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Promises

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Anthony J. Crowley Erziraphael
06.01.2021
21.04.2021
10
14.491
5
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01.02.2021 1.778
 
Hallo ihr Lieben,
heute geht' weiter. Crowley kehrt zurück nach London.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und freue mich, wie immer, auf eure Rückmeldungen.
Lasst es euch gut gehen.
Kitty


Promises IV

London begrüßt ihn, als wäre er nie fort gewesen, doch für Crowley fühlt es sich merkwürdig an, als hätte sich die Zeit ohne ihn weitergedreht, wie ein stiller Beobachter. Er parkt seinen Wagen vor dem Appartementkomplex, durchquert das Foyer und betritt den Aufzug. Sein Spiegelbild lässt ihn kurz um Fassung ringen. Die letzten Tage, er geht mittlerweile von einigen Tagen aus, haben Spuren hinterlassen. Seine Kleidung sieht zerknittert aus, sein Haar ist völlig zerzaust und selbst seine Haut wirkt ein wenig fahl. Er hatte nicht erwartet, dass sein irdischer Körper plötzlich ähnlichen Mächten unterworfen ist, wie die der Menschen. Er entscheidet sich dafür, diesem Umstand nicht mit einem Wunder zu verändern, sondern auf Menschenart damit umzugehen. Ein heißes Bad verspricht sowohl seine irdische Hülle als auch sein geschundenes Gemüt zu besänftigen.
Bereits vom Aufzug aus erkennt Crowley einige Umschläge und Notizen, die entweder an die Tür gepinnt oder auf der Fußmatte abgelegt wurden. Er braucht die Entfernung nicht zu überbrücken, um die Absender zu erkennen. Die feine Aura des Engels haftet den Schriftstücken noch an. Crowleys Herz zieht sich unwillkürlich zusammen, plötzlich ist er nicht mehr so sicher, ob er wirklich Antworten haben möchte. Was, wenn die Antworten, die Arziraphale zu geben vermag, nicht die sind, die Crowleys Herz erträgt. Die Umschläge könnten gleichsam Heilung oder finaler Todesstoß sein.
Mit einer Handbewegung klauben sich alle Schriftstücke zusammen und landen sicher in der Hand des Dämons. Ein Schnipsen und die Tür zum Appartement gibt den Weg frei. Crowley lässt die Briefe neben dem Autoschlüssel und seiner Brille auf der Anrichte zurück. Er will sich erst wieder wie er selbst fühlen, bevor er liest, was Arziraphale ihm zu sagen hat. Er wird eine Entscheidung treffen müssen und er möchte möglichst bei Sinnen sein, wenn es soweit ist.
Noch während er seinen Weg durch die einzelnen Zimmer seines Appartements geht, entledigt er sich seiner Kleidungsstücke. Dies auf menschliche Weise zu tun wirkt wie kathatisch. Jedes Stück Stoff, dass auf den Boden fällt, nimmt die Anspannung, die der Anblick der Briefe wieder hat zunehmen lassen, mit sich. Ein dämonisches Wunder sorgt dafür, dass das heiße Wasser bereits auf ihn wartet, als er die Tür zum Badezimmer aufstößt.
Er lässt sich in die willkommene Hitze gleiten, die seine schmerzenden Muskeln sofort angenehm umfängt, schließt die Augen. Einmal mehr wird er sich der Müdigkeit bewusst, die in immer mehr gefangen hält. Das tagelange Sitzen in deinem Wagen hat deutliche Spuren hinterlassen, sein Rücken schmerzt, Arme und Beine sind schwer. Sein Kopf ist ausgebrannt vom permanenten schraubstockähnlichen Griff der düsteren Gedanken.

