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Besser spät als nie

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Chiara Nadolny Deniz Ötztürk Ina Ziegler Jenny Steinkamp Lucie Ziegler Moritz "Mo" Brunner
11.01.2021
06.04.2021
8
12.561
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11.01.2021 1.120
 
Jenny packte ihre Sachen zusammen. Sie lächelte leicht, denn immerhin konnte sie mittlerweile schon ein Stück mehr für sich selbst sorgen. Bei einigen alltäglichen Dingen, wie eben dem Packen ihrer Sporttasche, war sie komplett selbständig – genau wie vor dem Unfall. Sie erfreute sich an den Kleinigkeiten, natürlich nicht ohne Stolz. Was sie in den letzten Monaten schon erreicht hatte, war eine ganze Menge, und sie wusste auch, wessen Hilfe sie das zu verdanken hatte.
Sie vernahm zwei schwere Schritte hinter sich und vermutete, dass Ingo sie wieder mit irgendetwas necken wollte.
„Zadek, wir sind hier nicht in einem Western, auch, wenn du das gerne hättest.“
„Du hast also Spaß, ja?“
Ruckartig drehte sie sich um. Dabei verlor sie etwas das Gleichgewicht und musste sich rasch am Barren abstützen, um nicht umzufallen. Sie blickte in Deniz´ wütendes Gesicht, fragte sich aber, ob sie ihn jemals derartig wütend gesehen hatte. In ihrer Erinnerung war sein Gesichtsausdruck noch nie so vernichtend gewesen.
„Sehnsucht nach mir?“, fragte sie mit einem Lächeln.
„Nach dir? Auf keinen Fall.“
„Nicht? Ich hätte jetzt noch ein paar Minuten Zeit für dich.“
„Du verführst mich kein zweites Mal!“
„Ich dich? Ach Deniz, bitte. Es ist ganz sicher nicht meine Schuld gewesen“, sagte sie, genervt von dem Drama, was er um den gemeinsamen Sex machte.
„Du bist schuld, Jenny. Wegen dir hat sich Marie getrennt!“
Er trat einen großen Schritt auf sie zu und Jenny war ganz froh, den Balken zum Festhalten zu haben. Er schien betrunken zu sein. Sein Blick war leer, dennoch vermittelten sie Wut und ein Stück Verachtung. War sie sonst eher taff, verunsicherte sie sein Auftreten.
„Deine Goldmarie hat sich getrennt, weil du ihr unbedingt die Wahrheit sagen musstest, statt einfach mal das Arschloch zu bleiben“, konterte sie.
„Ich liebe sie! Ich hätte sie nicht weiter belügen können, wegen einer unbedeutenden Sache mit dir.“
„Unbedeutend? Warum spielst du dich dann hier so auf?“
Erneut kam er ihr ein Stückchen näher und sie zuckte kurz zusammen. Ihr Blick fiel auf seine Hände, die sich zu zwei Fäusten gebildet hatten. Langsam machte er ihr wirklich Angst.
„Jennifer Steinkamp macht natürlich nie irgendwelche Fehler. Es war ein Fehler, dich überhaupt zu heiraten. Du bist doch nur auf deinen eigenen Vorteil bedacht und wolltest dich an Marie rächen!“
Er griff ihr um das rechte Handgelenk. Mit ihrer schwächeren linken Seite musste sie sich nun am Balken festklammern. Es forderte all ihre Kraft, die sie sich in den Trainingseinheiten so mühsam erarbeitet hatte.
„Lass mich los“, sagte sie ungewohnt leise.
„Wegen dir ist mein ganzes Leben am Arsch, Jenny.“
„Deniz, du tust mir weh!“, sagte sie etwas selbstsicherer, aber dennoch recht leise.
„Und du? Dein egoistisches Verhalten hat Marie verletzt! Sie wird mir das nie verzeihen.“
„Das ist nicht mein Problem. Lass mich endlich los …“
Es klang wie ein Flehen und sie wusste sich nicht zu helfen. Ihr kam nicht der Gedanke, zu schreien. Immerhin stand doch hier Deniz vor ihr, wenn auch stark betrunken. Wann war er eigentlich so ein Weichei geworden? Bei ihrer Trennung hatte er sich nicht so abgeschossen. Er wollte schließlich nicht mehr mit ihr zusammen sein. Und jetzt funkelten ihn die Augen, die ihr eins so viel Liebe geschenkt hatten, boshaft an. Sie überkam ein kalter Schauer, aber keiner der guten Art.
