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Mathilda McPhee

CrossoverFreundschaft / P6 / Gen
Nanny McPhee
05.01.2021
11.01.2021
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05.01.2021 3.809
 
Zuallererst: wir sind keine schlechten Menschen. Wir helfen solchen, bessere Menschen zu werden. Nicht solchen wie denen, die korrupt, verdorbenen oder böse sind. Nein, wir helfen nur denen mit Potential. Menschen, die nur einen kleinen Schubs brauchen. Daher machen wir große Menschen klein, junge Menschen alt — und schöne Menschen hässlich. Das ist unser Job.

Das Ministerium für Zauberei nimmt diese Aufgabe sehr ernst. Auf diese Art können Muggel von der reichen und schönen Welt der Zauberer profitieren ohne selbst Teil davon zu werden. Wir sehen es als unsere Pflicht an, mittels Magie einige Muggel auf den rechten Weg zu bringen. Es ist teilweise nicht vertretbar, nichts zu tun.

In den allermeisten Fällen erkennen unsere Auserwählten ihre gute Seite. Oft reicht es ihnen nur vor Augen zu führen, wie gut sie es früher gehabt haben. Aber wie gesagt, leider nur in den meisten Fällen.

Ich klingelte und rückte das hellblaue Sakko zurecht. Ich schaute noch einmal auf das Klemmbrett. Die Adresse schien korrekt, dennoch rührte sich in der Wohnung nichts. Ich klingelte erneut. Eine Nachbarin quetschte sich an mir vorbei. Ich nickte grüßend. Sie blickte verwirrt zurück. Ich räusperte mich. Dieser Teil ist immer der Schwierigste. Nach dem dritten Klingeln hörte ich endlich Schritte, die immer näher kamen. Als die junge Frau die Tür öffnete, musste ich mir auf die Lippe beißen. Sie muss eine sehr schöne Frau gewesen sein — denn diese Gestalt vor mir, war mit Abstand der hässlichste Mensch, den ich je gesehen hatte.

Ihre Haare standen in dünnen, krausen Locken wild zu Berge. Man konnte ihre ehemals blonde Farbe erahnen. Ihre Augenbrauen trafen sich buschig in der Mitte. Ihre Nase sah aus wie eine große, alte, pockige Kartoffel und über ihrer Lippe und auf ihrem Kinn prangte jeweils eine große, schwarze Warze aus der kleine Haare wie Spinnenbeine krochen. Am allerschlimmsten jedoch war der gewaltige Schneidezahn, der über ihre Unterlippe ragte. Er hatte große Ähnlichkeiten mit einem Grabstein. Ich brauchte einen Moment zu lang, um mich an ihren Anblick zu gewöhnen.


"Guten Morgen, Frau McPhee. Ich bin Ihr Fluch-Nachbetreuer Arthur Brock und wollte mich nach Ihrem Zustand erkundigen." Sie sah mich an als würde ihr bei dem Gedanken übel werden. Mit den Worten:
"Oh Gott, Sie sind einer von denen. Lassen Sie mich bloß in Ruhe.", schlug sie mir die Tür vor der Nase zu.

