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von Ilea
OneshotAllgemein / P16 / Gen
Frieda Goldmann Wilhelm Blödorn / Willi
12.01.2021
12.01.2021
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L o s l a s s e  n


Ein paar Worte vorab: Ich bin und bleibe ein Willi & Frieda Fan, der sich gerne durchprobiert. Irgendwann ist auch dieser OS entstanden und ich dachte mir, ich veröffentliche ihn einmal, ehe er in meinem Laptop versauert. Aufgrund des Endes habe ich ihn auf P16 gesetzt, auch wenn ich in der Thematik "Intimität" kein Meister der Worte bin.
Der von mir verwendete Songtext stammt eigentlich von Glasperlenspiel, das Lied heißt „Tanzen den Schmerz weg“ und gehört mir nicht.
Wenn jemand sich gerne etwas bildlich vorstellt, zum Ende empfehle ich die Vorstellung, dass irgendwo dieses Lied spielt: https://www.youtube.com/watch?v=Zmvxq01yalk


„Eines muss man den Jungs lassen, sie wissen, wie man eine Party vorbereitet“, sagte Wilma. Sie behielt Recht, obwohl die letzte ausgeartet war, schienen die ehemaligen Pygmäen ihre Leidenschaft für Musik nicht verloren zu haben. Im Gegenteil, das Baumhaus erleuchtete in bunten, flackernden Lichtern und die Musik schallte durch den Wald, der angrenzte. Frieda schob ihr Fahrrad hinter Wilma und Sprotte her, während sie im Anbruch der Abenddämmerung von rotem Diskolicht begrüßt wurden.
„Sie ist hier.“
Frieda wollte fragen, wer hier war, aber dann schweifte ihr Blick zu jener tanzenden jungen Frau, die mit einem Lächeln jenen Jungen anschaute, den Sprotte funkelnd betrachtete.
„Wenn Blicke töten könnten, dann wäre Fred es jetzt aufjedenfall“, sagte Wilma, ungeachtet ließ diese ihre Fahrrad einfach fallen.
Frieda stellte ihr Fahrrad ordentlich ab, ehe sie beide Arme von hinten um Sprotte zog.
„Kommst du damit klar oder sollen wir lieber wieder gehen?“, fragte Frieda. Zugegeben hatte sie selbst auf die Feier keine Lust gehabt. Vielleicht hatte sie auch einfach ein schlechtes Gewissen gegenüber Melanie, die sich gegen die Party ausgesprochen hatte, weil sie keine Lust gehabt hatte, Willi gegenüber zu treten. Vielleicht wollte sie Frieda aber genauso wenig sehen, Frieda würde es zumindest verstehen.
„Lass uns einfach was zu trinken holen, ja?“, fragte Sprotte und schenkte Frieda ein breites Lächeln. Die beiden Mädchen nickten sich zu, dann folgten sie Wilma zum Buffet. Es waren alte Surfbretter auf Stühlen, aber es schien zu halten. Sie sahen viele aus ihrer Stufe, einige waren älter, einige jünger, andere kannte Frieda nicht, aber sie wusste auch nicht, wen die Pygmäen alles eingeladen hatten. Während Sprotte an der Bowle roch und verkündete, dass kein Alkohol drin war, wanderte Friedas Blick nach oben, dort wo Fred, Willi und Steve standen. Sie glaubte auch, dass Trude hinter Steve stand und am Mischpult etwas änderte. Ihre Augen blieben an Willi hängen, auch wenn sie ihn nur von hinten sah. An einer verwaschenen Jeans, alten Turnschuhen und seinen Haaren, die im roten Licht blass erschienen. Als Fred ihr den Blick zuwandte, schaute sie schnell weg und griff nach dem Becher, den Sprotte ihr gab.
„Ich hole Trude“, sagte Wilma, die zum Baumhaus hüpfte, mit einem weiteren Becher in der Hand elegant zur ersten Plattform hinauf kletterte. Sprotte und Frieda musterten sich mit einem Blick, während Frieda einen Schluck nahm und das Gesicht verzog.
Es schmeckte unheimlich bitter.
