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Yoruko - Heart of Darkness

GeschichteFantasy, Übernatürlich / P16 / Gen
10.01.2021
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Am Anfang war…
Ja, was war eigentlich am Anfang gewesen? Wenn Yoruko so darüber nachdachte, dann konnte sie sich gar nicht mehr daran erinnern. Ihre früheste Erinnerung war der Tag, an dem sie diese Stimme das erste Mal in ihrem Kopf gehört hatte. Damals hatte Shiroi, ihre ältere Zwillingsschwester, gerade zum ersten Mal ihre Lichtkräfte entdeckt und war hellauf begeistert durch den Palast gelaufen.
„Guck mal, Vater! Ich bin wie du!“, hatte das kleine Mädchen freudig geschrien, während ihre Handflächen in einem hellen, aber warmen Licht strahlten. Ihr Vater, der Erzengel Luzifer, hatte stolz gelächelt und sie in den Arm genommen.
„Das Licht ist eine Gabe, meine süße Shiroi. Geh weise damit um und nutze es niemals für das Böse. Versprichst du mir das, mein Schatz?“
„Natürlich, Papa!“, hatte die junge Dämonin brav geantwortet und ihren Vater dabei innig umarmt. „Ich werde eines Tages genauso groß und stark sein, wie du! Und dann passe ich auf unser Reich auf und beschütze es an deiner Stelle!“
„Und was soll ich dann machen?“, hatte Luzifer gespielt bestürzt gefragt.
„Du kannst dann endlich bei deiner geliebten Ehefrau im Palast bleiben und mit ihr den Tag genießen.“ Ihre Mutter Lilith hatte sich in das Gespräch eingemischt und Shiroi sanft lächelnd durch ihr schneeweißes Haar gestreichelt. „Wir sind unglaublich stolz auf dich, meine Süße. Ganz sicher wirst du mal eine genauso mächtige Kriegerin, wie deine Mutter.“
„Wie ihr Vater, wolltest du sagen“, wollte Luzifer einwenden, doch Lilith legte ihm den Finger auf den Mund und gab ihm dann einen liebevollen Kuss.
„Habe ich gestottert, mein König?“
„Nein, meine Königin“, entgegnete der Erzengel grinsend.
„Das dachte ich auch nicht. Du hast mich schon richtig verstanden.“

„Ich wünschte, ich könnte so etwas auch“, dachte sich Yoruko und spürte, wie sie ihre ältere Schwester um diese Gabe beneidete. Nur zu gern würde sie ihrem Vater oder ihrer Mutter nacheifern, um selbst auch eine große Kämpferin für das Dämonenreich zu werden. Aber so sehr sie es auch versuchte…das mit den Lichtstrahlen wollte einfach nicht funktionieren. Dabei sah es bei Shiroi so einfach aus! Doch selbst nachdem sie ihre Schwester um Hilfe gebeten hatte, funktionierte es nicht. Verzweifelt strengte sie sich an, ohne auch nur das geringste Erfolgserlebnis. Yoruko erinnerte sich noch, wie sie frustriert im Hinterhof des Palastes zusammengesunken war und geweint hatte. Wie sollte sie jemals eine Verteidigerin der Dämonenwelt werden, wenn sie nicht einmal solche Kleinigkeiten zustande brachte?
„Yoruko…“
Das kleine Mädchen zuckte vor Schreck zusammen. Hatte sie sich das gerade nur eingebildet? Oder hatte wirklich jemand ihren Namen gesagt? Suchend sah sie sich um, doch niemand war zu sehen. War es doch ein Irrtum?
„Nein, du irrst dich nicht. Ich habe mit dir geredet.“
Da war sie wieder, diese Stimme. Doch woher kam sie? Es klang fast, als wäre sie in Yorukos Kopf…
„W-w-wer bist du?“
„Ich könnte dir bei deinem Problem helfen, wenn du mich lässt…“
„Problem?“
„Du möchtest doch auch so tolle Fähigkeiten haben, wie deine Schwester, oder nicht?“
Ihre Miene hellte sich schlagartig auf.
