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Ein magischer Moment

GeschichteDrama, Romance / P12 / Het
Jim Beckett Kate Beckett Martha Rodgers Richard Castle
10.01.2021
28.01.2021
7
15.752
11
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22.01.2021 2.088
 
Am nächsten Tag ging Rick fröhlich pfeifend in die Klinik. Seit dem gestrigen Tag schien er zu schweben.
Schwungvoll öffnete er die Tür zu Kates Zimmer und zuckte zurück. Leer. Rick schwankte und lehnte sich schnell an den Türrahmen.
„Mister Castle, ist alles in Ordnung?“
„Wo … wo ist Kate?“
Schwester Marion sah in das Zimmer. „Ganz ruhig, Mister Castle. Es geht Mrs. Beckett gut. Sie ist nur bei einer Untersuchung. Durch mehrere Notfälle wurde alles nach hinten geschoben.“
„Oh … okay … gut. Ich dachte …“
Was er gedacht hatte, war offensichtlich und durchaus verständlich. „Sie müsste gleich wiederkommen.“ Sie hörte ein Geräusch und drehte sich zur Seite. „Und da ist sie auch schon.“
Rick drehte sich ebenfalls um und stutzte. „Ihr Verband.“
„Die Platzwunde ist verheilt. Durch die ungünstige Lage am Hinterkopf hat es etwas länger gedauert.“ Schwester Marion lächelte. „Schaut gleich ganz anders aus, oder?“ Ihr war der intensive Blick aufgefallen, mit dem Rick die Patientin beobachte.
„In der Tat.“ Natürlich waren die Haare von Kate nach der langen Zeit mit dem Verband nicht so luftig locker, wie er es in Erinnerung hatte. Aber es waren ihre Haare. Ohne jeden Zweifel.
„Ich lasse Sie beide dann mal wieder allein.“ Schwester Marion wartete, aber Rick war in Gedanken vertieft. Mit einem leichten Lächeln verließ die Schwester das Zimmer und schloss die Tür. Da drinnen schien gerade Amor am Werkeln zu sein und da wollte sie wirklich nicht stören.
Rick holte die heutige Zeitung und sein Buch aus der Tasche, stellte den Stuhl näher an Kates Bett und setzte sich. „Du schaust wunderschön aus, Kate. Trotz allem. Aber bitte, wach endlich auf.“ Er seufzte leise, bevor er begann, ihr wieder vorzulesen.

~~~~~~

Einige Tage später saß Rick wie üblich bei Kate. Mit der Zeitung waren sie durch, nun las er ihr wieder aus seinem Buch vor. Er las Zeile für Zeile, doch seine Gedanken waren bei der Frage, wie lange jemand im Koma liegen konnte und es trotzdem noch Hoffnung gab, dass diese Person aufwachen und auch vollkommen gesund werden würde. Bei Kate waren es jetzt vier Wochen und Rick hatte Angst davor, dass daraus vier Monate … vier Jahre … werden könnten.
Er unterbrach das Vorlesen und strich Kate sanft über den Arm. „Egal wie lange, Kate. Ich werde weiterhin herkommen. Immer.“ Mit ruhiger Stimme fuhr er fort, ihr die Geschichte seines Buches vorzulesen. So verging weitere Zeit. Rick vermochte später nicht zu sagen, wie viel, aber auf einmal merkte er, dass etwas anders war. Er schaute auf und glaubte zu träumen. Sofort legte er das Buch beiseite, betätigte die Klingel, während er beruhigend auf Kate einsprach, die sich bewegte. Nicht viel, aber sie bewegte sich!
„Es ist alles in Ordnung, Kate.“ Behutsam strich er ihr über den Arm. „Bleib ruhig. Gleich kommt jemand. Ruhig Kate.“
Die Tür ging auf und Schwester Marion kam herein. „Mister Castle, was …“
