Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Das Gestehen von Gefühlen

KurzgeschichteRomance, Familie / P12 / Mix
Effie Trinket Haymitch Abernathy Katniss Everdeen Peeta Mellark
04.01.2021
02.03.2021
3
3.423
2
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
04.01.2021 1.679
 
Manieren und ein Wiedersehen

Effie war sichtlich nervös, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gab. Sie würde ihre Freunde wiedersehen, ihr Team. Dennoch wirkte sie leicht verloren, wie sie mit Koffer und Tasche vor der Haustür von Katniss Everdeen und Peeta Mellark in Distrikt 12 stand. Ihre Perücken waren verschwunden und nur noch ein gold-blaues Kleid erinnerte an ihre Vorliebe für extravagante Mode. Es war schlichter als die Kapitolmode, aber sehr schön.
Gold, weil sie die alte Vertrautheit wecken wollte, ihre Verbindung als Team, und blau, weil es eine ihrer Lieblingsfarben war. Die honigblonden Haare hatte ein Friseur vor ihrem Aufbruch im Kapitol zu einer aufwendigen Flechtfrisur hochgesteckt, doch zwei Haarsträhnen hatten sich gelöst und verliehen der ehemaligen Betreuerin sanfte Züge. Das für sie sehr dezente Make-up, nur Augen und Lippen waren in einem hübschen rot betont, welches zu ihren roten hohen Schuhen passte. Manche Dinge änderten sich nie und das waren zum einen ihre mörderhohen Schuhe. Ihre Hand ließ den Koffer los, um sich wenigstens kurz die schmerzenden Füße zu reiben. Etwas Weiteres, das sich nie ändern würde war, dass Effie Trinket, ehemalige Betreuerin von Distrikt 12, nicht vor einer Tür stehen konnte, ohne Aufmerksamkeit zu erwecken. Katniss und Peeta hatten sie zwar eingeladen, doch kurz dachte Effie darüber nach einfach wieder zu verschwinden. Sie war mit den (mittlerweile nicht mehr ganz so) Kindern brieflich in Kontakt geblieben und doch hatte sie sie in gewisser Weise belogen. Im Kapitol war die Hölle los. Ein lautes Knallen riss sie aus ihren Gedanken. Der Koffer hatte sich selbstständig gemacht und war die Stufen zum Haus heruntergefallen. Sofort stöckelte Effie los und hoffte, dass niemand etwas gehört hatte. So sehr sie sich auch darauf gefreut hatte Katniss und Peeta zu sehen, sie wollte es doch nicht. Haymitch würde dort sein und ... Haymitch.
Es war kompliziert. Ihre wenigen Briefwechsel waren kurz gewesen, beinhalteten Fragen und Antworten zu den Kindern und den Aufbauarbeiten in Distrikt 12. Nichts Persönliches und dabei war ein halbes Jahr vergangen. Sie konnte Haymitch nicht in die Augen sehen, wenn sie schon keinen vernünftigen Brief schreiben konnte, völlig ausgeschlossen! Während ihres Aufenthaltes würden sie sich begegnen, dafür würden Katniss und Peeta oder der Zufall schon sorgen.
,,Effie!” Peeta kam lächelnd auf seine ehemalige Betreuerin zu. Er zog sie kurz in seine Arme und Effie erwiderte diese freundliche Geste mit leichtem Erstaunen. Sie hatte nicht erwartet, dass Peeta so herzlich sein würde wie in den Briefen. Er hatte noch mit den falschen Erinnerungen zu kämpfen, das hatte Katniss ihr geschrieben. Scheinbar hatte das Kapitol keine schlechten Dinge über seine Betreuerin eingewebt oder Katniss hatte die Dinge erfolgreich richtig gestellt. Das Kapitol. Effies kurze Erleichterung verflog und ihr Blick verfinsterte sich. Mit einem Mal schmerzten ihre Narben, die sie von ihrer Gefangenschaft davongetragen hatte. Sie schmerzten immer, wenn sie daran dachte.
,,Effie!” Katniss kam auf sie zugelaufen und umarmte sie. Peeta war einen Schritt beiseite getreten, nachdem er Effie losgelassen hatte, ohne dass diese es mitbekam.
