Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Mystery / Lissa

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Lissa

GeschichteDrama, Romance / P16 / Gen
04.01.2021
19.01.2021
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6.050
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04.01.2021 4.110
 


Ich begegnete ihr an einem regnerischen, stürmischen Herbstabend in einem Hotel-Restaurant.
Wie es das Schicksal so wollte, hatte es uns beide aus unterschiedlichen Gründen in diese abgelegene Gegend des Landes und dieses altbackene Hotel verschlagen, wo die Zeit in den 1990ern stehen geblieben zu sein schien.
Ich war Antiquitätenhändler, im August vierzig geworden, hatte mich erst wenige Wochen zuvor von meiner langjährigen Verlobten getrennt und war extra wegen der vielversprechenden Haushaltsauflösung eines alten Bauernhofs, der seit 1666 in Familienbesitz gewesen war, her gereist; tatsächlich hatte ich auch schon Interesse an einigen Möbeln und Haushaltsgegenständen verlauten lassen und wartete nun darauf, dass die Erben mein Angebot annahmen, was ich erst am nächsten Tag erfahren würde.
Sie saß an einem Tisch, schräg gegenüber von mir, ebenfalls alleine, und fiel mir schnell auf, nicht nur, weil sie außer mir der einzige andere Gast im Speiseraum war, sondern auch weil sie so hübsch aussah: Schulterlange, hellbraune Locken, ein herzförmiges Gesicht mit hohen Wangenknochen, großen Kulleraugen, einem Schmollmund und fein geschwungener Stupsnase. Ein Puppengesicht.
Für einen Moment begegneten sich unsere Blicke und sie schenkte mir ein leichtes Lächeln, das ich schüchtern erwiderte; ich war im Umgang mit Frauen immer sehr unsicher, obwohl mir meine Schwester und mein bester Freund – der zufällig auch mein Schwager war – immer wieder versicherten, dass ich mit meinen schwarzen Haaren, den hellblauen Augen und meiner 1,85 m großen, sportlichen Statur gut aussah.
Zu meiner Verblüffung erhob sie sich, nahm ihr Glas Weißwein in die Hand und kam zu meinem Tisch herüber. Sie war von eindeutig zierlicher Gestalt mit einer eher mädchenhaften Figur, doch einigen Kurven an den richtigen Stellen, die durch das enge, rote Strickkleid, welches sie trug, vorteilhaft betont wurden.
„Ist hier noch frei?“, erkundigte sie sich.
Aus der Nähe konnte ich erkennen, dass ihre Augen grau-grün waren, wie Jade, und einige kaffeebraune Sommersprossen ihren Nasenrücken zierten.
„Äh, ja, natürlich“, antwortete ich und spürte, wie ich rot wurde.
Sie schenkte mir ein strahlendes Lächeln.
„Vielen Dank! Ich bin übrigens Larissa Margonya Mayer… Verwandte und Freunde nennen mich jedoch bloß Lissa“, erklärte sie und streckte mir ihre kleine, manikürte Hand entgegen.
„Freut mich Sie kennen zu lernen, Lissa. Mein Name ist Ricklef. Ricklef von Stein“, stellte ich mich ebenfalls vor, wobei ich meinen schrecklichen zweiten Vornamen (Ambrosius, nach meinem Urgroßvater) verschwieg und ergriff die mir dargebotene Hand; im Griff meiner großen, warmen, fühlte sie sich angenehm kühl und erschreckend zerbrechlich an.
Eine ihrer perfekt geschwungenen Augenbrauen hob sich. „Von Stein? Ich habe es also mit Adel zu tun?“, hakte Lissa flirtend nach.
Verlegen lachend zuckte ich mit den Schultern. „Nun ja, verarmter Landadel, wenn Sie es genau wissen wollen. So verarmt, dass bereits mein Urgroßvater anfing Erbstücke zu verkaufen um sich und seine Familie über die Runden zu bringen“, verriet ich mehr oder weniger, wie meine Familie ins Antiquitätengeschäft eingestiegen war, ohne dass sie überhaupt wusste, was ich beruflich machte.
Lissa legte den Kopf schief und musterte mich einen Augenblick. „Nun, so arm sehen Sie gar nicht aus“, bemerkte sie und spielte damit eindeutig auf meine stilvolle, hochwertige Kleidung an, bestehend aus einer beigen Baumwoll-Twill Hose, einem blau-beige karierten Flanell-Hemd sowie einem blau meliertem Tweed-Sakko; zugegebenermaßen machte ich mir nicht viel aus Mode und die Tatsache, dass ich immer gut gekleidet war hatte ich meiner Schwester und ihrem Shopping-Wahn zu verdanken; da mein Schwager am liebsten T-Shirts und Hoodies mit Band- oder Film-Logo trug und höchstens zu besonderen Anlässen ein schwarzes Hemd zu seinen schwarzen Jeans oder Lederhosen kombinierte, konnte sie sich bei meiner Garderobe ganz austoben.
Ich zuckte erneut mit den Schultern. „Nun, das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass mein Urgroßvater das Verkaufen von Erbstücken zu einem Unternehmen ausgeweitet hat und unsere Familie seitdem einen sehr erfolgreichen Antiquitätenhandel führt“, gestand ich.
Lissas schlanke Finger spielten mit ihrem Weinglas.
„So, so, Antiquitäten? Wie aufregend! Ich muss gestehen, dass ich privat auch gerne auf Flohmärkten oder in Antik-Läden stöbere, versuche die Geschichte hinter den Stücken, ihre Vergangenheit zu spüren, doch beruflich damit zu tun zu haben, muss ja noch viel aufregender sein“, meinte sie.
Tatsächlich war der Antiquitätenhandel nicht ganz so aufregend, wie sie glaubte; viel Zeit ging für Restaurierung und Papierkram drauf. Doch bevor ich das sagen oder sie nach ihrem Beruf fragen konnte, kam auch endlich der Kellner mit meinem bereits vor zehn Minuten bestellten Schwarzbier.
Er schien ein wenig irritiert darüber, dass sich Lissa umgesetzt hatte, doch nachdem sie ihm ein strahlendes Lächeln schenkte, schien er besänftigt.
„Haben die Herrschaften denn schon gewählt?“, erkundigte er sich ganz geschäftig.
Tatsächlich hatte ich schon kurz nachdem ich mein Bier bestellt hatte gewusst, was ich an diesem Abend essen wollte und Lissa schien ebenfalls schon ihre Wahl getroffen zu haben.
„Als Vorspeise nehme ich den gemischten Salat mit Senf-Honig-Dressing und gebratenen Garnelen, als Hauptspeise das Hähnchen Cordon Bleu mit Preiselbeer-Kompott und Pommes frites und als Nachtisch die Herrencreme“, verkündete sie, ohne noch einmal in die Karte zu schauen. Der Kellner nickte, während er alles notierte und sich dann mit hoch gezogener Augenbraue und erwartungsvollem Blick mir zuwandte.
„Oh, äh… für mich bitte die Tomaten-Cremesuppe mit Croutons als Vorspeise, dann das Hamburger Schnitzel mit Bratkartoffeln als Hauptspeise und als Nachtisch die Rote Grütze mit Vanillesauce“, erklärte ich.
Der Kellner nickte wieder geschäftig während er auf seinem Block herum kritzelte.
„Sehr wohl die Herrschaften!“
Mit diesen Worten nahm er die Speisekarte, die noch auf dem Tisch lag, wieder mit – warum war mir schleierhaft, denn bis auf mich und Lissa war das Hotel-Restaurant doch leer.
Wir unterhielten uns noch ein wenig, während wir auf unser Essen warteten. Ich erfuhr, dass Lissa dreiunddreißig Jahre alt war (ich hatte sie viel jünger, auf Mitte bis Ende zwanzig geschätzt) und als Grundschullehrerin arbeitete, aber nebenbei an einem Kinderbuch schrieb, das sie sogar selbst illustrierte.
