Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Ein Glas Rum, zwei Männer und drei Voodoo Hexen

von Imhotep
GeschichteFantasy, Erotik / P18 / Gen
10.01.2021
23.02.2021
7
18.937
4
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
23.02.2021 2.137
 
Kapitel 7: Nachthimmel

Elena lief unaufhörlich auf und ab. Die Dielen in dem alten Haus knarrten, als sie ans Fenster trat und hinaussah. Der nächste Weg ging zum Spiegel. Saß ihr Make-up? Wie sah sie aus? Sie versuchte, ein Lächeln aufzusetzen. Seit ihrer ersten Begegnung und dem spontanen Date tauschte sie ständig Nachrichten mit Shawn aus. Er war nett. Elena konnte Machos nicht ausstehen und ihre neue Bekanntschaft schien das genaue Gegenteil davon zu sein.

Was war das? Hatte es an der Tür geklingelt? Elena spurtete hinüber zum Fenster. Nein. Was war los mit ihr? Sie fuhr sich durch die Haare und wischte sich die verschwitzten Handflächen an ihrer Strumpfhose ab. Das war für gewöhnlich überhaupt nicht ihre Art. Jetzt aber schnell Hände waschen und kämmen! Hoffentlich ging der Abend ohne größere Katastrophen über die Bühne. Wenn Zoey beteiligt war, konnte man das nie so genau wissen. Und Philipp kannte sie bisher nur nackt und bewusstlos. Was für eine urkomische Vorstellung.

Elena hatte ihren Mitarbeitern frei gegeben und Umi mit ein paar Freundinnen und einem prall gefüllten Portmonee in ein Restaurant geschickt. Wieder riss ein Geräusch sie aus ihren Gedanken. Diesmal hatte es wirklich geklingelt. Sie eilte zur Tür. Da stand Shawn, er hielt einen Strauß mit roten, weißen und lilafarbenen Rosen in der Hand und lächelte zaghaft. Elena überkam wieder dieses Schaudern in ihrem Brustkorb, sie machte einen Schritt auf ihn zu und blieb im Türrahmen stehen. Keiner von beiden sprach ein Wort.

„Ein schöner Abend“, bemerkte Shawn und hielt ihr die Blumen hin. „Ich wollte mich bei dir entschuldigen das ich bei unserem ersten Date so komisch war.“

Automatisch sah sie zum Himmel. Er hatte Recht, die Sonne verschwand am Horizont und tauchte die umliegenden Gärten in ein orangenes Licht. Nichts, nicht einmal die schönste Kunst, war mit diesem Anblick vergleichbar. „Ach, es war doch alles gut. Ich habe es sehr genossen“, beeilte sie sich zu versichern, aber gleichzeitig spürte sie sein erneutes Bedauern. Und noch etwas anderes. Er hatte Angst. Elena nahm die Blumen entgegen.

Sie machte Platz, sodass er an ihr vorbei und ins Haus treten konnte. Vor was fürchtete er sich? Er folgte ihr. Zaghaft streckte er seine langen Arme aus. Wollte er eine Umarmung? Das warme Gefühl der Erleichterung durchflutete sie, als er sie quasi in seine Arme schloss. Sie konnte sich nicht entsinnen, schon einmal so umarmt worden zu sein. Elena musste sich gewaltig strecken, um seine Schultern zu erreichen. „Du bist echt groß.“, lachte sie und der helle Ton spülte die aufkommenden Zweifel für den Moment fort. „Das Essen ist fertig, aber die anderen beiden Gäste lassen auf sich warten. Hinten ist eine Terrasse, wo ein altes Sofa steht. Einer meiner Lieblingsplätze. Magst du mit mir hingehen?“

„Gerne“, hauchte er nur. Mit federnden Schritten lief sie voran, zwei Treppenstufen nach oben und durch die offenstehende Verandatür. Shawn ließ sich Zeit ihr hinterherzukommen. Minutenlang musterte er ihre Einrichtung, den Billardtisch, die Gemälde und vor allem die vielen Skulpturen, Gefäße und mit Federn geschmückte Kronen. „Der mexikanische Einfluss ist unübersehbar“, bemerkte er mit gedämpfter Stimme. „Ist deine Mutter eine Indigene?“

„Ja“, bestätigte sie. „Aber ich besitze nicht nur aztekische Kunstgegenstände, sondern interessiere mich generell für indigene Kunst, egal ob es Inuit, Cherokee, Maya oder Inka betrifft. Viele von mir designte Schmuckstücke oder Möbel haben dort ihren Ursprung, oder weisen zumindest Einflüsse auf.“ Sie trat von einem Bein aufs andere.