Ich vermerke die Verweigerung auf meinem Protokoll. Dieses Verhalten ist in keiner Weise ungewöhnlich.  Allerdings erlaubte es mir den nächsten Schritt. Ich konzentrierte mich und apparierte in ihre Wohnung. Sie stand noch immer an der Tür und blickte scheinbar ins Leere. Sie rieb sich mit den Händen über das Gesicht und massierte ihre Schläfen. Dann schlurfte sie Richtung Schlafzimmer zurück und erblickte mich mit einem kurzen Schrei und weit aufgerissenen Augen. "Was zum…?"
Ich lächelte professionell. Vielen missfällt Magie in ihren eigenen vier Wänden.
"Verschwinden Sie aus meiner Wohnung!", sagte sie verärgert und stemmte die Hände in ihre breiten Hüften. Mir fiel erst jetzt auf, dass ihr enormer Körper äußerst weibliche Rundungen besaß. Ich rückte meine Brille zurecht und deutete auf mein Klemmbrett: "Frau McPhee, seit letzter Nacht haben Sie Ihre zulässige Verfluchungszeit überschritten. Da Sie daran gescheitert sind, Ihre Fluch-Auflagen zu erfüllen, werde ich Ihnen nun mit der Integration in Ihr Leben helfen."
"Ich brauch’ keine Hilfe.", hisste sie in meine Richtung. Ich blinzelte.
"Entschuldigen Sie die private Bemerkung, aber es ist 14 Uhr und Sie sind immer noch im Schlafanzug." Sie blickte mich herausfordernd an.
"Hatte eine lange Nacht."
Dann seufzte sie und schlurfte an mir vorbei ins Wohnzimmer. Dort sank sie auf einen Stuhl. Ich stand immer noch am selben Fleck. Wir mussten nun ein wenig Vertrauen aufbauen.
"Stört es Sie, wenn ich mich zu Ihnen setze?" Sie schielte zu mir herüber:
"Offensichtlich kann ich Sie ja nicht loswerden."
Ich vermerkte 'Bissigkeit' auf meinem Protokoll und nahm mir einen Stuhl, um mich zu setzen. Ich legte das Klemmbrett auf meinen Schoß und ließ meinen Blick durch die Wohnung schweifen. Es war geschmackvoll, wenn auch etwas klein. Es war ein Dachgeschoss mit schrägen Wänden. Die vielen Pflanzen auf Fensterbänken und Regalen waren vertrocknet. Es war unheimlich unordentlich. Viele Post-Verfluchte rutschen in Depressionen. Aber dafür war ich ja schließlich da. Wir würden das schon schaukeln.

"Wollen Sie auch einen Tee?", sagte sie gedämpft nach einer Weile der unangenehmen Stille.
"Oh gerne. Vielen Dank."
Sie erhob sich schwerfällig Richtung Küche. Bald hörte ich das Wasser brodeln. Sie kam mit zwei dampfenden Tassen zurück. Mit: "Wie geht es Ihnen?"\  wagte ich einen erneuten Annäherungsversuch während ich in meinen Tee pustete. Sie schnaubte nur und starrte in ihre Tasse:
"Wie soll es mir schon gehen? Ich werde das hier den Rest meines Lebens im Spiegel ansehen."
Ihre Stimme war brüchig. Als ich sie mir genauer ansah, erkannte ich, dass sie seit Längerem geweint haben musste. Ihre Augen waren rot und geschwollen. Es trug nicht zur Verbesserung des Gesamtbildes bei.
"Nun, vielen Post-Verfluchten hilft es, über das Vergangene zu sprechen.", erklärte ich mich, während ich einen ersten Schluck nahm.
"Nein, danke.", entgegnete sie knapp.
"Dann werde ich Sie jetzt über das Prozedere unterrichten. Ich werde sie anfangs sehr engmaschig betreuen und wir werden das im Verlauf des nächsten halben Jahres ausdünnen. Unser erklärtes Ziel ist es, Sie zu reintegrieren. Wir hatten großes Verständnis für das Fluchjahr. In dem sind viele lieber zurückgezogen und erfinden ihren Freunden und Familien gegenüber Weltreisen oder Krankheiten. Das können Sie nun nicht mehr aufrechterhalten. Wir werden Sie auch zurück ins Arbeitsleben führen. Doch zu allererst müssen wir Sie wieder in einen Rhythmus bringen und aus dem Post-Loch herausholen." Ich rückte meine Brille zurecht.
"Ich wusste gar nicht, dass Verfluchungen so eine bürokratische Angelegenheit sind.", sagte sie bitter mit einem ironischen Unterton.
"Ich verstehe Ihren Frust, Frau McPhee…"
"Nein, verstehen Sie nicht.", unterbrach sie mich und sah mir in die Augen. "Hat man Ihnen einfach so Ihr eigenes Leben weggenommen?"
Ich nickte verständnisvoll.
"Ich verstehe Ihre Wut. Dennoch müssen Sie Ihre Situation akzeptieren, da es kein Zurück mehr gibt." Sie warf sich wütend in ihren Stuhl zurück.
"Es ist ja wohl auch etwas viel verlangt, sich innerhalb nur eines Jahres selbst zu lieben."
"Nur 1 % unserer Auserwählten erfüllen ihre Auflage nicht. Vielleicht sollten wir damit anfangen, herauszufinden, was bei Ihnen schief lief?"
"Hören Sie Herr …Brock. Ich hatte eine wirklich lange Nacht hinter mir und möchte einfach nur zurück ins Bett. Lassen Sie mir Zeit, mich mit der Situation abzufinden."
"Ach, ich verstehe. Der See der Tränen."

