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Der Sturm der Vereinigung (Teil 3)

von Velutina
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
10.01.2021
30.03.2021
14
8.190
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Das Leben im Dorf ging gewöhnlich weiter. Anstatt weiter auf Reisen zu gehen, oder es von ihnen zu verlangen, wurden die Vier bestens integriert. Es schien für den Moment das Beste zu sein.
Doch während der Start ganz gut aussah, wurde Elana mittlerweile nicht wirklich gemocht. Zwar zeigte sich dies kaum, längst nicht so übel wie bei Destroyll, bloss in stiller Ablehnung. Ausser von Chekert. Dieser war begeistert von ihr. Er sah nicht das Äussere, sondern ein fleissiges, tapferes Mädchen, das oft gekämpft hatte, doch die Fäuste nicht oft einsetzen musste.

Anfangs schien es, als würden die Reisepläne demnächst wieder aufgenommen und als wären sie bloss vertagt.
Doch mit der Zeit hätte kaum noch etwas diese Routine durchbrochen.
Selbst wenn etwas unerwartetes geschehen wäre, würde es nur in einen kleinen Ausschlag in der Routine eingehen. Dies waren sie sich ja doch bereits gewöhnt.
Die Vier waren nicht unglücklich darüber.

Doch ein kleiner Vorfall gehörte definitiv nicht zur Routine, und kam manchmal nochmal zur Sprache. Es betraf nur die Vier, und Sator's neugierige Brüder. Zum Glück für die Vier erzählten die ihre Entdeckung nicht weiter herum. Diese hatten nämlich die beiden Küsse beobachtet, und es flugs auch den Vier gepetzt. Das war definitiv keine schlaue Idee gewesen, es war ein Wunder, dass sie nicht von Sator und den Anderen dafür erdrosselt wurden.
Doch bald sahen sie auch darüber hinweg, es wurde nicht mehr angesprochen - und es gab natürlich auch keine Küsse mehr.

An diesem einen Tag jedoch, der die Routine endgültig durchbrechen sollte, hatte Elij einen kleinen Husten. Elijah, die immer noch auf der Pritsche in seiner Hütte schlief, merkte es morgens gar nicht. Der Husten fing auch erst gegen Nachmittag an, als die Vier, ausnahmsweise mal wieder, bei Chekert in der Schule waren. Eigentlich waren sie davon befreit, und die Gleichaltrigen gingen sowieso schon mindestens halbtags einer Arbeit nach. Seit Chekert Dorfoberhaupt war, unterrichtete er nur noch die jüngeren Kinder. Für mehr reichte seine Zeit nicht, und die Älteren konnten eigentlich schon alles Wichtige. Alles war ein bisschen durcheinander geraten, besonders der Unterricht. Manche freuten sich darüber, doch eigentlich wurde das Chaos doof und es blieb Chaos. Eine Regelmässigkeit konnte trotz anderer Aktivitäten nicht hergestellt werden.
Dass Chekert heute wieder unterrichtete, war nur eine trübe Erinnerung und Lockruf der Vergangenheit. Sie waren alle für einmal fleissig dabei, die Tage danach, wieder ohne Schule und ohne Rechnen oder andere mentale Aufgaben, daran dachte momentan niemand.
Nach Schluss der Unterrichtsstunde hielt er Elijah zurück, bevor sie zu Elij gehen konnte. Vielleicht hatte er den ganzen Tag nur darauf gewartet.
"Was ist denn los?" fragte sie.
Chekert öffnete und schloss den Mund. Es war zu früh oder falsch, jetzt mit der Wahrheit herauszurücken, angesichts ihres erstaunten Ausdruckes. Er hatte anderes gedacht, aber natürlich war sie überrascht.
"Weisst du, wenn es wegen Destroyll..., und all dem ist, können wir gerne darüber reden", versuchte sie es.
Nun hob er die Augenbrauen. Er dachte nicht, dass sie mit Liebesdingen zu ihm käme. Doch ihm war es nur Recht.
