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Das Schicksal ist...

GeschichteHumor, Übernatürlich / P6
05.01.2021
17.01.2021
3
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Dieses Kapitel
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14.01.2021 2.323
 
Kalenderwoche 02: von - Leela -
Der Mond besteht aus Käse, oder nicht?
In diesem Kapitel soll die Aussage verifiziert oder widerlegt werden.
In welchem Zusammenhang tritt die Frage auf? Wie wird der Beweis angetreten?

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Hey Leute!

Zuerst einmal möchte ich mich ganz herzlich für eure Ratschläge und Denkanstöße bedanken. Ich habe auch versucht sie alle umzusetzen. Teilweise lief es sogar richtig gut. Äh, ich meinte natürlich läuft… oder doch lief? Konzentration, Lydia!
Zumindest lief… läuft… Argh, nochmal von vorne.

Hey Leute!

Zuerst einmal möchte ich mich ganz herzlich für eure Ratschläge und Denkanstöße bedanken. Ich habe auch versucht sie alle umzusetzen. Teilweise lief es sogar richtig gut.
Zumindest… in meinem Kopf. In der Theorie haben Nico und ich uns ausgesprochen, über unsere Dummheit herzlich gelacht und die Kooperation bezüglich meines Problems stritt hervorragend voran. In der Praxis jedoch ist es gelinde gesagt suboptimal gelungen. Man könnte auch sagen, dass das gesamte Vorhaben Ich- werde- freundlicher- zu- Nico- sein- damit- er- auch- netter- zu- mir- ist gehörig gegen den Baum gefahren und unser Verhältnis noch schlechter als zuvor ist… war. Oder doch ist?

Ach verdammt, ich habe keine Ahnung wie es gerade zwischen uns steht. Ich bin einfach nur noch verwirrt. Vier Tage lang ging alles weiter den Bach runter. Am Anfang sah es nicht danach aus, denn ich wünschte ihm zu jedem Erwachen einen guten Morgen, seine Beleidigungen schluckte ich einfach hinunter und den ein oder anderen Wunsch… nein, bleiben wir bei der Wahrheit, es waren Befehle… also den ein oder anderen Befehl habe ich sogar ausgeführt.

Aber als der Bengel dann zu mir meinte: „Sei ein braves Götterhündchen und sprich mich gefälligst nur mit `Herr und Meister´ an“, ist mir dann doch der Kragen geplatzt und ich habe meinem aufgestauten Frust freien Lauf gelassen. Zugegeben, das war sehr - und damit meine ich wirklich sehr - kontraproduktiv. Aber ich muss mir ja auch nicht alles gefallen lassen und mich unterwerfen. Das ist unter meiner Würde.
Jedenfalls hatten wir nach diesem Streit zuerst kein Wort mehr miteinander gewechselt. Doch was dann von Freitag auf Samstag passierte muss ich euch nicht nur erzählen, sondern zeigen. Dieses Phänomen kann ich einfach nicht korrekt wiedergeben.

Kommt schnell mit in die Küche zum Waschbecken! Dort ist gerade niemand und das Waschwasser ist noch in der Abwäsche. Darin kann ich euch die Vergangenheit zeigen und daran teilhaben lassen. Willkommen in meinem geisterhaften Zustand, nur mit dem Unterschied, dass euch dort absolut niemand wahrnehmen kann und ihr bloße Zuschauer seid, ohne das Geschehen verändern zu können.
Für dieses Talent liebe ich meine Vorfahrin. Ein Hoch auf Klothos Nebenfähigkeit!

Ja, ihr habt recht. Zurück zum Wesentlichen.

~


Der Streit war heftig gewesen. Nico und Lydia hatten sich vorher schon nicht gerade harmlos in die Wolle bekommen und Schimpfwörter, wie zum Beispiel `dummer Affenjunge´ und `nutzloses Ungeziefer´ waren an der Tagesordnung. Doch das war alles harmlos im Gegensatz zu dem, wie dieses Mal Fetzen flogen.

Die Göttin hatte sich wirklich bemüht netter zu dem Jungen zu sein und auch er wollte eigentlich guten Willen beweisen, jedoch legt man alte Gewohnheiten nur schwer ab. Demnach regte sich Nico immer noch schnell auf, wenn das Mädchen wieder einmal nichts von irdischen Problemen zwischen Mann und Frau nachvollziehen konnte oder verständnislos fragte, warum er denn weiter zur Schule ginge, wenn diese nichts anderes tat, als an seinen Nerven zu zerren.
Stellenweise war es dem Menschenjungen auch einfach zu peinlich auf ihre Fragen zu antworten, weshalb er tat, was er tat. Es war demnach deutlich zu merken, dass die beiden in unterschiedlichen Welten lebten.

Der Anstoß für ihren heftigsten Streit war jedoch, dass die Göttertochter energisch wissen wollte, warum sie abends auf einmal sein Zimmer verlassen sollte. Zumal sie ihm gerade von einer neuen Möglichkeit berichten wollte, wie die zwei vielleicht ihrer beider Leben wieder trennen könnten.
Doch da Nico genau aus jenem Grund, nämlich ihrer dauerhaften Anwesenheit und der damit verknüpften, mangelhaften Privatsphäre, seinen Bedürfnissen als 16- jähriger nicht mehr nachgehen konnte, führte der drucktechnische Stress bei ihm zu einer Kurzschlussreaktion.

Natürlich war es dem Teenager peinlich, einem Mädchen ehrlich zu sagen, warum sie bitte sein Zimmer verlassen sollte, doch den Rest gab es ihm, als Lydia einfach nicht verschwand, sondern immer weiter nachbohrte. Somit rutschten ihm die folgenschweren Sätze heraus: „Mach doch einfach mal das, was man dir sagt. Außerdem hatten wir das Thema jetzt schon 1000 Mal. Sei ein braves Götterhündchen und sprich mich gefälligst nur mit `Herr und Meister´ an. Deine Respektlosigkeit ist selbst für eine niedere und unwichtige Göttin wie dich erschreckend.“

Woher sollte Nico in diesem Moment wissen, was seine Worte anstellen würden? Dass es das Mädchen viel Überwindung gekostet hatte, nett zu ihm sein wusste er wohl, doch dass sie so viel Frust angestaut hatte, kam selbst für ihn überraschend. Sie zählte jede einzelne Beleidigung auf, die er ihr entgegengebracht hatte. `Seelenfresserin´, `Himmelsschnepfe´, `dummes Sumpfhuhn´, um ein paar wenige zu nennen. Sie ließ sich auch richtig über seine herablassende Art aus. Außerdem wurde ihm vorgehalten, dass ihm ihre Probleme gehörig am Allerwertesten vorbei gingen und er sie ruhig mehr bei der Lösungsfindung unterstützen könnte. Aber Nico, wäre nicht Nico, wenn er sich eine gewisse Mitschuld eingestehen und klein beigeben würde und somit feuerte er zurück.

Auch Lydia war sehr überrascht, wie viel emotionaler Ballast sich in nur wenigen Tagen bei dem Menschen angestaut hatte. Dies jedoch erfuhr sie nun alles. Ihr Begleiter machte seinem Zorn Platz und die Göttin durfte sich einiges anhören.
Begonnen bei ihrer vollkommenen Missachtung seiner Privatsphäre, über eine absolute Humorlosigkeit, bis hin zu ihrem ausgeprägten Narzissmus ließ Nico absolut nichts aus.

Die beiden schenkten sich nichts und am Ende trennten sie sich im Streit.
Aus Mangel an Alternativen blieb Lydia jedoch im Zimmer des Jungen, während dieser ein paar Anziehsachen in eine Tasche schmiss und das Haus verließ.
Diese Phase hielt vier Tage an.

In dieser Zeit verbrachte die Göttertochter viele Stunden in der Nähe von Nicos Eltern. Diese konnten das Mädchen weder sehen, noch hören. Sie ahnten nicht einmal, dass sie in ihrer harmonischen Zweisamkeit beobachtet wurden. Jedoch wagte sich das Mädchen nicht in deren Schlafzimmer und ließ die Erwachsenen dort in Ruhe.
Nachts saß die Schicksalsgöttin zusammengekauert in Nicos Zimmer auf dem Fensterbrett und sah dem Mond dabei zu, wie er immer runder wurde. Während der einsamen Stunden fragte sich Lydia immer häufiger, wie es wohl Selina ging. Diese war die Nachfahrin der Mondgöttin Selene und soweit die Geisterhafte wusste, war diese jeden Tag so einsam, wie sie selbst gerade.

