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Besser spät als nie

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P12 Slash
Chiara Nadolny Deniz Ötztürk Ina Ziegler Jenny Steinkamp Lucie Ziegler Moritz "Mo" Brunner
11.01.2021
16.01.2021
3
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13.01.2021 1.263
 
- 2 Monate später -
„Jennifer, so leid es mir tut, aber du kannst nicht wieder im Zentrum arbeiten.“
„Deine Firma ist dir also immer noch wichtiger als deine eigene Tochter“, stellte Jenny kühl fest.
„So ist es doch gar nicht.“
„Nein? Geht es um Marie Schmidt und meinen Ausrutscher mit meinen Noch-Ehemann?“
Das Wort Ausrutscher betonte sie besonders, glaubte aber kaum, dass ihre Mutter diese Anspielung verstand. So gern Jenny auch leugnen würde, noch Gefühle für Deniz zu haben, sie konnte es nicht. Warum sonst sollte sie die Scheidung noch nicht unterschrieben haben? Als ob das, was zwischen ihnen gewesen war, mit jeder anderen hätte passieren können. Immerhin hatte er es mittlerweile geschafft, sich für seinen betrunkenen Auftritt zu entschuldigen. Trotzdem blieb diese negative Erinnerung in ihrem Kopf.
„Jennifer, bitte. Ich mache diese Entscheidung doch nicht nur von einer unserer Läuferinnen abhängig.“
„Nein, du macht sie von der Weltmeisterin abhängig.“
„Marie hat mit dieser Entscheidung überhaupt nichts zu tun. Es würde dir einfach nicht gut tun, hier zu arbeiten.“
„Ich würde der Firma schaden, sag es doch einfach“, forderte Jenny Simone heraus.
„Ich habe jetzt einen wichtigen Termin“, wich diese aber der Aufforderung aus.
„Natürlich. Wieso sollte es auch wichtig sein, dich einmal mit deiner Tochter auseinander zu setzen?“
Jenny drehte sich um, ohne eine Antwort abzuwarten, und verließ das Büro ihrer Mutter. Es machte doch keinen Sinn, weiter mit ihr zu diskutieren. Zum Glück konnte sie wieder selbständig laufen und brauchte den dämlichen Stock nicht mehr, obwohl ihre Tochter Annabelle das Ding schon mädchenhaft aufgemotzt hatte. Ohne Ingo wäre sie wohl nicht so weit gekommen und hätte sich weiter gehen lassen, aber das war jetzt vorbei. Jennifer Steinkamp könnte auch ohne die Almosen ihrer Mutter einen neuen Job finden und endlich  wieder ins Leben zurück finden.
Auf dem Flur begegnete sie Deniz, den sie freundlich anlächelte.
„Was?“, fragte er gereizt.
„Nichts. Ich wollte nur freundlich sein.“
„Danke, aber mir ist nicht nach Freundlichkeit zu Mute. Marie hat deinetwegen mit mir Schluss gemacht.“
„Natürlich. Deine Kleidung ist dir auch wie von Zauberhand vom Körper gefallen.“
„Du hättest mich davon abhalten müssen!“
„Moment mal, du hast mir doch das Zeichen gegeben. Spiele jetzt nicht das arme Opfer, Deniz.“
„Du hast das doch ausgenutzt.“
„Wieso sollte ich? Es war nur Sex. Nicht mehr und nicht weniger. Steigere dich da mal nicht so herein, ja?“
Er schüttelte nur mit dem Kopf und ging an ihr vorbei. Sie überlegte kurz, ob sie ihm nachschauen sollte, aber entschied sich dagegen. Sonst würde der Streit womöglich wieder eskalieren. Dass er immer noch nicht über diese Sache hinweg war! Sein Gejammer wegen Marie war kaum zum Aushalten. Er sollte ihr lieber mal dankbar sein, dass er sie endlich los war. Für Marie gab es doch nur die Eishalle, das war ihre große Liebe. Das war der einzige Punkt, in dem Jenny sie verstehen konnte. Ansonsten hielt sie nicht viel von der Eiskunstläuferin und machte daraus auch kein Geheimnis.
Mit einem flauen Gefühl im Bauch verließ sie das Zentrum. Es war die Unsicherheit über die Zukunft, die ihr Magenschmerzen bereitete und nicht nur das. Ihre Beine kribbelten plötzlich leicht und sie setzte sich schnell auf die Bank, die vor dem Zentrum stand, aus Angst, doch noch umkippen zu können. Ihre Genesung war schließlich noch nicht lange her und die Therapie erst seit einer knappen Woche beendet.
Die letzten Monate hatten Ingo und auch ihr Gehstock sie täglich begleitet. Ihr einziges Ziel war, wieder gesund zu werden. Jetzt brauchte sie eine neue Perspektive, eine neue Herausforderung. Es musste doch möglich sein, einen Job zu finden, der zu ihr passte. Immerhin hatte sie Erfahrung in der Geschäftsleitung von Steinkamp Sport&Wellness. Sie war Teilhaberin im Pumpwerk gewesen und Teilhaberin der Steinkamp Dance Factory. Nicht zu vergessen, deutsche Vize-Meisterin und jahrelange Eiskunstläuferin. Irgendetwas würde es doch bestimmt für sie geben.