„Sie bewegt sich“, unterbrach Rick sie sofort. „Sie ist so unruhig.“ Man hörte seiner Stimme an, wie aufgeregt, aber gleichzeitig ängstlich er war.
Die Schwester kam ins Zimmer, beobachte Kate einen Moment und meinte zu Rick. „Sie atmet gegen den Schlauch. Kein Grund zur Besorgnis.“
„Aber was bedeutet das?“
„Möglicherweise, dass sie wieder selbstständig atmen kann. Entschuldigen Sie mich, ich muss Dr. Cunningham holen.“
Rick nickte lediglich und wurde nicht müde, Kate über den Arm zu streichen. „Streng dich nicht an, Kate. Es ist alles gut. Du  bekommst Luft.“
Die Tür wurde erneut geöffnet und ein etwa vierzigjähriger, großer Mann kam hereingelaufen, dicht gefolgt von Schwester Marion. Rick trat sofort vom Bett weg. Zum einen natürlich, damit der Arzt Kate untersuchen konnte, zum anderen damit er gar nicht erst auf den Gedanken kam, ihn rauszuschicken. Er würde sich nicht einen Millimeter von der Stelle bewegen, doch der Arzt beachtete ihn gar nicht.
„Ich denke, wir können mit dem Weaning beginnen, Schwester.“
„In Ordnung, Doktor.“ Sie lächelte Rick beruhigend zu, der kaum Luft holen konnte, so angespannt war er, während er den beiden zusah.
„Was tun Sie denn jetzt?“, erkundigte er sich leise und erst jetzt schien der Arzt ihn wahrzunehmen. Ein Blick zur Schwester, die nickte, was, so dachte sich Rick wohl heißen sollte, er könne es ihm ruhig erzählen.
„Das ist Mister Castle, Doktor Cunningham. Ein Freund der Familie. Er war in den letzten Wochen jeden Tag hier und hat Mrs. Beckett vorgelesen“, erklärte die Schwester zusätzlich.
„Ah, okay. Also Mister Castle, wir beginnen jetzt die maschinelle Unterstützung der Atmung langsam runterzufahren, damit sich der Körper von Mrs. Beckett so Schritt für Schritt wieder an seine Aufgabe gewöhnen kann. Diese Entwöhnungsphase nennen wir Weaning.“
„Das ... das klingt doch gut, oder? Ich meine, es ist doch gut, wenn Kate wieder allein atmet?“
„Das ist auf jeden Fall gut“, bestätigte der Arzt. „Es bedeutet aber nicht, dass Mrs. Beckett aus dem Koma erwacht. Darüber müssen Sie sich klar sein, Mister Castle. Allerdings erhöht es ihre Chancen, zwar nur etwas, aber immerhin.“
„Eine kleine … minimale … Chance ist besser als gar keine, Doktor Cunningham“, erwiderte Rick, während sein Blick liebevoll auf Kate ruhte. „Ist dieses … Weaning gefährlich? Und wie lange dauert es? Wann wird der Schlauch entfernt?“
„Es kann zu Komplikationen kommen“, gab der Arzt zu. „Aber damit rechne ich nicht. Allerdings dauerte die Beatmung bei Mrs. Beckett einen Monat. Da kann die Entwöhnung durchaus zwei, drei Wochen dauern. Wir müssen abwarten, wie sich die nächsten Tage entwickeln.“
„In Ordnung. Danke Doktor Cunningham, dass Sie mir das alles so genau erklärt haben.“
„Gerne, Mister Castle.“
Der Arzt verabschiedete sich und Rick hörte noch, wie er der Schwester sagte, Kate sollte jetzt engmaschig beobachtet werden. Ein Klicken, die Tür schloss sich.
„Ich freue mich so, Kate. Was meinst du, wie dein Dad nachher schauen wird. Gibt jetzt aber nicht auf, hörst du? Du musst weiterkämpfen. Ich werde hier sein, an deiner Seite. Und wenn du erst wach und wieder gesund bist …“ Er sprach nicht weiter, doch seine Stimme war ein Versprechen. Und vielleicht konnte Kate es ja hören.