Im Gedanken versunken bemerkte die Göttertochter nicht, wie sich die Zimmertür öffnete. Erst als jene mit einem lauten Knall ins Schloss fiel, zuckte sie heftig zusammen und widerstand mit Müh und Not dem Drang sich umzudrehen. Denn in der Fensterscheibe konnte Lydia das Spiegelbild von Nico sehen, welcher mehr zu seinem Bett stolperte und schwankte, als dass er wirklich lief. Sie bewegte sich nicht, denn die Göttin hatte wirklich Angst, dass der Mensch sie aus seinem Zimmer werfen könnte.
Doch kein Wort zerriss die Stille. Das Mädchen hätte nicht einmal sagen können, ob der Junge im Stehen eingeschlafen oder vorher noch in sein Bett gefallen war.

„Besteht der Mond eigentlich aus Käse?“, fragte dieser jedoch plötzlich und vollkommen überrascht weiteten sich Lydias Augen. Ihr Blick war aber weiter aus dem Fenster gerichtet.
„Nun rede schon mit mir! Besteht der Mond aus Käse? Ich weiß, dass du da bist“, sprach Nico unverblümt weiter. Obwohl man seine undefinierbaren Laute weniger als Sprechen, sondern mehr als Lallen und Nuscheln bezeichnen sollte.
Lydia rätselte jedenfalls einen Moment, bis sie alle Worte halbwegs begriffen hatte und antworten konnte: „Nein, er besteht nicht aus Käse.“
„Aus Gestein?“, folgte sogleich die nächste Frage des Jungen.

Die Göttin wandte sich dem Menschen nun doch zu und erhob durchdringend die Stimme: „Nico, was willst du? Wir sind uns beinahe ganze vier Tage aus dem Weg gegangen. Willst du, dass ich gehe? Das gestaltet sich schwierig, denn ich weiß nicht, wo ich hin soll. Willst du, dass ich mich dir unterwerfe? Nie im Leben! Ich besitze Stolz. Willst du-“
„Bla, bla, bla. Kannst du auch noch was anderes außer labern? Ich versuche dir gerade etwas zu sagen, also sei still. Ich muss erstmal meine eigenen Gedanken hören“, zischte Nico und unterbrach damit ihren Monolog. Doch kurz darauf fing er an zu giggeln und brummte: „Mann, bin ich besoffen.“
Verwirrt blickte die Göttertochter den Jungen an, sagte aber tatsächlich nichts mehr.

Als nach mehreren Minuten erwartungsvollen Schweigens jedoch keine weitere Silbe seine Lippen verließen, wandte sich Klothos Nachfahrin wieder dem Fenster zu. Worauf sie eigentlich gehofft hatte, vermochte das Mädchen selbst nicht zu sagen.
Ein schwerer Seufzer ließ die Geisterhafte dann jedoch erneut heftig zusammenzucken, denn dieser kam nicht vom Bett, sondern von dicht hinter ihr. Eine warme Stirn landete auf ihrer nur dürftig materialisierten Schulter und Lydia spürte sofort, wie ihr kaum vorhandener Körper eiskalt wurde und begann, durchsichtig zu werden.
Sie sprang von dem Jungen fort, wandte sich ruckartig um und sah Nico anschließend entsetzt an, Dieser nahm der Göttin jedoch allen Wind aus den Segeln, als folgende Worte seinen Mund verließen: „Lydia, es tut mir leid.“


Es war ein ganz einfacher Satz und doch war er genau das, was das Mädchen niemals erwartet hätte. Sie guckte den Menschenjungen erstaunt an und all ihre Gedanken erlahmten. Was sollte sie denn jetzt dazu sagen? Doch gerade als Lydia den Mund aufmachen wollte, lallte Nico weiter: „Mir ging es nach dem Streit einfach scheiße. Ich war richtig zum kotzen und das tut mir leid.“
Endlich war sie wieder Herr ihrer Stimme und antwortete ihm schließlich, sah dabei aber peinlich berührt zur Seite: „Mir tut es auch leid. Du hast ja nicht unrecht mit dem, was du gesagt hast. Mir ging es mit der ganzen Situation ebenfalls nicht gut und deswegen haben wir uns fast dauernd gestritten. Aber dieses Mal war es anders.“
„Du laberst schon wieder. Was ist es nun? Käse oder Gestein?“, unterbrach der 16- jährige seine Leidensgenossin wieder einmal.