„Bäh“, machte Sprotte und spuckte den Inhalt zurück. Frieda war Alkohol weniger gewohnt, er hinterließ bei ihr immer einen bitteren Nachgeschmack. Sie kippten den Inhalt aus, nahmen sich Orangenlimonade und einige Spieße. Es schien eine friedliche Party zu sein, während Sprotte und Frieda sich unter die Plattform stellte.
„Ich will da nicht hoch“, sagte Sprotte. Frieda wusste, der Schmerz in ihr saß noch immer tief, seitdem sie gesehen hatte, was kein Mädchen in einer Beziehung sehen wollte.
„Musst du doch nicht“, sagte Frieda und lächelte.
„Willst du nicht … ich meine willst du nicht hoch? Willi fragt sich bestimmt wo du bleibst.“
Frieda stopfte sich Käsewürfel in den Mund, kaute und schluckte dann den Inhalt herunter, gleichzeitig aber auch eine Wallung Hitze, die sich auf ihren Wangen ausgebreitet hatte. Sie blinzelte, dann zuckte sie nur mit den Schultern.
„Ihr habt euch geküsst“, sagte Sprotte leise. „Mehr ist da nicht?“
Frieda sah sie kurz an, dann zuckte sie mit den Schultern. Sie wusste nicht, was sie waren, in der Zeit, die zwischen einem oder zwei schüchternen Küssen lagen, war nicht mehr passiert. Eine SMS, aber kein Anruf. Frieda war sich innerlich unschlüssig, ob sie zu viel hoffte. Sie mochte Willi, sie wusste, er war nicht der Meister großer Worte, aber irgendwie wusste sie auch nicht, wo sie ansetzen sollte.
„Vielleicht, weißt du, wegen Melli …“, murmelte Frieda, da hob Sprotte den Kopf. Wilma und Trude kamen zurück, breit lächelnd. Sie hatten sich lange nicht mehr gesehen, Trude war es, die sie alle eingeladen hatte. Um ihr kleines Konzert nicht zu verpassen, das konnte sich kein Huhn entgehen lassen. Auch wenn sie keine Hühner mehr waren. Frieda wusste, dass Trude enttäusch gewesen war, weil Melanie nicht gekommen war, aber trotzdem glücklich, dass sie alle beisammen waren.
„In einer Stunde“, sagte Trude und drehte sich. Sie trug einen bodenlangen Rock, lässig dazu ein zusammengeknotetes T-Shirt von Iron Maiden. Sie wirkte glücklich, etwas, dass sie alle glücklich machte.
Hinter Trude und Wilma tauchten die drei Pygmäen auf, Steve streckte die Hand nach Trude aus und sie lächelten sich an. Fred und Willi versteckten sich eher hinter ihnen, schienen dennoch in alter Glückseligkeit, dass sie alle beisammen waren.
„Hey Sprotte“, sagte Fred, doch diese drehte nur ab und Frieda sah ihr nur kurz nach.
„Wann klärt ihr das zwischen euch eigentlich?“, fragte Willi und sah seinen besten Freund an, der nur grimmig schaute, während er sich selbst abwandte.
„Kläre erstmal dein eigenes Liebesleben“, sagte er. „Wollte nur sagen, dass Torte nächstes Wochenende kommt. Wir wollten einen Spieleabend machen, wenn es regnet wären wir okay damit, es bei euch zu machen.“
„Geht klar“, ergänzte Wilma, weil sonst keiner reagierte. Frieda sah Fred nach und fragte sich, was in Jungenköpfen vor sich ging, ein Mädchen zu betrügen, nur weil sie keinen Schritt weiter gehen wollte. War das Liebe? Sie erinnerte sich an Maik, er hatte es damals zumindest akzeptiert, weil sie sich unwohl gefühlt hatte, aber er hätte nie mit ihr deswegen Schluss gemacht.
„Wollen wir tanzen?“, fragte Trude hoffnungsvoll. Frieda drehte sich kurz zu Sprotte um, dann nickte sie.