„Hast du nicht Angst das man dir kulturelle Aneignung vorwerfen könnte?“

„Das hat man schon. Sachliche Kritik prallt nicht einfach an mir ab. In erster Linie sehe ich mich als Künstlerin, die sich Inspiration holt. Aber ich versuche auch den Menschen, die bei mir Schmuckstücke und dergleichen in Auftrag geben etwas mitzuteilen. Darum geht es im Grunde.“

„Ein Gedanke, der sich bestimmt weiterverfolgen lässt.“ Er betrachtete immer noch eine goldene Sonnenscheibe, die an der Wand hing.

„Magst du auf die Terrasse gehen?“, fragte Elena höflich. Sie spürte wie seine Angst wieder wuchs, äußerlich schien er vollkommen gelassen.

Er nickte. „Gerne, verzeih mir meine Neugierde.“ Er geleitete sie nach draußen, hielt ihr die Tür auf.

„Neugierig zu sein ist nichts Schlimmes.“, antwortete Elena. „Da ist es schon.“ Sie deutete auf ein Sofa, das sich unter dem vorspringenden Dach befand. Davor wuchs eine Reihe bunter Rosen, man hörte das Plätschern von Wasser. Die Nacht war hereingebrochen, die Sterne leuchteten am wolkenlosen Himmel. Mit einem übertriebenen Seufzer ließ sich Elena auf das weiche Leder sinken und lehnte sich zurück. Sie streckte den rechten Arm aus und formulierte so eine stille Einladung. Er zögerte, Elena konnte seinen Herzschlag förmlich hören. Endlich näherte er sich, rückte seinen Anzug zurecht, kam langsam zu ihr herunter. Sie hätte gerne näher bei ihm gesessen, aber das traute sie sich nicht.

„Also“, flüsterte er. Seine Augen zuckten, seine Hände legte er erst in den Schoß, steckte sie anschließend in seine Hosentaschen und verschränkte sie zuletzt hinter seinem Kopf, um den Mond zu betrachten.

„Also“, wiederholte Elena.

„Was möchtest du über mich wissen? Ich habe dich eben zu deinen Kunstwerken ausgefragt.“

Elena biss sich auf die Zunge. Hunderte Fragen geisterten durch ihren Kopf, aber im Moment gab es nur eine Einzige, die es aus ihrer Sicht wirklich wert war, gestellt zu werden. „Ich würde gerne wissen wovor du Angst hast.“

Ruckartig kam er hoch, breite die Arme aus und sah sie an. Jetzt habe ich es verdorben, schoss es Elena durch den Kopf. Sie mochte Shawn, das war ihr schon bei ihrem ersten Treffen klar geworden. Aber da stand etwas zwischen ihnen, das ließ sich nicht leugnen. Er brauchte eine ganze Weile, bis er antwortete. „Ich bin mir nicht sicher ob ich bereit bin darüber zu sprechen“, sagte er so leise, dass Elena ihn nur mit Mühe verstand. Die Emotionen tobten in ihm wie ein Orkan. Wut, Trauer und über allem die Angst.

