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Promises

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Anthony J. Crowley Erziraphael
06.01.2021
21.04.2021
10
14.491
6
Alle Kapitel
24 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
14.01.2021 1.151
 
Guten Morgen ihr Lieben,
zwischen zwei Videokonferenzen dachte ich mir, ich lad' noch schnell ein neues Kapitel hoch. Und ich bin so gespannt auf eure Einschätzungen.
Ganz viel Spaß und lasst es euch gut gehen.
Kitty



Promises II

Flucht. Alles in seinem dämonischen Sein schreit danach. Er schafft es, seinen Körper vom Stuhl zu erheben, die Sonnenbrille in einer fahrigen Bewegung zu positionieren. Seine Flucht zieht bereits genug Aufmerksamkeit auf sich, er kann keine weitere durch das Präsentieren seiner dämonischen Attribute gebrauchen. Ein letzter Blick in das erstarrte Gesicht des Engels. Er muss hier weg. Dass sein Name fast flehend gerufen wird, bekommt er kaum noch mit.

Erst als er vor seinem Auto steht, kommt er ein wenig zu sich. Atme. Versuche zu atmen. Langsam, einen Atemzug nach dem anderen. Beruhige deine Atmung. Dein Körper wird folgen, wenn er merkt, dass keine Gefahr droht.

Langsam, ganz langsam kommt die Umgebung wieder Stück für Stück in seiner Wahrnehmung an. Er merkt, dass es dunkel ist, eine Hand liegt auf dem kühlen Metall des Bentleys. Es muss angefangen haben zu regnen, als er mit… er kann gerade weder den Namen noch, den Kosenamen, den er solange bereits verwendete, denken… als er in diesem Restaurant war. Er fühlt, wie die ersten nassen Haarsträhnen in sein Gesicht fallen und dort festkleben. Tropfen, die sich auf den Gläsern seiner Brille niederschlagen, lassen seine Sicht abermals verschwimmen. Er fühlt die Kälte und die Nässe, die sich mittlerweile durch seine Kleidung frisst, doch er sieht sich außerstande diesen Umstand durch das gezielte Lenken seines Körpers in Richtung des Innenraums seines Fahrzeugs oder durch den Einsatz eines dämonischen Wunders zu ändern. Er bleibt einfach stehen, das Restaurant im Rücken, starrt in die Dunkelheit, eine Hand auf dem Bentley abgelegt. Ein letzter Versuch die Verbindung zur Realität aufrecht zu halten, ein Anker zum hier und jetzt. Atme weiter… dein Körper wird auf die beruhigte Atmung reagieren, wenn er soweit ist.

„Crowley?“, eine Stimme, weit weg. Crowley schafft es nicht, eine Reaktion darauf zu zeigen. „Crowley?“, diesmal lauter, näher an ihm dran. Aber nicht nah genug, um ihn aus seiner Starre zu befreien. Eine Hand. Auf seiner Schulter. Wärme. Ein sanfter Druck. Der Impuls, der gefehlt hat, damit Crowley wieder der Herr über seinen Körper wird. Er wirbelt herum, reißt sich damit fort von der kurzen Verbindung, die Arziraphale durch sein Handauflegen geschaffen hat und kommt nur Zentimeter vor ihm wieder zum Stillstand.

Er sieht Angst, Sorge, Unsicherheit in dem Gesicht vor ihm. Dinge, die ihn normalerweise binnen Sekunden dazu gebracht hätten, einer ganzen Armee unbewaffnet entgegenzutreten, um sie aus eben diesem Gesicht zu vertreiben. Doch nichts dergleichen kann er gerade tun. Nein! Wie könnte er auch? Wie könnte er den Engel selbst bekämpfen, wenn dieser doch selbst der Verursacher ihres Elends ist? Wie hatte das passieren können? Ist er denn nicht ein Wesen des Himmels? Gemacht aus und für die Liebe? Wie kann es möglich sein, dass ein eben solches so etwas tat?

Er fragt nicht nach, aus Angst vor der Antwort, auch wenn er glaubt, dass es nicht noch schlimmer werden kann. Sagt man einem Dämon nicht nach, kein Herz zu besitzen? Wieso fühle es sich dann aber so an, als wäre ihm selbiges gerade lebendigen Leibes herausgerissen worden? Wie kann es sein, dass man Dämonen die Fähigkeit zu lieben abspricht, wenn er gerade das Gefühl hat, ein weiteres Mal zu fallen? War der erste Fall schon kein sanftes Hinabgleiten gewesen, wie er es immer so gern betitelte, so fühlt sich das hier gerade an, als würde nichts an ihm auch nur den Funken einer Chance haben, unbeschadet daraus zu kommen. Die Flammen, die damals alles Engelhafte aus seinem Wesen gebrannt hatten, würde er tausendmal dem Schmerz vorziehen, der gerade in seinem Inneren wütet.

Eine federleichte Berührung an seiner Wange unterbricht abermals sein inneres Martyrium. „Crowley“, diesmal nicht mehr als ein Flüstern, kaum lauter als das Geräusch des Regens. Blaue Augen, die ihn wässerig anschauen.

„Was hast du getan, Engel?“, ein weiteres Flüstern. Augenbrauen, die sich fragend verziehen. Crowley kann die Verwirrung in den Augen des Engels sehen. „Was hast du getan an dem Abend, als du mir das Weihwasser übergeben hast?“ Ein Mund, der sich zu einem stummen Aufschrei öffnet und ungehört wieder schließt. Augen, die dem Blick des Dämons nicht mehr länger standhalten können und niedergeschlagen werden. „Ich… Crow… Crowley…“, ein tiefes Durchatmen.

Aus Entsetzen wird Wut. Selten fühlt Crowley sein dämonisches Inneres so präsent, wie in diesem Moment. Die Berührung an seiner Wange ist beinahe schmerzhaft. Es passt zu dem Schmerz in seiner Brust. Er schlägt die Hand weg. „Ich muss hier weg!“, ein Zischen der Schlange von Eden, die er einmal war. Es ist eine einzige flüssige Bewegung, in der Crowley die Tür aufreißt, in den Innenraum des Bentleys flüchtet, den Motor zum Gehorchen zwingt, um so möglichst schnell wegzukommen. Weg von dem Ort, der zum Schauplatz seiner Hinrichtung wurde, weg von dem einzigen Wesen, dass dazu in der Lage ist, aus ihm ein irreparables Häufchen zu machen und es auch getan hat.

Wieder merkt er, dass seine Sicht verschwimmt, aber es fallen keine Regentropfen im Bentley, die dies erklären könnten. Er fährt sich über die Augen. Tränen. Sechstausend Jahre in diesem Körper und noch nie hat irgendetwas sein Inneres derart aufgewühlt, dass sein Körper diese Reaktion gezeigt hätte. Er versucht zu rekonstruieren, wie sein gesamtes Leben, wenn man bei ihm als unsterblichem Wesen davon sprechen kann, innerhalb von dreißig Minuten zu Schutt und Asche zerfallen konnten.

Der Bentley steht bereits so lange im Dienst seines dämonischen Herren, dass er mit nur wenigen, gezielten Hinweisen funktioniert. Beinahe automatisch reagiert er auf die winzigsten Regungen, derer Crowley noch fähig ist, bringt ihn weg von diesem Ort, von diesem Wesen, fährt in Richtung einer unbekannten, vielleicht auch nicht existenten Destination. Manchmal ist der Weg wichtiger als das Ankommen.



Er fährt tagelang, nächtelang. Getrieben von dem Gefühl, dass, wenn die Entfernung nur groß genug wäre, der Schmerz zurückbleiben könne. Er kann nicht sagen, wie viele es mittlerweile sein müssten. Alles, was den Fortlauf der Zeit hätte strukturieren können, Schlafen, Essen, Trinken, sind Angewohnheiten, die er von den Menschen adaptiert hat. In einem Dasein, vielleicht ein Leben, dass sich nun so unreal anfühlt, wie ein Traum. Die Ecken und Kanten sind nur noch verschwommen erkennbar.

Doch egal, wie viele Kilometer er zwischen sich und London bringt, egal wie oft er die Richtung ändert, das Gefühl der warmen Hände, die seinen Körper sanft berühren, die Präsens der vollen Lippen auf den seinen, der Blick, der so voller Liebe auf ihm liegt, wollen einfach nicht verschwinden. Die Erinnerungen sind derart übermächtig und allgegenwärtig, dass er nicht verstehen kann, wie es möglich war, dies über fünfzig Jahre so weit in den Tiefen seines Gedächtnisses zu vergraben, dass es nicht an die Oberfläche drängte. Und mit diesen Gedanken kommen Fragen. So viele Fragen, der en Antworten er einfach nicht findet.
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