„Ich komme gleich“, sagte sie. Für einen kurzen Moment sah sie Willi an, der mit den Händen in der Tasche aus ruhigen Blick zu ihr schaute. Frieda wusste nicht genau, wann sie beschlossen hatte sich in einen der Freunde ihrer besten Freundinnen zu verknallen. Eine Zeit lang hatte sie gedacht, sie wäre daran schuld. Sie wusste nicht, ob sie es war, aber je länger sie darüber nachgedacht hatte, Willi in der Schule beobachtet hatte, so klarer war es ihr geworden, dass es ein langer, schleichender Prozess gewesen war. Wilma nickte nur kurz ab, dann folgte sie Steve und Trude zurück zum Baumhaus. Willi wollte erst hinterher, wandte sich dann aber zu Frieda, die ihn kurz anschaute.
„Kommst du nachher hoch?“, fragte er.
Frieda zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Lust, dass es für Sprotte ein mieser Abend wird, Fred hat diese Sabrina eingeladen.“
Willi nickte, dann trat er einen Schritt nach vorne, noch unschlüssig, was er tun sollte, aber weiter überlegte er nicht, als er kurz nach Friedas Hüfte griff. Er beugte sich zu ihr herunter und seine warmen Lippen trafen auf die limonadenkühlen Lippen von Frieda.
Wenn Willi etwas konnte, dann war es wahrscheinlich küssen, dachte Frieda. Sie schloss die Augen, Arme umfingen sie, während sie selbst vorsichtig nach seinen Schultern griff und den Kuss erwiderte. Warmer Atem streifte ihr glühendes Gedicht und ihre Lippen bewegten sich wie von selbst, denn der Kuss war keineswegs schüchtern oder suchend – er war fest und ehrlich. Er löste ein warmes Gefühl in ihr aus, als Willi die Stelle berührte, wo ihr Oberteil nach oben gerutscht war. Seine Hände waren warm, aber ihre Haut schien zu brennen. Es waren intensive Sekunden, als sich Willi von ihr trennten und langsam zurückwich. Frieda schluckte und blinzelte. Sie biss sich auf die Lippen und sah Willi an, der ihr erst über die Hüfte, dann über das Gesicht strich.
„Tanzen wir nachher?“, fragte er leise.
Frieda nickte nur kurz, dann deutete sie hinter sich. „Ich muss kurz nach Sprotte schauen.“
„Mache das“, sagte Willi. „Tut mir leid, ich hätte gerne was geschrieben, aber mein Vater hat mir das Handy weggenommen, ich wusste bis heute nicht, dass Sabrina auch kommt.“
„Schon gut“, sagte Frieda, aber eigentlich war es nicht schon gut. Es war okay. Es gab ihr Hoffnung, dass er an sie gedacht hatte, dass er sie gerne küsste, aber so schnell, wie er gekommen war, so schnell kletterte er wieder auf das Baumhaus. Frieda drehte sich um und entdeckte Sprotte beim Essen.
„Ich will keine Spaßverderberin sein“, sagte Sprotte. „Oder Jungshasserin.“
„Das bist du doch nicht, Quatsch“, sagte Frieda. „Fred hat es verdient deine kalte Schulter kennen zu lernen, findest du nicht auch? Er ist ein Idiot. Alle Männer sind Idioten.“
„Findest du?“, fragte Sprotte, dann lächelte sie. „Dafür küsst du einen aber so gar nicht idiotisch.“
Frieda legte den Kopf schräg, lachte dann aber. „Nicht alle. Aber die meisten und es ist nicht verboten, Idioten zu küssen.“
Sprotte zuckte mit den Kopf. Frieda schaffte nicht, es ihre Freundin zu überreden, in die Nähe von Sabrina zu kommen, aber so wie es das Schicksal wollte, verschwand sie von der Tanzfläche und redete mit Fred ziemlich weit oben, dass es Sprotte moralisch erlaubte, neben Frieda zu einem Rapsong zu tanzen. Frieda wechselte nur einen kurzen Blick mit Willi, der mit Fred und Sabrina oben stand, ein Mikrofon zum Test in der Hand.