„Du kannst mit mir darüber sprechen oder nicht. Das bleibt selbstverständlich dir überlassen. Ich würde dich nur gerne besser verstehen und ich bin mir sicher, dass es mir leichter fallen würde, wenn wir ehrlich zueinander sind. Ich weiß, dass du mich grade kennengelernt hast. Ich habe Verständnis dafür, wenn du noch nicht so weit bist.“

Er lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln. Als wollte er etwas anderes überspielen. Jetzt rückte er näher an Elena, sodass sich ihre Arme berührten. Sie sah zu ihm hoch, musterte ihn, studierte seine dunklen Augen. Es glitzerte verdächtig darin, während er zu erzählen begann. „Ich war verlobt, mit Mary. Wir lernten uns schon an der High-School kennen. Ich liebte sie. Ihr Lachen, ihr ständiges Singen, Tanzen und Herumlaufen. Kurz vor unserem Abschluss kamen wir fest zusammen.“

Elena sah ihm immer noch in die Augen. Eine einzelne Träne rann über seine Wange. Es tat ihr so leid und gleichzeitig war sie überrascht. Damit hatte sie nicht gerechnet. „Was ist passiert?“, fragte sie nur.

Shawn lächelte wieder sein trauriges Lächeln. „Sie ging zur Army, wir kauften ein Haus, einen Hund, das Leben plätscherte vor sich hin. Ich war glücklich, plante schon die Verlobung. Dann kam der Irakkrieg. Sie verlor in einem Hinterhalt zuerst beide Beine, fiel ins Koma. Ich saß mit meinen Rosen jeden Tag an ihrem Bett, aber ich habe ihr Lachen nie wieder gehört.“ Mehr und mehr Tränen rannen ihm über die Wange. Er versuchte, es zu verhindern, aber er konnte sie nicht zurückhalten. Elena rückte näher, auch sie musste weinen. Seine Geschichte war so herzzerreißend traurig, es war, als ob jemand tausend kleine Nadeln in ihr Herz stechen würde. Es ging ihr durch Mark und Bein.

„Oh, Shawn, es tut mir so leid. Nie im Leben hätte ich nachgefragt. Komm her.“ Sie breitete ihre Arme aus. Dankbar ließ er sich von ihr in den Arm nehmen, sie streichelte zärtlich über seinen Kopf, seine Tränen benetzten ihr Kleid.

„Es fällt mir so schwer darüber zu reden“, sagte er leise. „Und jetzt ausgerechnet bei dir... In deiner Gegenwart fühle ich mich total verzaubert. Nicht Mal meine Mutter weiß davon. Die Sache passierte bevor ich sie meiner Familie vorstellen wollte. Egal. Du hast bestimmt jemanden erwartet der nicht gleich beim zweiten Date losheult.“

Sie holte tief Luft. Ihre Gedanken blieben auf die Empfindungen fokussiert. Sie streichelte ihn nicht nur mit den Händen, sondern hüllte auch seine Emotionen in eine weiche Umarmung. Er ließ sich jetzt regelrecht in ihren Arm fallen, seine Beine baumelten über dem Rand des Sofas und er sah zu ihr hoch. „Oh, ich kann Machos nicht ausstehen. Und harte Kerle auch nicht. Ich... Ich finde es fantastisch wie du deine Gefühle zulässt statt vor ihnen davonzulaufen. Auch wenn es ein trauriges Gefühl ist. Das, was du grade getan und gesagt hast verdient die allerhöchste Anerkennung. Du bist wirklich jemand Besonderes.“

Er lächelte seine Tränen weg. „Danke.“, antwortete er etwas verlegen. Sein Geruch vernebelte ihr ein wenig die Sinne. Seine Offenheit und seine Geschichte faszinierten Elena genauso, wie sie ihr Herz berührten. Eine gefühlte Ewigkeit lag er in ihrem Arm.

„Jetzt möchte ich aber noch wissen was du so mit dir herumträgst.“

Elena seufzte, während sie ihn weiter kraulte. „Im Vergleich zu dir war das eine Bagatelle. Ich lebe normalerweise auf Gran Canaria, aber ich besitze auch in Rom eine Wohnung. Sehr hübsch eingerichtet. Vor vielen Jahren lernte ich dort einen Mann kennen. Gabriel war sein Name. Er stammt aus einer streng katholischen Familie. Sein älterer Bruder war bereits in der Kurie tätig. Wir verbrachten den Sommer zusammen, fuhren ans Meer. Ich denke oft daran zurück. Immerzu lagen wir zusammen in der Sonne, schwammen und tauchten. Abends haben wir uns auf unserem Hotelzimmer geliebt, stundenlang und liefen nackt zum Strand zurück.“ Jetzt lächelte Shawn nicht mehr. Auf seinen Lippen lag die unausgesprochene Frage, wie die Geschichte zu Ende gegangen war. Elena schloss die Augen. „Das war es schon fast. Als es Herbst wurde, ging er zurück nach Rom und entschied sich für die Priesterlaufbahn. Alle meine Briefe blieben unbeantwortet. Ich habe ihn nie wieder gesehen.“

„Er muss ein Idiot sein,“, empörte sich Shawn, „dass er dich sitzen gelassen hat.“

„Das er mich sitzen gelassen hat war nie das Problem.“, erklärte sie leise. „Ich verstehe, dass es andere Lebensentwürfe gibt. Jeder muss seine Bestimmung finden und wenn jemand sie bei Gott findet, kann ich das nachvollziehen. Ich hätte es nur gerne von ihm persönlich erfahren. Ich habe ihn nie bedrängt, im Gegenteil. Ist es da zu viel verlangt mit mir zu sprechen, mich noch einmal in den Arm zu nehmen und mir die Lage zu erklären? Bin ich das nicht wert?“

Schneller als Elena es ihm zugetraut hätte, kam Shawn hoch, sodass sie fast mit den Köpfen aneinandergestoßen wären. „Doch, das bist du wert! Ich kann nur vermuten das er Angst hatte dich zu verletzen.“

„So war ich jedenfalls noch verletzter, so verletzt wie noch nie zuvor in meinem Leben.“

„Das kann ich mir sehr gut vorstellen.“

Eine unangenehme Stille folgte auf diese beiden Geständnisse. Shawn hatte sich zu ihr umgedreht und war ein Stück von ihr abgerückt.

Sie sahen sich an. „Jetzt waren wir wohl schonungslos ehrlich zueinander.“

„Ja“, lächelte Elena tapfer. „Und ich denke, nun verstehen wir einander besser. Es ist für mich gut, wenn wir uns Zeit nehmen zum Kennenlernen. Ich werde nicht ewig auf Jamaika sein. Allerdings reise ich auch oft beruflich in die Staaten, sodass wir problemlos in Kontakt bleiben können.“

„Ich würde gerne mit dir in Kontakt bleiben.“

„Vielleicht sollten wir erst einmal den Abend abwarten. Nachher findest du mich doch furchtbar.“, vermutete Elena belustigt. Jetzt, nach diesem Gespräch war ihre Stimmung gelöster und auch Shawn war eindeutig ein Stein vom Herzen gefallen.

„Ich find dich ganz gewiss nicht furchtbar.“ Er schob sich näher an sie, sie guckte zum Himmel und dann wieder zu ihm. Er öffnete seinen Mund, als wollte er etwas sagen, aber in genau diesem Augenblick näherte sie sich ihm schneller, als hätte sie es schon immer vorgehabt und öffnete dabei ebenfalls ihren Mund. Seine Lippen sahen weich und verführerisch aus. Zärtlich legte er seine riesige Hand auf ihre Wange, strich über das geschwungene Kinn bis auf die andere Seite, schob ihre Haare weg. Jetzt konnte er jede einzelne Sommersprosse in ihrem Gesicht sehen. Elenas Magen drehte sich. Ihre Gefühle überschlugen sich. Aufregung wandelte sich in pure Vorfreude.

„ELENA!“

Die rauchige, kratzige Stimme hallte durch das Haus. Elena sprang auf, bevor sich ihre Lippen berühren konnten, stolperte über seine Beine und fiel der Länge nach hin. „Oh, es tut mir so leid, warte“, rief der völlig verdatterte Shawn und packte sie fast grob, um sie wieder auf die Füße zu stellen. Die Magie des Moments war verflogen, zusammengefallen wie ein Kartenhaus.

„Elena“, brüllte Zoey ein zweites Mal, näher als zuvor.

„Verflucht“, zischte Elena. „Meine Freundin ist hier. Wir wollten doch zusammen essen. Komm mit.“ Shawn blieb nur ein kurzer Moment des Bedauerns, bevor er von Elena an die Hand genommen wurde.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast