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kokonbruch

Kurzbeschreibung
DrabbleAllgemein / P12 / Gen
06.01.2021
29.12.2021
53
16.831
12
Alle Kapitel
105 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
19.01.2021 925
 
03|Lionel

Warnung: Toxische Beziehung, Gewalt



Manchmal spüre ich deine Lippen noch in meinem Nacken, wie du mich beißt. Lionel, du klebst noch in meinen Lungen, schreist tief in meiner Brust, da schwingt eine Sehnsucht danach, mich wieder von dir halten und küssen zu lassen und mich wieder in dir zu verlieren, denn kurz, nur einen Augenblick, würde ich wieder den Preis zahlen, mich mit dir zu Schrott fahren zu lassen – dann will ich wieder in deine Farben tauchen, mit dir gemeinsam untergehen.

Du schreitest durch die Gänge mit einem verrutschten Grinsen im Gesicht. Hände in den Hosentaschen, Ellbogen spitz ausgefahren, den Kopf leicht zur Seite, mit einem Funkeln in den Augen, das Streit sucht.

Du lachst immer am lautesten, man hört dich durch die ganze Schule krachen, du schreist anderen aus Spaß ins Gesicht, um sie zu erschrecken.

Du bist der Schüler, bei dem jedes Jahr wieder alle hoffen, dass er endlich durchfällt, denn du bist so unreif, benimmst dich wie ein patziges Kind, das nicht genug Aufmerksamkeit bekommt. Man weiß nie, was von dir als nächstes kommt, du handelst immer unberechenbar, damit sich alle Augen auf dich richten, damit du wenigstens einmal im Mittelpunkt stehen kannst.

Denn ich weiß es; dass dein Zuhause schief stehen muss, dass die Türen keine Schlösser haben und die Liebe nicht genug ist, obwohl deine kleine Schwester zufrieden wirkt, nicht so ausgefallen ist wie du – du bist davon gebrochen worden, zu langsam zu denken. Du brauchst so viel Zeit und trotz der investierten Stunden bist du niemanden genug. Dieser Wettbewerb zuhause, der mit Sport und Noten und noch mehr Sport bestritten wird, in den kannst du dich nicht fügen, nicht anständig sprinten – du bist ein Boxer, der im Ring aber niemals gewinnt, nichts mit nach Hause bringt.

Ich habe dich nicht gefragt, wie das läuft, mit deinen Eltern, kein einziges Mal. Stattdessen habe ich mich vor dir ausgezogen, dir meine Traurigkeit geschenkt, die dir nie traurig genug war. Dafür hast du gerne meine Wut getrunken, in meiner Ohnmacht gebadet, dann wieder und wieder Streit provoziert, mich weggeschubst, um mich wieder an dich zu ziehen, noch stärker, noch inniger, noch liebender – denn wieder eine Krise, die wir gemeinsam überstanden haben, kein Streit kann uns brechen, während du mich gebogen und mich deine dunklen Farben trinken lassen hast.

Du hast mich gegen Wände gestoßen, mir ins Ohr gebissen und geraunt: „Was ist mit meinem kleinen Schäfchen? Hast du Angst?“

„Nein.“

Dein Lachen bruchhaft, deine Finger legten sich an meinen Hals, als deine Stimme eindringlicher wurde: „Bist du wütend? Bist du wütend auf mich?“

„Ich …“ Und dann wird dein Griff fester, du stößt meinen Kopf gegen die Wand, ganz leicht.

„Kannst du wieder nicht anständig sprechen? Hast du deine Stimme geschluckt? Wieso musst du ständig so verdammt ängstlich sein?“

„Ich habe keine Angst.“

Ich drücke mich weg, du drückst mich zurück.

„Du bist ein Schisserin, Liva, aber das ist okay, ich liebe dich trotzdem.“

Ich liebe dich trotzdem.

Menschen verstehen das meistens nicht, wenn ich dann sage, du hast mich geheilt und gleichzeitig gebrochen. Du hast mich wieder an meine Kreuzung geführt, in meinen Wunden gebohrt, einen Verkehrsunfall provoziert – ich habe das gesehen, du hast es erklärt, ich habe es dir geglaubt.

Denn die Sache mit uns ist die – als die böse Königin den Spiegel fragt, ob sie die Schönste im Land ist, spiegelt er ihr nur das, was sie tief in sich drinnen glaubt, was sie sieht und von anderen erwartet, worin sie bestätigt wird, um Schneewittchen töten zu können.

Und du bist dieser Spiegel, der mir flüstert, was da in mir drinnen lodert, wo all meine Zweifel zusammenlaufen und sich verkreuzen – du hast diese Kreuzung fest im Blick, du bist ihr Wächter und präsentierst mir all meine Wunden mit einem so schönen Grinsen im Gesicht, dass ich nicht mehr anständig denken kann. Dass ich jedes Wort von dir trinke, auch wenn es Abwasser ist.

All das, was ich an mir hasse, war für dich so offensichtlich. Aber du hast mir trotz meiner Fehler versprochen, mich zu lieben, versucht, mich nach vorne zu ziehen. Du hast mich angemalt und dir die Farben ausgesucht, ohne mich zu fragen – ich habe dir vertraut. Weil endlich war ich nicht mehr die, die zu viel Liebe will, du hast meine kleinen Hände genommen und sie geküsst und gesagt, bei dir bin ich sicher, auf dich kann ich mich verlassen, denn du liebst mich trotz meiner schlechten Seiten, die du alle aufgedeckt hast. Und langsam hast du mich in den Tod getrieben.  

Die Sehnsucht nach dir ist nur kurz, Lionel, die Sehnsucht nach dem Schmerz, wenn ich wieder weiß, ich glaube, es nicht anders verdient zu haben – ich muss leiden, das ist mein Sinn. Aber das ist es nicht. Als ich angefangen habe, meine körperliche Gesundheit dafür zu bezahlen, um mit dir zusammen zu sein, habe ich es verstanden, als mich meine erste Panikattacke überrollte, weil du mich schon wieder weggekickt und wieder an dich gezogen hast, grundlos, da wurde mir in der Panik alles ganz deutlich.

Ich habe mich zuerst mit Angst angemalt, habe die Angst als Schild benutzt, um zu wissen – zu dir kann ich nicht zurück. Wenn ich leben will, muss ich weiter. Du hast nach mir gestochen. Mir meine frischen Farben abgekratzt und mich wieder auf die Kreuzung geschickt, aber es ist meine Kreuzung und ich kontrolliere, welche Zweifel da fahren.

Also habe ich den Spiegel zerschlagen, mich jahrelang gebadet, alles von dir abgewaschen und auch, wenn ich manches nur mit Stahlwolle lösen konnte, bin ich jetzt wieder unbemalt.
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