„Du kannst mir helfen, damit ich das auch kann?“
„Das kann ich tatsächlich, wenn du es möchtest.“
Die Stimme hatte nicht gelogen: Schon Sekunden, nachdem Yoruko ihr Einverständnis gegeben hatte, begannen ihre Hände zu leuchten. Allerdings war es kein helles, weißes Licht, so wie bei Shiroi. Nein, es war dunkel, fast schon pechschwarz. Aber das kümmerte sie nicht. Die Farbe spielte keine Rolle – Hauptsache sie konnte damit auch eine tapfere Kämpferin werden! Stolz rannte sie in den Thronsaal, wo ihr Vater gerade einigen Bürgern eine Audienz gewährte.
„Sieh mal, Vater!“, rief das Mädchen mit den langen, schwarzen Zöpfen, als sie sich ihren Weg zum Thron bahnte. „Ich kann jetzt auch so etwas, wie Shiroi! Bald werde ich groß und stark sein und mit ihr gegen die Monster kämpfen können!“
Mit einem Mal war es totenstill in dem großen Raum geworden. Eigentlich hatte die freudig strahlende Yoruko erwartet, dass ihr Vater sie nun ebenfalls stolz an sich drücken und ihr einen liebevollen Kuss geben würde. „Das ist meine Tochter!“ hätte er gerufen und sie stolz den Anwesenden präsentiert. Ja, so hatte sie es sich vorgestellt. Doch die Realität sah vollkommen anders aus: In dem Augenblick, als Luzifer seine kleine Tochter mit den dunkel leuchtenden Handflächen hereintapsen sah, war er kreidebleich geworden. Wie ein Gespenst hatte der mächtige Erzengel ausgesehen, als das kleine Mädchen auf ihn zukam und stolz die Hände emporstreckte, um dem geliebten Vater die frisch erlangte Gabe zu zeigen. Den anderen Anwesenden war der plötzliche Stimmungswechsel des Königs sofort aufgefallen, sodass sie schlagartig verstummt waren.
„Lasst uns allein…SOFORT!“, meinte der Erzengel dann in einem Tonfall, der Yoruko einen Schauer über den Rücken jagte. Langsam kam er die Stufen des Throns hinab, auf seine Tochter zu, ehe er, wenige Meter vor ihr, wie angewurzelt stehen blieb. „Yoruko…woher kommt diese dunkle Aura an deinen Händen?“

Allein der Tonfall gab ihr das Gefühl, dass sie irgendetwas falsch gemacht hatte. Er klang so völlig anders, als noch am Vormittag bei Shiroi. Da war nichts Warmes, nichts Stolzes…nein, er klang zornig… Und da war noch etwas Anderes in dieser Stimme, das Yoruko damals nicht deuten konnte. Erst sehr viel später wurde ihr klar, was es gewesen war, das ihr Vater damals empfunden hatte: Angst.
„Aber Vater…Shiroi kann so etwas doch auch… Da war diese Stimme…sie hat mir geholfen, damit ich…“
„Stimme? Was für eine Stimme?“, unterbrach der Erzengel sie harsch und allein der Blick in seinen Augen jagte seiner Tochter eine fürchterliche Angst ein. „Wer hat dir diese Gabe gegeben?“
„Sie war in meinem Kopf, diese Stimme! Sie hat mir versprochen, dass ich auch so tolle Dinge tun kann, wie meine Schwester. Und als sie mich gefragt hat, ob ich das möchte, habe ich ja gesagt…“
„Tu das nie wieder!“
Yoruko zuckte zusammen, als ihr Vater seine Stimme erhob. Noch nie hatte er sie angeschrien, doch jetzt war er fürchterlich zornig, auch wenn sie nicht wusste, warum. Sicher hatte sie irgendetwas falsch gemacht, ohne es bemerkt zu haben. „Du wirst nie wieder mit dieser Stimme sprechen, haben wir uns verstanden? Und dieses…ekelhafte Leuchten…hör sofort damit auf! Ich will das nie wieder sehen, klar? Los jetzt! Schluss damit!“
Verzweifelt versuchte Yoruko, das dunkle Strahlen ihrer Handflächen unter Kontrolle zu bringen, doch je mehr sie sich von ihrem Vater fürchtete, desto intensiver schien es zu werden, was Luzifer nur noch zorniger machte.