"Ein guter Knabe. Ich hätte mir etwas anderes unter dieser damaligen kleinen... Mutprobe vorgestellt" er  räusperte sich. "Aber es geht doch um dich. Sag mal, warst du zufrieden damit, oder hättest du dir mehr gewünscht?"
Sie zuckte mit den Achseln. "Es war ganz in Ordnung. Echt süss. Aber glaub mir, ich lasse mich auf nichts derartiges mehr ein, mir kann das niemand noch einmal befehlen! Freiwillig jedoch...".
Chekert lächelte. Damit war das Thema wohl beendet. In dem Moment kam Elij ihnen entgegen. Er hatte ihm nicht gesagt, dass er mit Elijah reden wollte und worüber, doch der Greis war wohl nicht dumm. Er beschleunigte seinen Schritt um schneller bei Elijah zu sein. Im Angesicht seines Alters konnte der Greis wirklich noch schnell gehen. Andere Teile seines Körpers gaben jedoch langsam nach. Daher kam auch der Husten, so wusste Chekert. Und dies war schlimmer, oder eher eindeutiger als Blindheit oder Taubheit. Es war der Lauf des Lebens.
Doch Elijah hatte noch nichts von seinem Gespräch gehört und wirkte relativ unbesorgt. Ein kleiner Schatten auf ihrem Gesicht entging ihm jedoch nicht.
Elij setzte sich auf den Boden. Er schwieg. Und schwieg. Nur sein Atem durchbrach die Stille.
Chekert glaubte, dass Elij nicht überlegte, sondern wartete.
Irgendwie kam er jedoch auf den Eindruck, dass Elijah über Destroyll geredet hatte, denn das erste was er zu ihr sagte, war weitaus direkter heraus: "Ich glaube, ich werde nicht mehr erleben, wie Destroyll und du euch auch nur etwas näher kommt".
Das Sprechen machte ihm Mühe, er konnte nicht weiter ausführen, dass er sie natürlich nicht zwingen wollte. Nun klang es so, als würde er nicht nur seinen baldigen Tod herbeisagen, sondern auch die Union zwischen Destroyll und Elijah.
Sie wirkte nur einen kleinen Augenblick traurig, dann änderte sich ihr Ausdruck zu einer plötzlichen Wut. Offensichtlich dachte sie nicht daran, sie zurück zu halten. Natürlich war sie noch niemals wütend auf Elij gewesen, vielleicht auch heute nicht.
In ihrem Kopf kreisten Gedanken, die sie Elij an den Kopf werfen wollte, während sie aufsprang und sich positionierte, um ihrer Wut mehr Ausdruck zu verleihen. Ihm konnte dabei nichts geschehen, sie berührte ihn nicht einmal und er nahm ihren Ausbruch soweit auch gelassen zur Kenntnis. Er vertraute ihr, sie würde ihm nichts antun.
Elijah war nahe dran, Sator und Elana zu verraten, indem sie mit gefährlichem Unterton sowas sagte wie: "Ja, wir gehen es eben langsam an. Nicht so wie die zwei, die sich am Fluss geküsst hatten".
Davon wusste Elij bestimmt nichts. Zumindest hatten Sators Brüder dies beteuert.
Dann überlegte sie, immer noch wütend, doch nun eher mit einem verzweifelten Versuch, die Zeit zu kontrollieren, ob sie Elij versprechen sollte, noch dieses Jahr mit Destroyll die Zeremonie auszuführen. Früher wollte sie nicht, doch es wäre dann womöglich zu spät. Vermutlich sogar mit aller Sicherheit. Wenn sie die Zeit austricksen wollte, müsste sie es schneller tun. Und schlussendlich wäre es gar kein Trick, sondern bloss die Beschleunigung einiger Tatsachen. Wer redete hier denn von Tatsachen? Sie würde Dinge beschleunigen, die weder Hand noch Fuss hätten. Sie könnte es bitter bereuen. Sicherlich.