Einige Zeit schafft es Crowley sich von der Wärme und Ruhe um ihn herum einzuhüllen. Er spürt seinem Atem, den er bewusst und langsam durch seinen Körper schickt, nach. Bewegt vorsichtig und nacheinander einzelne Muskelpartien, auf dass sie sich langsam entspannen. Er wäscht sein Haar beinahe meditativ.
Doch schließlich fordert das Wissen um die Briefe auf der Anrichte seinen Tribut und sein Denken wird geradezu magisch davon angezogen. Er versucht den Drang noch ein wenig zu unterdrücken. Die Sorge, alles könnte noch schlimmer werden, ist allumfassend. Was wäre, wenn diese Nachrichten eine Rückkehr, so unglaublich diese im Moment auch erscheinen mag, gänzlich und unumstößlich ausschließen würde? Wenn diese Briefe keine Erklärungen enthalten, die Crowley ertragen könnte, ob er sie verstehen wird können, kann er sich aktuell nur sehr schwer vorstellen. Wie soll Arziraphale diesen Verrat an ihrer Freundschaft erklären, sodass er verständlich wäre?
Er will, nein, er muss wissen, was genau an diesem Abend passiert ist und vor allen Dingen, wie Arziraphale ihn danach dazu bringen konnte das alles zu vergessen. Natürlich ist ihm bewusst, dass nicht mehr als ein kleines himmlisches Wunder nötig gewesen ist, um ihn vergessen zu lassen. Was nicht in seinen Kopf will ist, wie der Engel mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, seinen besten Freund derart zu hintergehen. Wenn er für ein Wesen im Himmel, in der Hölle und dazwischen seine gesamte Existenz in Weihwasser gelegt hätte, wäre es immer der Engel gewesen. Urvertrauen war es von Beginn an gewesen, was er für den Engel empfunden hatte. Vertrauen und Liebe. Crowley hatte bereits sehr früh in ihrer gemeinsamen Zeit hier auf Erden, sich selbst vorzumachen, es sei etwas anderes als Liebe zu dem himmlischen Wesen. Und auch, wenn er sich seit ewigen Zeiten schon damit abgefunden hatte, seine Hoffnungen auf ein Minimum zu reduzieren, schmerzt der Verrat an ihm, an seinem Vertrauen, seiner Liebe wie nichts, was er jemals zuvor erlebt hatte.
Er fährt sich ergeben über die Augen und steigt unter einem Ächzen aus der Badewanne. Offensichtlich möchten gerade alle sechstausend Jahre zeigen, welchen Einfluss sie auf seine irdische Hülle ausüben können, wenn man sie dann lässt. Erneut entscheidet er sich gegen ein dämonisches Wunder, der Schmerz seines Körpers passt zu dem in seinem Herzen. Und er Umstand, dass er sich auf menschliche Art abtrocknet und neu kleidet, verschafft ihm ein paar weitere Momente, um sich auf das Kommende vorzubereiten.
Schließlich gibt es keine weiteren Ausreden, keine Möglichkeit des Aufschubs. Gekleidet in eine einfache schwarze Hose und ein ebenso schwarzes Hemd, begibt er sich zur Anrichte, um die Briefe an sich zu nehmen. Sie wiegen schwer in seiner Hand, als er sich mit ihnen auf das Sofa fallen lässt. In weiser Voraussicht lässt er Whiskey aus seiner Hausbar erscheinen, zusammen mit einem Tumbler. Er gießt sich einige Fingerbreit ein, führt das Glas an die Lippen. In dem Moment, in dem der bekannte Geschmack seinen Mund erfüllt, kommen die Erinnerungen zurück.
Der Club. Die hämmernden Bässe, die die feinsten Fasern seines Körpers in Schwingung versetzen. Die Gedanken, die um den Einbruch in die Kirche kreisen, ein gefährliches Unterfangen, aber absolut notwendig. Seine innere Unruhe, die sich nicht zurückdrängen lässt vom Anblick der vielen Menschen vor ihm, die im ins Netz der Versuchung gegangen sind. Heiße Körper, die sich aneinanderschmiegen, sich Stück für Stück der Dunkelheit hingeben, hätten ihn sonst mit einer gewissen Befriedung erfüllt, dieses Spiel noch immer zu beherrschen. Aber nicht heute, zu wichtig ist es, dass das Weihwasser heute in seinen Besitz übergeht.
Doch dann, plötzlich ist jeder Gedanke an die Menschen, die er rekrutiert hat, die heiligen Hallen der Kirche, die Schauplatz eines Verbrechens werden sollen, selbst an das für ihn so wichtige Weihwasser verschwunden. Blaue Augen sind alles, was sein Denken beherrscht. Und schließlich Hände. Überall an seinem Körper sind die Hände des Engels.
Crowley reißt sich aus dem Strudel seiner Erinnerungen, denn er merkt, dass es schwerer wird, je länger er sich in ihnen verliert. Und der Schmerz wird übermächtiger mit jeder Sekunde, die vergeht.
Es dauert Minuten, bis er sich schließlich für eine Notiz entschieden hat, mit dem er anfangen will und weitere, bis er sich dazu durchringen kann, den Blick nicht nur auf dem Schriftstück verweilen zu lassen, sondern die Schrift zu fokussieren und deren Inhalt aufzunehmen.