„Hast du nicht gehört, was ich dir gesagt habe, Kind?“
„Ich will ja aufhören, Vater…aber ich kann es nicht…es will nicht verschwinden! Bitte, hilf mir doch!“, antwortete Yoruko und spürte, wie Tränen der Furcht, der Verwirrung und Wut über ihre Wangen hinabrannen und ihr die Sicht nahmen, sodass alles nur noch schlimmer wurde. Was sollte sie nur tun?
In diesem Moment schlangen sich die Arme ihrer Mutter um Yorukos Körper. Die Dämonenkönigin drückte ihre Tochter feste an sich und streichelte ihr liebevoll durch das Haar.
„Es ist alles gut, mein Schatz. Du musst keine Angst haben. Beruhige dich. Ich bin bei dir.“
Diese Worte flüsterte sie Yoruko ins Ohr und das Mädchen spürte sofort, wie sich ein wohliges Gefühl der Wärme und Geborgenheit in ihr ausbreitete. Mit einem Schlag erlosch das Leuchten in ihren Händen und mit ihm verschwand die Angst, die sie noch vor wenigen Sekunden gespürt hatte. Stattdessen drückte sie sich noch fester an ihre Mutter, um dann ihr Gesicht an der Schulter der Königin zu vergraben und fürchterlich zu weinen.
„Es tut mir so leid“, jammerte die junge Dämonin, während Lilith sie tröstete. „Ich wollte nicht, dass Vater wütend wird… Ich wusste nicht, dass ich etwas Böses getan habe… Es war keine Absicht…“
„Nana, meine Süße. Alles ist in Ordnung. Du musst dich dafür nicht entschuldigen. Dein Vater hat sich bestimmt nur erschro-…“
„Yoruko. Geh sofort auf dein Zimmer!“
Luzifer hatte Lilith mit lauter Stimme unterbrochen und als Yoruko aufsah, wirkte ihr Vater noch genauso wütend, wie vor wenigen Momenten. Was hatte sie nur getan? Ohne zu zögern löste sie sich von ihrer Mutter und lief zur Tür, die aus dem Thronsaal führte, um in ihr Zimmer zurückzukehren, wie es ihr befohlen worden war. Ein letzter Blick über die Schulter sagte ihr, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste, denn so hatte sie ihren Vater wirklich noch nie gesehen. Was war nur los? Vorsichtig schloss sie die Pforte hinter sich und wollte weiterlaufen, als sie die gedämpften Stimmen ihrer Eltern von drinnen hörte. Instinktiv verharrte sie an Ort und Stelle, um zu hören, was die beiden besprachen.