~~~~~~

Wieder einmal saßen Jim und Rick zusammen bei Kate. Das passierte in letzter Zeit öfter. Sobald Jim mit seiner Arbeit fertig war, kam er in die Klinik und Rick blieb, statt wie anfangs nach Hause zu fahren. Die Männer verstanden sich gut und Rick erfuhr so ein bisschen mehr über Kate. Aber auch er erzählte Jim einiges von sich und Martha. Irgendwann, sobald es Kate besser ging, würden sie sich alle mal treffen. Das hatten sie vereinbart. Natürlich war beiden auch klar, dass dieser Moment nie kommen könnte. Eine Woche war seit dem Start der Entwöhnungsphase vergangen. Die Ärzte waren sehr zufrieden mit dem Verlauf und wollten noch eine Woche warten, bevor sie den Versuch starten würden, Kate ganz von der Maschine zu nehmen.

Darüber sprachen Rick und Jim gerade, als dessen Telefon klingelte.
„Es ist Ryan“, sagte Jim etwas verwundert. „Ryan, was gibt es? ….. Den Fernseher einschalten? Die Nachrichten auf Kanal 9? Klar machen wir.“ Jim hörte erneut zu und atmete durch. „Wirklich? Gott sei Dank, danke Ryan. Das werden Kate und ich euch nie vergessen.“
Rick war inzwischen aufgestanden, hatte den Fernseher eingeschaltet und sah Jim fragend an, doch der schien mit seinen Gedanken weit fort. Jedenfalls schaute er wie gebannt auf den Fernseher und auch Rick wurde neugierig, als auf einmal ein Foto von Javier und Ryan erschien … mit Senator Bracken in Handschellen.
Was hat denn die Mordkommission mit dem Senator zu tun?
„Verehrte Zuschauer, heute wurde ein fünfzehn Jahre alter Mord an einer Anwältin aufgeklärt, den man damals der Bandenkriminalität zuordnete. Unser Team wurde Zeuge der Verhaftung, es geschah, während eines Fernsehinterviews mit Senator Bracken, von der sie berichten wollten. Wir zeigen Ihnen jetzt die Aufnahmen.“
Während Rick sich noch fragte, was das wohl alles bedeutete, wurde die Aufnahme abgespielt. Der Senator beantworte selbstsicher die Fragen der Journalistin, bis er auf einmal begann unsicher zu wirken und sein Blick schien an der Kamera vorbeizugehen … zu den Geschehnissen dahinter. Dann trat Javier auf ihn zu, mitten während des Interviews.
„Senator Bracken. Ich verhafte Sie wegen Betrugs, Verschwörung … und Mordes an Johanna Beckett sowie versuchten Mordes an Detective Kate Beckett.“
Der Senator war aufgestanden. „Machen Sie sich nicht lächerlich, Detective. Es gibt keine Beweise.“
„Doch, gibt es“, war die kühle Antwort von Javier. „Und nun drehen Sie sich um.“
„Sie machen einen Fehler Ich …“
„Umdrehen!“
Bracken drehte sich und zuckte zusammen, als Javier ihm die Handschellen anlegten. Wie Rick vermutete, fester als nötig. „Sie haben das Recht zu schweigen, alles was Sie sagen kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden“, begann Javier dem Senator seine Rechte zu erklären, während er ihn abführte.
„Wir wissen noch nichts genaueres“, war nun wieder die Nachrichtensprecherin an der Reihe. „Aber wir werden natürlich darüber berichten, sobald es weitere Informationen gibt.“

