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kokonbruch

DrabbleAllgemein / P12 / Gen
06.01.2021
28.11.2021
47
14.633
9
Alle Kapitel
71 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
04.04.2021 1.337
 
13|ziehend


Die Angst nagt ihm die Fingernägel weg, bis sie bluten. Und plötzlich scheinen seine Sorgen offensichtlich zu blühen, denn Phine lässt ihn den ganzen Abend nicht aus den Augen, streicht manchmal über seinen Arm, sein Handgelenk und Gabriel ist so kurz davor, sie halten zu wollen, aber er will auch nicht, dass sie was falsch versteht. So wie beim Tanzen, so wie bei Alinas Choreografien, die immer näher und verwickelter werden, die sie aneinanderziehen, weil Alina zwischen zwei Menschen immer genau das spürt, was gesagt gehört und es intuitiv in Tanzschritten verpackt und das kotzt ihn fast noch mehr an als seine Angst.

Er will nicht an Phine ziehen, er will sie nur halten. Er will sie nirgendwo hintragen, sondern mit ihr gemeinsam sein, überall dort, wo sie sind.

Aber versteht Phine das auch und wie soll er das vermitteln und wird sie laufen, wird sie Türen schließen und ihn eindämmen und wird sie ihn dann anders ansehen?

Als sie miteinander in der Küche stehen und Basta mit Alex verschwindet, um einen Joint zu rauchen, will Phine ihnen schon mit ihren Moods folgen. „Kannst du hier bleiben?“, raunt Gabriel, räuspert sich.

„Oh, willst du endlich darüber reden, was dich beschäftigt?“

„Hm.“ Sie kommt näher auf ihn zu, legt ihre Moods auf die Kücheninsel und umklammert ihr fast leeres Lillet-Glas fester, ihr silberner Ring klimpert dagegen.

„Du musst nicht mit mir reden, wenn du nicht willst. Aber ich hör dein Kopf quasi rattern“, sie stellt das Glas ab, streckt die freie Hand nach ihm aus, auf der Höhe von seinem Bauch, er will ihr entgegenkommen, aber die Angst drängt ihn noch weiter gegen die Armatur zurück und Phine verharrt mit ihrer Hand, mitten in der Luft – doch sie lässt sie nicht sinken, „und dein Herz splittern. So ging das, oder? Ich habe das Gefühl, ich sage das nicht halb so cool wie du.“ Sie tapst noch einen halben Schritt näher zu ihm. „Ehrlich gesagt kommt mir das gerade ziemlich inadäquat vor.“

Er will lachen, aber da zupfen Phines Finger an seinem grauen T-Shirt, sie reibt den Stoff zwischen ihren Fingern, die seinen Bauch streifen, und sein Herz berstet wie eine frisch erblühte Blumenwiese, durch die das erste Mal ein heftiger Windstoß geht. Durchwirbelt und gefangen in den Blüten detoniert er – seine Hände auf ihren Schultern drängt jetzt er sie an die Kücheninsel zurück, ihre Köpfe knallen aneinander, sie atmet scharf ein und ihre Nasen berühren sich kurz und ihre Hand liegt halb unter seinem Shirt, an seiner Hüfte und ihm wird so unerträglich heiß.

Du gehst zu weit, Gabriel. Zu weit. Sie wird das anders interpretieren.

Ihre Augen saugen ihn ein und er schluckt Luft. „Entschuldigung“, sagt er, während sie gleichzeitig seinen Namen flüstert. „Das war inadäquat“, meint er und weicht zurück, als sie sofort ein „Das finde ich nicht“, hinterher schießt und ihre Arme um seine Mitte schlingt, ihr Gesicht in seiner Brust vergräbt, wo sie sicher die aufgewirbelten Blüten flattern hört.

„Es ist alles gut“, sagt sie und Gabriel atmet lange aus, weil sie das auf eine Art sagt, dass er es fast glaubt.

Zögerlich legt er seine Arme um sie – sie umarmen sich nicht das erste Mal, aber es wundert ihn trotzdem jedes Mal wieder, wie leicht und anschmiegsam Phine ist, dass er sein Kinn auf ihrem Kopf stützen kann, wie angenehm sie riecht – sie ist so einfach zu halten, er fühlt sich dann nicht schwerer.

„Hat es was mit Alina zu tun?“, flüstert sie.