„Ich wusste es! Von Anfang an habe ich gewusst, dass dieser Tag kommen würde…“
„Wir haben es beide gewusst, Liebster“, entgegnete Lilith ruhig, „Aber das muss ja nicht bedeuten, dass es schlecht ist…“
„Hast du sie eben nicht gesehen? Sie kann es schon jetzt nicht kontrollieren! Und sie hat genauso geleuchtet, wie er! Ihre Augen, diese Aura…es dauert nicht mehr lange, dann ist er wieder da und legt hier alles in Schutt und Asche, um sich an mir zu rächen!“
„Das ist doch Unsinn, Luzifer. Sie ist deine Tochter, nicht irgendein böses Ungeheuer! Yoruko ist noch ein Kind, das gerade erst seine Fähigkeiten entdeckt hat. Gib ihr Zeit, den Umgang damit zu erlernen. Ich bin mir sicher, sie kann es schaffen, dieses Element zu kontrollieren…“
„Du kennst die Prophezeiung genauso gut wie ich, Lilith! Wenn ich nichts unternehme, dann ist das hier der Anfang vom Ende. Willst du das riskieren? Ich will es definitiv nicht!“
„Natürlich nicht“, erwiderte die Königin beschwichtigend. „Ich will nur verhindern, dass du, aus Frucht heraus, eine vorschnelle Entscheidung triffst, die du später bereuen könntest…“
„Willst du damit sagen, dass ich Angst hätte?“ Yoruko spürte, wie ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken lief, als ihr Vater erneut seine Stimme erhob. Es klang, als würde im Raum nebenan ein gewaltiges Gewitter toben, das nun mit aller Kraft auf ihre Mutter Lilith hereinbrach. „Ich bin Luzifer, zweiter Erzengel des Herrn und Herrscher über dieses Reich. Gebieter über alles Licht und Beschützer von Gottes Gnaden. Und du unterstellst mir, dass ich mich vor meinem eigenen Kind fürchten würde?“
„Was ist es denn, wenn nicht Angst? Du fürchtest dich vor einer Weissagung, von der keiner mit Sicherheit sagen kann, ob sie überhaupt jemals wahr werden wird. Und dafür willst du deine Tochter nun bestrafen? Ist dir klar, was du damit anrichtest?“
„Schweig!“, brüllte der Erzengel und es klang so, als habe er Lilith geschlagen. Für einen Augenblick lang herrschte absolute Stille. Dann sprach Luzifer weiter und seine Stimme klang plötzlich unglaublich zittrig: „E-es tut mir leid…ich…Lilith…bitte vergib mir. Ich habe mich nicht im Griff gehabt…“
„Ganz genau“, erwiderte die Dämonenkönigin ruhig. „Wenn nicht einmal du dich zu jeder Zeit unter Kontrolle hast, Luzifer…wie kannst du das dann von deiner blutjungen Tochter erwarten?“
„Du hast Recht“, lenkte der Erzengel schließlich ein. „Ich werde später mit ihr darüber sprechen und dann finden wir eine Lösung dafür.“
„Versprichst du es mir?“
„Ich verspreche es, mein Herz.“
Nachdem das Gespräch der beiden offenbar beendet war, lief Yoruko auf ihr Zimmer, wie ihr Vater es befohlen hatte, um dort auf ihn zu warten. Offenbar hatte sie noch einmal Glück gehabt. Ihre Mutter hatte sich für sie eingesetzt und Vater zum Umdenken überredet. Dafür würde sie sich später bei ihr bedanken müssen! Bestimmt würde die Königin sich über einen frisch gepflückten Strauß Blumen aus dem Palastgarten freuen…oder vielleicht doch lieber ein schönes Bild, das Yoruko ihr malen würde? Während sie noch darüber nachdachte, wie sie ihrer geliebten Mutter eine kleine Freude bereiten könnte, bemerkte sie zunächst nicht, dass ihr Vater den Raum betreten hatte.
„Yoruko…“
Für einen Moment glaubte sie, diese mysteriöse Stimme wäre wieder aufgetaucht und erschrak sich fürchterlich. Als sie sich umdrehte, stand jedoch nur ihr Vater vor ihr.
„Oh, du bist es, Vater… Entschuldige, dass ich mich so erschreckt ha-…“
In diesem Moment wurde ihr klar, dass ihre Handflächen erneut dieses seltsame Leuchten von sich gaben. Instinktiv wollte sie ihre Hände verstecken, doch Luzifer hatte es bereits bemerkt und wirkte wie versteinert.