Jim schaltete den Fernseher aus und schaute zu seiner Tochter. „Es ist vorbei, Katie. Endlich ist es vorbei. Deine Mum hat die Gerechtigkeit  bekommen, für die zu so gekämpft hast und für dich kann ein neues Leben beginnen. Du musst nur aufwachen.“ Er wischte sich über die Augen und seufzte leise.
Rick hingegen war fassungslos. Er hatte es gehört und gesehen, begriff es aber nicht. „Jim? Können Sie mir das bitte erklären?“
Der Anwalt schreckte aus seinen Gedanken hoch. Er hatte Rick völlig vergessen, der ihn sichtlich entsetzt, aber auch fragend anschaute.
„Vor fünfzehn Jahren waren meine Frau, Kate und ich zum Essen verabredet“, begann Jim. „Johanna kam aber nicht. Wir dachten uns nichts dabei, Johanna vergaß oft die Zeit, wenn sie an einem Fall arbeitete. Kurz nachdem Kate und ich wieder zuhause waren, kam ein Polizist und erzählte uns, Johanna sei überfallen worden … und noch am Tatort gestorben.“
„Das ist schrecklich“, meinte Rick leise.
„Es war, als würde sich unter uns ein Loch auftun. Kate und ich waren wie betäubt. Ich habe keine Ahnung, wie wir die Tage bist zur Beerdigung überstanden haben. Und danach war nichts mehr wie vorher. Kate war erst neunzehn, eigentlich eine aufgeschlossene, fröhliche und auf die Welt neugierige junge Frau. Nun zog sie sich von allem und jedem zurück. Traf sich nicht mehr mit ihren Freunden, sondern war nur in ihrem Zimmer.“ Jim seufzte. „Ich hätte mich mehr um sie kümmern müssen, aber ich war selbst zu sehr mit meiner Trauer beschäftigt und begann zu trinken. Anfangs nur ein Glas nach der Arbeit, dann wurden es zwei. Nun ja, bis ich es nicht mehr verheimlichen, geschweige denn kontrollieren konnte. Ich verlor meinen Job und wachte trotzdem nicht auf.“
„Und Kate? Was tat sie?“
„Anfangs hat sie versucht, mich vom Trinken abzubringen. Hat gefleht, gebettelt, geweint. Es war mir egal.“
Rick musste schlucken. Arme Kate. Und armer Jim. „Und dann?“
„Hat sie aufgegeben und gesagt, wenn ich mich zu Tode saufen will soll ich das tun, aber ohne sie. Kate ist ausgezogen. Erst da habe ich erfahren, dass sie sich bei der Polizeiakademie beworben hatte und angenommen worden war. Und obwohl ich in der Zeit kaum einen Moment hatte, wo ich klar im Kopf war, wusste ich sofort, warum sie das getan hatte.“
„Um den Mörder ihrer Mum zu finden.“
„Genau.“
„Und jetzt wird Bracken dafür eingesperrt. Auch wenn Kate auf den letzten Metern nicht selbst dabei war, denke ich, wird es zum größten Teil ihr Verdienst sein.“
„Weil sie nie aufgegeben, sich oft über alle Regeln hinweggesetzt und ihr Leben aufs Spiel gesetzt hat. Doch das schien ihr völlig egal zu sein.“
„Und ihre Kollegen?“
„Sind jeden ihrer Schritte mitgegangen. Haben Grenzen überschritten, um ihr den Rücken freizuhalten. Nachdem auf Kate geschossen wurde, waren die Jungs genauso verbissen hinter dem Mörder her, wie Kate vorher. Ohne sie hätte es den Erfolg heute nicht gegeben.“
„Ein Team also.“ Rick verspürte so etwas wie Bedauern, dass er nicht auch dazugehörte.
„Und beste Freunde.“
Auch das war er nicht. Ein Freund. Momentan wusste er überhaupt nicht zu sagen, was er eigentlich war. Nun ja, doch. Es klang nur nicht so gut … er war nicht mehr und nicht weniger als ein ehemaliger One Night Stand. Aber er sollte verdammt sein, wenn er nicht versuchen würde, mehr zu werden.


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Zur Info: ich recherchiere medizinische Dinge immer, aber natürlich kann man die Realität nicht immer in einer FF umsetzen und muss da mitunter ein paar "Anpassungen" vornehmen. Das nur für die medizinschen Fachleute unter euch ;-)


Na, ist euch auch kurz das Herzchen in die Büx gerutscht als das Zimmer leer war? ;-) Armer Rick
Aber dafür kennt er nun Kates Familiendrama.  Und Kate hat immerhin einen kleinen, aber wichtigen Fortschritt gemacht.
Alles in allem könnt ihr mit dem Kapitel also zufrieden sein. Hoffe ich ;-)
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