***
Crowley, wo bist du nur? Ich muss mit dir reden. Bitte lass‘ es mich erklären.“
***


Er legt sie beiseite und nimmt sich diesmal einen Umschlag. Beim Öffnen des selbigen merkt er, wie sehr seine Hände zittern. Ein weiterer großer Schluck Whiskey findet seinen Weg. Er atmet einmal durch und zieht den Brief auf dem Umschlag.

***Crowley,
dies ist mittlerweile das dreiundzwanzigste Schriftstück, in dem ich versuche, die Worte zu finden, die es schaffen zu dir vorzudringen. Mehr als diese vielen Notizen mit der Bitte um eine Kontaktaufnahme, fühlte sich aber bisher so falsch an, dass ich sie allesamt verbrannt habe.
Ich kann nur erahnen, was in dir vorgehen muss. Aber ich muss es einfach weiter versuchen. Wenn du mir nur einen Moment schenken könntest, in dem ich mich erklären könnte.
Mir ist bewusst, dass es absolut und unumstößlich unverzeihlich ist, was ich dir antat. Ich könnte es verstehen, wenn du mich nie wieder sehen wollen würdest. Glaube mir, ich selbst ertrage meinen eigenen Anblick nur sehr schwerlich.
Aber so gerne ich, um deinetwillen, alles ungeschehen machen würde, so ist es mir doch nicht möglich. Bitte glaube mir, dass ich nicht tat, um dir zu schaden, dich zu quälen. Niemals hatte ich dies auch nur im Entferntesten im Sinn. Du bist das Wichtigste in meinem Leben, wenn man denn von einem solchen bei uns reden möchte. Du bist mein Freund, mein Vertrauter, mein Herz…
Bitte lass‘ es mich erklären. Lass mich dein Leid wenigstens ein wenig lindern und wenn du im Anschluss gehen willst, so werde ich dich nicht aufhalten. Wie könnte ich auch, nachdem was ich getan habe.
Ich bitte dich nicht um Verzeihung, denn ich selbst kann es mir nicht verzeihen, wie könnte ich es also von dir verlangen oder erwarten.
Alles, was mir bleibt, ist der Wunsch es dir erklären zu dürfen, in der Hoffnung ein wenig Verständnis in dir zu finden.
Du weißt, wo ich zu finden bin, falls du irgendwann soweit sein solltest.
Für immer dein,
Arziraphale
***


Tränen verwischen seine Sicht. Ein Sturm der Verwirrung fegt durch sein Hirn. Alles in ihm schreit danach, zu Arziraphale zu fahren. Er spürt das Leiden des Engels in jeder Zeile des Briefes und doch ist eben jener verantwortlich für seinen erneuten Fall. Verantwortlich dafür, dass ihr Jahrtausende alte Band des Vertrauens nicht nur zum Bersten gespannt, sondern gerissen ist.  Der Schmerz lähmt ihn, hält ihn davon ab, das zu tun, was eigentlich das Natürlichste für ihn wäre, zu dem Engel zu fahren und dafür zu sorgen, dass es dem Wesen, welches so sehr mit seinem eigenen Dasein verwoben ist, glücklich zu machen.
Aber er kann sich nicht rühren. Stattdessen liest er sich durch die anderen Nachrichten, Notizen, Botschaften. Jede speit ihm die Verzweiflung, Sorge und Angst des Engels offen ins Gesicht und macht sein eigenes Unglück nur noch schmerzhafter. Jeder Schwall erneut aufkommender Verzweiflung wird zügig mit Whiskey überschwemmt und irgendwann, er kann nicht sagen wann, schwindet seine Sicht.
Irgendwann, sehr viel später, erwacht er mit dem typischen tauben Gefühl in seinem Körper und dem pochenden Schmerz in seinem Kopf, den er verspürt, wenn er den Absprung nicht geschafft hat und sich ausgenüchtert hat, bevor der Alkohol dann selbst von ihm, als übernatürlichem Wesen, seinen Tribut fordert. Er findet sich auf dem Teppich zusammengekauert wieder, um ihn herum und an seine Brust gepresst liegen die Schriftstücke, in denen der Engel ihn wieder und wieder um Verzeihung bittet. Er versucht sich zu rühren, aber der Schmerz in Seele wie Körper lassen ihn schließlich die Augen wieder schließen und in den willkommen Schlaf zurück gleiten, in der Hoffnung, dass sich alles entweder als Albtraum herausstellt oder der Schmerz wenigstens verschwindet.
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