Ihr Mund verzog sich gequält. Ich selbst war noch nie bei der Entfluchungsprozedur dabei gewesen. Der See habe sich angeblich durch die unzähligen Freudentränen von Entfluchten gefüllt.  Ich legte das Klemmbrett zur Seite und zupfte an meinem Sakko: "Die Sache ist nur die: Ich darf Sie an diesem Punkt nicht alleine lassen. Das Risiko ist zu groß. Die Auflagen sind hier sehr streng."  Ich blickte vielsagend auf die angefangene Schlaftabletten-Packung. Sie verschränkte die Arme und schob ihre Lippe nach vorn. Sie schaffte es nicht mich anzusehen.
"Es ist sehr verständlich, dass Sie diese Gedanken haben. Aber Ihr Leben ist nicht vorbei. Sie werden es nur auf eine neue Weise leben."
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie wischte sie weg und rappelte sich vom Stuhl hoch. Mit: "Ich konnte in letzter Zeit nur nicht zur Ruhe kommen. Ich werde jetzt schlafen.", begab Sie sich ins Schlafzimmer und vergrub sich und ihren enormen Körper unter der Bettdecke. Ich hatte doch Mitleid mit ihr. Mir waren nur wenige dieser drastischen Flüche bekannt gewesen. Niemals hatte ich jemanden wie sie gesehen. Die Wohnung war bedrückend still.
   
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Ich konnte nicht schlafen. Ich wollte nur nicht, dass er sah, wie ich weinte. Es war ein nicht endender Alptraum. Die Erinnerung des gestrigen Abends wirkte wie ein verschwommener Traum. Ich wusste, dass ich es nicht schaffen würde. Der Gedanke an die Unumkehrbarkeit meines Schicksals schnürte mir die Kehle zu und trieb die Tränen aus meinen Augen. Sie liefen warm über mein Gesicht. Ich versuchte nicht zu laut zu schniefen und presste die Bettdecke unter meine Nase. Es konnte einfach nicht wahr sein. Jede Geschichte über Flüche endete doch mit ihrer Aufhebung. Warum nur nicht meine?

Vielleicht war er doch deswegen da. Vielleicht war es ein Programm für Spätzünder. Vielleicht gab es doch eine Chance. Aber warum sollte er mich dann zurück ins Leben bringen wollen? Warum sollte ich dann wieder arbeiten gehen? Es schien aussichtslos. Der Gedanke daran so meiner Familie oder gar meinem Arbeitgeber entgegenzutreten bereitete mir Übelkeit. Ich hörte Schritte. Warum konnte er mich denn nicht einfach in Ruhe lassen? Dieser Zahnstocher mit Mittelscheitel. Wie alt mochte er sein ? 30 vielleicht… Es schien aber so als ob seine Seele die 50 längs überschritten hatte. Ich hatte so gehofft, dass ich eines Tages aufwachte und es alles so war wie früher. Mein Leben und mein Körper. Nie, niemals würde ich es schaffen dieses Aussehen zu akzeptieren. Wie um Himmelswillen sollte das denn funktionieren? Welcher Mensch blickt überhaupt in den Spiegel und ist glücklich? Ich war es jedenfalls nie — und schon gar nicht jetzt. Rückblickend hätte ich durchaus zufrieden sein können mit mir. Aber das schien ja nun eh keine Rolle mehr zu spielen. Bei jeder Bewegung und jedem Wort spürte ich dieses Fremde an mir. Jedes Bücken erinnert mich an meine ausladende Figur. Jeden Abend wünschte ich nur, dass sie mich nie gefunden hätten. So viele Menschen liefen dort draußen herum und führten schlechte Leben. Warum musste man denn genau mich aussuchen und versuchen mich auf den rechten Pfad bringen? Offensichtlich war ich ja keine gute Kandidatin.
Ich wische meine Tränen mit der Decke weg und dachte nur immer und immer wieder, dass ich das alles nicht schaffen würde. Wie? Ich zwang mich die Augen zu schließen. Vielleicht würden durch den Schlaf zumindest die Kopfschmerzen verschwinden. Hätte ich nur letzte Nacht nicht so viel geweint. Es ändert doch sowieso nichts.

