henry kurz den Reflex zu haben schien, ihm nachzurennen, es sich jedoch wieder anders überlegte, als ich ein Schluchzen ausstieß und meine Emotionen sich endgültig Ausdruck verliehen.
„Noah...“, sagte er mit besorgter Stimme und kam langsamen Schrittes zu mir herüber, hatte wohl Bedenken, mir zu nahe zu kommen, um mich nicht noch mehr zu verängstigen. „Noah, hey. Ist... ist alles okay? Bist du verletzt?“.
Behutsam ging er vor mir in die Hocke und betrachtete mich dann kurz, wobei ich mich reflexartig abwandte, um zu verhindern, dass er noch mehr sah als ohnehin schon – auch wenn ich mir denken konnte, dass er eigentlich nur schauen wollte, ob ich mir irgendwo Wunden zugezogen hatte.
„Bist du verletzt?“, fragte er dann noch einmal und streckte mir vorsichtig seine Hand entgegen, um mir aufzuhelfen, wobei ich jedoch zögerte, darauf einzugehen. Stattdessen ließ ich nur geknickt meinen Kopf hängen, schämte mich ins Unendliche, dass ausgerechnet Henry jetzt meine Vergangenheit kannte – und wahrscheinlich wie die anderen abgestoßen davon sein würde.
„Schau mich nicht an“, bat ich ihn mit zitternder, weinender Stimme und versuchte, meinen Oberkörper so gut ich konnte zu verhüllen, weil ich einfach nicht wollte, dass Henry darauf starrte. „Du solltest das nicht sehen. Niemand sollte es sehen. Niemals“.
Doch zu meiner Überraschung reagierte er gar nicht so verwundert wie ich dachte, stellte auch keine Fragen, sondern wollte schlicht und ergreifend noch einmal wissen, ob ich okay war und holte, nachdem ich dies mit einem Nicken bejahte, noch ein weiteres Handtuch, das er mir behutsam reichte.
„Kann ich was für dich tun?“, wollte er dann sorgsam wissen, ließ abermals keinen Kommentar zu meinem Körper ab, sondern tat einfach so als wäre es eine völlig normale Situation. Doch ich schüttelte nur den Kopf und atmete auf, bemühte mich, mich wieder ein bisschen zu beruhigen, bevor ich irgendwie nach einer Rechtfertigung suchte. „Ich... ich kann dir das erklären...“, stammelte ich aufgeregt, einerseits immer noch aus Scham, andererseits aber auch, weil ja gerade Henry derjenige war, den ich so gerne mochte – und der jetzt, nachdem er die Wahrheit kannte, bestimmt auf Abstand zu mir gehen würde.
„Musst du nicht“, erwiderte er ganz ruhig, überraschte mich damit ein weiteres Mal, bevor er sich wieder erhob und mir noch einmal einen Blick zuwarf. „Musst du ehrlich nicht, Noah. Ich bin nur froh, dass du dich nicht verletzt hast“.
Mit diesen Worten und ohne meinen Körper auch nur ansatzweise zu kommentieren, geschweige denn, mir Fragen zu stellen, trat er ein paar Schritte zurück und sah mich dann noch einmal an. „Ich warte dann draußen“, meinte er ganz fürsorglich und zeigte kurz in Richtung Ausgang. „Mach dich in Ruhe fertig, okay? Und wenn du magst, kann ich dich dann gerne nach Hause bringen. Also... natürlich nur, wenn du das möchtest“.
„W-was?“, wiederholte ich total überrumpelt, weil ich immer noch nicht fassen konnte, dass Henry nicht ein einziges Mal nachfragte, was es mit mir eigentlich auf sich hatte. Tat er nur so gelassen und dachte sich in Wirklichkeit seinen Teil dabei? Oder war seine Fürsorge wirklich echt? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ich unheimlich froh darüber war, dass er mir geholfen hatte.
„Lass dir ruhig Zeit“, wiederholte er entspannt und versuchte ein kleines Lächeln. „Ich warte draußen, okay? Und passe auf, dass die drei Volldeppen nicht zurückkommen. Und falls doch, können sie was erleben“. Erneut lächelte er mir ein bisschen zu, woraufhin mir vor lauter Überraschung fast wieder die Tränen kamen, weil ich nicht fassen konnte, dass Henry tatsächlich so locker reagierte.
„D-danke...“, stotterte ich schließlich etwas verlegen, als mir auffiel, dass ich mich noch gar nicht bei ihm erkenntlich gezeigt hatte. „Danke, Henry. Das... das vergesse ich dir nie“. „Ach was“, lehnte er schnell ab und probierte abermals ein kleines Lächeln. „Ist doch selbstverständlich, Noah. Und wenn Gabriel noch einmal Ärger macht, dann sag Bescheid, okay? Dann zeig ich ihm schon, wo der Hammer hängt“.
Nachdem er das gesagt hatte, warf er mir noch einen freundlichen Blick zu und ließ mich dann allein zurück, wobei ich sofort wieder von meinen verwirrten Gedanken heimgesucht wurde und mich fragte, was das wohl zu bedeuten hatte. War Henry ehrlich so locker und aufgeklärt, dass ein Mann mit Brüsten ihn gar nicht irritierte? Oder hatte er nur so getan, um mich nicht zu kränken und vor den Kopf zu stoßen?
Um ehrlich zu sein wusste ich es nicht. Ich wusste nur, dass er Dinge an mir gesehen hatte, die mich verrieten. Und deshalb war mir auch klar, dass ich ihm in jedem Fall eine Erklärung schuldete. Die Frage war nur, wie ich es ihm erklären sollte. Und vor allen Dingen, ob sich die Geschichte aus meiner alten Schule noch einmal wiederholen würde.
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