Das Klingeln ihres Handy holte sie aus ihren Gedanken zurück.
„Mama? Können wir heute ein Eis essen gehen?“, fragte ihre Tochter Annabelle.
„Klar, mein Schatz. Ich war sowieso gerade auf dem Weg zu dir.“
Ihre Tochter war ihr größter Schatz. In der langen Therapie hatte sie daran gedacht, dass Annabelle sie brauchte und wollte ihre Tochter stolz machen. Sie wollte ihr zeigen, dass alles möglich war. Manchmal kam es Jenny noch surreal vor, dass sie ihren Körper wieder ohne Einschränkungen bewegen konnte.
„Kommt Ingo auch mit?“
„Nein. Er muss doch arbeiten.“
„Schade. Ich wollte ihn fragen, ob ich rote oder weiße Blumen bei eurer Hochzeit werfen soll.“
„Ich werde Ingo nicht heiraten.“
„Darf ich denn trotzdem irgendwann Blumenmädchen sein? Vielleicht möchte Deniz dich ja noch einmal heiraten.“
„Das glaube ich eher nicht, aber wenn ich noch einmal heiraten sollte, denke ich an dich.“
„Okay, Mama. Bis gleich!“
Lächelnd steckte Jenny ihr Handy zurück in die Tasche. Wenn sie daran dachte, dass sie ernsthaft darüber nachgedacht hatte, die Schwangerschaft mit Annabelle abzubrechen, wurde ihr übel. Wer weiß, was sie ohne Vanessas Plädoyer getan hätte. Ihre Tochter war das Beste, was ihr im Leben passieren konnte.
Eigentlich hatte Jenny gedacht, Deniz könnte ein guter Zweitpapa für ihr Kind sein, aber durch dessen Affäre mit Marie und dem Verkauf des Pumpwerks war ihre Ehe letztendlich doch zerbrochen. Sie würde es nach außen nicht zeigen, aber er hatte ihr damit das Herz gebrochen. Wie oft hatte sie wegen ihm geweint? Und jetzt heulte er herum, weil Marie ihn nicht zurück haben wollte. Vielleicht überlegte er sich besser vorher, was sein Handeln für Konsequenzen haben würde. Aber was sollte sie von einem Mann schon groß erwarten? Intellektuell war sie Deniz doch um Längen überlegen.
„Jenny, warte bitte!“, rief da eine bekannte Stimme hinter ihr.
„Was ist denn, Papa?“
„Ich kann noch einmal mit deiner Mutter reden wegen eines Jobs“, sagte Richard etwas außer Atem.
„Du sollst doch an dein Herz denken“, tadelte Jenny ihn.
„Mir geht es doch gut. Ich würde dir gerne helfen und dir einen Startschuss für die Zukunft geben.“
„Musst du nicht. Wirklich. Ich werde schon wo anders einen Job finden“, meinte Jenny zuversichtlich.
„Hier kennst du dich aber aus.“
„Und was bringt mir das? Mich schaut doch jeder schief an, weil ich das Traumpaar des Zentrums auseinander gebracht habe. Außerdem ecke ich mit Deniz, Marie und meiner Mutter an. Wie lange soll das gut gehen?“
„Wir würden bestimmt eine Lösung finden“, glaubte Richard.
„Ich denke, es ist das Beste, das Zentrum hinter mir zu lassen. Es hat mir doch kein Glück gebracht.“
Dem konnte Richard nicht mehr wirklich etwas hinzufügen. Stattdessen lächelte er seine Tochter einfach nur leicht an. Jenny war froh, sich wieder mit ihm versöhnt zu haben. Immerhin ein Elternteil, auf den sie sich – mehr oder weniger – verlassen konnte.
„Ich gehe jetzt mit Annabelle Eis essen.“
„Grüß sie von mir“, bat Richard.
„Mache ich. Bis dann.“
Sie setzte sich in ihr Auto und startete den Motor. Das Zentrum war Geschichte. Ganz sicher. Sie zitterte leicht, als sie vorsichtig auf das Gaspedal drückte.
Mit einem Automatikwagen konnte sie trotz ihres Unfalls schon wieder umgehen, dennoch blieben letzte Restzweifel, ob ihr Körper wirklich funktionierte, wenn er es musste.
Jenny beschloss, die negativen Gedanken beiseite zu schieben.
Sie waren sicherlich eine kostenlose Zugabe, sobald man Steinkamp Sport&Wellness betrat. Ihre Eltern hatten ihr als Geschäftsleitung doch nie wirklich etwas zugetraut. Und wenn sie daran dachte, jeden Tag einen Konflikt mit ihrer Mutter austragen zu müssen, wollte sie ohnehin nicht zurück. Die ganzen Streitigkeiten brauchte sie nicht in ihrem Leben. Vielleicht eine schicke Wohnung für sie und Annabelle und irgendwann mal eine neue Liebe … Aber dafür musste sie Deniz erst vergessen.
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