Als ich aufwachte, war es bereits dunkel geworden. Die Kopfschmerzen waren nicht verschwunden. Ich drehte mich um und sah das Licht unter der Schlafzimmertür durchschimmern. War er etwa immer noch da? Die Lust aufs Aufstehen versagte mir noch mehr. Dennoch grummelte mein Magen gierig. Es roch irgendwie nach Essen. Oder bildete mein Hunger sich das ein? Ich habe im letzten Jahr gelernt dieses Gefühl zu unterdrücken. Doch er polterte so laut, dass es keinen Zweck hatte. Was hatte überhaupt noch einen Zweck … Ich rollte mich aus dem Bett. Selbst nach diesem ganzen Jahr hasste ich das Gefühl beim Sitzen, wenn mein Bauch, meine Beine berührte. Ich konnte nur langsam gehen, weil meine Brüste sonst schmerzhaft wackelten. Wenn es doch nur ein bisschen weniger von allem wäre… Ich öffnete genervt die Tür. Wahrscheinlich wollte er jetzt über den See der Tränen reden. Ich würde es am liebsten alles vergessen. Alles. Mein erster Blick in den Flur ließ mich stutzen. Irgendetwas war anders. Ich blicke ins Wohnzimmer und war so verblüfft, dass mir die Sprache wegblieb. Dann folgte ich dem verführerischen Duft, der aus der Küche drang. Er stand dort, ohne sein hellblaues Sakko, aber mit passender Hose, in Hemd und Schürze und rührte in einem großen Topf.

"Oh wie schön, Sie sind wach. Wollen Sie etwas von der Karotten-Ingwer Suppe?"
"Ich bin allergisch gegen Karotten."
"Oh. Das ist gar nicht vermerkt worden. Merkwürdig. Ich habe aber auch Brot gebacken, wenn Sie möchten. Im Kühlschrank ist auch noch Hummus." Ich starrte ihn an.
"Sie haben meine Wohnung aufgeräumt?"
"Das war bitter nötig. Bevor man sich selbst ordnen kann, muss man sein Umfeld ordnen."
"Das…", ich wusste nicht, was ich sagen sollte, "das ist sehr nett. Ich … ich bin nicht wirklich dazu gekommen."

Ich stand immer noch im Türrahmen. Das war wirklich nett von ihm gewesen. Warum tat er das? Verdiente man das als schlechter Mensch? Als jemand, den sie nicht auf den rechten Pfad schicken konnten?
"Setzen Sie sich doch.", sagte er, während er Brot und Suppe auf dem Küchentisch mit dem Geschirr arrangierte. Ich zögerte: "Das ist wirklich sehr nett von Ihnen.. aber das müssen Sie nicht tun."
"Wir wachsen da langsam rein, nicht wahr Frau McPhee?", sagte er lächelnd.