„Du hörst besser auf die Lady“, sagte da eine männliche Stimme und zog Deniz mit einem Ruck von ihr weg.
„Misch dich da nicht ein, Ingo. Immerhin hat sie deiner Schwester -“
„Nein, mein Lieber. Du bist für den Scheiß verantwortlich“, unterbrach Ingo ihn, während er sich schon fast schützend vor Jenny stellte.
„Sie hat mich doch -“
„Dazu gehören immer zwei. Du hast meiner kleinen Schwester wehgetan und anstatt dich hemmungslos zu betrinken, solltest du dir mal überlegen, wie du das ausbügeln kannst. Und jetzt verschwindest du nach Hause, in dein Bett, und schläfst dich aus.“
Deniz blickte über Ingos Schulter noch einmal zu Jenny, verließ dann aber den Trainingsraum. Jenny atmete hörbar aus. Sie war erleichtert, dass er endlich weg war. Ihre Beine zitterten aber weiterhin fürchterlich und sie klammerte sich auch mit der rechten Hand wieder an den Balken.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Ingo.
„Nicht wirklich.“
„Möchtest du … darüber reden?“, bot er ihr an, aber sie schüttelte den Kopf.
„Ich würde gerne nach Hause …“
Ihr standen die Tränen in den Augen. Noch nie hatte sie Deniz so erlebt wie gerade eben. Sie hatte geglaubt, zwischen ihnen beiden könnte es vielleicht eine zweite Chance geben. Etwas, dass sie sich so sehr wünschte, und dann benahm er sich wie ein Wilder. Wie er sie angeschaut hatte, als ob sie ihn gezwungen hätte, mit ihr zu schlafen.
„Deniz war betrunken“, meinte Ingo, um die Sache wohl abzumildern.
„Ich will gerade nicht reden, okay?“, sagte Jenny bestimmend und griff nach ihrer Tasche, die sie aber nicht ordentlich zu packen bekam.
Sie fluchte leise vor sich her. Marie war nicht in der Lage, ihre privaten Probleme auf dem Eis auszuschalten, aber sie selbst war scheinbar auch nicht besser. Deniz´ Auftritt hatte etwas in ihr ausgelöst, was sie zuvor nie mit ihm verbunden hätte: Angst. Das warf sie aus der Bahn und sie wusste nicht damit umzugehen.
„Ich fahre dich nach Hause“, sagte Ingo nur, nahm die Sporttasche und reichte ihr den Gehstock an.
Sie lächelte leicht und machte sich langsam auf den Weg aus dem Trainingsraum heraus. Dabei vermied sie es, ihren Blick zu heben. Ingo sollte nicht merken, wie es in ihr aussah.
„Du hast noch Gefühle für ihn, oder?“, fragte er da plötzlich.
Moment? Konnte er jetzt schon ihre Gedanken lesen?
„Quatsch.“
„Jennifer Steinkamp, du hast Gefühle für deinen Noch-Ehemann.“
„Ich habe doch gesagt, dass ich nicht reden will. Du bist nicht mein Psychologe.“
„Vielleicht sollte ich umschulen. Scheinbar kann ich ganz gute Diagnosen treffen.“
„Haltlose Diagnosen“, sagte sie.
„Dann ging es dir also doch um deine Rache.“
„Nein! Es … Ingo, bitte“, stöhnte sie genervt.
„Okay, okay. Vielleicht ist es nicht der passende Zeitpunkt.“
„Sicherlich nicht. Fährst du mich bitte einfach nach Hause?“
Seine Anwesenheit beruhigte sie etwas, obwohl es sie ärgerte, dass er sie scheinbar durchschauen konnte.
Ja, sie hatte noch Gefühle für Deniz und gerade weil das so war, hatte sie sein Verhalten verunsichert und verängstigt. Sie hatte geglaubt, sie könnten wieder ganz normal miteinander umgehen. Ja, vielleicht hatte sie sich vor ihrer Nummer auf dem Schreibtisch vorgestellt, dass sie noch eine zweite Chance bei ihm bekommen würde. Marie war doch nun wirklich keine Konkurrenz für sie. Aber jetzt, wo er sie so angegangen war, wusste sie nicht mehr, woran sie noch glauben sollte. Der Sex hatte sich so nach früher angefühlt und war doch mehr als einfach nur Sex. Aber vielleicht hatte sie sich auch kräftig in Deniz getäuscht.
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