Sie atmete auf und ließ sich neben Wilma nieder, die auf einer alten Picknickdecke Plätze reserviert hatte. Frieda bemerkte, dass sie voller Energie steckte. Als sie sich neben ihre Freund kniete stupste sie sie an.
„Alles klar bei dir?“, fragte sie.
Wilma nickte, dann grinste sie aber und schaute Frieda an. „Ich hatte heute Morgen ein Casting, es lief nicht schlecht, aber ich habe jemanden von einer Agentur kennengelernt. Er will sich morgen melden.“
„Nicht schlecht“, lobte Frieda und ließ sich auf ihren Po fallen. Es war ein wenig frisch geworden, sie zog den Reißverschluss ihrer Sweatshirtjacke ein wenig höher und sah nach oben, wo nun sämtliche Lichter zeigten. Viele hatten sich hingesetzt.
Es war wirklich nicht schlecht, was die Pygmäen fabriziert hatten. Ein Techno-Rap-Mix mit Trudes Stimme im Hintergrund. Frieda konnte sich noch gut an die ersten Texte und Musikversuche der Jungen erinnern, aber mit ihnen war auch ihr Talent in die Höhe gesprochen, dass musste sie allen zuweisen.
Wilma johlte, Frieda lachte und Sprotte klatschte begeistert.
Es war gute Musik und eine Mischung, die sie irgendwann dazu brachte, aufzustehen und ein wenig zu tanzen. Wobei es kein Tanzen in dem Sinne war, es war ein Drehen, Kicken und Lachen zusammen. Irgendwann übernahm Trude den Vordergrund der Jungen, Frieda hingegen betrachtete die sehnsuchtsvollen Blicken, die Sprotte nach oben warf. Sie wusste, vor ein paar Monaten hatte sie noch oben gesessen, also nahm sie die Hand ihrer Freundin und zusammen klatschten sie für Trude.
„Das widme ich allen verrückten Hühnern“, rief sie. „Auch wenn wir es nicht mehr sind, in uns wissen wir, wir werden es immer bleiben!“

„Unsre Schatten sind vom Licht verdeckt
So hell und so perfekt
Wir tanzen - wir tanzen - wir tanzen den Schmerz weg
Der Augenblick ist so zerbrechlich
So brechlich und schön
Ich seh' wie unsre Silhouetten
In der Menschenmenge untergehn“


Trudes Stimme passte zum Lied, kraftvoll und doch nicht überschwänglich. Es hatte genug Beat, um dazu zu tanzen. Sogar Sprotte grinste irgendwann und als Trude endete, auch wenn nicht mehr viele bei ihnen waren, waren die Hühner dennoch außer sich. Genauso, wie sie sich für Sprotte freuten, dass sie große Schwester wurden und Wilma, die endlich einen für sie bedeutenden Schritt in die Richtung Schauspielerei gegangen war. Trude umarmte sie, die Musik wechselte wieder zu einer Mischung aus Katy Perry und Adam Lambert, während Trude glücksselig neben Steve stand, ihm einen Kuss auf die Wangen gab.
„Das war großartig“, sagte Steve zu seiner Freundin, hielt ihre Hand. Frieda lächelte die beiden an, wenn sie sich für jemanden freute, dann für sie. Sie hatte schon früh das Gefühl gehabt, etwas schlicht sich an die beiden an, so wie sie sich von ihren Gefühlen für Willi hatte angeschlichen und überrascht von Bord geworfen gefühlt hatte.
Die restliche Party blieb friedlich, außer, dass Fred mit Sabrina verschwand und Wilma sich verabschiedete, damit sie am nächsten Tag ausgeschlafener war. Sprotte machte irgendwann die Anstalten zu gehen und Frieda hatte wenig, was sie noch hielt. Willi ließ sich trotz ihrer Hoffnung nicht blicken und die Tanzfläche wurde leerer. Sie griff nach ihrer Jacke, die sie ausgezogen hatte, und warf sie über ihr T-Shirt.
„Geht ihr?“, fragte Steve, der dabei war ein paar Sachen aufzuräumen. Trude half ihm ein wenig, während Sprotte nickte.