Er musste sich zusammengereimt haben, dass ich zu wenig aß. Mein Kühlschrank war fast immer leer. Hauptsächlich ernährte ich mich von fettfreien Magerquark mit Früchten. Ich hatte im letzten Jahr jede mögliche Diät probiert. Natürlich alles ohne Erfolg. Aber ich bildete mir ein, dass es ein bisschen weniger durch meinen strengen Essensplan geworden ist. Zögernd setzte ich mich. Es war mir unangenehm, dass er so viel über mich wusste, obwohl wir kaum redeten. Als könnte er durch mich hindurch schauen. Es roch verlockend. Viel zu verlockend.
"Wissen Sie", sagte er, als er uns einschenkte und das Brot in Scheiben schnitt, "das Schöne an einem Fluch wie dem Ihren ist, dass sie rein gar nichts machen können, um ihr Erscheinungsbild zu verändern."
"Das habe ich gemerkt.", sagte ich bitter.

Wie oft hatte ich versucht diese dämliche Monobraue loszuwerden. Kaum hatte man in der schmerzhaften Prozedur alle Haare entfernt, wuchsen sie in Sekundenschnelle wieder nach. Die Friseuse ist fast verrückt geworden, als meine Haare einfach nicht die Blondierung annehmen wollten. Es war nur zum Verzweifeln.
"Aber was ist daran schön?"
"Sie konnten essen, was sie wollen ohne zuzunehmen.", sagte er vergnügt. Er traf immer genau ins Schwarze. Das war mir suspekt. "Noch mehr wäre ja auch bald gesundheitsgefährdend.", bemerkte ich zerknirscht und zog mein T-shirt so, dass es lockerer fiel, um meinen Schwimmgürtel zu verstecken. Das frische Brot duftete einfach zu gut. Dann fiel mir etwas auf: "Sie sagten konnte. Das ist Präteritum."
"Natürlich. Sie sind schließlich nicht mehr verflucht. Das ist jetzt Ihr Körper."
Meine Stimmung hellte sich sichtlich auf:  "Das heißt.. das heißt ich kann das hier loswerden?"
"Bis zu einem gewissen Grad schon. Sie werden keine 34 mehr tragen können. Dazu hat sich Ihre Körperstruktur zu sehr verändert. Sie werden also immer .. wie sagt meine Frau dazu immer… kurvig! Kurvig bleiben."
"Hmm.", machte ich und schob den Teller von mir weg.
Dann würde die ganze Quälerei wenigstens etwas bringen!
"Sie werden sowieso etwas weniger werden, wenn Sie wie ein normaler Mensch essen. Ihr Stoffwechsel ist seit gestern schließlich wieder normal. Und da Sie vor dem Fluch ausgewogen ernährt haben, sollte das kein Problem sein."
"Aber die hier werden wohl bleiben..", sagte ich mit einem Blick auf meine Brüste. Er sagte nichts. Vielleicht irritierte ihn diese Offenheit. Das Brot duftete verführerisch. Wenn es doch eh nicht allzu viel bringen würde…Ruckartig nahm ich ein Stück und genoss jeden Bissen — mit Reue. Das war so viel besser als Magerquark. Ich konnte das Zeug schon nicht mehr sehen. Arthur Brock löffelte genüsslich seine Suppe. Ich dippte mein Brot ganz wenig hinein. Wenn ich viel Wasser trinken würde, könnte ich vielleicht etwas davon essen. Wir aßen schweigend.

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Warum zum Teufel stand ihre Allergie nicht in der Akte? Das war höchstgradig merkwürdig. Alles stand dort drin. Ich musste auch unbedingt noch die zweite Seite ihrer Verfluchungsursache finden. Durch Schlamperei im Sekretariat ist diese einfach weg. Man hatte mich aus Zeitdruck einfach schon hergeschickt. Unprofessionell. Hoffentlich merkte sie es nicht. Je länger ich sie betrachtete, desto mehr kam sie mir wie ein Häufchen — oder eher Haufen bei ihren Ausmaßen — Elend vor. Es wunderte mich auch, dass ihre Quark-Obsession nicht als Essstörung eingestuft worden ist. Wer hat denn dermaßen geschlampt bei ihrer Akte? Und das bei einem so drastischen Fluch. Das Aufräumen war mit Magie ein Kinderspiel gewesen. Schließlich wussten alle Sachen, wo sie hinkamen. Aber es schien den richtigen Eindruck hinterlassen zu haben. Nächster Schritt: dieser Schlafanzug musste weg.

"Geht es Ihnen nun besser?", fragte ich nach dem Essen.
Sie lächelte. Zum ersten Mal. Das tat ihrem Äußeren unheimlich gut. Dann nickte sie. "Die Kopfschmerzen sind weg."
"Schön.", ich lächelte auch. "Nun. Nächster Punkt: Garderobe."
"Sie wollen mit mir shoppen gehen?", fragte sie belustigt. Dieses Lächeln machte tatsächlich ganz schön was her. Sie sollte das öfter machen.
"Nun ja. Ihre Garderobe besteht im Moment aus einer beträchtlichen Sammlung von übergroßen Pullovern und einer Leggins. So können wir Sie nicht auf den Arbeitsmarkt schicken."
Ihr Lächeln verschwand. Ich beugte mich nach vorn: "Keine Angst. Wir machen eins nach dem anderen."
Sie schob ihren Teller zurück und stand auf. Sie begann schweigend mit dem Abwasch. Ich nahm das als ein Dankeschön.

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Ich spülte still vor mich hin und hing meinen Gedanken nach. Bei denen an die Zukunft wurde mir schlecht. Wenn ich mich schon kaum aus der Wohnung traute -- wie sollte ich jemals den Mut aufwenden, wieder arbeiten zu gehen? Kinder konnten schließlich so brutal ehrlich sein... Als ich fertig war, saß er immer noch am Tisch und lächelte aufmunternd. Ich setzte mich widerwillig dazu. Vielleicht konnte ich ihn zum Gehen bewegen.

"Und.. Sie wohnen in der Nähe?", fragte ich. Er lachte kurz auf.
"Sie wollen wohl, dass ich gehe. Oh nein, so steht das nicht im Ablauf. So schnell werden Sie mich nicht los."  Er beugte sich nach vorn und sagte plötzlich sehr ernst: "Wir wollen ja nicht, dass Sie irgendwelche Dummheiten machen."
Ich schluckte und verschränkte die Arme. Dann dachte ich nach. "Sie können die Couch im Wohnzimmer haben. Ich hole Ihnen das Bettzeug."
Es war anscheinend eh aussichtslos gegen ihn anzukämpfen. Ich hatte am eigenen Leib erfahren zu was Menschen seiner Art in der Lage waren. Ich wollte ihn nicht so sehr reizen, dass er es erneut unter Beweis stellen musste. Ich kramte unter meinem Bett nach dem Gäste-Bettzeug. Ich hasste es, wenn ich spürte, wie mein Körper über meine Kleidung quirlte. Ich musste mich am Bett abstützen, um mich und mein Gewicht nach oben zu hieven. Das machte mir schon wieder schlechte Laune als ich ins Wohnzimmer schlurfte. Unbeholfen stecke ich das Lacken in die Couch. Nach all der Zeit war mir mein Körper immer noch fremd. Als ich endlich Kissen und Decke darauf legen konnte, stand er bereits in der Tür.
"Das ist sehr nett.", sagte er höflich.
Ich nickte nur und wischte mir die Haare aus dem Gesicht. Ich versuchte zu verstecken, dass ich außer Puste war.
"Tja.. na dann.", sagte ich etwas außer Atem und wippte auf meinen Zehen hin und her. Er setzte sich und legte sein Klemmbrett und sein Sakko auf meinen Tisch.
"Wenn Sie wollen, können wir auch noch über gestern Nacht reden?"
"Oh nein.", sagte ich knapp und drehte mich auf dem Absatz um Richtung Schlafzimmer.
"Gute Nacht, Frau McPhee!", rief er mir noch hinterher. Ich winkte nur ab, ohne mich umzusehen und schloss die Tür.