„Hatte ich dir nicht gesagt, dass ich das nie wiedersehen will, Kind?“
„Vater…ich kann das erklären…das war keine Absicht…“

Während sie noch weiter versuchte, ihm zu erklären, dass sie nichts für diese komische Aura, die von ihren Händen ausging, konnte, hatte der Erzengel sie bereits gepackt und trug sie aus dem Zimmer hinaus. Yoruko wusste nicht, was er vorhatte, aber ihr war klar, dass es ihr nicht gefallen würde. Also rief sie ängstlich nach ihrer Mutter, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Und tatsächlich: Schon wenige Momente später kam Lilith herbeigelaufen.
„Luzifer…was tust du da mit unserer Tochter? Wolltest du dich nicht eigentlich bei ihr entschuldigen?“
„Das war, bevor sie es wieder getan hat! Sie hat sich nicht im Griff, also werde ich dafür sorgen müssen, dass sie es lernt. Und jetzt geh mir aus dem Weg. Wir haben keine Zeit für Diskussionen, Lilith.“
Mit diesen Worten hatte der Erzengel seine Ehefrau vorsichtig, aber bestimmt, beiseite-geschoben und, mit Yoruko unter seinem Arm, den Innenhof des Palastes betreten. Dort breitete er seinen prächtigen Flügel aus. Sonst hatte Yoruko diese großen, weißen und wunderschönen Federn stets geliebt, doch in diesem Moment spürte sie nur unglaublich große Angst. Was hatte ihr Vater nun mit ihr vor?
„Wo bringst du sie hin? Du willst doch nicht etwa…“, fragte Lilith und das Mädchen konnte nur zu deutlich die Furcht in der Stimme ihrer Mutter hören.
„Ich bringe sie an den einzigen Ort, an dem diese ‚Gabe‘ niemandem schaden kann. Dort wird sie lernen, damit umzugehen und sich im Griff zu behalten. Dann…und nur dann…darf sie wieder hierher zurück.“
„Luzifer…tu das nicht. Ich bitte dich! Sie ist unsere Tochter!“
„Und nur aus diesem Grund töte ich sie nicht auf der Stelle“, entgegnete der Erzengel mit so kalter Stimme, dass dem Mädchen das Blut in den Adern gefror. „Jetzt tritt beiseite. Jede Sekunde, die wir hier verweilen, könnte uns einen Schritt näher dem Ende entgegen bringen. Ich darf keine Zeit mehr verlieren.“

Ohne weitere Worte zu verlieren, erhob der Engel sich mit Yoruko in die Lüfte. Verzweifelt streckte das Mädchen die Hand nach der weinenden Mutter aus, doch sie konnte Lilith nicht erreichen. Inzwischen war auch Shiroi auf dem Hof aufgetaucht und rief mit Tränen in den Augen nach ihrer Schwester, weil sie nicht wusste, was dort vor sich ging. Hilflos musste Yoruko dabei zu sehen, wie ihre Familie und der Palast in der Ferne immer kleiner wurden, während Luzifer sie forttrug.