Er löst sich leicht von ihr, weil er ihr lieber ins Gesicht schaut, weil sie mimisch eine miserable Lügnerin ist – im Gegensatz zu ihm. „Nein.“

„Also auch nicht mit der Choreo.“

Er schüttelt den Kopf. Auch wenn ihm die Choreo nachts eine Gänsehaut nach der anderen und eine so enge Brust beschert, dass er kaum Luft bekommt – es ist nicht die Choreo an sich, mehr das danach, mehr das, was dann ist, wenn die Musik nicht mehr läuft. „Nicht wirklich.“

Und dann der Schatten in ihren Zügen und er weiß sofort, was sie sagen will, weswegen er ihr zuvorkommt: „Es hat auch nichts mit Samuel zu tun.“

„Bist du dir da wirklich sicher?“

Er lacht so trocken, dass es ihm fast den Hals aufschürft. „Ja.“

„Gabriel…“ Sie zögert, er presst seine Augen zusammen und fährt sich über das Gesicht und die Wahrheit ist schon da, in seinem Hals, aber sie drückt ihm seine Zunge jedes Mal so platt, wenn er sie über die Lippen schieben will.

Bastas helles Lachen klingt zu ihnen durch, sie nähern sich und da packt Gabriel Phines Hand, weil das Gespräch und das Stammeln und dieses Wahrheitschieben noch nicht enden soll, weil er vielleicht heute noch den Mut findet, also zieht er sie tatsächlich fort, durch das Wohnzimmer und als Basta und Alex wieder in der Küche sind, geht er auch dort hinaus und mit ihr in den Keller hinunter, weil er weiß, wo der Schlüssel ist.

Während Gabriel die Tür schließt, geht Phine schon zur Bühne, setzt sich dort in die Mitte und lächelt ihn an.

„Denkst du, sie suchen uns?“

„Nein“, sagt er, weil er sich auf Bastas Intuition verlassen kann und der schon mehr geahnt und gespürt zu haben scheint als Gabriel selbst.

Er setzt sich neben sie, beruhigt durch den Ausblick, den er schon so oft hatte, als er dort oben stand, beruhigt von der bekannten Oberfläche und beruhigt, weil Phine wie selbstverständlich gleich dort Platz genommen hat, wo er sie hingezogen hätte.

Er ist so ein Idiot.

„Du weißt, dass du mir alles sagen kannst.“

„Was für ein Klischee aus deinem Mund, Phine.“

Sie verdreht die Augen, atmet aus. „Also. Du brauchst mir nicht alles zu sagen, weil ich dich auch immer noch mag, wenn du mir nicht dein ganzes Selbst präsentierst. Wenn du aber möchtest, dass ich etwas von dir erfahre, musst du es artikulieren. Darfst, darfst, ich meine natürlich, darfst du es artikulieren.“

Lachen. Dann dreht er sich mit seinem ganzen Körper zu ihr, sie sitzen auf der Bühne, wo könnten sie schon sicherer sein. „Das ist …“ Er kratzt sich über die Stirn. „nicht einfach.“

„Ist okay.“

„Ich habe das noch nie jemanden erzählt.“

„Lass dir Zeit.“

„Davon habe ich schon genug.“

Dann schweigen sie.

Phine sitzt ihm im Schneidersitz gegenüber, ihre Hände an ihren Füßen, ihre braunen Haare fallen ihr zerzaust über die Schultern. Das Blütenchaos in seiner Brust schwirrt wild, da greift er nach ihrer Hand, verschränkt seine Finger mit ihren. „Ich mache wirklich gerne Musik mit dir, weißt du das.“

Sie lacht, als wäre sie erleichtert. „Du bist ehrlich gesagt der erste, vor dem ich halbwegs gerne singe.“

Er schmunzelt. „Das wollte ich eigentlich nicht sagen.“

Sie drückt seine Hand. „Ich weiß. Ist schon gut.“ Und wieder dieses Schweigen, was mit Phine so einfach ist, weil es sich wie eine klangvolle Pause anfüllt, als wär die Luft schwanger voll Musik und Elektrizität und sie beide ständig gemeinsam von schwirrenden Noten umgeben und kurz fragt er sich, ob das wirklich Blüten in seinem Herzen sind oder vielleicht doch Klänge.

„Ich bin, ich bin nicht, ich will keinen Sex, also mit niemanden, nicht nur mit dir, ich spüre das nicht, also keine sexuelle … Anziehung.“ Ausatmen. „Ich meine, wenn ich … jemanden mag, wenn ich mich mit jemanden verbunden fühle, also wirklich verbunden und wirklich, wirklich, wirklich lange oder gut kenne, dann…“ Ihre Finger streichen über seine Haut, sie bleibt still, schaut ihn aufmerksam an. „Es ist ein bisschen kompliziert und … unterschiedlich, aber grundsätzlich will ich keinen Sex, nicht wirklich, denke ich.“ Er schnaubt. „Hast du schon einmal von Asexualität gehört?“

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und an der Stelle ein so kräftiges und in Liebe gebadetes DANKE für all die Unterstützung und hola, für all die Inspiration, wie verrückt ist das eigentlich, ein Jahr lang jede Woche Texte zu schreiben? Hach, danke euch alle, dass ihr schreibt und dass ich Teil davon sein darf - und danke auch fürs Lesen und Reviewn und Dasein und den Austausch, es macht so viel Spaß und schenkt mir so viel Mut, danke. <3
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