Ich plumpste aufs Bett. Ich war wohl eher erschöpft anstatt müde. Ich rieb mir über das Gesicht. Wie wurde ich den Zahnstocher bloß wieder los und warum war er so fixiert auf gestern Nacht? Ich schaute zur Tür. Vielleicht sollte ich doch mit ihm darüber reden? Er war schließlich der Einzige, der es verstehen würde. Ich reckte das Kinn. Ich musste nur aufstehen und zu ihm gehen. Aber mein Stolz stand mir im Weg. Ich knipste das Licht aus und rollte mich in meine Decke. Die Stille der Nacht legte sich erdrückend über mich. Es war dunkel und ich war allein. So würde es wohl ab sofort immer sein. Wer ist schon gerne mit jemandem wie mir befreundet… Ich rutschte in wirre Träume. Ich war gefesselt am Boden einer Schlucht. Das Wasser kam näher. Immer näher. Es floss um mich herum und stieg. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich hätte nur wegschwimmen müssen. Eine Stimme flüsterte 'Du hast versagt, mein Kind'. Ich versuchte mich von meinen Ketten zu lösen. Dabei schaute ich an mir herunter -- schaute an meinem alten Körper herunter. Sah meine glatten, blonden Haare über meinen flachen Bauch und Busen fielen. Ich trug eine Jeans. Die Ketten hielten mich fest und schnürten sich nur noch fester um meine Gelenke. Gelächter hallte durch mein Verließ. Schallendes Gelächter. Es galt mir. Das Wasser reichte mir bis zu den Knien, dann bald bis zur Hüfte. Ein dunkler Schatten schlängelte sich um meine Füße. Das Wasser stand mir nun bis zur Brust. Dann bald bis zum Kinn. Der Schatten schwamm höher und höher. Er riss seine gelben Augen auf, als mir das Wasser über den Kopf stieg und sprang in mein Gesicht.

Ich stand kerzengerade im Bett und hörte jemanden schreien. Ich war schweißgebadet. Alles an mir war nass. Etwas bewegte sich vor mir und schaltete das Licht an. Ich fuhr erschrocken zurück und sah Herrn Brock im gestreiften Schlafanzug auf meiner Bettkante. "Alles gut, Frau McPhee. Es war nur ein Traum."
Ich atmete schwer und sah ihn mit riesigen Augen an.
"Ich.. es war .. alles voller Wasser.. und er…", stammelte ich. Er nahm einen kalten Waschlappen und reichte ihn mir. Ich drückte ihn mir auf das Gesicht. Ich glühte. Schweiß ran mir den Rücken herunter.
"Vielleicht sollten Sie eine Dusche nehmen."

Ich nickte und stand zitternd auf. Meine Knie waren ganz weich. Das Wasser tat gut. Es machte meine Gedanken klar. Der See der Tränen war wohl doch nicht so spurlos an mir vorbei gegangen. Als ich aus der Kabine kletterte, schlüpfte ich in meinen alten Bademantel. Früher war er viel zu groß, nun passte er notdürftig. Ich tappte aus dem Bad und sah Licht im Wohnzimmer. Er hatte Tee gekocht. Die beiden Tassen standen auf dem Tisch. Er deutete einladend neben sich. Ich ließ mich neben ihn auf die Couch fallen. Meine nassen Haare klebten in meinem Nacken. Es war angenehm kühl. Ich atmete einmal tief aus.

"Das war ... unangenehm.", raunte ich.
"Wollen Sie drüber sprechen?"
"Ich .. ich kann mich nicht mehr erinnern.", sagte ich nachdenklich. Das war so merkwürdig an Träumen. In der einen Sekunde waren sie so präsent und in der nächsten hatte man sie vergessen.
"Aber..", sagte ich mit einem Seufzer, "es hatte was mit dem See der Tränen zu tun. Und ich… ich denke, ich möchte darüber sprechen."
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