Verständnislos blinzelte Lydia ihren Gesprächspartner an. „Gestein oder Käse? Redest du schon wieder vom Mond?“

Nico lief rückwärts zu seinem Bett, wo er sich einfach hineinfallen ließ, sobald seine Kniekehlen dieses berührten und gackerte wieder. Die Göttertochter bewegte sich keinen Millimeter. Sie war mit der Situation gnadenlos überfordert und verstand nichts mehr. Zuerst entschuldigte er sich, dann wollte er ihre Ansicht nicht hören und nun stellte er schon wieder diese seltsame Frage. „Wie kommst du auf diesen Unsinn?“

Der Junge klopfte auf die freie Fläche neben sich und zögerlich kam Lydia seiner Aufforderung nach. Als sie schließlich auf seiner Matratze saß erzählte er ihr, dass das ein betrunkener Gedanke von ihm und seinen Kumpels war und er diesen einfach gerne beantwortet haben wollte. Das Mädchen schüttelte nur mit dem Kopf. Menschen waren doch einfach ulkige Geschöpfe.
„Der Mond, den du kennst, der besteht aus Gestein. Den, den ich kenne, ist etwas ganz anderes“, meinte die Schicksalsgöttin lediglich und wollte dann wieder aufstehen, doch der Teenager rollte sich zu ihr rüber und seine nuschelnde Stimme ließ sie verharren: „Erzähl es mir. Woraus besteht dein Mond.“
Zuerst wollte sich die Göttin sträuben, doch dann legte sie sich mit in sein Bett und tat das, worum der Junge sie gebeten hatte. Sie berichtete von Selina, den weiten Wiesen mit Silberlilien und den Tänzen mit den Sternbildern und Nico lauschte einfach mit geschlossenen Augen ihren Ausführungen.

Nachdem sie geendet hatte, dachte Lydia eigentlich, dass der Junge schlafen würde, doch er kam ihr noch etwas näher und begann ganz leise zu säuseln: „Ich muss dir noch etwas sagen. Ich… Ich…“ Doch mehr kam nicht von ihm.
Neugierig blickte ihm die Göttin ins Gesicht und wartete, aber dann fragte sie nach: „Du?“
Wieder begann er leise mit „Ich…“, seufzte jedoch frustriert auf. Kurz darauf fing der Junge wieder an zu lachen und setzte seinen Satz fort: „Ich… ich habe es vergessen. Schlaf gut, Lydia“. Noch bevor sie etwas erwidern konnte, schnarchte Nico friedlich vor sich hin.

~


So, nun habt ihr alles gesehen. Das Kuriose an der Sache ist, dass er mich seit diesem Gespräch tatsächlich immer häufiger anlächelt und zwar nicht herablassend, sondern wirklich freundlich. Das Verwirrenste ist jedoch, dass ich das erwidere und ich kann nicht einmal etwas dagegen tun. Es passiert einfach. Nico lächelt mich ein bisschen an und schon ziehen sich meine Mundwinkel automatisch mit hoch.

Versteht mich nicht falsch, ich freue mich darüber. Wir streiten uns zwar nach wie vor, doch irgendwie ist es jetzt anders. Als ob er das einfach nur aus provokanten Gründen macht. Allerdings nicht aus Bösartigkeit, sondern mehr, als würde er mit mir rumalbern.

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Hat sich unser Verhältnis nun gebessert oder verschlechtert? Sind wir jetzt so etwas wie Freunde oder habe ich mich damit abgefunden, dass er angeblich mein Meister sei? Ich dreh noch durch. Nicht zuletzt auch, weil Nico seit Neustem die Worte `Bitte´ und `Danke´ verwendet. Mir läuft es jedes Mal eiskalt den Rücken hinunter. Beinahe wäre es mir lieber, es wäre wieder wie vorher, aber so ist es eigentlich auch nicht schlecht und… ich weiß nicht was besser und schlechter ist.

Was haltet ihr denn davon? Oh, und eine andere Sache würde mich nun auch interessieren, aber ich möchte Nico diesbezüglich nicht fragen. Was bedeutet dieses `betrunken sein´ überhaupt? Ist das so eine Art Zaubertrank, der einen netter macht? Ein Wundermittel vielleicht? Ihr Menschen habt teilweise noch merkwürdigere Anwandlungen als wir Götter.

Naja, ich beobachte die Situation noch etwas weiter. Vielleicht normalisiert sich ja alles wieder und Nico ist bald der Alte und nicht diese Nettigkeit in Person. Obwohl… Ach man, ich weiß nicht, was ich besser finden soll geschweige denn was ich will.

Wenn ich ihn das nächste Mal abpasse, dann muss ich mit ihm jedenfalls ganz dringend über den Denkanstoß von Distaria reden. Wäre doch gelacht, wenn wir das andere Ende meines Lebensfadens nicht finden. Ich werde euch berichten, wie es voran gegangen ist.

Also dann, bis die Tage.
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