„War echt gut“, sagte sie und Frieda nickte.
„Steve, geht doch auch“, kam da eine Stimme. Es war Willi, der ein paar Becher in der Hand hatte und selbst eine Jacke übergezogen hatte. „Ich mache das, den Rest können wir morgen machen. Fred hat sich doch auch schon aus dem Staub gemacht.“
„Bist du dir sicher?“, fragte Steve, er kratzte sich am Kopf und blickte auf die Überreste von Essen und Trinken am Baumhaus. Die Lichter wechselten nur noch von grün nach blau.
„Ja, alles gut, ich habe Zeit“, sagte Willi und nickte in Richtung Trude. „Ihr habt schon alles vorbereitet. Ich will eh nicht nach Hause zu meinem Vater.“
„Danke“, flüsterte Trude und schien glücklich, dass konnte Frieda sehen, wie sie hinter Steve stolperte und ihre Freundinnen noch kurz umarmte.
„Wir würden uns auch auf den Weg machen“, sagte Sprotte zu Willi, der den Blick hob, dann nur die Worte kurz wahrnahm. Er konzentrierte sich auf das Aufräumen. Sprotte hatte ihre Hände in den Taschen ihres Pullovers vergraben.
„Sollen wir dich nach Hause bringen?“, fragte Trude.
Frieda war verwundert, weil sie eigentlich ihrer Mutter gesagt hatte, sie würde bei Sprotte übernachten. So war sie nicht nur ihrer Familie, sondern auch beiden ihrer Brüder entkommen.
„Klar“, sagte Sprotte und sah kurz zu Frieda. „Willi?“
Willi hob den Kopf, die letzten zwei Gäste schnappten sich die Fahrräder und auch Trude und Steve waren schon fast am Boden. „Was’n?“
„Kannst du Frieda nachher nach Hause bringen, meine Mutter köpft mich, wenn sie nicht weiß das jede meiner Freundinnen gut nach Hause gekommen ist“, murmelte Sprotte. Frieda wollte empört etwas sagen, doch Willi stand kerzengerade vor ihnen, sah zwischen den beiden hin und her.
„Klar“, sagte er.
Sprotte beugte sich zu Frieda. „Wenn was ist, kannst du zu mir kommen.“
Frieda knuffte sie in die Seite.
„Viel Spaß euch“, sagte Sprotte, dann hüpfte sie nach unten und etwas grimmig sah Frieda ihrer Freundin hinterher, bis sie alle ihre Fahrräder genommen hatten, ihr gewunken hatten und sie das war, was sie lange nicht mehr war: alleine mit Willi, der noch immer vertieft in Aufräumarbeiten das Geschirr stapelte. Er stellte sie auf einen kleinen Tisch und sah dann zu ihr mit seinem fast schon schüchternen Blick, aber einem typischen Willi-Grinsen.
„Willst du schon gehen?“, fragte er. „Ich meine, ich kann das auch morgen machen.“
Frieda sah sich um, dann schüttelte sie den Kopf. „Ich will gerade nicht nach Hause.“
„Ist es schlimmer geworden?“, fragte Willi. „Also ich meine, du hast von der Geliebten deines Vaters erzählt. Ist es deswegen?“
Frieda schlug die Arme um ihren Oberkörper. „Nicht nur deswegen. Meine Mutter weiß es nicht, denke ich, aber sie ahnt es. Meine Brüder nerven wie immer.“
„Willst du es ihr sagen?“, fragte Willi.
Frieda sah ihn an. Wollte sie das? Wollte sie ihre Familie kaputt machen? Ihre Eltern waren glücklich, waren es immer noch. Sie waren Eheleute, tanzten abends manchmal zusammen mit einer Flasche Wein in den Kehlen, lachten und schienen sich an nichts zu beschweren, außer wenn es darum ging, wer Luki von der Schule abholte oder den Müll rausbrachte. Sie hob wortlos ein paar Teller auf, dann stellte sie neben die, die Willi bereits eingesammelt hatte. Er betrachtete sie eine Weile, dann lehnte er sich an die Leiter.