„Deswegen habe ich mir jetzt in den Herbstferien die kleine Auszeit gegönnt – um den Kopf frei zu bekommen und meine kleine Schreibblockade zu überwinden. Der Alltagstrott ist einfach Gift für die Kreativität“, erklärte sie und nahm einen Schluck Wein.
Tatsächlich wunderte es mich dann, dass sie meinen Beruf als Antiquitätenhändler so interessant fand; wenn ich ehrlich war stellte ich es mir viel interessanter vor mit Kindern zu arbeiten und Bücher zu schreiben und das sagte ich auch.
Lissa lächelte geheimnisvoll. „Nun, alles hat seine positiven und negativen Seiten. Klar, ich liebe meinen Beruf und bin gerne Lehrerin, doch manchmal sind die Kleinen schon ziemlich anstrengend. Und das Schreiben ist eine einsame Tätigkeit.“
Sie machte eine Pause, in der sie mich eindringlich mit ihren Jade-Augen musterte, bevor sie fragte: „Haben Sie eigentlich Kinder?“
Die Frage war an und für sich harmlos, doch hatte sie damit einen wunden Punkt getroffen. Nichts wünschte ich mir sehnlicher als eine eigene Familie, weswegen ich mich auch von meiner Ex-Verlobten nach insgesamt fünfzehn Jahren Beziehung getrennt hatte; sie wollte partout keine Kinder und war ganz auf ihre Karriere als Wirtschaftsanwältin fixiert.
„Nein, leider nicht“, antwortete ich und konnte nicht verhindern, dass sich eine gewisse Bitternis in meine Stimme schlich.
Lissa lehnte sich ein wenig vor und sah mir tief in die Augen, sodass ich ein Kribbeln im Bauch spürte.
„Mach dir deswegen keine Sorgen, Rick, ein so gutaussehender Kerl wie du findet sicher bald die Richtige und ehe du dich versiehst, bist du auch schon ein Familienvater!“, versicherte sie mir und legte zu meiner Verblüffung ihre Hand auf meine, während mir erst in diesem Moment bewusst wurde, dass sie nicht nur eine sehr vertraute Geste anwandte, sondern mich auch sehr vertraut angesprochen hatte, nämlich mit „du“ und meinem Spitznamen, „Rick“.
Doch noch bevor ich darauf regieren konnte, kam der Kellner mit unseren Vorspeisen, Lissa zog ihre Hand zurück, bedankte sich strahlend beim Kellner und bestellte noch ein Glas Wein.
Der magische Moment war fürs erste vorbei und wir aßen eine Weile schweigend, jedoch nicht ohne einander hin und wieder verstohlen zu mustern.
Als der Kellner kam um unsere leeren Teller abzuräumen, bestellte ich mir noch ein Schwarzbier und während wir auf unseren Hauptgang warteten, suchte Lissa erneut das Gespräch, allerdings schlug unsere Unterhaltung nun eine allgemeinere Richtung ein, indem sie sich nach meinen Plänen für die nächsten Tage erkundigte. Zudem fiel mir auf, dass sie mich nun wieder mit „Sie“ und „Ricklef“ anredete, was ich ein wenig merkwürdig fand.
Hatte ich mir ihre kurzzeitige Vertrautheit etwa nur eingebildet?
Nun, jedenfalls berichtete ich ihr, dass ich am nächsten Tag noch einmal zu dem alten Bauernhof fahren müsste um endlich zu erfahren, ob die Erben mit dem von mir vorgeschlagenen Preis für die Stücke, die ich ausgewählt hatte, einverstanden waren.
Sofort leuchteten Lissas Augen.
„Oh, das würde mich auch interessieren diesen alten Bauernhof zu sehen… Glauben Sie, Sie könnten mich mitnehmen, Ricklef?“, wollte sie wissen.
Ich zögerte einen Augenblick.
Sicher, Lissa war nett und hübsch und eine angenehme Gesellschaft, doch wir hatten uns gerade erst kennen gelernt, weswegen ich es schon etwas befremdlich gefunden hätte, diese junge Frau bei einer geschäftlichen Angelegenheit dabei zu haben.
