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Herzensworte

von Wintercup
GeschichteSchmerz/Trost / P12
Iron Man / Anthony Edward "Tony" Stark Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
05.01.2021
21.01.2021
5
9.351
3
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Dieses Kapitel
1 Review
 
13.01.2021 1.935
 
Wakanda, November 2017

Nur noch selten wird Bucky in die Hauptstadt - die Goldene Stadt - geflogen. Nur noch selten muss er sich mit dem auseinandersetzen, was ihn überhaupt nach Wakanda geführt hat. Nur noch selten -
Nur noch selten wird seine neue Routine, sein neues Normal, unterbrochen.
Das heißt nicht, dass er vergisst - alles andere als das. Aber es bedeutet, dass seine Erinnerungen sich ‘normal’ verhalten. Dass er Zugang zu ihnen hat, wann er es will. Dass er sie vorüberziehen lassen kann, wenn es nötig ist. Dass er sich mit ihnen beschäftigen kann - aber nicht muss.
Es bedeutet auch, dass seine Nächte ruhiger werden. Und seine Tage leichter.
Er lernt.
Er lernt nicht nur, seine Vergangenheit und die des Winter Soldiers zu verstehen und zu verarbeiten. Vielleicht auch, sie zu akzeptieren.
Er lernt eine neue Sprache.
Er lernt, sich seinen Lebensunterhalt auf eine völlig neue Art zu verdienen.
Er lernt, zu leben - und jeden Moment als das zu nehmen, was er ihm bietet.
Denn er weiß, dass es nicht von Dauer ist.
Er ist zu sehr Soldat, um nicht zu wissen, dass es außerhalb seiner kleinen, fast heilen, fast perfekten Welt, die er in einem abgelegenen Dorf auf einer Farm mit einer kleinen Hütte und sogar einigen Ziegen ganz für sich in Wakanda gefunden hat, völlig anders zugeht. Und dass auch er eines Tages alles hinter sich lassen muss, um wieder in die ganz und gar nicht perfekte oder gar heile Welt zurückzukehren.
Zurück zu Steve.
Zurück zum Kampf.
Zurück zum Leben - und dem Tod.
Vielleicht auch zurück zu Tony Stark.
Er hat Namen und Logo von Tonys Firma auf mehreren Dokumenten und auch auf Komponenten der Maschine gesehen, die ihm hilft. Bucky hat nicht gefragt. Nicht wirklich. Er vertraut Steve - und Steve vertraut T’Challa und Shuri. Und wenn sie Tony vertrauen, dann tut Bucky das ebenfalls.
Das Vertrauen fühlt sich richtig an. Gut.
Bucky beginnt, sich gut zu fühlen. Irgendwie. Seine Gefühle sind nicht immer einfach zu ertragen - dazu sind seine Erinnerungen zu stark, zu mächtig. Und die Schuld, die er auf sich genommen hat, zu groß. Aber es gibt Augenblicke, und es werden immer mehr, in denen er ganz im Hier und Jetzt ist. In denen er wieder Bucky ist - nicht der Winter Soldier, nicht Sergeant Barnes, nicht einmal White Wolf.
Einfach Bucky.
Momente, in denen er lacht. In denen er sich darüber freuen kann, dass er da ist. Wieder da ist.
Und dann sind da immer wieder die Momente, in denen er mit sich hadert. Mit dem, was ihm passiert ist. Mit dem, was der Winter Soldier getan hat. Mit der Ruhe, die er noch kurz zuvor empfunden hat. In diesen Momenten wünscht er sich, etwas ändern zu können. Vielleicht sogar, sich selbst ändern zu können.
Wie Shuri in den Besitz der Gerätschaften von Stark Industries gelangt ist, weiß Bucky nicht. Sie hat ihm nur verraten, dass sie sie nicht gestohlen hat - dass Tony sie ihr freiwillig gegeben hat. Dass er wusste, was sie damit vorhat.
Bedeutete das, dass Tony sich geändert hatte? Dass womöglich eine Aussprache möglich ist?
Bucky zögert, auch wenn er hin und wieder mit dem Gedanken spielt, Shuri noch einmal darum zu bitten, ihm dabei behilflich zu sein, Tony eine Nachricht zukommen zu lassen - und wenn es nur ein Notizzettel ist. Aber diese Momente gehen vorbei. Weil er nicht weiß, was er anderes sagen soll als: Es tut mir leid.
Und es tut ihm leid - unendlich leid. Alles. Jeder einzelne Tod. Jedes zerstörte Leben. Jede Träne. Jeder Schrei. Jede durchwachte Nacht. Jede Stunde Einsamkeit.
Aber Tony würde seine Worte missverstehen. Würde sie als Entschuldigung verstehen. Aber das sind sie nicht. Sie sind keine Entschuldigung, denn keine Worte der Welt können das Leid entschuldigen, dass der Winter Soldier gebracht hat.
„Jede Tat des Winter Soldiers hatte zwei Opfer“, sagt Okoye, als sie ihn in T’Challas Auftrag aufsucht.
Bucky ist nicht nach Reden zumute - nicht darüber. Aber eine tiefsitzende Höflichkeit lässt ihn nun den Wechsel von einsilbigem Smalltalk über Ernte, Fortschritte beim Spracherwerb und einem Spiel, das ihm die Kinder des Dorfes beigebracht haben (und bei dem er bis jetzt jedes Mal verloren hat - was er Okoye verschweigt), mitmachen.
„Was meinst du?“, fragt er und weicht ihrem Blick aus. Ihrem ach so verdammt wissenden und mitfühlenden Blick.
„Jede Tat, die der Winter Soldier begangen hat, hat das Opfer verletzt - und dich.“
Ohne es zu wollen, nickt Bucky. Die Worte sind so wahr, dass es schmerzt.
Okoye versteht. Sie ist eine Kriegerin. Hat Kampf, Tod und Leid in ihrer Zeit bei den Dora Milaje gesehen, da ist Bucky sicher. Sie weiß, wovon sie redet. Sie kennt die Gefühle, ohne rührig zu sein. Sie hat Mitgefühl, weil sie versteht. Sie hat kein Mitleid - weil sie versteht.
Und Bucky merkt, dass es ihn tröstet - dieses Mitgefühl. Dieses Verstehen. Es tröstet ihn anders als die Selbstverständlichkeit, mit der man ihm grundsätzlich in Wakanda begegnet. Die Selbstverständlichkeit gibt ihm Sicherheit und Zutrauen.
Okoyes Mitgefühl gibt ihm Ruhe.
Bucky lächelt leicht. Er kann darauf vertrauen, dass sie das Lächeln richtig deutet. Denn sie versteht. Versteht ihn anders, als es Steve tut. Nicht besser - anders. Steve ist zu nah dran.
Okoye wahrt Abstand - und berührt ihn doch.
Vielleicht, so überlegt Bucky, kann er etwas ähnliches für ihn und Tony erreichen. Er braucht nur Zeit. Ganz sicher.