„Wir wollten tanzen“, sagte er und fast im gleichen Augenblick machte er die Musik an. Es war keine der romantischen, langsamen Filmusikklassiker, es war der Mix der Party, aber Frieda musste trotzdem lächeln. Willi nahm ganz vorsichtig ihre Hand, obwohl es nicht das erste Mal war, dass sie miteinander tanzten.
„Komm“, sagte er, weil ein leichter Nieselregen einsetzte. Sie begaben sich in die oberste Ebene, dort wo sie vom Regen geschützt waren, nicht aber von der Musik. Vorsichtig zog Willi Frieda näher zu sich und zwinkerte ihr zu, während der Beat einsetzte. Sie tanzten nicht wirklich, es waren nur Handbewegungen, bis die Musik nachgab und eines der Lichter flackerte. Doch die Nähe zu Willi war schön, seine Hand in ihrer, seine holprigen Bewegungen und der Versuch, einen Walzer nachzuahmen, brachte Frieda zum Lachen, bis sie irgendwann im Halbdunkeln lagen. Sie hatten die Lichter ausgeschalten, die Musikbox überdeckt, denn der Regen war stärker geworden. Es tropfte auf das Dach, aber Frieda war trotz des Zuges durch die kleinen Ritzen nicht kalt.
Willi ließ sich irgendwann auf eine der Deckentürme fallen und zog ein Kissen zu sich, um sich darauf abzustützen. Er atmete schwer, als Frieda sich neben ihn setzte und ihre Schuhe betrachtete, die bereits ein kleines Loch hatten.
„Ich dachte, du joggst“, sagte Frieda.
„Manchmal, aber das kannst du doch mit Tanzen nicht vergleichen“, sagte er und stupste Frieda an. Sie kippte kurz nach hinten, fing sich dann wieder, wodurch Willi jedoch die Initiative ergriff und sie sanft kitzelte. Frieda zuckte zusammen, wollte ihn wegschieben, doch seine Finger fanden einen Weg sie am Hals zu berühren und sie kippte vollends nach hinten auf eines der Kissen.
„Ich wusste gar nicht, dass du so kitzelig bist“, sagte Willi und rappelte sich auf, sodass er halb über Frieda war.
„Du weißt so einiges von mir nicht“, sagte Frieda. Es war ernst gemeint, aber alles, was raus kam, war Heiserkeit. Sie blickte zu Willi, vertieft in seine Augen suchte sie nach Antworten, die sie in diesem Moment nicht finden sollte. Willi lächelte. Es war das Lächeln, in das sie sich einmal verliebt hatte, unschuldig und doch berechenbar. Es war ein ehrliches Lächeln.
„Tut mir leid“, sagte er.
„Es tut dir leid?“, fragte sie.
„Ich bin nicht einfach, glaube ich“, sagte er. „Das mit den Worten ist nicht immer meine Welt.“
Frieda zuckte mit den Schultern, wollte sich wieder aufsetzen, doch als sie nach oben wollte, versperrte Willi ihr die Sicht. Er lächelte nicht mehr, seine Wangen waren eher gerötet, als eine seiner Hände nach ihrer Taille griff. Er berührte sie nur sanft, aber es löste etwas in Frieda aus. Die Sehnsucht nach Nähe. Erst blinzelten sie sich nur an, dann kam Willi ihr näher und im nächsten Moment waren ihre Augen geschlossen. Seine Lippen trafen auf ihre und etwas in ihr zog sich zusammen, dass sie schon den ganzen Abend verspürt hatte, während sie ihn beobachtete hatte. Die Ruhe in seinen Bewegungen änderte sich augenblicklich, als Frieda ein Stück wegrutschte, Willi sie mit beiden Händen ein Stück näher zu ihm zog. Sie saßen auf den Decken, Knie an Knie, während der Kuss zwischen ihnen entbrannte wie ein Feuerwerk. die Jacke, die Frieda angehabt hatte, fiel alleine zu Boden, als sie die Arme fallen ließ, um selbst nicht umzufallen.
