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kokonbruch

DrabbleAllgemein / P12 / Gen
06.01.2021
28.11.2021
47
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11.04.2021 304
 
14|kirchenmauer


Ich wünsche mir, du wärst mein Schild, wo ich all die Sicherheit finde – da kann ich ganz vulnerabel sein, mich zeigen, wie ich bin. Hier werde ich empfangen und brauche mich nicht zu verstecken. Ich wünsche, du wärst mein Schild, denn die Erde, sie wankt unter meinen Füßen und all diese Glasscherben, die schneiden, weil ich viel zu langsam schleiche, damit mich ja niemand sieht oder hört oder entdeckt. Damit mich niemand packt und mir sagt, wie wertlos ich bin und all dieses Nichts, das da in mir drinnen ruht, das spürt man überall – dass ich nichts bin.

Aber ich kann es mir nur wünschen, hinter deinem Schild ist kein Platz, da wird nur weiter an mir gezogen, die Scherben mit Nägeln getauscht und alles, was ich tue, reicht dort erst recht nicht – hier kämpfe ich um Liebe, für die ich mich erst einmal ändern muss. Erst wenn ich frei von Sünde bin, kann ich die Liebe empfangen, erst wenn ich frei von Sünde bin, wird mir verziehen, doch ich werfe selbst den ganzen Tag mit Steinen und richte dauerhaft Menschen, ich bin eine wild gewordene Frau, die keinen Halt mehr spürt und ständig schreit.

Dabei sind die Mauern der Kirche doch so dick, dass ich mich leicht dahinter verbergen könnte. Und ich will das wissen, wie das ist, selbstlos zu lieben, sich selbst und die Menschheit, und zu vergeben. Ich will wissen, wie das ist, in Liebe zu ertrinken und kein Glas unter meinen Füßen mehr zu spüren, wenn sich all das Nichts in mir auflöst und weggeschwemmt wird.

Ich wünsche mir, du wärst mein Schild, Kirche, wo ich all die Worte finden könnte, die mich heilen und meine blutenden Füße reinwaschen. Oh Kirche, ich wünschte, du wärst selbstlos genug, um so eine wilde Frau wie mich zu empfangen.

[300]



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