Andererseits schmeichelte mir ihr Interesse an meinem Beruf; meine Ex-Verlobte wollte nie etwas mit Antiquitäten zu tun haben und wechselte jedes Mal sofort das Gesprächsthema, wenn ich anfing darüber zu sprechen.
Lissa schien mein Zögern zu bemerken. „Oh, entschuldigen Sie, wie aufdringlich von mir! Vergessen Sie einfach, dass ich gefragt habe“, bat sie und eine leichte Röte überzog ihre hohen Wangenknochen, während sie hastig einen großen Schluck Wein nahm und verlegen den Blick senkte.
Mittlerweile hatte ich nicht mehr nur ein Kribbeln im Bauch, sondern schon Schmetterlinge.
„Nein, kein Problem, Lissa, ich nehme Sie gerne morgen mit“, versicherte ich und wunderte mich selbst über meine Spontanität.
Aber das war doch gut, dass ich nun spontan war, oder? Immerhin hatte sich meine Ex-Verlobte immer über meine fehlende Spontanität beschwert. Einer der wenigen Punkte, in dem sich meine Schwester und sie einig waren.
Sofort richtete Lissa den Blick ihrer großen Kulleraugen wieder auf mich und bedachte mich mit einem strahlenden Lächeln.
„Oh, Ricklef, das ist so lieb von Ihnen!“, sagte sie und legte wieder ihre Hand über meine, dieses Mal jedoch ohne die vertrauliche Anrede und den Spitznamen, aber trotzdem spürte ich, dass ich dabei war, mich zu verlieben.
„Du. Sag doch bitte ‚du‘ zu mir. Und meine Freunde und Verwandten nennen mich ‚Rick‘“, erklärte ich.
„Also gut – Rick“, erwiderte Lissa und hob ihr Weinglas.
Wir stießen an.
Ich kann mich kaum noch an die Hauptspeise oder das Dessert erinnern, doch ich weiß noch genau, wie sehr ich es nach beendeter Mahlzeit bedauerte, dass sich Lissas und meine Wege nun für die Nacht trennen würden.
„Sehen wir uns zum Frühstück?“, erkundigte ich mich hoffnungsvoll.
Lissa nickte, während sie ihren Espresso austrank, den sie zum Dessert bestellt hatte.
„Sicher, wenn du das möchtest, Rick… Doch warum kommst du nicht noch mit auf mein Zimmer? Wir könnten uns eine Flasche Wein oder Champagner bestellen und uns weiter so angeregt… unterhalten“, schlug sie vor.
Und wieder reagierte ich spontan, indem ich zustimmte.
Allerdings unterhielten wir uns im weiteren Verlauf des Abends so gut wie gar nicht mehr.
Sobald die Tür zu Lissas Zimmer hinter uns ins Schloss fiel, lagen wir uns auch schon in den Armen und küssten uns leidenschaftlich.
Eins führte zum anderen und schon bald hatten wir Sex in dem klobigen, quietschenden und knarrenden Bett des Hotels.
Mehr als einmal.
Eigentlich die ganze Nacht.
Nie würde ich vergessen, wie es war, als Lissa mich ritt, wie ihre perfekten, festen Brüste über meinen Oberkörper strichen, wie sie mich in den Mund nahm…
Es war der beste Sex meines Lebens.
Und auch wenn ich es mir nicht wirklich eingestehen wollte, so war ich Lissa bereits schon mit Haut und Haaren verfallen…
Der nächste Morgen kam viel zu früh.
Wir waren beide noch ziemlich erledigt (aber glücklich) von der vergangenen Nacht, doch immerhin hatte ich um zehn Uhr den Termin mit den Erben des alten Bauernhofs und musste vorher noch duschen und frühstücken.
Lissa schienen die zwei Gläser Wein vom Abend zuvor oder der Schlafmangel noch in den Knochen zu stecken, jedenfalls wirkte sie viel weniger gut gelaunt, als noch am Abend zuvor.