Wakanda, März 2018

Als er T’Challa und seine kleine Gefolgschaft auf sich zu kommen sieht, weiß Bucky, dass seine Zeit abgelaufen ist. Dass es mit der Ruhe vorbei ist. Dass seine Zeit als Farmer in Wakanda vorbei ist.
Zu früh, denkt er. Bis ihm klar wird, dass jeder Moment in der Zukunft zu früh wäre. Und dass von Anfang an klar war, dass er hier nicht alt werden würde.
Sie kommen immer näher. Und Bucky kämpft gegen den fast unwiderstehlich werdenden Drang an, Reißaus zu nehmen. Ein kindischer Gedanke. Ein Unterfangen, das zum sicheren Scheitern verurteilt ist. Also bleibt er. Wartet. Vielleicht irrt er sich ja. Vielleicht wollen sie nur nach dem Rechten sehen. Bucky hat den König von Wakanda vor Monaten das letzte Mal gesehen. Und -
Nein. Bucky weigert sich, sich selbst etwas vorzumachen. Je näher sie kommen, desto weniger kann er sich selbst belügen.
Er ist nicht der beste Menschenkenner, aber die ernsten Mienen - und die große Schatulle, die sie bei sich haben - sprechen eine sehr deutliche Sprache.
Und T’Challa weiß es auch besser, als um den heißen Brei herum zu reden - oder Bucky gar zu belügen. Das respektiert Bucky. Er respektiert T’Challa.
Bucky sieht den Arm - und braucht keine Worte. Er versteht. Er weiß, was T’Challa fragt, ohne einen Ton zu sagen. Und er weiß, dass es keine echte Frage ist. Weil es nur eine Antwort gibt.
Wie damals - wie 1941. Es war keine Frage, dass Bucky kämpft. Für das kämpft, was so viel größer war als er selbst: für das Recht, Freiheit und den Schutz all jener, die nicht selbst zu den Waffen greifen können. Damit sie nicht selbst zu Waffen greifen müssen, um sich zu verteidigen.
Er versteht, dass es wieder an der Zeit ist, dass er kämpft. Er weiß, dass es unausweichlich gewesen ist. Dass es so kommen musste. Trotzdem gefällt es ihm nicht.
Aber er wird kämpfen.
Er verdankt den Menschen in Wakanda so unendlich viel - schon allein deshalb kann er nicht nein sagen.
Also schluckt er Erinnerungen und Gefühle hinunter - würgt sie hinunter - und fragt: „Wo ist der Kampf?“
Als er kurz darauf auf sein Wiedersehen mit Steve wartet, überkommt ihm einmal mehr der Drang, wenigstens eine Sache abzuschließen. Nur für den Fall.
Nur für den Fall, dass dies sein letzter Kampf ist.
Er schüttelt über sich selbst den Kopf. Früher hat er solche Gedanken nicht gehabt. Nicht einmal, als Zola mit ihm experimentiert hat. Sicher, vor jedem Gefecht waren da Gefühle, die an Angst und sogar Panik grenzten. Aber er hat nie daran gedacht, dass ein Kampf sein letzter sein könnte.
Mit einer Ausnahme: als er in dem Zug im Donautal ohne Munition festsaß. Da war es jedoch bereits zu spät gewesen. Der Kampf war in vollem Gange gewesen.
Und es ist sein letzter Kampf gewesen. Es ist Sergeant Barnes’ letzter Kampf gewesen.
Hier und jetzt bereitet sich Bucky - einfach Bucky - auf einen Kampf vor. Und vielleicht macht das den Unterschied.
Er stellt fest, dass es überraschend schwer ist, einen Stift und Papier aufzutreiben. Aber es gelingt ihm schließlich. Was ihm nicht gelingt: die richtigen Worte zu finden.
Es tut mir leid.
Das sind die einzige Worte, die ihm einfallen. Wieder und wieder.
Und dann ist es zu spät.
Zu spät für Worte.
Zu spät für alles.