Sie war nun immer noch wütend, tatsächlich war sie drauf und dran Bäume auszureissen, um sich besser zu fühlen. Für Elij und Chekert bot sich allerdings ein ganz anderer Eindruck ihres Gesichts.
Chekert berührte sie am Arm, beschwichtigend, und versuchte vorsichtig das Gespräch fortzusetzen:
"Ich denke es wird Zeit, dass Elij dir sagt, was es mit seinem Husten auf sich hat!"
Eigentlich war dies nun mittlerweile klar, doch es war immer gut, auch den ärztlichen Eindruck zu hören. Viel wussten sie zwar nicht von dem organischen Vorgehen im Menschen. Doch Chekert besass als Lehrer auch darüber etwas Wissen. Er fand, dass Elijah es von Elij hören sollte.
Elij war wieder so weit zu Atem gekommen, um es ihr haarklein zu beantworten.
Nicht, dass Elijah interessiert aussah. Doch sie getraute sich nicht, Chekerts Bitte zu widersprechen. Sie würde es auf sein Geheiss hören, ob sie nun wollte oder nicht. Sie wusste auch, dass sie es hören musste. Elij hätte die Begabung, sie trotzdem zu trösten, egal wie schockierend es wird.
"Meine Lungen sind noch gut, für mein Alter, " begann er nun auch mit der positiven Nachricht.
Chekert wusste, dass er damit vermutlich auf Krankheiten anspielte, wie Schleim oder Wasser in der Lunge. Er dachte bereits, dass Elij nicht darunter litt, da sein Husten trocken war. Und er litt auch nicht unter Atemnot, solange er sich nicht anstrengte. Der Unterschied, was Anstrengung war, sah natürlich ganz anders aus wie bei den Jüngeren. Trotzdem war Chekert erstaunt über Elijs verbliebene Leistungen.
Elij jedoch brauchte nun einen kleinen Anstoss, um weiter zu reden. Chekert gab ihm diesen nickend.
Es fiel auch Elij nicht leicht, das Kommende zu akzeptieren, obwohl er keine Wut fühlte. Er fühlte sich gleichzeitig müde, und ebenso als müsste er noch vieles erledigen. Natürlich konnte er dies nun nicht mehr.
"Du solltest dich auf meinen Tod vorbereiten", war das Beste, was ihm einfiel. Es fühlte sich gut an. Und vielleicht sagte er es auch ein Stückweit zu sich selber. Denn er setzte etwas hinzu, was ihm spontan einfiel, eine genauere Zeitangabe. Er dachte eigentlich bisher, dass es länger gehen würde, und das bisschen Husten schien nun auch nicht so dramatisch. Erst als er es ausgesprochen hatte, fühlte Elij sich verzweifelt. "Wir haben dafür nur noch wenige Tage Zeit. Elijah mein Kind!"
Er stellte klar, dass sie für immer sein Kind bliebe. Sie sollte sich daran erinnern, wenn sie später an ihn dachte.
Es dauerte eine Weile, bis Elijah sich gefasst hatte. Sie schluchzte sogar kurz, und war dann ebenso ratlos.
Schliesslich beschloss sie, dass Destroyll auch dabei sein sollte. Er hatte sie nach der Schule wortlos alleine mit Chekert gelassen. Doch nun brauchte sie ihn. Seine Hilfe hatte sie natürlich noch nie gebraucht. Ihre Beine fühlten sich zittrig an, doch sie stand noch immer. Durfte sie überhaupt noch von Elijs Seite weichen? Sie wollte nicht, doch eine Minute würde doch reichen, um Destroyll zu finden. Er konnte nicht weit weg sein. Sie entschloss sich, Elij nicht nach seinem Rat zu fragen. Ein Nein von ihm hätte ihr noch den letzten Boden unter den Füssen weg gerissen. Eigentlich ging der Abschied zwar vor allem nur sie etwas an. Wie Elij es mit seinen leiblichen Kindern regelte, ging sie natürlich nichts an.
"Ich rufe Destroyll!" kündigte sie an und rannte dann zu Sators Hütte.
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