„Wer auch immer das Sprichwort ‚Morgenstund hat Gold im Mund‘ erfunden hat, sollte gevierteilt werden!“, schimpfte sie, als ich sie schließlich weckte; in der Zwischenzeit hatte ich bereits geduscht und mich angezogen, auch wenn es bloß die Kleider vom Vortag waren.
Lissa schien mich geflissentlich zu ignorieren, während sie sich katzenhaft streckte und geschmeidig aus den Decken und Laken schälte, bevor sie leichtfüßig im Badezimmer verschwand, jedoch nicht, ohne die Tür lautstark hinter sich ins Schloss fallen zu lassen.
Ein wenig unbeholfen stand ich für einen Moment mitten im Raum, bevor ich auf die Idee kam den alten Röhren-Fernseher einzuschalten und mir bei schlechter Bildqualität das Frühstücksfernsehen irgend eines TV-Kanals anzusehen, bis Lissa im Bad fertig war.
Glücklicherweise wirkte sie nach der morgendlichen Dusche schon viel umgänglicher und gemeinsam begaben wir uns zum Speisesaals des Hotels um unser kontinentales Frühstück einzunehmen, bevor wir gemeinsam in meinem schwarzen SUV zum alten Bauernhof aufbrachen.
Und was soll ich sagen?
Es schien fast so, als hätte mir die Begegnung mit Lissa Glück gebracht, denn alles verlief so, wie ich es mir gewünscht hatte: Mein Angebot wurde von den Erben des Hofs angenommen, ich verständigte sofort unsere Lieferanten, damit sie die Stücke am nächsten Tag abholten, und informierte meine Schwester über das erfolgreiche Geschäft.
Dann verbrachte ich den Rest des Tages und die folgende Nacht mit Lissa.
Am nächsten Morgen wachte ich jedoch alleine auf.
Zunächst dachte ich, dass sie vielleicht bereits im Bad wäre, doch dem war nicht so.
Dann stellte ich fest, dass auch all ihre Sachen verschwunden waren, und obwohl mir dieser Umstand Unbehagen bereitete, wollte ich nicht allzu viel hinein interpretieren.
Vielleicht musste sie heute abreisen, hatte bereits gepackt und wartete beim Frühstück im Speisesaal auf mich.
Also sprang ich schnell unter die Dusche, zog mich an (glücklicherweise hatte ich mir gestern nach dem Abendessen frische Kleidung aus meinem Zimmer mitgebracht) und begab mich zum Speisesaal.
Leer.
Niemand war da.
Ich setzte mich an den einzigen eingedeckten Tisch und wartete auf den hageren, mittelalten Kellner mit den grau melierten Haaren, der uns in den letzten Tagen bedient hatte.
Doch zu meiner Überraschung erschien nicht er, sondern eine jüngere, etwas mollige weibliche Bedienung mit kinnlangen blonden Haaren um zu fragen, ob ich das im Übernachtungspreis inbegriffene kontinentale Frühstück haben wollte, oder etwas à la carte bestellen würde.
„Kontinentales Frühstück ist okay“, erklärte ich .
Die Bedienung notierte sich meine Bestellung und rauschte auch schon mit einem geschäftigen Lächeln und einem gemurmelten „Sehr gern, der Herr!“, davon.
Ich war verwirrt.
Klar, natürlich arbeiteten Restaurant- und Hotel-Angestellte im Schichtdienst, weswegen es mir nicht so verwunderlich erscheinen sollte, dass hier heute eine andere Bedienung tätig war.
Doch ich war noch immer wegen Lissas plötzlichem Verschwinden irritiert.
Was war geschehen?
War sie wirklich überstürzt abgereist, ohne mir etwas zu sagen?
Und wenn ja, warum?
Fragen, die ich ihr nicht stellen konnte, denn sie hatte mir nicht einmal ihre Handynummer hinterlassen.
Die Bedienung kam mit meinem Frühstück und ich begann wie mechanisch zu essen, obwohl ich keinen Appetit hatte; der Kaffee war viel zu bitter, das Brötchen wie Gummi und die Marmelade viel zu süß. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, doch gestern hatte das Frühstück besser geschmeckt, was aber auch nur an Lissas Gesellschaft gelegen haben könnte.
Lissa.
Ob ich sie jemals wiedersehen würde?
Als die Bedienung kam um die Reste meines Frühstücks abzuräumen, versuchte ich mein Glück und fragte sie nach Lissa.
„Tut mir leid, Sie sind zur Zeit unser einziger Gast. Aber vielleicht kann Ihnen die Rezeption da weiter helfen“, sagte sie knapp.
Natürlich. Warum war ich nicht selber darauf gekommen?
Ich bedankte mich und begab mich augenblicklich in das Foyer des Hotels.
Die Rezeption war unbesetzt, also betätigte ich die Klingel, die auf der bereits ein wenig abgenutzten Holz-Theke lag.
Einige Augenblicke später erschien eine ältere Dame in einem geblümten Kleid und mit grauem Dutt.
„Ja, bitte? Wie kann ich Ihnen helfen, junger Mann?“, erkundigte sie sich freundlich lächelnd und ein wenig fühlte ich mich geschmeichelt, dass sie mich als „jungen Mann“ bezeichnete.
„Ähm, ich bin auf der Suche nach einem ihrer Gäste… Ihr Name ist Larissa Margonya Mayer. Zimmer 105“, erklärte ich.
Die Frau beäugte mich misstrauisch. „Was wollen Sie von der Dame?“
Ich spürte, dass ich rot wurde.
„Ähm, nun ja, wir haben uns vor zwei Tagen beim Abendessen kennen gelernt und heute morgen war sie plötzlich nicht mehr da, weswegen ich mich gefragt habe, ob sie vielleicht überraschend abgereist ist und ob Sie… ob Sie mir ihre Adresse oder Telefonnummer geben könnten“, stammelte ich und fühlte mich fast wieder wie ein Schüler, der von seiner Lehrerin ohne Hausaufgaben erwischt wurde.
„Bedauere, so etwas tun wir selbstverständlich nicht – einfach die Adressen unserer Gäste herausgeben. Guten Tag!“, erklärte sie spitz und wandte sich zum Gehen.
Ich war verzweifelt.
„Aber Lissa Mayer ist oder war Ihr Gast?“, versuchte ich mein Glück.
Die ältere Dame hielt inne.
„Bedaure, diesen Namen habe ich noch nie gehört. Und Sie sind zur Zeit unser einziger Gast“, erklärte sie.
Ich hatte das Gefühl, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen und musste mich auf der Theke abstützen, während die Worte der Dame in meinen Ohren rangen: ...nie gehört… einziger Gast...
Aber Lissa war doch hier gewesen! Ich hatte mit ihr gesprochen, sie gehalten, mit ihr geschlafen!
Was zum Teufel stimmte denn mit diesem verdammten Hotel nicht?
Plötzlich schnürte sich mir die Kehle zusammen.
Es war dieses Hotel…
Ja, das musste es sein.
Sie hatten irgend etwas mit Lissa gemacht und versuchten nun die ganze Sache zu vertuschen!
Mein halbes Marmeladenbrötchen und die Tasse Kaffee lagen mir nun wie ein Stein im Magen.
Ich musste hier raus!
Geschäftlich hatte ich ja alles geregelt und auch wenn ich noch für eine weitere Nacht bereits für mein Zimmer bezahlt hatte, in dem ich bisher nie geschlafen hatte, da ich die letzten beiden Nächte ja bei Lissa verbracht hatte, wollte ich schleunigst von hier verschwinden.
Hastig stolperte ich die Treppe nach oben und versuchte die Tür zu meinem Zimmer aufzuschließen.
Es gelang mir erst beim dritten Anlauf, da das Schloss ein wenig klemmte…. Und dann der Schock. Meine Sachen waren nicht mehr da!
Hatten die Hotelbetreiber etwa vor mich genauso verschwinden zu lassen wie Lissa?
Panik überfiel mich.
„Entschuldigung, kann ich Ihnen helfen?“, fragte mich plötzlich eine ziemlich hohe Stimme und erschrocken fuhr ich herum.
Es war ein junges und pummeliges Zimmermädchen.
„Oh, ähm, ja, ich denke schon“, stammelte ich. „Das hier ist mein Zimmer und meine Sachen sind nicht mehr da!“
Eine steile Falte zeichnete sich zwischen ihren Augenbrauen auf der ansonsten glatten Stirn ab.
„Sind Sie sicher? Mir wurde gesagt, dass nur ein Zimmer belegt ist – Zimmer 105, nicht Zimmer 107. Was steht denn auf ihrem Schlüssel?“, erkundigte sie sich.
Irritiert sah ich auf den Schlüsselanhänger und glaubte den Verstand zu verlieren.
„105“, krächzte ich mühsam.
Das Zimmermädchen lächelte nachsichtig, so als hätte sie es mit einem begriffsstutzigen Kind zu tun. „Na sehen Sie. Sie haben sich einfach im Zimmer vertan“, meinte sie süffisant und ging wider zu ihrem Putzwagen.
„Aber… aber der Schlüssel… Ich konnte doch die Tür aufschließen“, bemerkte ich verwundert.
Das Zimmermädchen drehte sich noch einmal zu mir um.
„Ach, das ist eines der Schwachstellen dieses Hotels. Die Schlösser der Zimmertüren sind alle sehr ähnlich. Mit ein wenig Geduld könnte man mit ein und demselben Schlüssel in so gut wie jedes Zimmer gelangen“, erklärte sie.
Verdattert starrte ich den Schlüssel in meiner Hand an.
Hatte ich heute morgen aus Versehen Lissas Zimmerschlüssel mitgenommen?
Oder war er etwa ausgetauscht worden?
Aber wie und wann?
Und wo waren meine Sachen?
Ich beschloss in Lissas Zimmer nachzusehen.
Tatsächlich passte der Schlüssel und die Tür ließ sich ohne Probleme öffnen.
Ich weiß nicht, was ich in diesem Moment erwartet hatte, aber sicher nicht das: Alle meine Sachen befanden sich in diesem Zimmer, das doch eigentlich Lissas war.
Was wurde hier gespielt?
Rasch packte ich zusammen und verließ hastig dieses seltsame Hotel mit seinen noch seltsameren Angestellten ohne offiziell auszuchecken.
Immerhin hatte ich meine Rechnung ja schon im Voraus beglichen.
Ohne zurück zu blicken fuhr ich in meinem schwarzen SUV vom Parkplatz des Hotel herunter, auf die Bundesstraße, die durch dieses kleine Kaff führte, und die mich schließlich zur Autobahn bringen würde.
Vielleicht hätte ich die Polizei verständigen sollen, denn immerhin war eine junge Frau aus einem Hotel verschwunden und irgend jemand hatte ohne mich zu fragen meine ganzen Sachen von einem Zimmer ins andere geschafft um dieses Verschwinden zu vertuschen, doch ich wollte soviel Abstand wie möglich zwischen mich und diesen schrecklichen Ort bringen!
Als ich etwa eine halbe Stunde gefahren war, hielt ich an. Mittlerweile befand ich mich in einem anderen Ort und fühlte mich einigermaßen sicher. Einigermaßen, denn ich wusste noch immer nicht, was mit Lissa war.
Hatte man ihr in diesem schrecklichen Hotel wirklich etwas angetan oder gab es doch eine logische Erklärung für alles?
Aber wie sollte die aussehen?
Ich tat das, was ich in Krisen-Situationen immer tat, und rief meine Schwester an.
„Hallo?“, meldete sie sich leicht genervt, während ich im Hintergrund meine beiden sechs- und achtjährigen Neffen herumtoben hören konnte.
„Hallo, Greta, ich bin‘s, Rick“, sagte ich.
„Hi, Rick, was gibt‘s?“, wollte sie wissen, wobei ich in ihrer Stimme deutlich hören konnte, dass sie mir nur mit halben Ohr zuhörte; wahrscheinlich galt ihre ganze Aufmerksamkeit ihren Söhnen, was ich nachvollziehen konnte; die beiden kleinen Rabauken schafften es selten zusammen zu spielen, ohne dass einer hinterher verletzt war oder etwas zu Bruch ging.