Stark Eco-Compound, Oktober 2023

Tony weiß nicht - noch immer nicht - warum Stephen Strange darauf bestanden hat, Thanos den Zeit-Stein zu überlassen. Stephen hat ihm nur verraten, dass dies zu der Zukunft unter über 14 Millionen führt, in der sie siegreich sein werden.
Obwohl Tony von sich selbst behauptet - und noch immer davon überzeugt ist - dass er ein Genie ist, versteht er auch nach fünf Jahren noch nicht, warum es notwendig war, dass so viele sterben mussten.
Warum die Zurückgebliebenen so viel Schuld, Schmerz und Wut ertragen müssen.
Er kann noch immer keinen Frieden mit den Ereignissen machen. Obwohl er besser dabei weggekommen ist, als die meisten, das ist ihm bewusst. Trotzdem: auch er hat verloren - schmerzhaft viel verloren. Aber während andere ihre Familien verloren haben, hat er seine gefunden. Morgan und Pepper sind sein ganzes Glück.
Ein Glück, von dem er an manchen Tagen trotz allem nicht überzeugt ist, dass er es verdient hat. Ein Glück, dass er eifersüchtig gegen alles und jeden beschützt. Ein Glück, das unglaublich fragil ist.
Tony weiß, dass kein Glück von Dauer ist.
Er möchte glauben, dass sie alles wieder ins Lot bringen werden. Dass alles ‚gut‘ wird.
Aber er weiß, dass alles einen Preis hat. Und dass es die Helden sind, die den Preis zahlen. Meist mit Blut. Viel zu oft mit dem Leben.
Er versucht, sich einzureden, dass es jeden Preis wert ist, wenn er Morgan eine Welt hinterlässt, in der sie friedlich aufwachsen und leben kann.
Dass es jeden Preis wert ist, wenn dafür Peter sein Leben leben kann.
Dass kein Preis zu hoch ist, um dem Universum das zurückzugeben, was ihm durch Thanos geraubt wurde.
Und deshalb muss er daran glauben, dass der Zauberer recht gehabt hat. Muss daran glauben, dass dies die eine Zukunft ist. Die einzige. Ihre Zukunft.
Tony lächelt schief. Stephen muss recht gehabt haben - er hatte recht. Immerhin wäre niemand außer Tony in der Lage gewesen, die Zeitmaschine zu bauen. Das ist eine Tatsache - keine Selbstbeweihräucherung. Sicher nicht.
Sie werden eine Zeitreise machen. Sie werden erfolgreich sein. Sie werden siegen und alle zurückbringen. Koste es, was es wolle.
Für alle, die jemanden verloren haben.
Für alle, die gestorben sind.
Für alle ungesagten Worte.

Stark Eco-Compound, Oktober 2023

Ausgerechnet. Ausgerechnet Sam hat ihn davon überzeugt, an der Trauerfeier für Tony teilzunehmen. Ausgerechnet.
Er hört die Worte der Trauerreden. Aber in seinen Gedanken ist nur Platz für vier Worte: Es tut mir leid.
Später hört er den Waschbären - Rocket - erklären, dass er gut auf Buckys Gewehr Acht gegeben hat. Dass er die eine oder andere Verbesserung vorgenommen hat, um die Waffe für Kämpfe im Weltall tauglich zu machen. Hört, wie Rocket ihm zurückhaltend anbietet, ihm das Gewehr zurückzugeben.
Bucky schüttelt den Kopf. „Behalt’s.“
Noch später sieht er, wie Steve mit Pepper und Rhodes spricht. Sieht Happy und Morgan auf der Veranda des Hauses sitzen. Und denkt immer noch: Es tut mir leid.
Viel, viel später, bestiehlt er Steve - und es tut ihm nicht leid.
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