„Wo bringst du mich hin, Vater? Warum darf ich nicht zuhause bleiben? Bitte…ich verspreche auch, dass ich es nicht wieder tun werde. Ich werde lernen, das zu kontrollieren…nur bitte, Vater, schick mich nicht fort! Ich will zurück!“
Doch der Erzengel schien sie gar nicht zu hören. Unbeirrt setzte Luzifer die Reise fort und flog mit ihr immer weiter, bis hoch über die Wolken. Tief unter sich konnte Yoruko das Gebirge entdecken, an das die Stadt Mashiro angrenzte. Das bedeutete, dass sie nun nach Norden flogen. Inzwischen zitterte sie am ganzen Körper. Sie hatte zwar schon gehört, dass es über den Wolken kälter war, aber bisher hatte sie es noch nie am eigenen Leib erfahren, weil Luzifer nie mit ihr geflogen war. Wie von selbst vergrub sie sich in ihrer Kleidung, um nicht so sehr zu frieren. Dem Erzengel schien die Kälte dagegen nichts auszumachen. Er wirkte so, als pralle der Wind einfach an ihm ab. In Gedanken überlegte Yoruko sich, wo ihr Vater sie nun wohl hinbrachte: War es eine andere Stadt? Oder eine Schule? Immerhin sollte sie ja lernen, sich zu beherrschen. Eine Einrichtung, in der sie unterrichtet wurde, erschien ihr also durchaus wahrscheinlich. Aber gab es so etwas im Norden überhaupt? Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie die Karte der Dämonenwelt ausgesehen hatte. Mashiro war relativ zentral gelegen. Nördlich davon erstreckte sich das Gebirge…dann folgte karge Einöde, wo es nur vereinzelte, kleinere Siedlungen gab. Und dann, wenn man weiter nach Norden ging, folgte…die Eiswüste.

Erst jetzt entdeckte Yoruko die nicht enden wollende, gigantisch große, weiße Fläche unter ihnen. Die Eiswüste, der kälteste Teil der Dämonenwelt, breitete sich wie ein Ozean aus Schnee und Eis unter ihnen aus. Nun war sie sicher, dass Luzifer sie nicht in eine Schule bringen würde. Hier oben, im nördlichsten und gleichzeitig tödlichsten Gebiet des Reiches, gab es nichts. Gar nichts…bis auf den gewaltigen Berg, der sich langsam, aber sicher weiter im Norden vor ihnen gen Himmel erhob. Yoruko hatte nicht gewusst, dass es Berge dieser Größe überhaupt gab. Wie ein einsamer Verteidiger stand er dort, inmitten dieser kalten Einöde und trotzte Wind und Wetter. War das der Ort, zu dem sie unterwegs waren? Aber was konnte Luzifer dort wollen? Sie spürte, wie der Erzengel zum Sinkflug ansetzte und auf die kargen Felswände zusteuerte. Dann entdeckte sie eine Öffnung. Ja, dort war tatsächlich so etwas wie ein Eingang…zu einer Höhle? Vorsichtig landeten sie auf dem Vorsprung, ehe ihr Vater seine Flügel verschwinden ließ und sie auf dem Boden absetzte.
„Wo sind wir hier, Vater? Was ist das?“, fragte das Mädchen und konnte die Furcht in der Stimme nicht unterdrücken.
„Das hier ist der Ort, wo die Grenzen zwischen den verschiedenen Welten miteinander verschwimmen. Und seit jeher wird dieser Ort von einem einsamen Wächter beschützt, der verhindert, dass jemand unberechtigt diese Welt betritt oder verlässt. Daher wird dieser Berg von den meisten in unserem Reich nur ‚Eiswächter‘ genannt. Jetzt komm.“
Mit einer Handbewegung hatte Luzifer Gitterstäbe am Eingang erscheinen lassen. Ein Entkommen von diesem Ort wäre für Yoruko aber sowieso nicht möglich gewesen – dafür waren sie zu weit oben und die Felswände zu steil. Nein, diese Höhle war ganz sicher keine Schule…sie war ein Gefängnis. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch folgte sie ihrem Vater langsam tiefer ins Innere des Berges. Der Gang war nur spärlich mit Fackeln beleuchtet und bot nichts weiter, als kalten Stein. Einladend sah es hier wirklich nicht aus. Warum hatte ihr Vater sie genau an diesen Ort gebracht? Wie sollte ihr das helfen, sich besser zu kontrollieren?
Urplötzlich blieb Luzifer vor ihr stehen. Als sie vorsichtig an ihm vorbeispähte, bemerkte sie die große, dunkle Tür, die sich vor ihm befand. Unzählige, Yoruko nicht bekannte, Schriftzeichen waren darauf eingraviert worden. Was sie wohl bedeuteten?
„Vater…was sind das für komische Zeichen? Sind das Wörter?“
„Das ist henochisch, Yoruko. Es ist die Sprache der Engel. Nur Wesen des Himmels sind in der Lage, sie zu lesen oder zu sprechen.“
„Und warum sind die auf dieser Tür?“, fragte sie neugierig weiter.
„Zum Schutz.“
Yoruko wartete einen Moment, doch es schien nicht so, als würde ihr Vater das weiter ausführen wollen.
„Zum Schutz vor was?“
Der Erzengel zögerte, bevor er antwortete:
„Zum Schutz vor dem, was dahinter eingesperrt ist.“
Sie spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Hinter dieser Pforte war etwas, dass so furchtbar war, dass man es am einsamsten Ort der Welt verstecken und mit himmlischen Zaubern versiegeln musste. Was konnte bitte so böse und grauenhaft sein, dass solche Maßnahmen notwendig waren? Panik machte sich in ihr breit, als sie vorsichtig am Gewand ihres Vaters zupfte.
„…w-wir gehen doch nicht dort hinein, oder…Vater?“
Doch Luzifer reagierte nicht.
„Bitte…ich will nicht…ich habe Angst, Vater. Es tut mir leid…aber bitte, ich will nicht da rein!“
Wieder wirkte es so, als hätte der Engel sie gar nicht gehört. Erreichte ihre Stimme ihn wirklich nicht, oder wollte er nur, dass sie das glaubte?

Starr vor Angst beobachtete Yoruko, wie er die Hände auf die schwarze Pforte legte und ein paar unverständliche Worte sprach. Zitternd sah sie dabei zu, wie sich das Tor langsam, ganz wie von selbst, zu öffnen begann. Instinktiv hatte sie die Augen vor dem, was wohl in diesem Gefängnis lauerte, verschlossen und war dort stehen geblieben, um sich hinter ihrem Vater zu verstecken. Doch dann spürte sie den festen Griff seiner Hand an ihrer Schulter. Unsanft zerrte er sie vorwärts und all ihr Bitten und Flehen schien ihn nicht davon abhalten zu können.
„Bitte…Vater…bittebittebitte…ich will nicht zu diesem Monster rein! Tu mir das nicht an! Lass mich nicht hier! Bitte!“
Plötzlich hielt sie inne. Sie hatte bemerkt, dass Luzifer sie nicht länger gepackt und mitgezogen hatte. War es ihr gelungen, ihn umzustimmen? Zögerlich öffnete sie ihre Augen und blinzelte, um etwas zu erkennen. Doch da war nichts. Alles um sie herum war pechschwarz – die reinste, undurchdringliche Finsternis. Für einen Moment fürchtete sie, dass sie erblindet war, doch dann vernahm sie Schritte und drehte sich um. Dort, einige Meter entfernt, im spärlichen Licht der Tür, durch die sie eben gekommen war, stand Luzifer und hatte sich von ihr abgewandt, als wolle er gehen. Yoruko sprang sofort auf und lief auf ihn zu.
„Vater…nein…ich bitte dich…ich will nicht hier sein…wo etwas so Böses eingesperrt wurde…nimm mich wieder mit!“
Der Erzengel wandte sich zu ihr um und sein Blick ließ sie mitten in der Bewegung erstarren. Da war nichts von der Liebe und Güte, die sie sonst von ihm gewohnt gewesen war. Luzifer wirkte kalt und unnahbar und seine Augen durchbohrten sie förmlich, als er sprach:
„Du musst dich nicht fürchten, Yoruko. Hier drin ist nichts. Nichts…außer dir.“
Mit diesen Worten schloss er die Tür hinter sich und ließ sie in völliger Finsternis alleine zurück. Und erst jetzt, als sie dort in der Dunkelheit stand, wurde Yoruko bewusst, was das so grauenhaft war, dass man es am Ende der Welt verstecken und versiegeln musste:
Sie.
 
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