Und plötzlich kam mir mein Anliegen ob der Normalität in Gretas Leben lächerlich vor.
„Ach, gar nichts, ich hab wohl nur ein bisschen Heimweh“, log ich.
Greta lachte leise. „Nun ja, wenn man ständig in der Weltgeschichte herum reist, während andere Haus und Hof hüten müssen… Apropos, unsere Lieferanten sind bereits an dem alten Bauernhof und haben ein paar Fragen zu den von dir erworbenen Stücken. Dirk hat mich eben angerufen… Er hatte eigentlich gedacht, dass du vor Ort wärst“, berichtete meine Schwester.
So ein Scheißdreck! Das hatte ich vor Aufregung völlig vergessen… Ich hatte ja gestern unsere Lieferanten beauftragt gegen vier Uhr früh aufzubrechen und gegen zehn Uhr vormittags am Bauernhof zu sein um die gekauften Antiquitäten nach Hause zu unseren Lagerräumen zu bringen. Natürlich war mein Schwager, der für die Restauration unserer antiken Möbelstücke zuständig ist, mitgefahren.
„Was für Fragen?“, hakte ich mit einem unguten Gefühl im Bauch nach.
„Nun, es gibt da wohl Probleme mit einem von dir gekauften Gemälde… Dirk hat den Nachlassverwaltern des Hofs versichert, dass wir nur mit Möbeln, Schmuck und Haushaltsgegenständen handeln, nicht mit Kunstgegenständen, doch sie schwören, auch in Rücksprache mit den Erben, Stein und Bein, dass du dieses Gemälde gekauft hast“, sagte Greta.
Tatsächlich konnte ich mich an kein Gemälde erinnern. Ob irgendwer einen Fehler gemacht hatte?
„Ich habe Dirk jedenfalls gesagt, er soll sich mit dir in Verbindung setzten, denn vielleicht ist das Gemälde nicht für das Geschäft gedacht, sondern du willst es für deine Wohnung. Hat sich Dirk denn noch nicht bei dir gemeldet?“, fuhr meine Schwester nun mit Besorgnis in der Stimme fort.
Sofort checkte ich mein Handy. Tatsächlich, da waren in der letzten Stunde drei verpasste Anrufe in Abwesenheit.
Seltsam. Ich hatte mein Handy doch gar nicht auf lautlos gestellt. Wie konnte ich die Anrufe also verpassen?
„Doch, doch, ich konnte während des Fahrens nur nicht dran gehen“, redete ich mich raus.
Greta wirkte erleichtert. „Na dann… Aber ruf bitte Dirk zurück. Sicher sitzen er und unsere Lieferanten schon auf heißen Kohlen“, ermahnte sie mich.
Ich versprach es und beendete das Gespräch, bevor ich die Nummer meines Schwagers wählte.
„Na endlich, Mann… Wir stehen hier herum wie bestellt und nicht abgeholt, weil wir einfach nicht wissen, was wir tun sollen“, sprudelte er sofort los.
Ich versuchte mir nichts von meiner Verwirrung anmerken zu lassen. „Tut mir leid, Kumpel, ich war beschäftigt… Greta hat eben etwas von Unklarheiten bezüglich eines Gemäldes erwähnt… Kannst du mir ein Bild von diesem Gemälde schicken?“, erkundigte ich mich, denn meine Neugierde war geweckt.
„Klar, wenn‘s dich glücklich macht“, schnaubte Dirk und kurz darauf bekam ich eine Nachricht mit einer Photographie des Gemäldes.
Mir stockte der Atem.
Auf dem Bild war eindeutig Lissa als Balletttänzerin in einem roten Tutu zu sehen, wie sie einen ihrer schwarzen Spitzenschuhe zuband.
Das Gemälde stammte aus dem neunzehnten Jahrhundert.

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A/N: Ich widme diese Geschichte meinem Verlobten, meinen Eltern sowie speedy-Maus, also all denen, die immer an mich und meine Arbeit  glauben und mich unterstützen.
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