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kokonbruch

DrabbleAllgemein / P12 / Gen
06.01.2021
15.10.2021
39
13.142
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16.09.2021 227
 
27|Granitgewicht


[bird]


Dass ich zu viel wiege für die anderen Menschen, ihr Leben mit meinem hinabziehe, denn ich bin immer so bitter und ernst wie eine unreife Zitrone. Nur aus diesem Grund biss ich mich darin fest, unsichtbar zu werden, niemanden zu berühren, zu weichen und in den Wänden zu verschwinden, ich weiß noch, als ich das erste Mal allein war in meiner Wohnung und das Rasseln hörte – da zog ich Eisenketten hinter mir nach, all die Granit- und Marmorgewichte an meinem Körper.

Sie zermalmen mir die Schultern und ich habe immer Migräne, bin immer so angespannt, dass ich platzen könnte. Das ist mein Gewicht, habe ich geglaubt, das soll ich tragen, das ist meine Aufgabe. Die Flügel in meinem Rücken, zerrissen vom Gestein.

Aber ich will die Leichtigkeit kosten; denn ich brauche keine Ketten, die mich sicher halten, und nichts, was mich auf den Boden zieht, ich darf leicht durchs Leben gehen, mit Freude und Sanftheit und Mut.

Also schloss ich meine Augen und stellte mir vor: All die Granitgewichte, all die Eisenketten, sie zerplatzen und werden zu bunten, zahlreichen Vögeln, Schmetterlingen, die einfach nur davonfliegen. Aus dem Gestein wuchern Blumen und Brennnesseln. Alles lasse ich los, alles lasse ich frei, um zu blühen, um ganz leicht und sanft und verwundbar zu sein, denn das macht mich stark, das gibt mir fliegendes Gewicht.

[222]
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