„Ich habe dich“, flüsterte Willi an ihre Lippen, ehe er sie mit Nachdruck in seiner Arme zog.  Friedas Finger berührten seine Haare und sie tat das, was sie so lange schon tun wollte – sie richtete sich auf und griff nach seinen Haaren. Willis Arme ruhten auf ihrem Rücken, eine Hand strich über ihre Schulter bis hin zu ihrem Bauch, wo sie nur sanft nach oben strich. Vorbei an dem dünnen Stoff ihres T-Shirts und dem scheinbar noch dünneren Stoff ihrer Unterwäsche. Wellen von Wärme überschatteten Friedas Gedanken, während ihr Körper auf Willi ganz natürlich reagierte. Der Kuss wurde tiefer, so tief, dass zwischen Zungen und Lippen, Zähne aneinander schlugen.
Frieda erwiderte den Kuss und Willi gab nur einen keuchenden Laut von sich, als würde er nach Luft ringen. Seine Nasenspitze berührte ihre, da war kaum Platz zwischen ihnen und kaum Platz für Luft.
Er griff nach dem Stoff ihres Oberteils, während Frieda langsam durch seine Haare fuhr. Er roch gut. Außerdem schmeckte Willi gut, wenn auch ein wenig nach Paprikachips. Friedas Anspannung verflog, sie dachte nicht mehr nach.
Irgendwann sank sie zurück in das Kissen und ihr Oberteil lag halb hochgezogen so, dass Haut auf Haut traf. Ein kühles, gleichzeitig aber unheimlich heißes Gefühl von Wollen und Nicht-Wollen.
Irgendwann ließ Willi von ihr ab, eine Hand in ihre Haare vergraben, die andere auf den Boden gestützt. Seine Augen waren dunkel, das Hemd von seiner Schulter hatte Frieda irgendwann einfach abgestreift, sie hatte darüber nicht wirklich nachgedacht. Willis Hand wanderte über ihr Gesicht und fuhr ihre Lippen nach, seine Augen aber hingen an ihren eigenen. Die Hand fuhr tiefer und wanderte langsam zu ihrem Bauch, ehe er sich über sie beugte und Frieda erneut küsste. Die Hand blieb an ihrem Bauch, während seine Lippen kurz zu ihrem Hals wechselten und Frieda so die Möglichkeit hatte, ihn fest an sie zu drücken. Seine Haut klebte an ihrer.
Frieda öffnete die Augen, Willis Atem streifte ihre Schulter, seine Hände umklammerten sie, als würde er sie ungerne loslassen wollen.
Sie schluckte, ihre Gedanken durchströmten sie. Wollte sie es so? Sie sah sich um und Erinnerungen von Melanie in dem Raum tauchten auf, sodass sie zusammenzuckte. Willi fuhr hoch, weil er bemerkte und Frieda zog ihr Oberteil nach unten.
„War das zu weit?“, fragte er. Er sagte es nicht wertend, er fragte es eher flehend.
„Nein“, sagte Frieda. „Nein, ich … ich.“
„Es ist okay“, sagte Willi und lächelte, während er nach seinem Hemd griff und sich aufrichtete.
„Nein, darum geht es nicht“, sagte Frieda ehrlich. „Es sind meine Gedanken, die mich manchmal … manchmal fertig machen.“
Willi sah auf, dann krabbelte er zu ihr und legte seine Arme an ihr Kinn, sodass sie gezwungen war, ihn anzusehen.
„Wenn du willst, kannst du mir davon erzählen. Mein Kopf ist manchmal auch ein dunkler Ort, weißt du.“
Frieda lächelte.
„Es ist nicht, dass ich deine Nähe oder deine Küsse nicht mag, aber … naja du weißt schon.“
Willi schwieg, aber Frieda konnte sich vorstellen, dass er wusste, was sie dachte.
„Also bleibst du?“, war alles, was er aussprach.
„Wenn du magst“, sagte Frieda.
Willi nickte, dann küsste er Frieda erneut. Doch dieses Mal war es sanfter und es dauerte, ehe beide den Kopf abschalteten und in einem Gewirr aus Decken und Kissen endeten, wo keiner den anderen so schnell loslassen wollte.
 
 
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