,,Komm rein. Peeta hat gekocht. Du musst Hunger haben, es war bestimmt eine anstrengende Reise. Es ist so schön dich zu sehen. Gut siehst du aus. Verändert, aber gut.”, quasselte Katniss ganz untypisch für sie drauf los. Es klang fast wie einstudiert, damit keine peinliche Stille entstand und der Anfang für ein Gespräch gegeben war. Katniss führte Effie ins Haus und Peeta sammelte freundlicherweise das Gepäck ein und trug es hoch ins Gästezimmer, dass Katniss ihrem Gast nach dem Jackenablegen zeigte. Es war klein und bescheiden, wenn es mit dem typischen Kapitolstil verglichen werden würde, aber es war hübsch. Es erinnerte Effie an den Wald, den sie vom Fenster aus sehen konnte, Katniss musste das Zimmer eingerichtet haben, und verspürte eine aufkommende Sehnsucht. Wie lange war sie nicht mehr im Wald gewesen? Unbewusst trat sie ans Fenster und drückte ihre Hände gegen das Glas, unbeachtet blieben die zurückbleibenden Flecken. Peeta räusperte sich leise und holte so Effie in die Wirklichkeit zurück.
,,Komm.”, sagte Katniss und ertastete Effies Finger , als diese kurz zögerte die ausgestreckte Hand anzunehmen. Katniss war heute unglaublich sanft , vielleicht hatte sich diese Eigenschaft von Peeta auf sie übertragen?
Katniss ergriff Peetas Hand und gemeinsam gingen sie Hand in Hand ins Esszimmer.
,,Wir sind da.”, kündigte sich Peeta I’m Flur zu Effies Erstaunen an. Doch da sah sie schon den Grund und ihr Herz flatterte aufgeregt in ihrer Brust hin und her. Haymitch.
Er saß lässig am Tisch und hatte ein Glas in der Hand, das mit blauer Flüssigkeit gefüllt war. Er sah gut aus in seinem grauen Hemd und die Haare fielen ihm in die Stirn und schimmerten leicht im Licht. Bestimmt waren es Katniss und Peeta gewesen, die Wert auf sein Äußeres gelegt hatten.
,,Blaubeersaft.”, raunte Peeta ihr zu uns drückte ihr ebenfalls ein Glas mit blauen Inhalt in die Hand. ,,Habt ihr auch Wein?”, platzte es aus Effie heraus, ehe sie über ihre Worte nachdenken konnte. Katniss hob eine Augenbraue, sagte jedoch nichts und verschwand in der Küche.
Peeta wies auf den Platz gegenüber von Haymitch und rückte ihr den Stuhl wie ein Gentleman zurecht. Froh darüber endlich sitzen zu können, da ihr sonst womöglich bald die Beine den Dienst versagt hätten, lächelte Effie Peeta leicht zu und stellte das Glas auf den gedeckten Tisch. Er sah fast so aus wie im Kapitol, nur hatte Katniss echte Blumen hingestellt und das Geschirr war schlichter gehalten. Doch Effie hatte keinen wirklichen Blick dafür wie viel Mühe sich die Gastgeber gegeben hatten, damit Effie so etwas wie ein Heimatgefühl hatte. Sie versuchte krampfhaft den Blick nicht auf Haymitch zu richten und spielte nervös mit einem ihrer Ringe.
,,Wo bleiben denn Ihre Manieren, Trinket?”, kam es spöttisch von gegenüber, ,,Es gilt doch als unhöflich sofort nach einem Glas Alkohol zu verlangen und dem Gegenüber nicht eines Blickes zu würdigen? Oh, und die Tischdecke hast du auch noch nicht ausreichend gelobt.”
Manieren. Sie musste ihre Haltung wahren.
Katniss kam mit einem Glas Wein zurück.
,,Ausnahmsweise hat Haymitch Recht.”, musste die Braunhaarige zugeben und reichte Effie das Glas. Diese verbesserte ihre Haltung und sagte in ihrer typischen Stimmlage: ,,Danke für das Glas Wein, Katniss. Der Tisch sieht wirklich toll aus, das ganze Haus ist einfach entzückend. Ihr seid entzückend!” Sie lächelte, doch das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. Dabei meinte sie ihre Worte ehrlich, nur Haymitch brachte sie aus dem Konzept. Katniss und Peeta wechselten einen kurzen Blick, dann setzten sie sich und alle stießen auf das Wiedersehen mit Blaubeersaft an. Effie und Haymitch wollten gleichzeitig nach dem Löffel von der Salatschüssel greifen und dabei berührten sich ihre Fingerspitzen. Hastig zog Effie ihre Hand zurück als hätte sie sich verbrannt und überließ Haymitch so ziemlich unmanierlich den Vortritt. Dieser ließ den Löffel wieder in die Schüssel fallen und lehnte sich mit herausfordernder Gestik zurück. Seine Augen fixierten Effie, die fragend den Kopf hob und ihm einen halb erstaunten und halb verängstigten Blick zuwarf.
,,H-Haymitch ...”, stotterte sie leise, doch dieser unterbrach sie. ,,Wo sind denn deine Manieren geblieben, Trinket?”, fauchte er, ,,Erst küsst du mich zum Abschied, dann schreibst du die förmlichsten Briefe aller Zeiten und jetzt würdigst du mich keines Blickes? Verdammt, Trinket!” Er beförderte einen gefalteten Zettel ans Licht und begann vorzulesen:

Lieber Haymitch,
wie geht es Katniss und Peeta? Der letzte Brief der zwei erreichte mich vor ein paar Wochen und da ich seitdem nichts mehr gehört habe, hoffe ich, dass die zwei einfach nur zu beschäftigt zum Schreiben und wohlauf sind. Wie geht es mit den Aufbauarbeiten voran? Das Fernsehen im Kapitol erwähnt es kaum und da dachte ich, dass ich lieber nachfrage. Annie geht es übrigens soweit ganz gut, richte das Katniss und Peeta bitte aus. Die zwei sind wohl zu beschäftigt, um die Nachrichten regelmäßig zu sehen. Sie begibt sich in Behandlung, das wurde gesagt. Richte den beiden meine liebsten Grüße aus. Ich drücke sie gedanklich ganz fest.
                        Alles Liebe, Effie


Haymitch hatte beim Vorlesen enttäuscht geklungen. Effie schluckte unauffällig. Es war sehr unhöflich gewesen, dass sie sich nicht nach seinem Wohlbefinden erkundigt hatte, das wusste sie. Kurz schloss sie ihre Augen.
,,Effie!“ Es war Katniss gewesen, die so empört ihren Namen gesagt hatte. ,,Warum ...?“, wollte sie ansetzen, doch da war Effie schon aufgesprungen, als wäre Snow persönlich hinter ihr her. Sie wollte hoch ins Gästezimmer laufen, jedoch hatte sie die schnellen Reflexe von Haymitch vergessen. Er kannte die ehemalige Betreuerin gut und somit auch ihren Drang zum Weglaufen, sobald es für sie unangenehm wurde. Im Kapitol legte sie charmantere Fluchtaktionen hin, dachte er und packte sie am Handgelenk. Effie wehrte sich oder versuchte es zumindest, doch da hatte Haymitch sie bereits gegen die Wand gedrückt und mit seinem Körper eingeklemmt. Ihre Handgelenke hielt er fest gegen die Wand gepresst.
,,Was nun, Süße?“, fragte er provokant. Die Anwesenheit von Katniss und Peeta blendete er aus. Effie nicht.
,,Katniss! Peeta!“, fauchte sie und zappelte, doch beide Angesprochenen hatten sich zurück an den Tisch begeben und genossen die Show. Haymitch genoss ihre ungestüme Zappelei, die nichts brachte, außer ein fieses Grinsen auf sein Gesicht.
,,Das ist eine Geschichte zwischen Haymitch und dir.“, gab Katniss grinsend zurück und ergriff Peetas Hand, die auf dem Tisch lag.
,,Zeig Manieren, Effie.“, erinnerte Haymitch Effie, ,,Warum bist du so verhalten? War der Kuss so schlecht?“ Effie seufzte leise und gab ihre Fluchtversuche auf. Sie hätte nicht gedacht, dass Haymitch das Thema so offen ansprechen würde. Ihre Wangen verfärbten sich rötlich. Es war ihr unangenehm.
,,Haymitch, es war eine Ausnahmesituation gewesen! Niemand wusste, ob er morgen noch leben würde! Ich ... Vergiss den Kuss. Wir waren nicht ganz bei Verstand gewesen.“
Haymitch löste seinen Griff und sein Blick war verändert. War das Schmerz in seinen Augen?
,,Wenn du meinst, Trinket.“, sagte er bloß, nickte kurz Katniss und Peeta zu, die betretende Gesichter machten, und ging in den Flur. Wahrscheinlich wollte er sich auf den Heimweg machen. Effie kam das ganz gelegen. Kaum war die Haustür ins Schloss gefallen, schenkte sie ihren Gastgebern ein unechtes Lächeln und verzog sich in das Gästezimmer.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast